Familienbetrieb – Flexibilität – Freude am Unternehmertum: Porträt eines österreichtypischen KMUs
Josef Faber merkt man die Freude am Unternehmertum an seinem verschmitzten Lächeln an. Faber importiert Zweiräder aller Art, Herzstück des Sortiments sind aber die Motorroller, praktisch stärkere und größere Mopeds. "Der offene Helm im Sommer, der Fahrtwind, ein gewisses Freiheitsgefühl, das macht den Reiz aus", so der 45-jährige Firmenchef. Seit 1964 ist man Generalimporteur von Vespa und Piaggio, zwei der stärksten Marken am heimischen Markt.
Vor allem die zum Piaggio-Konzern gehörende Retroschiene Vespa boomt in Österreich, Faber hat davon im letzten Jahr 4.300 Stück abgesetzt. Der GTS-300-Fahrer Faber ist noch immer von der Handwerkskunst der im toskanischen Pontedera ansässigen Firma begeistert. "Enrico Piaggio war eigentlich Flugzeugbauer und hat begonnen, Teile aus dieser Industrie im Rollerbau einzusetzen", so Faber.
Graz liebt Retro, Elektroantriebe kommen beim Zweirad
Resultat war die 1946 erstmals produzierte Vespa, italienisch für Wespe. Sie fand im Italien der Nachkriegszeit großen Anklang und ist seit den 70er-Jahren auch in Österreich ein Erfolg. Als Vespa-Hauptstadt gilt die Murstadt: "Graz liegt halt doch ein wenig südlicher als Wien", schmunzelt Faber.
Gar nicht retro will man sich bei Technik und Mitarbeiterführung zeigen. Zunehmend setzt Faber auf Elektromobilität. "Piaggio arbeitet an einer E-Vespa und an Elektroantrieben für seine Kleintransporter", so Faber. Noch größere Chancen, die Herzen der Österreicher zu erobern, gibt er aber den Elektrofahrrädern, Pedelecs genannt. Um hier am Ball zu sein, will er noch in diesem Jahr die Pedelecs einer namhaften Marke in Österreich einführen. "Desto mehr Standbeine man hat, desto sicherer fährt man auch", so das Motto von Faber.
Der eigene Weg zum A-Team der Zweiradbranche
Modern zeigt man sich auch bei der Mitarbeiterführung. Faber ersetzte den patriarchalischen Führungsstil seines Vaters durch einen kollegialen, was nicht immer einfach war. "Loszulassen war nicht leicht", so Faber über seinen Vater, der sich auch noch im hohen Alter in die Firma einbrachte. "Einerseits konnte ich auf seine Erfahrungswerte zurückgreifen, andererseits habe ich erst nach dem Tod meines Vaters begonnen, meinen eigenen Weg einzuschlagen", erklärt Faber.
Gemeinsam mit seinem Bruder Peter, ebenfalls Geschäftsführer und für das Gebäudemanagement zuständig, und seinen 50 Mitarbeitern will er das "A-Team der Zweiradbranche" bilden. Vom oft zitierten KMU-Fachkräftemangel spürt Faber dabei nichts. Im Gegenteil, viele Mitarbeiter seien in den letzten Jahren von größeren Firmen gekommen. "Sie fühlen sich bei uns wohler, weil das Persönliche im Vordergrund steht", so Faber. Kürzere Entscheidungswege und die größere gestalterische Freiheit täten ihr Übriges.
Erfolgreiche KMU schauen über den Tellerrand
Der Unternehmenschef selbst war aus familiären Gründen immer in der Firma tätig. "Wenn ich noch einmal die Gelegenheit hätte, würde ich mir die Sporen in anderen Unternehmen verdienen", so Faber. Das legt der kinderlose Unternehmer auch den Kindern seines Bruders, die einmal für die Unternehmensführung in Frage kommen, nahe. "Sonst droht man als Familienunternehmen betriebsblind zu werden", ergänzt Faber.
Für den Unternehmer ist der große Teil an klein- und mittelständischen Betrieben eines der "Erfolgsgeheimnisse Österreichs". KMU könnten sich sehr gut an neue Situationen anpassen, ohne gleich Mitarbeiter abzubauen oder Kurzarbeit zu verordnen, das habe Österreich in der Wirtschaftskrise geholfen.
Klassische Finanzierung mit dem gewissen Etwas
Faber finanziert sich wie ein klassisches KMU mit Eigenmitteln und Krediten, nutzt aber auch spezielle Branchenlösungen wie die Lagerfinanzierung, wo der Fahrzeugbestand als Sicherungsobjekt angesehen wird und dadurch weder Depotzahlungen noch Grundstücksbelastungen notwendig sind. Bei im Schnitt 2.000 Fahrzeugen auf Lager ist diese Art der Finanzierung sehr attraktiv und erlaubt es dem Unternehmen, kurzfristig lieferfähig zu sein: "Mopeds, Roller und Co. sind oft Spontankäufe, da muss man schnell liefern können", erklärt Faber.
Die Zweiradsaison – vor allem die motorisierte – startet jetzt im März. Hannibal, Face, Murdock, B.A. und Co. ist schönes Wetter zu wünschen, denn das kurbelt die Geschäfte an. (Hermann Sussitz, derStandard.at, 30.3.2011)
WISSEN
Was sich kryptisch unter dem Begriff "Zweiradbranche" verbirgt, ist mehr als man vermutet. Neben den Klassikern Fahrrad, Motorrad und Moped gehören auch Tretroller, Segways - im Branchenjargon Selbstbalance-Roller genannt, und Pedelecs – Elektro-Fahrräder – dazu.
In Österreich wurden 2010 rund 49.000 motorisierte Zweiräder abgesetzt, Faber kommt auf rund 21,5 Prozent Marktanteil. Mit seinen 50 Mitarbeitern hat die Firma 2010 26 Millionen Euro Umsatz gemacht. Faber plant in diesem Jahr 12.000 Stück abzusetzen und den Umsatz um zehn bis fünfzehn Prozent zu steigern.
Mit dem Einstieg ins Pedelec-Geschäft schielt Faber auf den 500.000 Stück starken österreichischen Fahrradmarkt. Der Unternehmer geht davon aus, dass mittelfristig 20 bis 25 Prozent des Marktes elektrifiziert werden.
Haupteigentümer von Faber ist eine Stiftung, deren Begünstige Familienmitglieder sind. Drei ehrenamtliche Vorstände vertreten die Interessen der Stiftung.