"Abenteuerlich, wie wenig Information man bekommt"

27. März 2011, 17:59
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    foto: tu wien

    Max Bichler ist Professor für Radiochemie am Atominstitut der Technischen Universität Wien.

Die bisher ausgetretenen Stoffe Cäsium und Jod bleiben vergleichsweise kurz im menschlichen Körper, sagt Radiochemiker Max Bichler

Warum ein Leck im Containment unwahrscheinlich ist, erklärt er Tobias Müller.

***

STANDARD: Laut einer Meldung Tepcos am Sonntag wurde in der Lacke in Reaktor 2 Jod 134 gefunden - was hieße das?

Bichler: Das kann ich mir nicht vorstellen, das ist wahrscheinlich ein Tippfehler. Gemeint sein könnte Jod 133. Jod 134 ist ein sehr kurzlebiges Spaltprodukt, es hat eine Halbwertszeit von etwa 50 Minuten. Das können Sie nur finden, wenn der Reaktor noch läuft, nicht zwei Wochen nachdem er abgeschaltet wurde. Liefe er noch, müssten Sie außerdem in dem Meerwasser, das zum Kühlen des Reaktors verwendet wird, noch raue Mengen anderer Stoffe wie etwa Natrium 24 oder Chlor 38 finden. Die wurden aber bisher nicht entdeckt. Ich will nichts beschönigen, aber es ist leider abenteuerlich, wie wenig vernünftige Informationen man bekommt.

STANDARD: Bisher sind hauptsächlich Jod und Cäsium gefunden worden. Warum?

Bichler: Weil beide bei relativ niedrigen Temperaturen verdampfen und gasförmig entweichen können. Sie verbinden sich zu einem Salz, dem Cäsium-Jodid, das sehr gut wasserlöslich ist. Wenn man das aufnimmt, lagert sich Jod in der Schilddrüse ab und Cäsium in den Muskeln. Dort werden sie eingebaut, die Strahlung, die davon ausgeht, kann das Nachbargewebe schädigen. Bei jungem Gewebe, etwa bei Kindern, ist das kritischer, weil sich die Zellen mehr teilen als im erwachsenen Alter. Auf Föten hat daher etwa auch Röntgenstrahlung weit höhere Auswirkungen als auf Kinder oder Erwachsene. Entscheidend für den möglichen Schaden ist auch die biologische Halbwertszeit, also wie lange Jod und Cäsium im Körper bleiben. Bei Cäsium dauert es einige Monate bis zu einem halben Jahr, bis es durch Stoffwechsel ausgeschieden ist, bei Jod etwa 80 Tage.

STANDARD: Welche anderen Stoffe könnten noch austreten?

Bichler: Wenn es wirklich ein gröberes Leck im Containment gibt, dann muss auch Strontium 90 in großer Menge austreten. Das verdampft zwar erst bei sehr sehr hohen Temperaturen, es geht aber ins Wasser und von dort dann etwa ins Meer oder in den Boden. Da muss man gut aufpassen. Strontium 90 hat eine lange Halbwertszeit, etwa 30 Jahre, und vor allem eine sehr lange biologische Halbwertszeit. Es wird vom Körper mit Kalzium verwechselt und in den Knochen eingebaut. Strontium 90 ist relativ harmlos, ein weicher Beta-Strahler, aber es zerfällt zu Yttrium 90. Das wiederum ist ein harter Beta- und Gammastrahler, der schwere Schäden im Knochenmark verursacht.

STANDARD: Wenn es bisher nicht gefunden wurde, spricht das dafür, dass das Containment dicht ist?

Bichler: Ja, das ist meine große Hoffnung. Die Frage ist: Hat man es nicht gefunden - oder hat man bisher nicht danach gesucht? Wenn die Brennelemente so weit beschädigt sind, dass der Brennstoff mit dem Primärwasser, also jenem aus dem Kühlkreislauf, in Berührung kommt, und dieses Wasser ausläuft, dann müsste dort auch Strontium 90 zu finden sein.

STANDARD: Auch im Meerwasser wurden stark erhöhte Jod- und Cäsium-Werte gemessen. Bauen Fische das auch ein wie Menschen?

Bichler: Im Prinzip ja. Die Gräten vom Fisch sind ähnlich aufgebaut wie bei Säugetieren. Auch hier wird dann Strontium statt Kalzium eingearbeitet. Auch Jod und Cäsium nehmen sie genauso auf. Für den Menschen problematisch werden könnte das Cäsium, das sich im Fischfleisch ablagert. Das ist so wie in Österreich mit dem Wildfleisch. In dem war nach dem Unfall in Tschernobyl die erhöhte Cäsium-Belastung auch sehr gut messbar. (Tobias Müller, DER STANDARD-Printausgabe, 28.3.2011)

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Posting 1 bis 25 von 141
1 2 3 4
progo
00

Bichler: "Ich will nichts beschönigen, aber es ist leider abenteuerlich, wie wenig vernünftige Informationen man bekommt."

Meint offensichtlich damit: "Unglaublich wieviel Scheiße geschrieben wird"

Headline: "Abenteuerlich, wie wenig Information man bekommt"

Vorschlag für nächsten Artikel: "Experten einig. Kaum Information vorhanden"

a b1
20
30.3.2011, 11:53
Das ist keine Studentenplattform

Also, wenn ich in offensichtlicher Opposition zu eurem Professor der Meinung bin, dass radioaktive Strahlung in hohen Mengen schädlich ist, obwohl sie auch in der Natur vorkommt, dann

- braucht mich niemand mit Minus zu bewerten
- ist das sehr wohl eine Meinung

Mir langt es langsam, so viele unqualifizierte Antworten zu erhalten.

Lernt endlich alle lesen.

Loxoceles
00
29.3.2011, 02:54

Nun wurde doch Plutonium im Freien gefunden. Herr Bichler, könnten Sie etwas über Plutonium erzählen?

bichler1
 
02
29.3.2011, 08:31
Wieder nur Bruchstückinformation

Um Schlüsse daraus ziehen zu können wäre es notwendig zu wissen:
1) Wie hoch ist die Konzentration / Aktivität in der Probe
2) welche der Plutoniumisotope wurden gefunden

Dann, und nur dann kann man genaueres sagen, zB. wann es aus dem Reaktor entwichen ist und woher das Pu stammt. Es gibt eine ganz Reihe von Isotopen mit sehr unterschiedlichen Halbwertszeiten, die das ermöglichen könnten.

Soph
01
29.3.2011, 09:27
Die Frage ist nun...

- haben die Leute vor Ort diese Informationen und wollen sie nicht hergeben oder
- sind sie so mit der Situation überfordert, dass sie keine vernünftigen Messungen machen?

rank7
00
29.3.2011, 11:08

ok, also auch in Japan gibt es ja wohl mit der Materie vertraute Experten, gar so unterschätzen sollte man die Japaner nun auch wieder nicht, auch wenn sie jetzt kein gutes Bild von sich abgeben, insofern kann man schon davon ausgehen, dass es die eine oder andere aussagekräftige Messung gibt.
es fragt sich allerdings schon, so heikel das nun auch klingen mag, wieso, ganz jenseits von dem japanischen Zwangsverhalten und den Schwierigkeiten zwischen Tepco und der Regierung, diese Informationen überhaupt aktuell an eine breite Öffentlichkeit weitergegeben werden sollten.

Loxoceles
00
29.3.2011, 18:30

Würden die Spektren veröffentlicht, könnte die Schwarmintelligenz internationaler Radiochemiker und Nuklearphysiker weltweit genutzt werden.
Dann dauert es auch nicht eine Woche, bis eine Bodenprobe analysiert ist, sondern vielleicht einen Tag.

Diese Mechanismen setzt Tepco nicht ein. Sie wollen lieber selber weitergurken.

Helmut Schiestl
00
29.3.2011, 00:15
Was bedeuten die Zahlen nach dem Elementnamen

Was bedeuten eigentlich die Zahlen hinter den Nukliden, zum Beispiel Jod 134 oder Jod 133? Ist das die Zahl der Elementarteilchen, aus denen das Element besteht. Vielleicht könnte der STANDARD einmal unter den vielen Artikeln zum Atomunfall in Japan ein kleines Glossar zusammenstellen, ich glaube nicht, dass viele Leser/innen verstehen, um was es bei den atomaren Termini überhaupt geht

Loxoceles
00
29.3.2011, 02:35

Die Zahlen hinter dem Elementnamen sind die sogenannten "Massenzahlen".
Ein Atom besteht aus einem Atomkern und einer Hülle.
Die Hülle besteht aus Elektronen (elektrisch negativ geladen). Der Kern besteht aus Protonen (elektrisch positiv geladen) und Neutronen (elektrisch neutral).
Gibt es gleich viele Elektronen wie Protonen, so ist das Atom insgesamt elektrisch neutral. Sind die Anzahlen ungleich, so ist das Atom elektrisch geladen, ein sog. "Ion". Die Anzahl der Protonen ist die sog. "Kernladungszahl". Die Bezeichnung der Elemente geschieht nach der Kernladungszahl.
Um diese geht es hier aber nicht.

Die Anzahl der Teilchen im Kern, also Anzahl der Protonen plus Anzahl der Elektronen, ist die sog. "Massenzahl". Um diese handelt es sich.

Loxoceles
00
29.3.2011, 02:52

Korrektur: Die Anzahl der Protonen plus die Anzahl der Neutronen ist die sogenannte Masssenzahl.

Für die Chemie sind hauptsächlich die Protonenanzahl und die Elektronenanzahl relevant. Die Bennenung der Elemente erfolgt prinzipiell nach der Protonenanzahl, zB.
1 Proton ... Wasserstoff
2 Protonen ... Helium
3 Protonen ... Lithium

Atome mit gleicher Protonenanzahl heißen "Isotope".

Beispiel:
Kohlenstoff. 6 Protonen. Am meisten auftretend als C-12, also 6 Protonen und 12-6=6 Neutronen.
Für die "Radiokarbonmethode" bei der Alterbestimmung wird ein anderes Kohlenstoff-Isotop herangezogen: C-14, also 6 Protonen und 14-6=8 Neutronen. C-14 ist schwerer als C-12.

Iod: 53 Protonen. Iod 133 hat 133-53=80 Neutronen. Iod 134 hat 134-53=81 Neutronen.

Helmut Schiestl
00
29.3.2011, 09:16
Präzise Antwort

Vielen Dank für die präzise Antwort!

heinz feichtinger
30
28.3.2011, 20:46
Ein wenig unwahrscheinlich, dass man die Katastrophe von Fukischimaverhindern kann.

Gerhard Ingolf
02
28.3.2011, 23:44

??? Die Katastrophe ist doch mit partieller Kernschmelze in 3 Reaktoren längst passiert! Wie sollte es auch anders sein, wenn durch den Tsunami die ganzen Notkühlsysteme ausgeschaltet werden und die Reaktoren durch Tage nicht gekühlt werden konnten. Jetzt sind aber die kurzlebigen Isotope zerfallen und die Zerfallswärme ist stark zurückgegangen. Da wird nicht mehr viel zusätzliches passieren.
Und ja, es ist eine Katastrophe, auch wenn die Auswirkungen weit nicht in dem Ausmaß gegeben sind, das von den Medien, Kromp und der sonstigen Anti-AKW Bewegung versprochen wurde.

Araquin
114
28.3.2011, 12:39
Nicht "abenteuerlich": Das hat System.

Aus den Urzeiten der Anti-Atombewegung kann ich melden, daß das Verschweigen von Risiken, Halbwahrheiten bis hin zur Irreführung fester Bestandteil der AKW-Lobby ist.

Das war damals so, das ist heute so.

Denn bei einer vollen Produkt-Deklaration (bei den Auflagen für Zigarettenpackerln oder Medikamentenbeipackzetteln sind die Gesetzgeber weltweit ja wesentlich weniger gschamig gewesen) wäre kein einziges AKW gebaut worden.

Gerhard Hofegger
00
28.3.2011, 15:37

Warum werden eigentlich im Falle eines sogenannten, Zwischenfalls, diese Kraftwerksbetreiber nicht in die Pflicht genommen? Und zwar auch dann, wenn Naturkatastrophen die Auslöser sind. Die Betreiber argunentieren ja auch mit der Sicherheit ihrer Kraftwerke. Falls Atomkraftwerke so sicher sind dürfte das ja kein Problem sein. Das Vermögen aller Atomkraftwerksbetreiber wird zur Schadenswiedergutmachung herangezogen. Da davon auszugehen ist das die Betreiber solcher Kraftwerke dann pleite sind hat sich ein weiteres Problem von selbst gelöst. Und endlich wird auch in Richtung alternative Energie was weiter gehen. Bin davon überzeugt das Lösungen bereits unterm Schreibtisch vorhanden sind.

heinz feichtinger
20
28.3.2011, 20:38
Sie i haben scheinbar eub Legastenieproblem.

Loxoceles
00
28.3.2011, 16:06

"Die Betreiber argumentieren ja auch mit der Sicherheit ihrer Kraftwerke."

Dies allerdings so gut, dass seltsamerweise gerade die Versicherungsbranche nicht bereit ist, AKWs zu versichern!

KomaPoster
111
28.3.2011, 12:01
Wohltuend, nach der Kromp Hysterie.

OttotheBusdriver
01
28.3.2011, 11:36
Der Stoff mit der kürzesten jemals gemessenen Halbwertszeit:

Ottos Arbeitseifer am Montag Morgen

carlito_brigante
02
28.3.2011, 11:09
zum thema wildfleisch

bei wildschweinen aus süddeutschland würde ich übrigens heute noch vom verzehr abraten, genauso von bestimmten pilzarten oder trüffel. die cäsium belastung IST nämlich immer noch erhöht.

http://www.spiegel.de/wissensch... 39,00.html

·Übermorgen·
02
28.3.2011, 14:55

/Trüffelsuche per Geigerzähler, mal was anderes./

bichler1
 
00
28.3.2011, 11:32
Danke für den Link,

Hirschtrüffeln gibt es übrigens auch in der Wiener Umgebung, aber sie sind nicht wirklich geniessbar.

spock
01
28.3.2011, 11:53

wiener umgebung ist auch egal, es gab bei tschernobyl gebiete die eine besonders hohe strahlung abbekommen haben und zu den kontaminierten gebieten gehörten. das waren gebiete in schweden, aber zb auch in bayern. das hing von der damaligen windrichtung ab und von den niederschlägen.

niksn
02
28.3.2011, 11:01
visualisierung von sieverts

http://microsievert.net/

Martin Müller10
 
127
28.3.2011, 09:48
An die derstandard Red

Könnte man Hrn. Prof Bichler nicht als freien Mitarbeiter zum Thema Fukushima gewinnen? Er hat das notwendige Fachwissen und polemisiert nicht!

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