Prozessauftakt gegen den italienischen Premierminister am 6. April - Teil eins der Telefongespräche und Abhörprotokolle, exklusiv auf Deutsch auf derStandard.at
Es wird ernst für Silvio Berlusconi: Ab 6. April wird dem Regierungschef der Prozess gemacht. Im Falle einer Verurteilung drohen Berlusconi bis zu 15 Jahre Haft. Die Mailänder Staatsanwälte werfen dem Premierminister vor, für Sex mit der damals 17-Jährigen bezahlt zu haben und anschließend seinen Einfluss dazu genutzt zu haben, die Affäre zu vertuschen. Den Prozess werden drei Richterinnen führen: Carmen D'Elia, Orsola De Cristofaro und Giulia Turri.
Der für den Prozess relevante Fall dreht sich um eine 17-jährige Marokkanerin, die Tänzerin Karima El-Mahroug mit dem Künstlernamen "Ruby Rubacuori" ("Ruby Herzensbrecherin"), die der Premier vor dem Gefängnis bewahrt haben soll. Ruby soll mehrmals an den als "Bunga-Bunga-Partys" bekannten Sex-Striptease-Festen in der Mailänder Privatvilla des Premiers teilgenommen haben. Die Nachtclubtänzerin war in der Nacht vom 27. auf den 28. Mai vergangenen Jahres in Mailand wegen Diebstahls festgenommen worden. Berlusconi soll sie mit einem Anruf bei der Polizei freibekommen haben. Den Anruf hat Berlusconi zugegeben. Ruby bestreitet Sex mit Italiens Regierungschef, gab aber zu, Geld (7.000 Euro) erhalten zu haben.
Die Anklage in Sachen Umgang mit minderjährigen Prosituierten stützt sich vor allem auf abgehörte Telefongespräche. Fast ein Jahr lang hatten die Ermittler das Party-Umfeld von Berlusconi abgehört und Handys geortet. Es entstanden 389 Seiten an Protokollen von abgehörten Telefongesprächne, Vernehmungen sowie sonstigem Material wie etwa Auszüge aus Adressbüchern oder Interviews. Mitte Jänner folgten 211 weitere Seiten. Die italienische Tageszeitung La Repubblica hat die Protokolle auf ihrer Seite veröffentlicht. Die Authentizität der Protokolle ist nicht bestätigt. Der Premierminister selbst attackiert die Staatsanwälte und verweigert eine Anhörung vor den Ermittlern.
Anna Giulia Fink hat für derStandard.at die Protokolle durchgesehen, übersetzt und eine Auswahl getroffen. Einige Protokolle wurden gänzlich übersetzt, einige wurden ausgelassen und zusammengefasst. Während der kommenden Tage wird derStandard.at weitere Auszüge aus den Protokollen veröffentlichen. Der erste Teil der Serie dreht sich um die Anzeige gegen Ruby wegen Diebstahls, ihre Festnahme, den Anruf Berlusconis bei der Polizei, die anschließenden Freilassung und die Frage der Pflegschaft für Ruby.
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Caterina, Ruby und die gestohlenen 3.000 Euro:
Telefongespräch vom 27.5.2010, 16.39:
Caterina Pasquino soll Ruby für einige Zeit in ihrer Mailänder Wohnung beherbergt haben. Während sie im aufgezeichneten Gespräch mit der Polizei behauptet, dass Ruby nur für eine Nacht geblieben sei, sagt sie später, dass sie sie länger bei sich haben wohnen lassen. Ruby soll mit Schmuck, Gewand und 3.000 Euro im Gepäck ihre Wohnung verlassen haben. Zwei Wochen nach dem Vorfall sieht Pasquino Ruby in einem Schönheitssalon gegenüber von einer Bar, in der sie gerade isst, und ruft die Polizei, mit der Bitte, einen Streifenwagen vorbeizuschicken. Die wichtigsten Passagen aus dem Anruf bei der Polizei:
Polizeizentrale: 133
Pasquino: Ja, guten Abend, entschulden Sie, ich habe ein Problem.
Polizeizentrale: Ja?
Pasquino: Meine Mitbewohnerin und ich haben vor etwa einer Woche, ähm, vor zwei Wochen eine Illegale zu Hause beherbergt, aber wir haben nicht gewusst, dass sie keine Papiere besitzt. Ähm, wie auch immer, jedenfalls hat sie mir 3.000 Euro und weitere Sachen gestohlen.
Polizeizentrale: Sie wussten nicht, dass sie illegal da ist?
Pasquino: Meine Mitbewohnerin und ich (...) haben nicht gewusst, dass sie keine Papiere besitzt.
Polizeizentrale: Sie haben nicht gewusst, dass sie illegal im Land ist?
Pasquino: Nein, wissen Sie, wir haben sie in der Diskothek kennengelernt und für einige Tage beherbergt.
Polizeizentrale: Für einige Tage?
Pasquino: Nein, nur für einen Tag. Eine Nacht ist sie geblieben und hat einen Film angeschaut und in der Früh ist sie gegangen und in der Früh sind wir dann frühstücken gegangen und dann sind Schmuck und 3.000 Euro verschwunden.
Polizeizentrale: Wann ist das passiert?
Pasquino: Vor 15 Tagen. Dann ist sie aus Mailand verschwunden und jetzt ist sie hier in Buenos Aires (Straße in Rom, Anm.), und wir würden gerne die Polizei einschalten, um eine Anzeige zu machen...
Klärung der Frage, in welchem Schönheitssalon sich Ruby aufhalten soll. Pasquino ruft offensichtlich im Beisein einer Freundin an. Die beiden Frauen reden durcheinander, woraufhin der Beamte in der Polizeizentrale auf dem anderen Ende der Leitung die beiden immer wieder ermahnt.
Pasquino: (...) Ich habe wirklich Angst, ich weiß schließlich nicht, wer diese Person eigentlich ist, die wir vor 15 Tagen, ganz genau weiß ich das jetzt nicht mehr, bei uns übernachten haben lassen. Wir haben sie...
Polizeizentrale: Ja, das haben Sie bereits geschildert. Eine Person, von der Sie nicht wussten, dass sie illegal hier ist.
Pasquino: Uns wurde vor ein paar Tagen gesagt, dass sie illegal hier ist. Ich dachte, dass sie Brasilianerin ist und ihre Dokumente in Ordnung sind. Und es ist ja nicht so, dass ich bei jedem die Dokumente kontrolliere.
Pasquino: (...) Wir wissen nicht, woher sie kommt. Wir haben ihre Telefonnummer.
(...)
Pasquino: Die (Telefonnummer, Anm.) ist aber nicht auf ihren Namen registriert.
Polizei: Wie kam es, dass sie beide sie im Schönheitssalon aufgefunden haben?
Pasquino: Weil wir gerade gegenüber (von dem Salon, Anm,) essen.
Polizei: Also zufällig?
Pasquino: Ja, zufällig. Da ist sie und lacht und zieht Grimassen (...).
Die Frauen am Telefon klären die Frage, ob beziehungsweise warum bisher keine Anzeige erstattet worden ist. Die Dame auf Seiten der Polizei verspricht, eine Polizeistreife vorbeizuschicken.
Pasquino: (...) Ich glaube, sie ist gerade dabei abzuhauen, weil sie kapiert hat, dass ich bei der Polizei anrufe.
Polizei: Naja, Sie hätten sich zum Telefonieren auch ruhig verstecken können, naja, was solls.
Pasquino: Ich habe mich eh nicht von ihr sehen lassen. Ich bin an der Nummer 23 und verstecke mich bei der Gallerie.
Polizei: Können Sie mir sagen, ob ich jetzt eine Streife vorbeischicken soll oder nicht?
Pasquino: Also ja, ja, schicken Sie eine vorbei.
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