Es tut sich viel in der Cannabismedizin - Eine Bestandsaufnahme mit zwei Experten und einer Betroffenen
"Die spastischen Krämpfe kommen und gehen überfallsartig, wie es ihnen einfällt", schildert Anna M. in knappen Worten die Begleiterscheinungen ihrer Erkrankung. Im September 2000 wurde bei der damals 49-Jährigen Multiple Sklerose diagnostiziert, "chronisch-progredient", das bedeutet sich unaufhaltsam verschlechternd. "Ich habe eine Menge Medikamente bekommen, mit wenig Erfolg", erzählt M. Seit August 2007 nimmt sie Dronabinol ein, das dem Tetrahydrocannabinol (THC) im "Drogenhanf" entspricht. Es vermindert die spastischen Anfälle und lindert die damit einhergehenden Schmerzen.
Nichts gegen akute Schmerzen
"Cannabinoide sind für eine relativ kleine Patientengruppe empfehlenswert", erklärt Birgit Kraft, Oberärztin der Abteilung für spezielle Anästhesie und Schmerztherapie der Universitätsklinik am Allgemeinen Krankenhaus Wien (AKH), "und Dronabinol ist kein besonders starkes Schmerzmittel", betont die Schmerz-Expertin, die sich seit fast zehn Jahren dem Thema widmet. "Die Schmerzreduktion beträgt maximal 30 Prozent." Weshalb es sich nicht für die Bekämpfung akuter Schmerzen eignet und auch die stark schmerzstillenden Opinoide nicht ersetzen kann. Da Cannabinoide und Opinoide synergetisch sind, das heißt, sich gegenseitig in ihrer Wirkung verstärken, hat sich - etwa bei Tumorpatienten - eine Kombination aus beiden bewährt.
Schmerz-Angst-Kreislauf unterbrechen
Wie ein roter Faden zeigt sich bei Dronabinol folgendes Wirkungsprofil: "Die Patienten schlafen besser, denn chronischer Schmerz geht oft mit Schlafstörungen einher. Es wirkt gegen Übelkeit und Erbrechen und steigert den Appetit, darüber hinaus ist es sie leicht stimmungsaufhellend", so Kraft. Das Cannabinoid beeinflusst das Gehirnzentrum positiv, das Schmerz mit Emotionen verknüpft. Das negative Zusammenspiel von Schmerz und Angst wird unterbrochen. Alles in Allem findet eine Steigerung der Lebensqualität statt, die sich auch auf Patienten mit nicht therapierbaren Krankheiten positiv auswirkt. "High fühlen sich die Wenigsten", betont Kraft, da Cannabinoide keine psychotropen Substanzen enthalten. Die Suchtgefahr sei äußerst gering: „Es tritt kein Kick, keine Euphorie auf", weiß Birgit Kraft.
Keine Bedenken
Bedenken gegenüber der Tatsache, dass es sich bei Dronabinol um THC handelt, hatte Anna M. von Anfang an keine. "Ich habe der medizinischen Aufbereitung vertraut", betont sie. Nachdem sie ihr Sohn auf einen Zeitungsartikel zum Thema aufmerksam gemacht hatte und zusätzlichen Recherchen im Internet, sagte sich die Multiple Sklerose-Patientin "das probiere ich aus" und wandte sich an die neurologische Abteilung im Wiener AKH, wo sie an Birgit Kraft verwiesen wurde. Die Einstellung auf das Cannabinoid begann mit Tropfen. Die Dosis wurde vorsichtig gesteigert, dann erfolgte der Umstieg auf Kapseln. Seit etwa drei Jahren nimmt Anna M. morgens und abends jeweils drei Kapseln ein. "Die Wirkung bleibt immer die gleiche, auch nach drei Jahren. Ich muss die Dosis nicht steigern." Was Kraft bestätigt: "Viele Patienten nehmen über Jahre hinweg die gleiche Dosis. Gewöhnungseffekte sind keine bekannt." Auch Nebenwirkungen verspürt M. keine. Diese können sich in Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und einer Beeinträchtigung der Merkfähigkeit äußern.
Erstes wasserlösliches Cannabis
"Es tut sich viel in der Cannabismedizin", weiß Kurt Blaas, Arzt für Allgemeinmedizin und Obmann der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (CAM). Vor kurzem hat er gemeinsam mit dem Chemiker Peter Rausch eine Novität entwickelt: Ein THC-Solubilisator wird mit Dronabinol und Vitamin E in eine 96-prozentige alkoholische Lösung gegeben "und damit haben wir das weltweit erste wasserlösliche Cannabis", erklärt Blaas. Nach einer ausführlichen Testphase ist es derzeit in der Wiener Apotheke zum Schwan erhältlich.
Namen hat das Produkt noch keinen, einer von Kurt Blaas‘ Patienten hat es "Donauwasser" getauft. Seit November 2010 werden zurzeit rund zehn Patienten damit behandelt. Der Cannabismediziner beschreibt die Vorteile gegenüber der Auflösung in Öl: "Wasserlösliche Medikamente werden bis zu 95 bis 100 Prozent vom Organismus resorbiert. Demgegenüber nimmt der menschliche Körper von einer öligen Lösung vielleicht 40 Prozent auf." Das Ergebnis ist eine wesentlich niedrigere Dosis mit demselben, wenn nicht gar größeren Effekt, die mit niedrigeren Kosten für Patienten und Kassen einhergeht. Erstmals besteht mit diesem Patent auch die Möglichkeit für Cannabis-Injektionen, doch diese Entwicklung überlässt Blaas der Pharmaindustrie.
"Enorme Flut von Patienten"
Begonnen hat alles1997/98. Immer wieder kamen Patienten in die Praxis von Kurt Blaas und baten um Hilfe. Sie hatten gehört, dass Cannabinoide in den USA gegen Schmerzen verwendet werden. Seither widmet sich der Allgemeinmediziner der Cannabismedizin. "Es ist eine enorme Flut von Patienten, die zu mir kommen", erzählt er. "Vor allem um multimorbide Patienten zwischen 60 und 70 Jahren, die der Schulmedizin nicht mehr vertrauen." Sie leiden an Kreuzschmerzen und zusätzlich Diabetes, Bluthochdruck oder Asthma.
Da der Ansturm kaum mehr bewältigbar ist, hat Blaas jeden Samstag eine eigene Dronabinol-Sprechstunde eingeführt. Er steht nahezu alleine an der Cannabismedizin-Front: "Es gibt zwar einige Kollegen, die sich dem Thema widmen, aber die meisten wissen zu wenig, sind unsicher und rufen mich an." Um diesem Notstand entgegen zu steuern, entwickelt die Österreichische Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS) gerade eine eigene Sektion für Cannabismedizin, mit dem Ziel, interessierten Ärzten mit Informationen zur Verfügung zu stehen.
Vorbeugung gegen Missbrauch
Nicht nur Menschen mit chronischen Schmerzen, sondern auch Tourette-Patienten und Autisten behandelt Blaas mit Cannabinoiden - darunter auch Kinder. "Damit wir uns nicht in die Nesseln setzen, haben wir die Therapie der Kinder genauestens untersucht und eine Arbeit darüber verfasst", betont er. Auch die Ärztekammer wird laufend informiert. "Von dieser Seite sind immer positive Rückmeldungen gekommen." Blaas lobt die Wiener Gebietskrankenkasse als Vorreiterin: „Jeder onkologische Patient bekommt das Medikament."
Dass die Bewilligung an genaue Kontrollen geknüpft ist, betrachtet er als eine Vorbeugung gegen Missbrauch. Es gibt keine Richtlinien in der Cannabis-Schmerztherapie. Über jeden Fall muss individuell entschieden werden. "Generell bekommen in Wien rund 45 Prozent der Patienten die Medikation bezahlt. Um diese Zahlen beneiden uns sogar die Niederlande", weiß Blaas. In den Bundesländern ist die Situation eine andere: Nur fünf bis zehn Prozent der Cannabinoide laufen hier über eine Verschreibung. Ob man sich die Behandlung auf eigene Kosten leisten kann? "Drei Kapseln Dronabinol zu je 2,5 Milligramm täglich sind die übliche Dosierung. Das entspricht 200 bis 300 Euro im Monat", rechnet Blaas. Die höchst unterschiedliche Preisgestaltung in den Apotheken ist wieder ein anderes Thema. (Eva Tinsobin, derStandard.at, 29.03.2011)
Wissen:
Cannabis ist in Reinkultur nicht verkehrsfähig und in Europa
ausschließlich in den Niederlanden als Arzneimittel legalisiert. Bei
Cannabinoiden handelt es sich um Einzelsubstanzen aus der Hanfplanze,
die halbsynthetisch oder synthetisch, gewonnen werden. Sie kommen in der
Schmerztherapie als Tropfen oder Kapseln zum Einsatz, vor allem bei
Multiple Sklerose (MS), Querschnitterkrankungen mit spastischen
Anfällen, Tumorerkrankungen aber auch Tourette-Syndrom, schwerem Asthma
oder Autismus.
Die Single Convention of Narcotic Drugs der WHO 1961
war mit ihrem Grundsatz, Cannabis in der Medizin zu verbieten,
wegweisend für die Drogentherapie. 1985 lockerten die USA ihre
Bestimmungen und gestatteten den Einsatz von Marinol. Dieses entspricht
dem in Österreich halbsynthetisch hergestellten Donabinol. Beide
bestehen aus dem in der Hanfpflanze enthaltenen Wirkstoff
Tetrahydrocannabinol, auch bekannt als THC. Nach §14 im
Suchtmittelgesetz darf Dronabinol in Österreich in der Schmerztherapie
eingesetzt werden. Seit Dezember 2008 ist der Österreichischen Agentur
für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) der Anbau von
cannabishaltigem "Drogenhanf" erlaubt. Dronabinol-Tropfen oder
-Kapseln sind kein Fertigarzneimittel. Sie werden magistral, das heißt,
nach Angabe der verordnenden Ärzte, direkt in der Apotheke zubereitet.
Nicht verabreicht werden darf Dronabinol Patienten mit Schizophrenie,
Psychosen und Koronaren Herzerkrankungen.