Kein Platz für Visionäre: Das Mittelmaß herrscht

27. März 2011, 18:48

Personelle Fehlentscheidungen sind nicht nur Josef Pröll geschuldet, sondern haben mit Fehlern zu tun, die seit der Ära Schüssel immer wieder vorkamen

Die Affäre Strasser hat in der ÖVP eine Führungsdiskussion ausgelöst. (Noch) Keine Obmanndiskussion, wie es in früheren Zeiten der Fall war - aber eine auch in Zeitungskommentaren ausführlich debattierte Überlegung, ob die Volkspartei gut aufgestellt ist. Die Lungenembolie von ÖVP-Chef Josef Pröll hat diese Krisensituation noch verschärft. Der Vizekanzler wird gesunden, aber sein Hauptproblem, sich in der Partei durchzusetzen, wird sich verstärken. Denn er muss hinfort leiser treten.

Die in den letzten Tagen aufgezählten personellen Fehlentscheidungen sind nicht nur Pröll geschuldet. Sie haben mit zwei Fehlern zu tun, die seit der Ära Schüssel immer wieder vorkamen. 1. Man ließ sich von Showqualitäten blenden und hat auf (charakterliche) Standfestigkeit nicht geschaut. 2. Man hat demoskopisch ermittelte oder medial gespielte Beliebtheitswerte zum maßgeblichen Entscheidungskriterium gemacht.

Beides hat sich bitter gerächt. Beispiele für 1: Schüssels Versuch, Karl-Heinz Grasser zum ÖVP-Chef zu machen, wurde in letzter Minute von Andreas Khol verhindert. Was den Weg für Willi Molterer ebnete, der kein Alphatier ist.

Beispiele für 1. und 2. unter Josef Pröll: Claudia Bandion-Ortner zur Justizministerin zu machen war keine fachliche, sondern eine wegen ihrer Rolle im Elsner-Prozess medial motivierte Entscheidung. Und Ernst Strasser? Auch hier bloße Spekulation mit der möglichen Beliebtheit, sonst nichts. Denn alle wussten längst um seine menschlichen Unzulänglichkeiten.

Sehr oft sind spätere Wahlsieger zum Zeitpunkt ihrer Machtübernahme weder Ranking-Stars noch Votegetter. Bestes Beispiel: Bruno Kreisky, der sich nur mühsam die Obmannschaft in der SPÖ erkämpfte. Oder Franz Vranitzky, aber auch Wolfgang Schüssel, der sich mit seinem Machtwillen den Kanzler und später, 2002, einen Wahlsieg holte.

Das Beispiel für Wien: Erhard Busek, der mit seinen "bunten Vögeln" 1978 und 1983 einen Stimmenanteil eroberte, von dem die ÖVP derzeit nicht einmal träumen kann. Bundesweit scheiterte er, weil er selbst in der eigenen Partei als "zu gescheit" galt - und die Funktionäre dies auch spüren ließ.

Bei der Feier zu Buseks 70. Geburtstag am Freitag spielten seine Freunde in einer Video-Doku Buseks Querdenken und Visionen vor. Gegen AKW, für die Hainburger Au, unablässig unterwegs für die Idee Mitteleuropas. Dafür wurde er bekämpft und gescholten, unter anderem von Josef Taus.

Der Prager Außenminister Karl Schwarzenberg, der eine der Laudationes hielt, widersprach Paul Lendvai, der Busek in einem originellen Testimonial bezüglich Beliebtheit im Osten mit Kaiser Franz Joseph verglichen hat. Die Buseks sei unter Intellektuellen größer. Außerdem habe der Kaiser keine Visionen gehabt.

In seiner Dankesrede konnte es Busek wieder einmal nicht lassen. Er lobte Schwarzenberg ob dessen erfolgreicher Parteigründung. Und stellte die Frage, ob man nicht auch die ÖVP "neu gründen" müsse.

Die ÖVP (aber auch die SPÖ) verkraften, selbst wenn es neue gäbe, keine Visionäre. Das Mittelmaß beherrscht die Szene.

gerfried.sperl@derStandard.at

p derStandard.at/Sperl

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
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martin star
00
Visionäre verkraftet das Volk nicht!

In der Politik herrscht das Mittelmaß und ideenlose Hetzerei weil das Volk genauso mittelmäßig ist.
Denken Sie allen Ernstes, dem Hilfsarbeiter aus Simmering oder den Schweinebauern aus NÖ interessieren die Zustände an den Unis oder der Zerfall des Rechtsstaates? Denen kommt man am besten mit Leistungsgerechtigkeit und Ausländerhetze anstatt längeren Bibliotheksöffnungszeiten.Das ist praktisch,weil Schlagwörter wie Leistungsgerechtigkeit kann man je nach Bedarf auspacken,und das gratis.
Visionäre wurden immer gemieden, oder verbrannt.Das Volk hat Angst vor Veränderung und vor Neuem.Wir leben in einer Demokratie (Demos-das Volk),die Politiker wissen das, und werden einen Teufel tun, sich das Leben selbst schwer zu machen.

Tan S. Taafl
02
28.3.2011, 19:28
Spekulation mit der möglichen Beliebtheit Strassers????

Das traue ich nicht einmal der ÖVP zu. Nach seinen emails wäre er in jeder anderen Zivilisation außerhalb Ösistans erledigt gewesen. Ich bin ziemlich sicher, dass die Initiative von Strasser ausgegangen ist. Anruf bei einem der Prölls, mehr hat es nicht gebbraucht.

Coleman Silk
00
28.3.2011, 19:26

ps: und nur eine/r fällt mir ein der wirklich wußte wie B ausschaut wenn A gesagt wurde. EINER/E in den letzten, sagen wir mal, 20 jahren. (wer, wird nicht verraten, da kann man leicht selber draufkommen)

und umgekehrt? wenn ich mich so in österreichs zivilgesellschaft umschaue, fallen mir 100e auf, die wüßten, die könnten, aber wollen sie auch? nein.

es muß endlich schluß sein mit dem/r politiker/in die nix kann außer nlp und in die kamera lächeln.

und was eine/n zb juristin/en dazu befähigt umweltminister zu sein wüßte ich auch gern.

einen uni abschluß in dem gebiet sonst gibts den job nicht und aus! (und nicht nur bei ministern!)

und bitte auch gleich endlich mal ein bißchen in bildung investieren. unsere akademikerquote ist schli

Coleman Silk
01
28.3.2011, 19:00

"Das Mittelmaß beherrscht die Szene."

schön wärs!

außer viele der basis der grünen, dem busek bei den schwarzen und ein,zwei genossen bei den roten würd mir niemand einfallen den man als mittelmaß durchgehen lassen kann. der rest ist erschreckend ungebildet, egoistisch und machtgeil.

Gobi Todic
00
28.3.2011, 18:42
naja

kaltenegger
lowpatka
kopf

sollten sich beruflich etwas anderes suchen, dann wäre schonmal das schlimmste beseitigt.

andreas lamers
 
03
28.3.2011, 18:25
nun die volkspartei

wurde gegruendet um die industrie, bauern und grosskapital mit banken zu vertreten. die mitglieder wurden von ihrem klientell auch immer gut bezahlt. da war die entscheidung fuer komunist oder sozialist schon frueher mal mehr eine entscheidung des idealismus, die arbeiter hatten eben nichts. wo ist die ueberraschung? die banken und konzerne haben sich geaendert und die anforderungen an ihre politiker auch. unverstaendlich ist nur das sie gewaehlt werden, von den menschen gegen die sie die politik machen, nur weil die menschen den irrtum unterliegen selber beim grosskapital zu sein(was eher eine falsche selbstrefexion ist)

venere nera
00
28.3.2011, 14:47
leider ist der zustand der "volksparteien" wahheitsgetreu beschrieben...

die spö wird wohl noch lange am abgang gusenbauers und dem aufstieg des krone-kollumenschreibers faymann leiden....

weshalb wurde gusi ausgetauscht? achja, um in der wählergunst nicht abzusacken: danke spö-vorstand: die kanzlerschaft strache bleibt euer geniestreich!

eure dumm-und kurzsichtigkeit setzt eben nicht der wohnbau-grinsekatze sondern dem strache die "krone" auf....

Holotrop
00
28.3.2011, 14:01
Wie denn nun, Herr Sperl?

entweder, oder? Oder ein bissl von allem?

DI Henning
00
28.3.2011, 12:53
Das Grundproblem von Schüssel I

war das dieses REgierungsteam eigentlich abgewählt wurde 99 (man erinnere sich 27 % und damit 3ter) doch durch die neuerliche Regierungsbeteiligung dieselben Personen sich weitergeschleppt hatten. 02 ging das noch gut mit dem Grassercoup, 06 kam dann die Rechnung.

Wenn die Obmanndebatte in der ÖVP beginnt, wer wird Prölls Nachfolger? Spindelegger? Und wer es auch ist, wird der den Bruch mit Pröll sen. wagen?

Da hilft nur Lagavulin!
02
28.3.2011, 14:14
wen bitte interessiert der narr in nö

Tino1967
 
02
28.3.2011, 18:40
Der "Narr"

hält das ganze Land in Geiselhaft!

Samthand Schuh
01
28.3.2011, 11:44

Gut gesprochen! Was soll man denn auch von einer Partei halten, die das Mästen von Schweinen zur höchsten politischen Maxime erwählt hat?

Sterzbold
18
28.3.2011, 11:10
Sperls Analyse ist zu obrigkeitshörig

Nicht „das Mittelmaß beherrscht die Szene“, wie dieser mittelkluge Kommentar uns erzählt, sondern die Ratlosigkeit. Den „Volksparteien“ läuft das Volk davon. Das verhindern weder Visionäre noch Mediengünstlinge. Es ist nicht besonders erhellend, das Problem derart zu personalisieren. Die soziologische, aber auch die moralische Komponente wird reduziert auf falsche Personalentscheidungen.

Es braucht aber keine besseren Obmänner, es braucht neue Formen der politischen Willensbildung, neue Spielregeln für direkte Bürgerbeteiligung, neue Ernsthaftigkeit, Bescheidenheit, Respekt vor den (Nicht-)Wählern und etwas ganz Altmodisches: Anstand.

Walter SB
00
28.3.2011, 15:33
Ihr Beitrag enthält einen konstruktiven Ansatz.

Jedoch -und so verstehe ich Sperl - wenn das Mittelmass herrscht,werden die Leute mit Visionen klein gehalten.
Von breiteren bürgerlichen Aufbegehren -wie Stuttgart 21 - sind die Österreicher noch weit entfernt.

Walter SB
00
28.3.2011, 15:30
Ihr Beitrag enthält einen konstruktiven Ansatz.

Holotrop
02
28.3.2011, 14:03
Oder einfach nur Rückgrat? So naiv das nun auch klingen mag??

Compound Interest Is Usury
02
28.3.2011, 10:51
Gründen Sie eine bürgerliche neue Partei Hr. Busek

schwarzenberg hat das auch geschafft

rompitasche
00
28.3.2011, 16:46

mit 70?

Ratten Heinzi
00
28.3.2011, 10:24
Ochlokratie!

MAXIMA
12
28.3.2011, 09:53
... das einzig richtige in diesem Artikel...

.... ist der Satz, das Mittelmaß beherrscht die Szene, aber ebenso diesen Beitrag.

Holotrop
00
28.3.2011, 14:09
Touche

teuerzahler
02
28.3.2011, 09:27
es regiert der bodenlurch!

presumption of innocence
12
28.3.2011, 09:14
Wenn wenigstens das Mittelmaß die Szene beherrschen würde, Herr Sperl

aber was auffällt ist, dass Ruß und Letztklassigkeit vorherrschen...Freunderlwirtschaft, Korruption, Egozentrik...alles arme Würstchen, ohne Selbstvertrauen, Rückgrat und Ethik (die manch einer mit "Mittelmaß" auf Gemeindeebene noch hat).

double standard
67
28.3.2011, 08:47

was für eine geistige flachwichserei hierzulande herrscht kann man eben auch daran ermessen dass busek als intellektuell durchgeht

Tan S. Taafl
00
28.3.2011, 19:40
Jein ...

.. einerseits ist diese katholische Betulichkeit schon ein Zumutung, andererseits muss man sagen, dass es in der SPÖ seit 30 Jahren niemanden gibt, der selbst die überschaubare Qualität des Busek hat. Beide Parteien ziehen das gleiche Personal an. Kroneleserbriefschreiber und Mumien vom Schlage Tumpel auf der einen, Korruptionisten und Landesfürsten mit zentralasiatischer Herrschaftsattitüde auf der anderen. Es ist traurig.

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