Nokia: Terror, Unsicherheit und Windows Phone 7

5. April 2011, 11:04
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Neuer Chef will mit Traditionen brechen, um Nokia wieder konkurrenzfähig zu machen

Ein proprietäres Windows Phone 7 anstelle des offenen Symbian-Betriebssystems, kein vierwöchiger Sommerurlaub mehr für die Manager und auch sonst dürfte der neue Mann an der Spitze Stephen Elop mit den Traditionen des schwer angeschlagenen Handy-Marktführers Nokia brechen, um das Ruder herumzureißen. Und die drastischen Änderungen seien auch notwendig, so das Analysten-Echo in einem aktuellen Bloomberg-Bericht. Will Elop in den kommenden Monaten und Jahren den finnischen Riesen zurück an die Spitze bringen, schnell wachsende Konkurrenten wie Google, Samsung und Apple ausstechen, wird er zudem nicht nur finnische Eigenheiten sondern auch die Verschmelzung zwischen dem neuen Partner Microsoft und Nokia meistern müssen.

Keine Sommerpause mehr

Oberste Priorität habe den neuen Plänen nach die Beschleunigung des Entwicklungszyklus. In den vergangenen Jahren musste Nokia zusehen, wie man eine Smartphone-Innovation nach der anderen verschlief und selbst nur unbefriedigende Flaggschiffprodukte auf den Markt brachte - die durchwachsenen Testberichte zu den Smartphones N97 bis N900 sprachen Bände. Bezeichnend dafür war unter anderem eine veraltete Tradition des oberen Managements, wonach man im Sommer mehr oder weniger geschlossen die Arbeit aussetzte. Während Apple die vergangenen vier Jahre stets im Juni sein neuestes iPhone vorstellte, glich die finnische Nokia-Zentrale laut Ex-Mitarbeitern einer Geisterstadt. Alle wichtigen Entscheidungen könnten bis September warten, so der Tenor. Damit soll künftig Schluss sein.

Laut Bloomberg-Bericht spiegele sich Nokias einst gelassene Arbeitsweise im Produktivitätsvergleich wieder. Konkurrent Apple erwirtschaftet etwa dreimal so viel Gewinn pro Angestelltem, HTC doppelt so viel und Microsoft lukriert immerhin das 1,5-fache pro Mitarbeiter.  

Schwierige Elefantenhochzeit

Erste Windows Phone 7-Geräte will Nokia Ende des Jahres zeigen, große Lieferungen erwarte man jedoch nicht vor 2012. Laut Analysten könnte dies jedoch zu spät sein, um den Anschluss an die führenden Smartphone-Hersteller zu schaffen. Die Anleger bestraften die neuen Pläne bislang, die Aktie gab seit Ankündigung der Microsoft-Partnerschaft rund 30 Prozent nach. Seit dem Erscheinen des ersten iPhones schrumpfte Nokias Marktwert gar um 60 Milliarden Euro.

Die Partnerschaft mit Microsoft steht aber auch vor internen Problemen. Zum einen steht Microsoft unter Druck, seine neue Softwareplattform zu etablieren und eine Entwicklergemeinde aufzubauen. Zum anderen fühlen sich zahlreiche Symbian-Entwickler vor den Kopf gestoßen. Jahre lang wurde Open-Source gepredigt, nun werde praktisch über Nacht die Kontrolle über die Softwareentwicklung aus der Hand gegeben.

Schwieriges Arbeitsumfeld

Laut Bloomberg wird das neue Management es auch nicht leicht haben, den neuen beschleunigten Fahrplan umzusetzen. Im Februar verkündete Elop, es werde massive Stellenstreichungen geben. Damit schwebt über den Mitarbeitern, die eigentlich auf Hochtouren arbeiten sollten, permanent ein Damoklesschwert. "Es herrscht Terror, weil die Leute bis jetzt nicht wissen, wer gekündigt wird und wer nicht", erläutert Greenwich-Analyst Tero Kuittinen. "Ungewissheit und Angst wurden in einer Zeit maximiert, in der jeder Mitarbeiter fokussiert entwickeln sollte". (zw)

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    Stephen Elop stellt Nokia auf den Kopf

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