Die bisher ausgetretenen Stoffe Cäsium und Jod bleiben vergleichsweise kurz im menschlichen Körper, sagt Radiochemiker Max Bichler
Warum ein Leck im Containment unwahrscheinlich ist, erklärt er Tobias Müller.
***
STANDARD: Laut einer Meldung Tepcos am Sonntag wurde in der Lacke in Reaktor 2 Jod 134 gefunden - was hieße das?
Bichler: Das kann ich mir nicht vorstellen, das ist wahrscheinlich ein Tippfehler. Gemeint sein könnte Jod 133. Jod 134 ist ein sehr kurzlebiges Spaltprodukt, es hat eine Halbwertszeit von etwa 50 Minuten. Das können Sie nur finden, wenn der Reaktor noch läuft, nicht zwei Wochen nachdem er abgeschaltet wurde. Liefe er noch, müssten Sie außerdem in dem Meerwasser, das zum Kühlen des Reaktors verwendet wird, noch raue Mengen anderer Stoffe wie etwa Natrium 24 oder Chlor 38 finden. Die wurden aber bisher nicht entdeckt. Ich will nichts beschönigen, aber es ist leider abenteuerlich, wie wenig vernünftige Informationen man bekommt.
STANDARD: Bisher sind hauptsächlich Jod und Cäsium gefunden worden. Warum?
Bichler: Weil beide bei relativ niedrigen Temperaturen verdampfen und gasförmig entweichen können. Sie verbinden sich zu einem Salz, dem Cäsium-Jodid, das sehr gut wasserlöslich ist. Wenn man das aufnimmt, lagert sich Jod in der Schilddrüse ab und Cäsium in den Muskeln. Dort werden sie eingebaut, die Strahlung, die davon ausgeht, kann das Nachbargewebe schädigen. Bei jungem Gewebe, etwa bei Kindern, ist das kritischer, weil sich die Zellen mehr teilen als im erwachsenen Alter. Auf Föten hat daher etwa auch Röntgenstrahlung weit höhere Auswirkungen als auf Kinder oder Erwachsene. Entscheidend für den möglichen Schaden ist auch die biologische Halbwertszeit, also wie lange Jod und Cäsium im Körper bleiben. Bei Cäsium dauert es einige Monate bis zu einem halben Jahr, bis es durch Stoffwechsel ausgeschieden ist, bei Jod etwa 80 Tage.
STANDARD: Welche anderen Stoffe könnten noch austreten?
Bichler: Wenn es wirklich ein gröberes Leck im Containment gibt, dann muss auch Strontium 90 in großer Menge austreten. Das verdampft zwar erst bei sehr sehr hohen Temperaturen, es geht aber ins Wasser und von dort dann etwa ins Meer oder in den Boden. Da muss man gut aufpassen. Strontium 90 hat eine lange Halbwertszeit, etwa 30 Jahre, und vor allem eine sehr lange biologische Halbwertszeit. Es wird vom Körper mit Kalzium verwechselt und in den Knochen eingebaut. Strontium 90 ist relativ harmlos, ein weicher Beta-Strahler, aber es zerfällt zu Yttrium 90. Das wiederum ist ein harter Beta- und Gammastrahler, der schwere Schäden im Knochenmark verursacht.
STANDARD: Wenn es bisher nicht gefunden wurde, spricht das dafür, dass das Containment dicht ist?
Bichler: Ja, das ist meine große Hoffnung. Die Frage ist: Hat man es nicht gefunden - oder hat man bisher nicht danach gesucht? Wenn die Brennelemente so weit beschädigt sind, dass der Brennstoff mit dem Primärwasser, also jenem aus dem Kühlkreislauf, in Berührung kommt, und dieses Wasser ausläuft, dann müsste dort auch Strontium 90 zu finden sein.
STANDARD: Auch im Meerwasser wurden stark erhöhte Jod- und Cäsium-Werte gemessen. Bauen Fische das auch ein wie Menschen?
Bichler: Im Prinzip ja. Die Gräten vom Fisch sind ähnlich aufgebaut wie bei Säugetieren. Auch hier wird dann Strontium statt Kalzium eingearbeitet. Auch Jod und Cäsium nehmen sie genauso auf. Für den Menschen problematisch werden könnte das Cäsium, das sich im Fischfleisch ablagert. Das ist so wie in Österreich mit dem Wildfleisch. In dem war nach dem Unfall in Tschernobyl die erhöhte Cäsium-Belastung auch sehr gut messbar. (Tobias Müller, DER STANDARD-Printausgabe, 28.3.2011)