Regierung: Vorübergehend Kernschmelze eingesetzt, Prozess sei aber gestoppt
Rund um die strahlende Atomruine in Fukushima steckt offenbar hochgiftiges Plutonium im Boden. Spuren des schon in kleinsten Dosen gefährlichen Schwermetalls fanden sich an fünf Stellen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo meldete.
Die Bodenproben, in denen das Plutonium nachgewiesen wurde, sind dem Kraftwerksbetreiber Tepco zufolge am 21. und 22. März genommen worden - und damit gut eine Woche alt. Die Dosierung sei aber so niedrig, dass sie für den menschlichen Körper nicht gefährlich sei, beteuerte das Unternehmen NHK zufolge.
Tepco kündigte an, weitere Bodenproben zu nehmen. Das bisher nachgewiesene Plutonium stamme aus Brennstäben der Anlage, die bei dem Erdbeben am 11. März schwer beschädigt wurde. Aus welchem Block das Material stammt, war zunächst nicht bekannt. Das Unternehmen hatte Bodenproben vom Gelände des havarierten AKW von unabhängigen Spezialisten auf das hochgiftige Plutonium untersuchen lassen.
Anrainer kehren zurück
Trotz der weiter kritischen Lage am havarierten Atommeiler Fukushima kehren zahlreiche Anrainer in die Gefahrenzone zurück. Vor allem älteren Menschen sorgten sich um ihre Häuser und wollen nicht länger in Notunterkünften bleiben, berichtete der japanische Nachrichtensender NHK am Montag.
Die Behörden hatten die Bewohner im Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk Fukushima eins aufgefordert, das Gebiet zu verlassen. Den Menschen in einer Zone von 20 bis 30 Kilometern wurde empfohlen, in ihren Häusern zu bleiben, um radioaktive Verstrahlung zu vermeiden. Letzte Woche riet die Regierung dann den Bewohnern der äußeren Zone, das Gebiet freiwillig zu räumen. Als Grund gaben die Behörden an, dass die Versorgung der Menschen immer schwieriger werde.
Regierung warnt
Die Regierung warnte am Montag die Menschen aus der 20-Kilometer-Zone um das AKW, sie sollten vorerst nicht nach Hause zurückkehren. Das Gesundheitsrisiko sei viel zu groß.
Doch viele der Flüchtlinge, vor allem aus dem Gebiet etwa 20 bis 30 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, kehren trotz der Warnungen zurück, berichtete NHK. Die Menschen seien erschöpft vom Leben in den Notlagern. Sie wollten wieder nach Hause, sagte die Provinzregierung von Fukushima. Man werde die Regierung in Tokio bitten, die Lieferung von Hilfsgütern in die Evakuierungszone aus diesem Grund zu verstärken.
Kernschmelze eingesetzt
Im Reaktor 2 des nach der Beben- und Tsunami-Katastrophe havarierten japanischen Atomkraftwerks Fukushima eins hat nach Einschätzung der Regierung vorübergehend eine Kernschmelze eingesetzt. Man glaube aber, dass der Prozess gestoppt sei, sagte Regierungssprecher Yukio Edano. Die Zahl der verstrahlten Arbeiter in Fukushima eins erhöhte sich um zwei Männer auf 19. Drei Arbeiter, die am vergangenen Donnerstag
einer erhöhten Strahlendosis ausgesetzt waren, wurden nach Angaben
von Kyodo am Montag aus dem Krankenhaus entlassen.
Grund für die neue Einschätzung der Regierung zu einer Kernschmelze in Meiler 2 ist die extrem erhöhte Radioaktivität. Sie trat unter anderem im Wasser in dem benachbarten Turbinengebäude auf. Nach Angaben des Stromkonzerns Tepco wurde an dem Reaktor am Sonntagnachmittag eine Strahlendosis von 1.000 Millisievert pro Stunde gemessen. Der Energiekonzern Tepco hatte nach Beginn der Katastrophe festgelegt, dass die Arbeiter am Atom-Wrack einer Strahlung von höchstens 150 Millisievert pro Noteinsatz ausgesetzt sein dürfen.
Vorwürfe an Tepco
Weiterhin gibt es von der Regierung keine genauen Informationen zum Zeitpunkt der vermuteten Kernschmelze. Fachleute vermuteten schon mehrfach seit Beginn des Unglücks vor gut zwei Wochen, dass wegen starker Überhitzung der Reaktorkerne möglicherweise eine Schmelze begonnen habe. Tepco selbst sprach in den ersten Tagen ebenfalls schon einmal von einer möglichen "partiellen Kernschmelze". Diese Angaben wurden damals aber zurückgenommen.
Edano kritisierte den Umgang des Betreibers Tepco mit den Strahlungs-Messwerten scharf. Das Vorgehen sei "inakzeptabel". Das Unternehmen hatte am Wochenende widersprüchlich Angaben zur Höhe der Strahlung gemacht. Die japanische Atomaufsichtsbehörde wies den AKW-Betreiber an, Maßnahmen zu treffen, damit es nicht wieder zu solchen Irrtümern komme.
"Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein Umkreis von 20 Kilometern um das Kraftwerk kontaminiert ist, und es gibt derzeit ein großes Risiko (für die Gesundheit)", sagte Regierungssprecher Edano der Agentur Kyodo zufolge. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte eine Ausweitung der Evakuierungszone rund um das Atomwrack gefordert. In dem Ort Iitate, rund 40 Kilometer nordwestlich des Kraftwerks, gebe es eine so hohe Strahlenbelastung, dass eine Evakuierung notwendig sei, erläuterte Greenpeace. Vor allem für Kinder und Schwangere sei es dort nicht sicher.
Arbeiten in AKW gehen weiter
Unterdessen setzten Arbeiter in der Atomruine ihre Bemühungen fort, das hochradioaktive Wasser aus den Gebäuden der Anlage zu beseitigen. Das ist notwendig, damit nicht noch mehr Arbeiter verstrahlten werden. Dieses Risiko behindert die Versuche, die Reaktoren abzukühlen.
Es wird versucht, für das Einleiten von Süßwasser in die Druckkessel der Reaktoren statt der bisher benutzten Feuerwehrpumpen elektrische Pumpen einzusetzen, wie die Nachrichtenagentur Jiji unter Berufung auf Tepco meldete. Die Arbeiter im AKW in Fukushima versuchten am Montag, den Zufluss von Wasser in die Druckkessel zu stabilisieren. Im Reaktor 2 sei dies bereits erreicht, nun wolle man auch die Pumpen in den beiden Reaktoren 1 und 3 umstellen, hieß es.
Laut Tepco könnte es sein, dass die Druckkessel aller drei Reaktoren beschädigt seien. Grund sei, dass die Kessel noch nicht mit Wasser gefüllt seien. Einen genauen Überblick über die momentane Situation in den Kesseln habe man sich noch nicht verschaffen können, so Tepco. Die Arbeiter versuchten, die Kontrollräume wieder funktionstüchtig zu machen, um akkurate Daten über das Wasser und den Druck in den Kesseln der Reaktoren zu gewinnen.
Verstrahltes Wasser auch bei Reaktoren 5 und 6
Tepco hat nun auch im Wasser in 30 Metern Entfernung der Reaktoren 5 und 6 erhöhte Radioaktivität gemessen. Die Werte radioaktiven Jods sollen 1.150 Mal über dem Normalwert liegen, teilte die japanische Atomaufsichtsbehörde am Montag mit. Die messbare Kontamination im übrigen Land ist laut Informationen des österreichischen Umweltministeriums in den letzten Tagen leicht gesunken. Die bisherigen Konsumbeschränkungen für Trinkwasser wurden bis auf zwei Stellen wieder aufgehoben. Die Importe von Lebensmitteln aus Japan werden auf Basis heute in Kraft
getretenen Verordnung der Europäischen Kommission auf Radioaktivität
kontrolliert. Meteorologische Prognosen sagen indes für Japan einen Wetterwechsel voraus, durch den für die nächsten Tage mit einer Verfrachtung der freigesetzten Aktivitäten auch in das Landesinnere zu rechnen ist.
An den beiden Reaktoren wurden zur Zeit des großen Bebens am 11. März Wartungsarbeiten vorgenommen. Zuvor waren die Messungen nur südlich des Kraftwerks, vor den Reaktoren 1 bis 4 vorgenommen worden. Meerwasserproben hatten dort am Sonntag Werte radioaktiven Jods ergeben, die 1.850 Mal über dem Normalwert lagen. Der AKW-Betreiber Tepco hatte am Sonntag fälschlicherweise von einer millionenfach erhöhten Strahlung im verseuchten Wasser gesprochen, das aus Reaktorblock 2 ausgetreten sei.
Unterdessen berichteten japanische Medien am Montag, Tepco-Chef Masataka Shimizu habe sich während der Atomkrise mehrere Tage krankgemeldet. Der 66-Jährige sei am 16. März erkrankt und habe sich aus dem Krisenmanagement eine Woche lang zurückgezogen, berichtete die Zeitung "Mainichi Shimbun". Die Agentur Kyodo News berichtete, er sei inzwischen wieder bei der Arbeit. Shimizu war seit einer Pressekonferenz am 13. März nicht mehr öffentlich aufgetreten. In lokalen Medienberichten, wurde dem Tepco-Chef vorgeworfen, unverantwortlich zu handeln.
Kein Ende der Krise in Sicht
Nach den zahlreichen Rückschlagen, die Reaktoren am Unglücks-AKW Fukushima unter Kontrolle zu bringen, räumte der Tepco die unsicheren Aussichten für seine Versuche ein, eine Kernschmelze zu verhindern. Leider gebe es keinen konkreten Zeitplan, um klar zu sagen, in wie vielen Monaten oder Jahren die Krise vorbei sei, sagte der Tepco-Vizepräsident Sakae Muto.
An der Börse in Tokio brach die Tepco-Aktie am Montag um 14 Prozent ein. Der Atom-Experte Najmedin Meshkati von der University of Southern California sagte, die Situation sei deutlich ernster, als angegeben. "Das ist deutlich mehr als das, was eine Nation alleine bewältigen kann." Meshkati forderte ein Eingreifen des UNO-Sicherheitsrates.
Keine weiteren Schäden in Fukushima Eins
Das Zentrum des neuen Nachbebens vom Montag lag nach Angaben der nationalen Meteorologischen Behörde in knapp sechs Kilometer Tiefe vor der Küste der Unglücksprovinz Miyagi in einer Entfernung von 163 Kilometern von Fukushima. An dem dort havarierten Kernkraftwerk Eins waren laut Tepco keine weitere Schäden durch das neue Beben zu erkennen. Die USGS warnte vor weiteren Nachbeben.
Die Region war vor gut zwei Wochen von einem verheerenden Erdbeben der Stärke 9,0 sowie einem verheerenden Tsunami schwer zerstört worden. Mehr als 10.800 Menschen verloren ihr Leben, rund 16.000 Menschen gelten als weiterhin vermisst. Noch immer müssen mehr als 243.000 Menschen in Notunterkünften hausen. Die Behörden warnten die Bewohner auch für die nächste Zeit vor weiteren Nachbeben. (APA/red)