Krieg ist nie gerecht, aber manchmal notwendig

Die Umsetzung der Resolution von 1973 ist von umso fundamentalerer Bedeutung, als sie sehr präzise abgesteckt ist - von André Glucksmann

Es geht bei der Intervention in Libyen nicht darum, anstelle eines Volkes zu handeln, sondern darum, ihm zu ermöglichen, auf eigene Kosten und auf eigenes Risiko Entscheidungen über seine Zukunft zu treffen.

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Jeder "Frühling der Völker" (Revolution) scheitert notgedrungen durch Waffengewalt. So war es 1848, als die Aufstände in Europa unter dem Feuer der kaiserlichen Armeen zusammenbrachen. So verhielt es sich 1956 in Budapest, 1968 in Prag, 1989 in Tienanmen. Und so erging es scheinbar auch dem arabischen Frühling, als Gaddafi als erster, exemplarisch, die Wiederkehr zur Ordnung proklamierte, egal zu welchem Preis. Hier ging es nicht nur um das Überleben der libyschen Aufständischen, sondern um die Zukunft der Freiheitskämpfer im gesamten südlichen Mittelmeerraum und um die globalen Menschenrechte.

Ja, jeder Krieg ist unerbittlich. Ein Toter ist ein Toter. Wenn man nicht die Macht hat, Tote zum Leben wiederzuerwecken, dann gibt es keinen gerechten Krieg. Jeder Krieg ist ein Risiko: Wie viele Vorsichtsmaßnahmen man auch treffen mag - es gibt unvorhergesehene Verwüstungen, und so sorgfältig die Luftangriffe auch vorgeplant sein mögen - die schutzlose Zivilbevölkerung bleibt niemals unbeschadet und unversehrt. Erklären Sie doch einem "kollateralen" Opfer, dass sein Tod gerecht sei!

Nein, wenn man nicht die Weisheit und Allmacht eines Gottes vorgibt, kann niemand einen gerechten Krieg ausrufen, es gibt nur Kriege, die notwendig sind, oder solche, die es nicht sind. Um das Schlimmste zu verhindern, erlaubt man sich, etwas weniger Schlimmes zu tun. Um das Massaker in Bengasi und die "Flüsse voller Blut" , die man deren 700.000 Einwohnern angekündigt hatte, zu verhindern, erlaubt die UNO den Luftangriff, den Frankreich und Großbritannien, Nicolas Sarkozy und David Cameron gefordert haben.

"Endlich!" haben sicher viele gedacht - und ich zähle mich dazu. Wie viele Blutbäder haben wir über die Jahre zugelassen, um nachher zu bedauern, sie nicht verhindert zu haben? Wie viele Guernicas, seitdem Picasso das Verbrechen des Franco- und Naziregimes dargestellt hat? Jede Generation kann all ihre Feigheiten von Nicht-Intervention zu Nicht-Intervention herunterbeten: Srebrenica, Ruanda ... Die Resolution 1973 garantiert keineswegs, dass sich derlei Massaker nicht wiederholen können, nur dass sie schwieriger hinzunehmen sind. .

Andere grunzen zu dieser epochalen Neuerung nur und tun so, als würden sie nichts hören. Durch ihre unübliche Stimmenthaltung haben Russen und China den Sicherheitsrat nicht blockiert und fiebern nun in der Erwartung, dass die Retter scheitern werden. Wie üblich ist Vladimir Putin am meisten genervt, er übernimmt wortwörtlich Zitate Gaddafis, deckt eine "mittelalterliche Kreuzfahrt" auf, und vergießt Krokodilstränen über die unschuldigen Opfer westlicher Bomben. Präsident Medwedev, dem anderen Pfeiler der "Tandemokratie" , jedoch erscheint eine derartige Übertreibung den internationalen Interessen Moskaus abträglich und er missbilligt dessen Wortwahl, die bei 70 Prozent der russischen Vox populi Zustimmung findet. Während der gute Hirte des KGB den Westmächten empfiehlt, "für ihr Seelenheil zu beten" , rät das ONG "Memorial" dem Premier mutig, sich eher um sein eigenes Heil zu kümmern: "Putin hat sichtlich völlig vergessen, was er in seinem eigenen Land getan hat, Er müsste zuallererst für sein eigenes Seelenheil beten."

Putin kennt sich aber nicht nur in Kreuzfahrten aus - die Panzer, die das mohammedanische Tschetschenien überrollten, wurden von Popen geweiht -, sondern er hat auch korrekt entschlüsselt, wie sehr die Verurteilung eines Gaddafi seine "Erfolge" im Kaukasus beschmutzt.

Andere wieder schmollen, sträuben sich gegen ein Engagement und ziehen es vor, die Flugzeuge aus der Ferne zu beobachten. An vorderster Stelle Deutschland, das von der ehemaligen BRD den Status eines ökonomischen Giganten und eines politischen Zwergs geerbt hat.

Man kann eigentlich nur lächeln, wenn das wiedervereinigte Deutschland als reichstes Land der EU nicht den anderen Ländern die Normen seines nörgelnden Nichthandelns aufoktroyieren wollte: da jeder Kampfeinsatz das Risiko beinhaltet, ins Schleudern zu kommen und sich in Schwierigkeiten zu verwickeln, lassen wir doch einfach die Exterminatoren reihum einander abwechseln. So würde Europa zwar Waffen an die Despoten verkaufen, sich jedoch verpflichten, diese nicht gegen sie einzusetzen! So ist die Moral gerettet und die Geschäftemacherei auch. - Das erinnert an die ironische Weisheit von Clausewitz,, wonach jener, der seine Herrschaft aufbauen oder wiederherstellen will, sich als "Freund des Friedens" ausweist und jene als "Kriegshetzer" stigmatisiert, die sich der Tyrannei widersetzen und die Freiheit verteidigen,

Die Umsetzung der Resolution von 1973 ist von umso fundamentalerer Bedeutung, als sie sehr präzise abgesteckt ist. Sie legitimiert den bewaffneten Kampfeinsatz ausschließlich für Schutzzwecke, keinesfalls aber dazu, zu landen, einzufallen, eine Demokratie auszurufen oder eine Nation zu begründen. Es geht nicht darum, anstelle eines Volkes zu handeln, sondern darum, ihm zu ermöglichen, auf eigene Kosten und eigenes Risiko Entscheidungen über seine Zukunft zu treffen, und Waffengleichheit herzustellen.

Das Beispiel Libyens ist ein besonderes, sein Erfolg ist nicht garantiert und auch nicht leicht übertragbar. Es ist wichtig, zwischen korrumpierten Polizei-Regimes à la Ben Ali/Mubarak und jenen terroristischen, totalitären, grotesken à la Gaddafi zu unterscheiden. Wir sind weit davon entfernt, mit Diktatoren abgeschlossen zu haben - sie sollen jedoch wissen, dass die "Notwendigkeit des Schutzes" unbewaffneter Mengen wie ein Damokles-Schwert über ihnen hängt. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.3.2011)

André Glucksmann, Jg. 1937, französischer Philosoph und Essayist, hat zusammen mit Bernard-Henri Lévy und Bernard Kouchner Präsident Sarkozy beratend bei der Entscheidung für das Militärengagement in Libyen unterstützt. Übersetzung: Esther Hecht

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