"Ich gebe Ihnen den Ministerpräsidenten, denn es gibt ein Problem"

4. April 2011, 14:11
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Prozessauftakt gegen den italienischen Premierminister am 6. April - Teil eins der Telefongespräche und Abhörprotokolle, exklusiv auf Deutsch auf derStandard.at

Es wird ernst für Silvio Berlusconi: Ab 6. April wird dem Regierungschef der Prozess gemacht. Im Falle einer Verurteilung drohen Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft. Die Mailänder Staatsanwälte werfen dem Premierminister vor, für Sex mit der damals 17-Jährigen bezahlt zu haben und anschließend seinen Einfluss dazu genutzt zu haben, die Affäre zu vertuschen. Den Prozess werden drei Richterinnen führen: Carmen D'Elia, Orsola De Cristofaro und Giulia Turri.

Der für den Prozess relevante Fall dreht sich um eine 17-jährige Marokkanerin, die Tänzerin Karima El-Mahroug mit dem Künstlernamen "Ruby Rubacuori" ("Ruby Herzensbrecherin"), die der Premier vor dem Gefängnis bewahrt haben soll. Ruby soll mehrmals an den als "Bunga-Bunga-Partys" bekannten Sex-Striptease-Festen in der Mailänder Privatvilla des Premiers teilgenommen haben. Die Nachtclubtänzerin war in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai vergangenen Jahres in Mailand wegen Diebstahls festgenommen worden. Berlusconi soll sie mit einem Anruf bei der Polizei freibekommen haben. Den Anruf hat Berlusconi zugegeben. Ruby bestreitet Sex mit Italiens Regierungschef, gab aber zu, Geld (7.000 Euro) erhalten zu haben.

Die Anklage in Sachen Umgang mit minderjährigen Prosituierten stützt sich vor allem auf abgehörte Telefongespräche. Fast ein Jahr lang hatten die Ermittler das Party-Umfeld von Berlusconi abgehört und Handys geortet. Es entstanden 389 Seiten an Protokollen von abgehörten Telefongesprächne, Vernehmungen sowie sonstigem Material wie etwa Auszüge aus Adressbüchern oder Interviews. Mitte Jänner folgten 211 weitere Seiten. Die italienische Tageszeitung La Repubblica hat die Protokolle auf ihrer Seite veröffentlicht. Die Authentizität der Protokolle ist nicht bestätigt. Der Premierminister selbst attackiert die Staatsanwälte und verweigert eine Anhörung vor den Ermittlern.

Anna Giulia Fink hat für derStandard.at die Protokolle durchgesehen, übersetzt und eine Auswahl getroffen. Einige Protokolle wurden gänzlich übersetzt, einige wurden ausgelassen und zusammengefasst. Während der kommenden Tage wird derStandard.at weitere Auszüge aus den Protokollen veröffentlichen. Der erste Teil der Serie dreht sich um die Anzeige gegen Ruby wegen Diebstahls, ihre Festnahme, den Anruf Berlusconis bei der Polizei, die anschließenden Freilassung und die Frage der Pflegschaft für Ruby.

***

Caterina, Ruby und die gestohlenen 3.000 Euro:

Telefongespräch vom 27.5.2010, 16.39:

Caterina Pasquino soll Ruby für einige Zeit in ihrer Mailänder Wohnung beherbergt haben. Während sie im aufgezeichneten Gespräch mit der Polizei behauptet, dass Ruby nur für eine Nacht geblieben sei, sagt sie später, dass sie sie länger bei sich haben wohnen lassen. Ruby soll mit Schmuck, Gewand und 3.000 Euro im Gepäck ihre Wohnung verlassen haben. Zwei Wochen nach dem Vorfall sieht Pasquino Ruby in einem Schönheitssalon gegenüber von einer Bar, in der sie gerade isst, und ruft die Polizei, mit der Bitte, einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Die wichtigsten Passagen aus dem Anruf bei der Polizei:

Polizeizentrale: 133

Pasquino: Ja, guten Abend, entschulden Sie, ich habe ein Problem.

Polizeizentrale: Ja?

Pasquino: Meine Mitbewohnerin und ich haben vor etwa einer Woche, ähm, vor zwei Wochen eine Illegale zu Hause beherbergt, aber wir haben nicht gewusst, dass sie keine Papiere besitzt. Ähm, wie auch immer, jedenfalls hat sie mir 3.000 Euro und weitere Sachen gestohlen.

Polizeizentrale: Sie wussten nicht, dass sie illegal da ist?

Pasquino: Meine Mitbewohnerin und ich (...) haben nicht gewusst, dass sie keine Papiere besitzt.

Polizeizentrale: Sie haben nicht gewusst, dass sie illegal im Land ist?

Pasquino: Nein, wissen Sie, wir haben sie in der Diskothek kennengelernt und für einige Tage beherbergt.

Polizeizentrale: Für einige Tage?

Pasquino: Nein, nur für einen Tag. Eine Nacht ist sie geblieben und hat einen Film angeschaut und in der Früh ist sie gegangen und in der Früh sind wir dann frühstücken gegangen und dann sind Schmuck und 3.000 Euro verschwunden.

Polizeizentrale: Wann ist das passiert?

Pasquino: Vor 15 Tagen. Dann ist sie aus Mailand verschwunden und jetzt ist sie hier in Buenos Aires (Straße in Rom, Anm.), und wir würden gerne die Polizei einschalten, um eine Anzeige zu machen...

Klärung der Frage, in welchem Schönheitssalon sich Ruby aufhalten soll. Pasquino ruft offensichtlich im Beisein einer Freundin an. Die beiden Frauen reden durcheinander, woraufhin der Beamte in der Polizeizentrale auf dem anderen Ende der Leitung die beiden immer wieder ermahnt.

Pasquino: (...) Ich habe wirklich Angst, ich weiß schließlich nicht, wer diese Person eigentlich ist, die wir vor 15 Tagen, ganz genau weiß ich das jetzt nicht mehr, bei uns übernachten haben lassen. Wir haben sie...

Polizeizentrale: Ja, das haben Sie bereits geschildert. Eine Person, von der Sie nicht wussten, dass sie illegal hier ist.

Pasquino: Uns wurde vor ein paar Tagen gesagt, dass sie illegal hier ist. Ich dachte, dass sie Brasilianerin ist und ihre Dokumente in Ordnung sind. Und es ist ja nicht so, dass ich bei jedem die Dokumente kontrolliere.

Pasquino: (...) Wir wissen nicht, woher sie kommt. Wir haben ihre Telefonnummer.

(...)

Pasquino: Die (Telefonnummer, Anm.) ist aber nicht auf ihren Namen registriert.

Polizei: Wie kam es, dass sie beide sie im Schönheitssalon aufgefunden haben?

Pasquino: Weil wir gerade gegenüber (von dem Salon, Anm,) essen.

Polizei: Also zufällig?

Pasquino: Ja, zufällig. Da ist sie und lacht und zieht Grimassen (...).

Die Frauen am Telefon klären die Frage, ob beziehungsweise warum bisher keine Anzeige erstattet worden ist. Die Dame auf Seiten der Polizei verspricht, eine Polizeistreife vorbeizuschicken.

Pasquino: (...) Ich glaube, sie ist gerade dabei abzuhauen, weil sie kapiert hat, dass ich bei der Polizei anrufe.

Polizei: Naja, Sie hätten sich zum Telefonieren auch ruhig verstecken können, naja, was solls.

Pasquino: Ich habe mich eh nicht von ihr sehen lassen. Ich bin an der Nummer 23 und verstecke mich bei der Gallerie.

Polizei: Können Sie mir sagen, ob ich jetzt eine Streife vorbeischicken soll oder nicht?

Pasquino: Also ja, ja, schicken Sie eine vorbei.

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Caterina erklärt die Geschehnisse im Beisein ihres Anwalts noch einmal im Fernsehen:

Quelle: Youtube

Teil I: Von Jänner bis April habe Ruby bei ihr gewohnt, behauptet Caterina. Was Ruby gearbeitet hätte, um Geld zu verdienen, fragt eine Moderatorin. "Sie hat mir öfter gesagt, dass abens zu Silvio geht. Aber das war nicht wahr, weil ich sie dann oft mit Freundinnen in der Disko getroffen habe." Ruby habe im Nachhinein gesehen viel gelogen, sie, also Pasquino selbst, wisse daher nicht, was davon wahr gewesen sei. Ihre Geschichten hätten sich stets verändert und immer wieder widersprochen.

"Sie hat viele Lügen erzählt, etwa, dass ihre Familie sehr reich ist. Ich habe sie immer mit viel Geld gesehen, das stimmt. Aber ich weiß nicht, wo das Geld herkam." Von wieviel Geld sprechen wir? "Ich hab  schon mal 5.000 Euro auf einmal bei ihr gesehen."

Pasquino hat gegenüber italienischen Medien außerdem immer wieder behauptet, dass Ruby nach eigenen Aussagen Sex mit Premier Berlusconi gehabt hätte.

Quelle: Youtube

Teil II: In der Zeit, in der Ruby bei Caterina gewohnt habe, seien die beide Freundinnen geworden. Ruby habe ihr gegenüber behauptet, 18 Jahre alt, Halb-Ägypterin, Halb-Brasilianerin zu sein. Dass sie minderjährig und aus Marokko ist, habe sie erst nach der Anzeige erfahren.

Quelle: Youtube

Teil III: Von den "Bunga-Bunga"-Festen habe ihr Ruby nichts erzählt, davon habe sie erst über die Medien erfahren. Ruby habe immer wieder behauptet, bei Berlusconi zum Essen eingeladen zu sein. Was Ruby am Abend des 14. Februar gemacht habe, wisse Caterina nicht. Berlusconi soll die damals noch minderjährige Marokkanerin Ruby zwischen 14. Februar und 2. Mai 2010 insgesamt 13-mal für Sex bezahlt haben.

Ruby soll nach der Anzeige bei ihrer Freundin Michelle Da Conceicao dos Santos Oliveira, einer brasilianischen Prostituierten, die ebenfalls an den Festen des Premiers teilgenommen haben soll, untergekommen sein. Caterina habe Ruby nur unter ihrem "Künstlernamen" "Ruby Rubacuori" (Herzensbrecherin) gekannt.

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Polizeistreife trifft auf Ruby

Aufgezeichnetes Gespräch vom 27.5.2010, 19.13:

Eine Polizeistreife taucht im Schönheitssalon, in dem sich Ruby befindet, auf. Polizist Ermes Cafaro befindet sich vor Ort, hat bereits mit Ruby gesprochen, bei der Polizeizentrale angerufen und wartet nun, von dieser mit der diensthabenden Jugendrichterin verbunden zu werden. Anschließend klärt er Jugendrichterin Frau Fiorillo per Funk über die Situation auf.

Cafaro: (im Hintergrund, während er wartet, von der Polizeizentrale mit der Jugendrichterin verbunden zu werden) Könnt ihr mir einen Gefallen tun? Könnt ihr mir einen Gefallen tun? Könnt ihr die Musik aufdrehen?

Zentrale: Also... (längere Pause)

Cafaro: (im Hintergrund, zu Ruby) Wenn du keine Anzeige erstattest, wenn ich dich noch mal auf der Straße sehe, breche ich dir die Beine.

Ruby: Ich komme also mit dir mit, damit wir Liebe machen.

Polizist: Nein, mit mir kommst du nirgendwo hin.

Polizist wird durchgestellt und erklärt der Jugendrichterin die Lage.

Jugendrichterin: Handelt es sich um eine Italienerin oder eine Ausländerin?

Polizist: Es geht um eine Italienerin und eine Marokkanerin.

Jugendrichterin: In Ordnung, und wie alt sind sie?

Polizist: Die Antragsstellerin ist volljährig, die andere hingegen, sagen wir, die Angezeigte, ist minderjährig, siebzehn Jahre alt, wird aber in fünf Monaten volljährig.

(...)

Polizist: (...) Das Problem bei der Marokkanerin ist, dass sich im Zuge der Ermittlungen herausgestellt hat, dass es bereits eine Vermisstenanzeige gibt, die eine Pflegefamilie vergangenen Mai aufgegeben hat. Die Familie habe ich bereits kontaktiert.

Jugendrichterin: Mmh mmh.

Polizist: Die Familie hat gesagt, dass außerdem bereits eine Streife bei ihnen vorbeigekommen ist, die gesagt hat, dass sie das Mädchen bereits gefunden hat, aber da es eine Pflegefamilie ist, konnte sie nicht mehr dorthin zurück. Offensichtlich, also so wie es ausschaut, ist sie dann auch zu keiner anderen Pflegefamilie gegangen.

Polizist: Also wurde der Fall nicht weiter verfolgt. Das Mädchen ...

Das Handy des Polizisten läutet.

Polizei: Bitte entschuldigen Sie Frau Doktor, also das Mädchen wurde zur Pflegefamilie gebracht, weil es Probleme Zuhause bei ihren Eltern gab. Probleme mit den Eltern, die sich allerdings ihrer Aussage nach lösbar waren, das sagt auch die Verantwortliche in der Pflegefamilie, mit der ich in Kontakt getreten bin. Sie hat auch gesagt, dass der Vater des Mädchens bei der Pflegefamilie angerufen und gesagt hat, dass er sich um die Dokumente kümmern werde.

Polizei: Die Sache (Dokumente, Anm.) war jedenfalls schon so gut wie erledigt.

Klärung des Verlaufs, wo sich Ruby wann aufgehalten hat.

Jugendrichterin: Sie ist also weg, offensichtlich zum Vater zurückgekehrt, dann wieder weg gegangen und ist jetzt in Mailand, verstehe ich das richtig?

Polizei: Perfekt. Im Moment hat das Mädchen also keine Papiere.

Jugendrichterin: Mhm.

Polizei: Sie hat mir gesagt, dass sie vorhatte, in den nächsten Tagen wieder nach Sizilien runtergefahren wäre, um Kontakt aufzunehmen mit den Eltern, die laut Sozialarbeitern sehr anständige Leute sein sollen.

Jugendrichterin: Hm.

Polizei: ...um die Dokumente zu holen, und die Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen und alles und um das alles zu erledigen.

(...)

Polizei: Und das Mädchen sagt, dass sie in der Zwischenzeit...

Jugendrichterin: In der Zwischenzeit, entschuldigen Sie, aber wo hat sie in der Zwischenzeit gewohnt? Also sie ist angekommen...

Polizei: Während sie hier war...

Jugendrichterin: Wo hat sie da gewohnt?

Polizei: Sie hat Zuhause bei dem Mädchen gewohnt, das die Polizei angerufen hat und ihr vorwirft, sie beraubt zu haben

Jugendrichterin: Bei ihr. Aber ist sie eine Freundin oder haben sie eine Beziehung? Was für eine Form von Beziehung haben sie?

Polizist: Nein nein, sie sind, sie waren, sie haben laut der Minderjährigen für drei Monate in einem Appartement zusammengelebt, aber nur als Mitbewohnerinnen.

Jugendrichterin: Ja.

Polizist: Laut der Antragsstellering allerdings ist sie nur einen Tag hingegangen, hat also nur eine Nacht dort verbracht, und in der Nacht soll sie das Geld verschwinden haben lassen.

Jugendrichterin: Mhh.

Polizist: Mhm, um ehrlich zu sein...

Jugendrichterin: Mmh.

Polizist: Ich kann meine ganz persönliche Meinung nicht beurteilen.

Jugendrichterin: Wie?

Polizist: Ich glaube mehr der Minderjährigen als der Volljährigen, aber, aus Mitleid...

Jugendrichterin: Sie ist also eine Weile dort geblieben, ich verstehe...

Polizist: Wie? Ja.

Jugendrichterin: Und sie ist dort geblieben, weil es praktisch für sie war.

Polizist: Genau, genau, dort war sie dann etwa fünf Monate.

Jugendrichterin: Ok.

Polizist: Ich kann ihnen auch genau die Daten sagen: Von Jänner bis Ende April.

Jugendrichterin: Und jetzt haben sie gestritten und die Ältere sagt jetzt, dass sie ihr Geld gefladert hat.

Polizist: Genau.

Jugendrichterin: Und, stimmts?

Polizist: Ich habe sie beide eingeladen eine Klage einzureichen und als ich mir ihren Namen notiert habe, hat sie mir dann ihre gesamte Geschichte erzählt, dass sie minderjährig ist und so weiter.

Jugendrichterin: Hm.

Polizist: Im Zuge der Ermittlungen hat also dann alles Sinn gemacht.

Jugendrichterin: Hm.

Polizist: Soll heißen, alles was sie mir gesagt hat, wurde bestätigt, ich hab keine Neuaufdeckungen gemacht.

Jugendrichterin: Und wieviel Geld soll sie genommen haben?

Polizist: 3.000 Euro.

Jugendrichterin: Woher hat sie das Geld genommen?

Polizist: Aus einer Lade in einer Kommode. Laut Aussagen der Minderjährigen hat sie die Monate hinweg immer ihre Miete eingezahlt und auch die vom anderen Mädchen, die ihr die Wohnung zum Wohnen angeboten hat, außer im letzten Monat, weil es ihr gereicht hat, alles zu zahlen, da hat sie gesagt: „Naja, ich zahl hier", also...

Jugendrichterin: Wie?

Polizist: Die andere hat ihr dann gesagt "Du bist aber rechtswidrig hier" und dann ist sie zurecht gegangen.

Jugendrichterin: Fragen Sie das Mädchen, wie sie ihre Miete verdient hat.

Polizist: (zu Ruby) Wie hast du deine Miete verdient?

Man hört eine Stimme im Hintergrund, die kaum zu erkennen ist.

Polizist: (wiederholt das zuvor Gesagte) Als Bauchtänzerin in einigen Lokalen in Mailand.

Jugendrichterin: Als Bauchtänzerin, in Ordnung, hm, ja also und jetzt? Wie siehts im Moment aus? Wir haben die Anzeige der einen, wir nehmen sie jetzt mit, naja, weil jetzt wegen Diebstahls gegen sie ermittelt werden wird, dann schauen wir mal, ob sich der Vorwurf hält oder nicht, aber wir müssen das Mädchen jetzt irgendwie unterbringen, richtig?

Polizist: Das habe ich jetzt nicht verstanden, entschuldigen Sie Frau Doktor, warum genau wird gegen sie ermittelt?

Jugendrichterin: Naja also hier handelt es sich um ein Strafverfahren, gegen sie wurde Anzeige erstattet und deswegen muss man...

Polizist: Aber in Wirklichkeit und angesichts der Tatsache, dass es sich vermutlich um einen Fehler handelt, sagen Sie es mir, aber bisher handelt es sich um zwei verschiedene Versionen, bis tatsächlich Anklage erhoben wird.

Jugendrichterin: Ja natürlich. Weil ich bisher davon ausgegangen bin, dass das schon passiert ist: Wurde schon Anklage erhoben?

Polizist: Nein Nein Nein, nichts bisher, bisher wurde alles aus der Luft gegriffen.

Jugendrichterin: Wie auch immer, selbst wenn es bisher keine Anklage gibt, in dem Moment, in dem sie mir einen Vermerk weitergeben, muss ich das Vergehen eintragen.

Jugendrichterin: Dann hört sie vielleicht wenigstens auf, sich wie eine Super-Oberflächliche aufzuspielen, die glaubt, dass sie alles tun kann.

Polizist: Ok.

Jugendrichterin: Eine zweite Ebene, sagen wir ein weiteres Element ist, dass wir hier eine Minderjährige haben, und es ist hier nicht üblich, Minderjährige so durch die Gegend ziehen zu lassen.

Polizist: Sehr gut.

Jugendrichterin: Wir lassen sie also jetzt auf keinen Fall wieder gehen. Sie geht in eine Wohngemeinschaft.

Klärung der Frage, wohin Ruby gebracht werden soll.

Jugendrichterin: Sagen sie diesem Mädchen, dass sie sich angewöhnt hat, uns an der Nase herumzuführen, sagen wir mal, aber die Sache wird bald ohnehin zu Ende gehen, weil ich nicht glaube, dass sie in Italien bleiben wird.

Polizist: Ah, ok.

Jugendrichterin: Weil bald wird sie volljährig sein, und wenn sie so weitermacht, wird man sie zurückschicken, dann wird ihr die Abschiebung bevorstehen...

(...)

Jugendrichterin: Außer sie...

Polizist: Was?

Jugendrichterin: Entschuldigen Sie, erlauben Sie mir, Ihnen das weiterzuerklären, damit ich das zu Ende ausführe, außer wenn sie, also das Fräulein, sich für ein Erziehungsprogramm anmeldet.

Polizist: Ja.

Jugendrichterin: Und praktisch damit aufhört, wegzulaufen und uns an der Nase herumzuführen... Wenn sie sich einschreibt für ein seriöses Programm.

Der Polizist gibt an, dass er ihre Daten aufnehmen und sie überprüfen wird.

Polizist: Aus den Ermittlungen geht hervor, dass es bereits einen Vorfall gegeben hat wegen Diebstahls.

Jugendrichterin: Sehen Sie?

Polizist: ... unter anderem...

Die beiden einigen sich darauf, sie bis zum nächsten Morgen in einer betreuten Wohngemeinschaft unterzubringen .

Jugendrichterin: ... bis man ihr einen fixen Platz findet oder bis man ihren Vater gefunden hat, diesen Mistkerl.

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Rubys Freundin ruft in der Polizeistation an

Die Polizeistreife nimmt Ruby mit. Anschließend ruft Rubys Freundin Michelle Da Conceicao dos Santos Oliveira bei der Polizei an, um sich über Rubys Aufenthaltsort zu erkunden. Die Brasilianerin ist Prostituierte und soll ebenfalls immer wieder an Berlusconis Festen teilgenommen haben. Sie hat Ruby in ihrer Wohnung aufgenommen, nachdem sie nicht mehr bei Caterina Pasquino gewohnt hat. Da Conceicao ruft in der Zentrale des Polizeipräsidiums in Mailand an.

Telefongespräch vom 27.5.2010 um 21.37

Da Conceicao: Guten Abend... ahh, hören Sie, ich hätten gerne eine Information...

Zentrale: Ja?

Da Conceicao: Über eine Person, die noch jung ist...

Zentrale: Und?

Da Conceicao: Sie ist erst 17 Jahre alt.

Zentrale: Mmm

Da Conceicao: Und die Polizei hat sie mitgenommen... und wo haben sie sie hingebracht? Können Sie mir das sagen, wohin?

Zentrale: Das kommt darauf an, Fräulein. Als erstes wird sie vermutlich auf die Polizeistation gebracht worden sein.

Da Conceicao: Auf die Polizeidirektion in Mailand?

Zentrale: Das kommt drauf an, wer sie mitgenommen hat. Polizei oder Carabinieri (bewaffnete Polizei, die dem Militär unterstellt ist, Anm.)?

Da Conceicao: Polizei, glaube ich.

Zentrale: Mhm, na dann wird sie erstmals hierher gebracht worden sein. Weil sie erstmals Ermittlungen einleiten müssen... Dokumente... alles...

Da Conceicao: Ist ein Mädchen zu ihnen gebracht worden, das Ruby heißt?

Zentrale: Schauen Sie, wir sind hier die Zentrale, also können wir Ihnen nicht weiterhelfen.

Da Conceicao: Muss ich also selbst auf die Polizeistation gehen?

Zentrale: Wer hat Ihnen denn gesagt, dass sie auf der Polizeidirektion ist?

Da Conceicao: Weil, das ist einer Freundin von mir passiert...

Zentrale: Mmm

Da Conceicao: Das ist passiert, weil sie sich mit einem anderen Mädchen gestritten hat, die eine Lügnerin und eine Idiotin ist, weißt du? Sie ist minderjährig und hat sich gerade um ihre Papiere gekümmert.

Zentrale: Mmm

Da Conceicao: Sie haben sie dorthin gebracht, das habe ich gerade erfahren, weil ich davor im Spital war wegen eines Eingriffs und heute rausgekommen bin...

Zentrale: Mm

Da Conceicao: Und sie ist losgegangen, um mir Medikamente zu besorgen und hat dabei bei einem Schönheitssalon vorbeigeschaut, der einer Freundin gehört... Und diese Freundin hat mich angerufen.

Klärung der Adresse der Polizeistation.

Da Conceicao: Ich muss nämlich kommen und ihre Eltern benachrichtigen.

Zentrale: Ja.

Da Conceicao: Weil ihr Handy und alles andere ist bei mir.

Zentrale: Ah, das haben alles Sie?

Da Conceicao: Das habe alles ich, weißt du?

Zentrale: Mmm

Da Conceicao: Ich muss unbedingt die Eltern anrufen.

Zentrale: Ja, deswegen versuche ich gerade, Ihnen klarzumachen, dass die Eltern herkommen sollten, um sie abzuholen.... Naja, ok, dann kommen Sie eben auf einen Sprung vorbei. Versuchen Sie es, kommen Sie auf einen Sprung vorbei.

Da Conceicao: Was meinen Sie, wann?

Zentrale: Aber ein Familienmitglied...

Da Conceicao: Nein, ich bin volljährig, sie wohnt bei mir, wir wohnen zusammen.

Zentrale: Sie sind volljährig?

Da Conceicao: Ja, ich bin 32 Jahre alt und ich hab alle Dokumente, ich nehme auch die Arbeitsbewilligung mit.

Zentrale: Dann probieren Sie es. Kommen Sie her und erklären Sie die Situation ein wenig.

Da Conceicao: Okay.

Zentrale: Dann kann man Ihnen eventuell weiterhelfen.

Da Conceicao: Hier geht es nämlich um Lügen, verstehst du? Das ist passiert, weil sie zu einer nach Hause gekommen ist, sie ist Italienerin, die ihr Geld gestohlen hat, weil sie arbeitet als Fotomodell, sie arbeitet auch für Lele Mora (Mora ist ein guter Freund Berlusconis und ein Agent im Showgeschäft mit guten Verbindungen. Gegen ihn wird nun wegen Begünstigung von Prostitution ermittelt, weil auch er für bezahlte weibliche Abendgäste gesorgt haben sollen, Anm.), verstehst du? Dieses Mädchen hat ihr Geld gestohlen... Und als sie das bemerkt hat, hat sie mich angerufen und gefragt, ob sie bei mir wohnen kann.

Zentrale: Mmm

Da Conceicao: Als ob ich nicht eine wichtige Person kennen würde und als ob sie kein anständiges Mädchen wäre, eine anständige Person. (...) Die Dokumente können wir aber schon aus meinem Appartement holen, oder?

Zentrale: Ja natürlich.

Da Conceicao: Wenn ich da nicht etwas tue... Bei so einer gemeinsamen Aktion... Ich muss da was unternehmen.

Zentrale: Ja, aber leider...

Da Conceicao: Es ist wirklich ungerecht.

Zentrale: Ok, das Wichtigste ist, dass sie die Dinge regeln.

Da Conceicao: Ok, in Ordnung

Zentrale: Auf Wiederhören.

Da Conceicao: Auf Wiederhören.

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Interview mit Rubys Freundin Michelle Da Conceicao dos Santos Oliveira:

Aus den Protokollen gehen weitere Aussagen Michelles rund um den "Fall Ruby" hervor. Hier einige Auszüge aus einem Interview:

Journalist: Seid ihr Freundinnen, du und Nicole (Minetti, Anm)?

Da Conceicao: Ja, naja, sagen wir Bekannte. Mailand ist überschaubar, man kennt sich also.

Journalist: Warum hast du dann genau sie benachrichtigt? Wusstest du, dass sie Ruby kennt?

Da Conceicao: Sie ist gekommen, weil ich ihn (Berlusconi, Anm) informiert habe.

Journalist: Es war dann Minetti, die die Pflegschaft übernommen hat?

Da Conceicao: (...) Ja, aber wir sind dann zu mir, weil sie (Ruby, Anm) mit zu mir gehen wollte.

Journalist: Was hat sie dir gesagt bezüglich der Frage, was für einen Beruf sie hat?

Da Conceicao: Naja, eben Foto-Modell.

Journalist: Und du bist dann draufgekommen, dass sie einen anderen Beruf hat?

Da Conceicao: Ich hab das Ganze nicht wirklich mitgekriegt. Ich hab mich nicht wirklich ausgekannt.

Journalist: Weil sie immer viel Bargeld hatte?

Da Conceicao: Ja, sie hatte immer viel Bargeld.

Journalist: Du hast also irgendwann herausgefunden, dass sie sich prostituiert?

Da Conceicao: Es war zu seltsam, dass sie jeden Tag immer um halb zwölf gegangen ist und um fünf, oder um halb drei zu Hause war. Irgendwann habe ich sie aufgefordert, mir die Wahrheit zu sagen, weil ich keinen Ärger haben wollte, ich wollte keine Polizei, nicht, dass mein Name, meine Adresse in den Schmutz gezogen werden, und dass Nicole und ich Ärger wegen ihr haben.

Journalist: Du hast dich nie prostituiert?

Da Conceicao: Nein, nie.

Journalist: Aber sie schon?

Da Conceicao: Ja. Halb Mailand wusste das.

Lesen Sie weiter in den Protokollen:


Berlusconis Anruf in der Polizeistation

Berlusconi soll der Polizei gesagt haben, dass es sich bei Ruby um die Enkelin des ägyptischen in der Zwischenzeit gestürzten Präsidenten Husni Mubarak handle. Außerdem soll er die Polizei aufgefordert haben, die Marokkanerin einer Regionalabgeordneten seiner Regierungspartei anzuvertrauen. Diese Abgeordnete hieß nach Angaben der Staatsanwaltschaft Nicole Minetti. Seit März 2010 sitzt Minetti als Regionalabgeordnete in der Lombardei, Norditalien. Die Mailänderin trat zuvor in verschieden TV-Shows als Tänzerin auf und arbeitete als Zahnarzthelferin. Nachdem Berlusconi bei einem Anschlag ein paar Zähne ausgeschlagen wurden, war es Minetti, die ihn behandelte. Die Behandlung hatte Folgen, Minetti machte daraufhin in Berlusconis Partei Karriere. Minetti soll die Mädchen für die Abende bei Berlusconi organisiert haben. Eine Beziehung mit Berlusconi hat die 26-Jährige zugegeben.

Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira ruft den Protokollen nach einige Male Nicole Minetti an. Minetti wiederum ruft daraufhin in der Zentrale von Berlusconis Partei Popolo della Libterà in Rom an. Die Gespräche sind nicht aufgezeichnet. Daraufhin erfolgt bei der Polizei ein Anruf aus dem italienischen Innenministerium, in dem nach dem diensthabenden Beamten auf der Polizeidirektion Mailand gefragt wurde. Währenddessen schreiben sich Minetti und Da Conceicao mehrmals Textnachrichten. Auch ihr Inhalt ist nicht bekannt. Vermerkt sind mehrere Telefonate zwischen der Regierungszentrale und dem Polizeipräsidium. Die Telefonate ziehen sich so lange hin, bis laut den Dokumenten Ruby um 2 Uhr Nachts von Minetti abgeholt wird.

Es folgt außerdem der Bericht der Jugendrichterin Anna Maria Fiorillo, die die Geschehnisse des Tages rekapituliert. Die zwei Seiten drehen sich vor allem um das Telefonat mit dem Polizisten und den Versuch der Unterbringung in ein Jugendheim. Firillos einziger Kommentar zur Übergabe der Pflegschaft an Minetti: "Ich kann mich nicht erinnern, dem Schritt zugestimmt zu haben, die Minderjährige El Mahrouk Karima in die Obhut Nicole Minettis zu geben."

Der Chef des Kabinetts des Mailänder Polizeipräsidiums, Pietro Ostuni, gab am 30.10.2010 gegenüber der Polizei über die Geschehnisse in jener Nacht von Rubys Einlieferung folgendes zu Protokoll:

(...) Gegen 23.00/23.15 am 27.3.2010, ich lag bereits im Bett, erhielt ich einen Anruf auf meinem Diensthandy mit der Nummer *******JP7 von einem der Mitarbeiter aus der Eskorte des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi. Der Inhalt des Telefonats spielte sich folgendermaßen ab: der erste Gesprächpartner, eben ein Mitarbeiter aus dem Begleitschutz Berlusconis, sagte zu mir: "Herr Doktor, ich gebe Ihnen nun den Ministerpräsidenten, denn es gibt ein Problem." Kurz daraufhin sagte mir der Ministerpräsident, dass sich ein Mädchen aus Nordafrika bei uns aufhielt, bei der es sich um die Enkelin Mubaraks handle, und dass eine Abgeordnete, Frau Minetti, sich ihrer annehmen würde. Damit endete das Telefonat. Das Wort "Minderjährig" fiel nicht, auch wenn angedeutet wurde, dass es sich um jemanden handle, der keine Dokumente besitze. Im Laufe des Abends erhielt ich noch mehrere Anrufe, von verschiedenen Handynummern, von eben jenem Mitarbeiter der Eskorte, E.E., dem ich zusagte, dass das Mädchen mit Ende der Ermittlungen freigelassen werden würde. Beim letzten Gespräch habe ich ihm zugesichert, dass die Minderjährige einer Abgeordneten anvertraut werde. Am Morgen des nächsten Tages erfuhr ich dann, dass es sich um Nicole Minetti gehandelt hat. Ich habe jedenfalls gleich bei der Polizeidirektion angerufen und von dem Telefonat erzählt (...). Der Polizeipräsident hat davon Kenntnis genommen und mich darum gebeten, ihn über den weiteren Verlauf zu informieren. (...)

Quelle: Youtube/CNN

 

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Weitere Vernehmungen rund um Berlusconis Anruf bei der Polizei

Die an diesem Abend diensthabende Polizistin Giorgia Lafrate gab am 30.10.2010 zu Protokoll:

(...) Kabinettschef Doktor Ostuni persönlich sagte mir in diesem Telefonat, dass aus Rom angedeutet worden war, dass es sich bei der minderjährigen Marokkanerin (..) um die Enkelin des ägyptischen Präsidenten Mubarak handle. Der Kabinettschef fragte mich nach dem Grund, warum sie sich im Polizeipräsidium aufhielt, was wir weiteres mit ihr vorhätten und bat mich darum, das Prozedere etwas zu beschleunigen angesichts der Besonderheit dieses Falls, also weil sie die Enkelin des ägyptischen Präsideten Mubarak sei.
(...)

Frage: War das das einzige Telefonat mit Doktor Ostuni?

Lafrate: Nein, davon gab es mehrere, ich möchte nicht lügen, sagen wir etwa zehn. (...) Frau Doktor Fiorillo (die in den Fall involvierte Jugendrichterin, Anm.) war sehr erstaunt und bestand darauf, die Ermittlungen fortzuführen. Sie war so erstaunt, weil es sich ja laut den ersten Informationen um eine Minderjährige ohne Papiere gehandelt hatte, die ein eigenartiges Leben führte, so war es ihr jedenfalls mitgeteilt worden bis dahin. Also habe ich mit der Arbeit fortgesetzt. Ich habe also den Kontakt zur Familie aufgenommen und der Vater versicherte mir, dass er von dem Mädchen nichts mehr wissen wolle. Er ließ ihre Papiere, die sich bei ihm (in Sizilien, Anm.) befanden, überprüfen und fügte hinzu, dass er ihr eigenes Problem sei, wenn sie keine Dokumente bei sich habe, da sie sie schließlich zu Hause gelassen habe. Jetzt fällt mir außerdem noch ein, dass Frau Fiorillo auch deswegen so perplex über den weiteren Fortgang war, weil sie erfahren hatte - ich weiß nicht, von wem - dass das Mädchen als Tänzerin im Fernsehen aufgetreten sein soll. Als ich ihr gesagt habe, dass sich neben Minetti auch Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira angeboten hatte, die Pflegschaft zu übernehmen, sagte sie: "Der Frau Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira unter keinen Umständen!". Natürlich habe ich den Kabinettschef über jeden Schritt, jedes Telefonat, informiert.

***

Es folgen weitere Aussagen der Polizebeamten, die in der Nacht von Rubys Festnahme Dienst hatten. Die Aussagen decken sich mit den Schilderungen der zuvor genannten Polizeibeamten.

Ivo Morelli, Leitender Beamter der UPG-Abteilung (Ufficio Prevenzione Generale; Präventionsstelle) in der Polizeidirektion:

(...) Frau Lafrate teilte mir mit, dass sich im Laufe der Ermittlungen herausgestellt habe, dass es sich bei der Minderjährigen um eine Marrokkanerin handle, dass auch nicht mit Präsident Mubarak verwandt sei, und dass sie die Ermittlungen weiterführe, um die Personalien festzustellen.

Frage: Warum haben Sie sich mitten in der Nacht so fleißig darum bemüht, dass das Prozedere beschleunigt wird und zugelassen, dass die Pflegschaft von jemand anderem als ihren Eltern oder Verwandten übernommen wird, obwohl sie wussten, dass Informationen aus dem Büro des Ministerpräsidenten rund um die angebliche Verwandtschaft, und obwohl sie wussten, dass es sich um eine Minderjärhige handelt, dass sie des Raubs beschuldigt wird und dass sie keine Papiere besitzt?

Morelli: Ich wiederhole, dass Frau Doktor Lafrate mir mitteilte, dass der Kabinettschef sie um ein beschleunigtes Vorgehen in diesem Fall gebeten hatte. Deswegen (...) hielt ich weiter daran fest, dass Doktor Lafrate das Vorgehen schnell durchziehen sollte und sie, so sich kein Platz finden sollte in einem Jugendheim, der Person, die auf dem Polizeipräsidium auftauchen sollte, zu übergeben, von der ich, ich wiederhole, nicht wusste, um wen es sich handelte.

Frage: Aber entschuldigen Sie, woher wusste die Abgeordnete Minetti überhaupt, dass sich die Minderjährige auf dem Polizeipräsidium aufhielt und warum ist die Abgeordnete Minetti dann mitten in der Nacht tatsächlich selbst auf dem Polizeipräsidium aufgetaucht?

Morelli: Das weiß ich nicht.

Frage: Aber wie kann es denn möglich sein, dass der Kabinettschef oder Frau Doktor Lafrate, die beide wussten, dass jemand wegen der Pflegeschaft vorbeikommen würden, diese Fragen nicht mit ihr geklärt haben?

Morelli: Ich kann ihnen nicht die Gründe dafür sagen, weshalb ich nicht über die Identität jener Person aufgeklärt worden bin, die die Pflegschaft übernehmen sollte.

Frage: Entschuldigen Sie, aber Sie meinten, dass nach dem Telefonat mit dem Kabinettschef, in dem er meinte, dass es sich um das Mädchen auf dem Polizeipräsidium um eine Verwandte Mubaraks handle, sofort Doktor Lafrate angerufen haben, auch auf Anfrage des Kabinettschefs, weil sie in Ihrer Funktion als Chef des UPG direkt die Kontrolle darüber haben, wie sich die Sache nach der Ankunft auf dem Polizeipräsidium entwickelte: Wie kann es sein, dass ihre leitenden Beamten sie nicht darüber informiert haben, um wen es sich bei der Person handelt, die die Pflegeschaft übernehmen sollte?

Morelli: Frau Doktor Lafrate war in dieser Sache in direktem Kontakt mit dem Kabinettschef, ich habe davon keine Notiz genommen. Die Identität der Person, die die Pflegschaft übernehmen sollte, wurde mir also nicht mitgeteilt, eben weil die Sache von Anfang bis zum Ende im direkten Kontakt zwischen Lafrate und Ostuni geregelt worden war.

Der Chef des Kabinetts des Mailänder Polizeipräsidiums, Pietro Ostuni, gab am 30.10.2010 gegenüber der Polizei über die Geschehnisse in jener Nacht von Rubys Einlieferung folgendes zu Protokoll:

Frage: Warum gibt es in dem Bericht von Frau Doktor Lafrate keine Angaben über den Anruf des Ministerpräsidenten, über die Anrufe aus dem Security-Kreis des Ministerpräsidenten und warum findet sich nichts über die vermeintliche Verwandtschaft mit Mubarak in dem Bericht?

Ostuni: Ich schicke voraus, dass ich Frau Doktor Lafrate mitgeteilt habe, dass ich aus dem Büro des Ministerpräsidenten von einer Frau aus Nordafrika, die mit Präsident Mubarak verwandt sein solle, erfahren hatte. Um auf die Frage selbst einzugehen: Ich kann nicht mehr dazu sagen, warum Frau Doktor Lafrate in ihrem Bericht nicht auf diese Dinge eingegangen ist.

Lesen Sie weiter in den Protokollen


Streit zwischen Ruby und Michelle und die Frage der Pflegschaft

Laut den Polizeiprotokollen rief Ruby am Tag nach ihrer Freilassung, am 29. Mai, um 12.24 vom Haus ihrer Freundin Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira die Abgeordnete Nicole Minetti an. In den nächsten Tagen folgen weitere Anrufe und Textnachrichten zwischen den beiden.

Am 5. Juni 2010 soll es zu einem Streit zwischen Ruby und Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira gekommen sein. Der Streit soll so heftig gewesen sein, dass die Polizei gegen sechs Uhr Früh gerufen wurde. Wichtig ist das, weil aus dem hervorgeht, dass Ruby bei Michelle und nicht, wie ausgemacht, bei Nicole Minetti untergekommen ist. Im Zuge der Beweisaufnahme für den Prozess sprachen die Ermittler mit den Polizisten, die in diesen Fall involviert waren. Demnach soll Ruby angegeben habe, dass Michelle sie zum Sex mit Männern gezwungen habe, ohne jedoch genauer auf diesen Vorwurf einzugehen.

Die Polizei wird gefragt, ob sie versucht habe, mit Minetti, die schließlich die Pflegschaft hätte übernehmen sollen, Kontakt aufzunehmen. Einige Auszüge aus der Befragung:

Polizist: Ja, ich habe versucht Kontakt mit Minetti aufzunehmen.

Polizist: Ich habe ein oder zwei Mal versucht, sie am Handy anzurufen.

Polizist: Das Handy hat geläutet, aber niemand hat abgehoben.

Polizist: Ich nehmen an, dass (...) anschließend die Abteilung der Kriminalipolizei angerufen wurde, die für Zuhälterei und sexuellen Missbrauch zuständig ist. Ich nehme zumindest an, dass das die gängige Praxis ist.

Auch das Jugendamt sei eingeschalten worden, respektive Doktor Saracino. Ihr sei erklärt worden, dass es in der Wohnung zu einem Streit zwischen Ruby und einem Erwachsenen gekommen sei, der zu Handgreiflichkeiten geführt habe, sodass Ruby im Krankenhaus De Marchi gelandet sei. Der Plan sei gewesen, sie nach dem Aufenthalt im Spital wieder aufs Polizeipräsidium bringen zu lassen, um sie anschließend in einem Jugendheim unterzubringen. Michelles Daten seien aufgenommen worden. Rubys Aussagen nach wurde sie von Michelle geschlagen und zum Sex mit Männern gezwungen.

***

Über einige Seiten folgen Zeugenaufnahmen sowie aufgenommene Gespräche, die beweisen sollen, dass Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira eine professionelle Prostituierte ist. So kommt etwa ein ehemaliger "Kunde", der für einige Zeit ihre Dienste gegen Geschenke - meistens Schmuck - in Anspruch genommen haben soll, zu Wort. Außerdem spricht sie mit jemandem am Telefon, der sie fragt, ob sie weiterhin durch Sex ihr Leben finanziere, was die Brasilianerin bejaht. Abgedruckt ist außerdem ein Auszug aus dem Telefonbuch Michelles, in dem neben einigen als Kunden markierten Namen ("cliente") auch die (teilweise falsch geschriebenen) Namen Rubys (im Telefonbuch unter "Rubbi Troia", also "Ruby Hure"), Lele Moras (unter "Lele Mora Agente", also Agent Lele) sowie Berlusconis ("Papi Berluscone", Berlusconi soll von den Mädchen laut Eigenaussagen und diversen Medienberichten "Papi" genannt werden).

***

Michelle Da Conceicao Dos Santos Oliveira schildert einer Frau, die sie "Franci" nennt, ihr Sicht der Geschehnisse rund um die Nacht am 5. Juni, in der Ruby und Michelle gestritten haben. Einige Auszüge aus den Telfonaufzeichnungen:

Über die Aufnahme Rubys in Michelles Wohnung:

Da Conceicao: Ich hab sie also aufgenommen, ja? Sie hat mich gefragt, ob sie eine Weile bei mir bleiben konnte, sie meinte, nicht für lange Zeit. Ich meinte, dass das in Ordnung geht, ich dachte ja, sie sei anständig.

Über den Vorfall und den Anruf bei der Polizei:

Da Conceicao: Ohne Näheres zu wissen, habe ich also ein paar Leute angerufen, die ich kannte, um ihr zu helfen.

(...)

Da Conceicao: Nachdem sie also rausgekommen ist, und da hat sie mir von ihrem Leben erzählt und weil sie mir leidgetan hat, habe ich sie aufgenommen. Nach zwei Wochen, so fünfzehn Tagen, bin ich auf ein Geburtstagsfest gegangen und habe davor zu ihr gesagt: "Geh nicht außer Haus, ich hab nämlich nur diesen einen Schlüssel. Ich bin so gegen Mitternacht wieder zu Hause." Um Mitternacht habe ich versucht sie anzurufen, und die Zeit vergeht, und sie hebt nicht ab. Dann komm ich an und bin bis 5.00, 5.30 Uhr in der Früh nicht ins Haus reingekommen.

Frau: Unglaublich!

Da Conceicao: Ich schwöre! Und sie! Nichts! Ich versuch sie anzurufen und sie hat das Telefon abgeschaltet.

Frau: Na klar ...

Da Conceicao: Ich bleib also draußen, bis 5 Uhr in der Früh, und war schon stinksauer.

Frau: Zu Recht!

Da Conceicao: Bei mir zu Hause führst du dich so auf? Es ist ja nicht so, dass du Miete zahlst! Du bist mein Gast, bis du dein Leben wieder auf die Reihe kriegst. Ich Idiot helf ihr auch noch, geb ihr ein Dacht überm Kopf, Essen...

Frau: Ja.

Da Conceicao: Und dann komm ich endlich rein und sie, sie war komplett dicht.

Frau: Oh Gott!

Da Conceicao: Ich schwöre! Wir beginnen zu streiten und ich sag zu ihr: "Raus aus meinem Haus! Verschwinde aus meiner Wohnung!"

Frau: Na klar!

Da Conceicao: Ich versuch sie also rauszuschmeißen und sie geht plötzlich auf mich los.

Frau: Nein!

Da Conceicao: Sie geht also auf mich los und ich konnte mich nicht einmal wehren, weil ich ja gerade aus dem Krankenhaus zurückgekommen bin. Wenn sie mich in den Bauch geboxt hätte, hätte ich gleich wieder ins Krankenhaus zurückgehen können ... Meine Nachbarin hört irgendwann den Streit und ruft die Polizei.

Frau: Nein!

Da Conceicao: Ja, und dann kommt die Polizei und die (Ruby, Anm.) zieht sich plötzlich nackt aus.

Frau: Nein!

Da Conceicao: Ja, nackt vor der Polizei! Und dann kommen wir auf die Polizeistation. (...) Und dort sagt sie dann, dass ich sie zur Prostitution gezwungen habe. (...) Sie ist eine verhurte Nutte von 17 Jahren, weißt du? Sie ist zu den Kunden gegangen beziehungsweise sind die hergekommen... Einen habe ich sogar kennengelernt, der mit dieser Nutte ins Bett gegangen ist und sie bar bezahlt hat, weißt du? (...) Das war ein verheirateter Mann, den sie einmal die Woche getroffen hat. (...) Und sie hat ihn erpresst, dass er ihr 1.500 Euro pro Woche geben soll, weil sie sonst zur Polizei gegangen wäre und denen gesagt hätte, dass er für Sex mit einer Minderjährigen gezahlt hat... (...) Irgendwann hab ich also verstanden, dass diese Person (Ruby, Anm.) böse ist und dass ich diese Person, die einen Schuss hat, loswerden musste.

Weitere Teile der Ruby-Protokolle folgen in den nächsten Tagen

  • Seite Eins: Caterina, Ruby und die gestohlenen 3.000 Euro

    Seite Zwei: Video-Interview mit Caterina Pasquino

    Seite Drei: Polizeistreife trifft auf Ruby

    Seite Vier: Rubys Freundin ruft in der Polizeistation an

    Seite Fünf: Interview mit Michelle Da Conceicao dos Santos Oliveira

    Seite Sechs: Berlusconis Anruf in der Polizeistation

    Seite Sieben: Weitere Vernehmungen rund um Berlusconis Anruf bei der Polizei

    Seite Acht: Streit zwischen Ruby und Michelle und die Frage der Pflegschaft

  • Caterina Pasquino. Die Go-Go-Tänzerin aus Mailand hat Ruby für einige Zeit bei sich wohnen lassen. Ruby soll ihr 3.000 Euro, Schmuck und Kleidung gestohlen haben.
    foto: screenshot youtube/teleunica - oltre la notizia 04.11.2010

    Caterina Pasquino. Die Go-Go-Tänzerin aus Mailand hat Ruby für einige Zeit bei sich wohnen lassen. Ruby soll ihr 3.000 Euro, Schmuck und Kleidung gestohlen haben.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ruby, Herzensbrecherin und Tänzerin. Berlusconi soll vergangenes Jahr die damals 17-Jährige insgesamt 13 Mal für Sex bezahlt haben.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die 26 Jahre alte Nicole Minetti arbeitete als Dentalhygiene-Expertin und Showgirl. Nachdem ein Mann Berlusconi Ende 2009 ein Marmormodell des Mailänder Doms ins Gesicht geschleudert hatte, behandelte sie seine demolierten Zähne. Der Premier dankte es ihr mit einem Sitz im Regionalparlament der Lombardei. Minetti soll für Berlusconi die Mädchen für seine Partys organisiert und Ruby aus dem Polizeigewahrsam abgeholt haben.

  • Showgirl-Manager Lele Mora. Auch gegen Mora soll wegen Begünstigung von Prostitution ermittelt worden sein. Er soll für bezahlte weibliche Abendgäste gesorgt haben sollen, die Rede ist von 5.000 Euro Belohnung.
    screenshot: tv la 7

    Showgirl-Manager Lele Mora. Auch gegen Mora soll wegen Begünstigung von Prostitution ermittelt worden sein. Er soll für bezahlte weibliche Abendgäste gesorgt haben sollen, die Rede ist von 5.000 Euro Belohnung.

  • Auszug aus dem Telefonbuch Michelles, in dem neben einigen als Kunden 
markierten Namen ("cliente") auch die (teilweise falsch geschriebenen) 
Namen Rubys (im Telefonbuch unter "Rubbi Troia", also "Ruby Hure"), Lele
 Moras (unter "Lele Mora Agente", also Agent Lele) sowie Berlusconis 
("Casa Roma Silvio" oder "Papi Berluscone", Berlusconi soll von den Mädchen laut Eigenaussagen 
und diversen Medienberichten "Papi" genannt werden).
    screenshot: la repubblica

    Auszug aus dem Telefonbuch Michelles, in dem neben einigen als Kunden markierten Namen ("cliente") auch die (teilweise falsch geschriebenen) Namen Rubys (im Telefonbuch unter "Rubbi Troia", also "Ruby Hure"), Lele Moras (unter "Lele Mora Agente", also Agent Lele) sowie Berlusconis ("Casa Roma Silvio" oder "Papi Berluscone", Berlusconi soll von den Mädchen laut Eigenaussagen und diversen Medienberichten "Papi" genannt werden).

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