Der neue Wüsten-Hitler ist da

Stefan Gärtner, 25. März 2011, 11:32

Der Krieg in Libyen wirft einen Schlagschatten auf alle, die sich nun dazu äußern. Idealist oder Materialist - das ist die Gretchenfrage, wenn es gegen Gaddafi geht

Es ist so eine Sache mit gerechten Kriegen; und so wie sonst auch im Leben, scheiden sich die Geister entlang der Grenze, die den Idealisten vom Materialisten trennt.

Verkürzt gesprochen, bestimmt dem Idealisten das Bewusstsein das Sein: Die Welt ist der Idee untertan, nicht umgekehrt. Ein solcher Idealist wäre der emeritierte Berliner Rechtsprofessor Tomuschat, der die Kritik, die sein Hamburger Kollege Merkel in der "FAZ" an der UN-Resolution betreffs Gaddafi wie am damit begründeten Krieg geübt hatte ("Der demokratische Interventionismus, propagiert 2003, als sich die irakischen Massenvernichtungswaffen als Lüge erwiesen, und jetzt in der euphemistischen Maske einer Pflicht zur kriegerischen Hilfe im Freiheitskampf wieder erstanden, ist politisch, ethisch und völkerrechtlich eine Missgeburt"), als "arrogant" und "willfährigen Pazifismus" zurückgewiesen hatte: "Die Gefangenen in den libyschen Foltergefängnissen sind eine Realität ebenso wie die Drohungen aus dem Munde des Gewaltherrschers, nach seinem Siege blutige Rache an allen Aufständischen zu üben - und eben nicht die Regeln des humanitären Rechts einzuhalten.

Konfrontation trotz Anbiederung

Externe Legitimität gegenüber der Völkergemeinschaft genießt der Diktator schon lange nicht mehr. Exemplarisch zeigt sich an dem Eingreifen, dass die Staatengemeinschaft sich eben trotz aller mitunter peinlichen Anbiederungsversuche auch westlicher Staatsführer internationalen Wertmaßstäben verbunden fühlt. Maßstäbe, die für den Idealisten per se gelten und nicht etwa Funktionen der Marktlage sind. "Responsibility to Protect", Schutzpflicht, heißt das bei den Vereinten Nationen: Menschenrecht geht vor Gewaltverbot, wenn auch nur unter ganz bestimmten Umständen (von denen nicht sicher ist, ob sie im libyschen Bürgerkrieg überhaupt gegeben sind).

Der Materialist nun hält es umgekehrt: Für ihn, man ahnt es, bestimmt das Sein das Bewusstsein und das Fressen die Moral. Bevor er einem Krieg zustimmen mag, will er die Frage beantwortet haben, ob der Idealismus, aus dem Kriege geführt werden (und jeder Krieg wird offiziell aus Idealismus geführt), ein echter sei oder doch bloß ein bemäntelter Materialismus, ob also die üblichen Kämpfe für Freiheit und Menschenrecht nicht doch andere Motive haben, als libysche Folteropfer aus ihren Verliesen zu befreien (denn in 150 Ländern wird, laut Amnesty International, gefoltert, da hätte die "Allianz der Willigen" ganz schön zu tun). "Als die Völker der arabischen Länder begannen, sich gegen ihre Diktatoren aufzulehnen, bot Frankreichs später geschasste Außenministerin Michèle Alliot-Marie noch dem tunesischen Regime Frankreichs ,Know-how‘ in Sachen innere Sicherheit an. Diese Fehltritte will Sarkozy nun in Libyen wegbomben" (Handelsblatt). So wie Hochverrat ist auch die Gerechtigkeit eines Krieges eine Frage des Zeitpunkts, und es verschafft dem Materialisten einen gewissen Vorteil, dass er persönlichen Interessen grosso modo mehr zutraut als solchen, die das höhere Wohl irgendwelcher Kollektive vorschützen; in diesem Sinne ist der Kollege, der für die Süddeutsche Zeitung aus London berichtet und als Motiv für die Kriegsbegeisterung des britischen Premiers "die Ablenkung der öffentlichen Meinung von innenpolitischen Nöten" unterstellte, ein Bruder im Geiste. Und die Enthaltung der Bundesregierung in eben dem Weltsicherheitsrat, in dem sie doch einen festen Sitz anstrebt, hat natürlich gleichfalls häusliche Gründe: Noch unbeliebter als Atomkraft ist in Deutschland nur die Afghanistan-Mission. Und übermorgen sind Wahlen.

Gaddafi macht es einem nicht leicht, Pazifist zu bleiben

Es ist angesichts einer Figur wie Gaddafi nicht leicht, Pazifist zu bleiben, und intuitiv möchte man den Aufständischen drei Dutzend Divisionen schenken, damit sie den Bösewicht hinfortfegen und ein Regime des Glücks und der Gerechtigkeit errichten. Viel leichter ist es - trotz vielfältiger und vielversprechender Embargo-Optionen ("Libyen geht das Benzin aus", Spiegel online, 24.3.) -, am warmen Redaktionsschreibtisch einen Krieg zu bejubeln, den man persönlich weder ausfechten noch erleiden muss („Im Krieg und im Recht", "SZ"). Dass ausgerechnet sinistre Herrschaften wie J. Fischer und D. Cohn-Bendit - die den NATO-Krieg auf dem Balkan zum Menschenrechtsfeldzug stilisierten und sich aber stur nur um die Menschenrechtsverletzungen der einen, der serbischen Seite kümmerten, während völkische Terroristen und mafiotische Clan-Gangster, sofern Albaner oder Kroaten, als „Freiheitskämpfer" durchgingen - den deutschen Willen zum Nichtkriegführen für "skandalös" und "indiskutabel" halten, trägt nicht eben dazu bei, die (überhaupt ziemlich voluntaristisch anmutende) Operation, die offiziell keine zum Sturz Gaddafis sein darf, aber faktisch eine ist, für einen Moralfeldzug erster Kategorie zu halten.

So sehr es das intuitive Gerechtigkeitsempfinden auch stören mag und so sehr man sich vor deutschen Sonderwegen fürchten soll: Vor einem Ad-hoc-Recht, das nach Tageslage die Kumpel von gestern heute als Wüsten-Hitler bombardiert, schützt allein das bereits von Kant formulierte und von Prof. Merkel noch einmal herausgestrichene Urprinzip des Völkerrechts, "die Garantie des Gewaltverbots und seiner vernünftigen Grenzen als Grundprinzip der Weltordnung. Der Krieg wird diese Grenzen weiter ins machtpolitisch Disponible verschieben. So berechtigt seine humanitären Ziele sind: Die Beschädigung der Fundamente des Völkerrechts decken sie nicht." (derStandard.at, 25.3.2011)

Autor

Stefan Gärtner, The European, studierte Geisteswissenschaftliches in Mainz und New York und war von 1999 bis 2009 Redakteur beim Satiremagazin "Titanic"

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Titanic Autoren im Standard?

Jedenfalls Abseits aller Vernunft können Dogmen wie "Völkerrechtswiedrig" keinesfalls das Wegschauen beschönigen. Die Haltung Merkels ist hochgradig Schizophren, und alles andere als ein Einschreiten (diesmal war es wohl einige Tage zu spät!) grob fahrlässig. Nur: Auch Notwehrüberschreitung ist ein Vergehen, und die Wahl der Waffen ist sorgfältig abzuwägen, und mir scheinen die Eurofighter dort masslos deplaziert.

Das Gaddafi Regime schiesst auf Putschisten .
Jeder Staat würde sich auf diese Weise gegen gewalttätige Putschisten wehren .
Die EU Verfassung erlaubt explizit
in solchen Fällen die Gewaltanwendung ...

menschenrecht vs. völkerrecht?

und wenn schon geschichte, dann bitte das ganze bild. denn in ex-jugo sind keine der jetzigen staaten nicht schon unter tito da gewesen. die landessprache war serbo-kroatisch. es gab konzentrationslager, es gab den gefürchteten geheimdienst u.v.m. alles serbisch dominiert. und letztlich auch ein motor dafür, dass menschen dort reihenweise gerne in den nachbarländern ansiedelten bzw. ansiedeln mussten. es war daher historisch ein klarer schritt auch zu neuen nationalstaaten, der ja die ehemaligen machthaber zunächst keineswegs befriedigt hat. soll's ja anderswo noch geben.

und unterstützung von bürgerkrieg. franco-spanien? reihenweise sind menschen dorthin gepilgert, um diesen bürgerkrieg mit waffen zu unterstützen. was wäre denn das?

1.

Das kommunistische Jugoslawien war sicherlich nicht serbisch dominiert, das ist eines der Mythen die im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen entstanden. Auch gab es keine kz's im Sinne von Vernichtungslager wie Auschwitz oder Dachau. Dabei wurde und wird übersehen, dass die meisten südosteuropäischen Völker länger zusammen als getrennt lebten, ob in Byzanz, im Osmanischen Reich, ob im Kaisertum Österreich und später Österreich-Ungarn, und letztlich in einem Jugoslawien. Die Phase der Eigenstaatlichkeit war sehr kurz im Vergleich zum freiwilligen oder unfreiwilligen Gemeinsam sein, als Belgrad, Zagreb, Ljubljana, Sarajevo, Wien oder Istanbul allesamt zum gleichen Staat gehörten.

2.

Wir haben tausend Jahre Gemeinsamkeit und ganze zwanzig, dreißig, vielleicht fünfzig Jahre Eigenstaatlichkeit, verteilt auf die Geschichte. Stattdessen wurde uns genau das Gegenteil suggeriert, wonach z.B. Jugoslawien ein Kunststaat war und Nationalstaatlichkeit der normale, natürliche Zustand, welcher wiederhergestellt gehört. Was wiederum ein Grund für die Kriege war, als es dann um die Frage ging: Nach so langer Gemeinsamkeit, was sind wir nun, wer sind wir, und.. was gehört überhaupt uns?

3.

Die gleiche Frage beschäftigte auch Österreich nach 1918, und wie wir wissen, diese Frage wurde in den nachfolgenden Jahren und Jahrzehnten nicht unbedingt glücklich gelöst. Es ist daher etwas paradox, wenn wir auf ein gemeinsames Europa zusteuern wollen, aber gleichzeitig unsere Gemeinsamkeit, welche den größten Teil unserer Geschichte ausmacht, ignorieren und diese gar anfeinden möchten. Ein Ehepaar mag sich irgendwann scheiden, aber in ihren Kindern wird ihre Ehe bestehen bleiben, ob es den geschiedenen Leuten dann passt oder nicht. Wir können also jenes, was wir gemeinsam haben, nicht einfach so auslöschen, als wäre nie etwas gewesen.

bitte um belehrung

was ist ein SCHLAGSCHATTEN, was ist ein SCHATTEN?

Schlagschatten

Der Schlagschatten wird auf einem hellen Hintergrund hervorgerufen, wenn das Objekt davor von einer nahezu punktförmigen Lichtquelle (Sonne, Scheinwerfer, Fotoblitz) beleuchtet wird.
Dieser Schatten ist bemerkenswert scharf und wird daher vom Betrachter besonders intensiv wahrgenommen.

Schatten wird durch ein Objekt von jeglicher Lichtquelle als Projektion auf eine Oberfläche hervorgerufen,

Schlagschatten auf einer zumeist weißen Oberfläche, so dass der Kontrast zur direkt beleuchteten Fläche besonders hoch ist.

Nur weil einer spinnt, ist er noch lange kein Hitler.

"Der neue Wüsten-Hitler ist da"

Auf so eine Schlagzeile kommen nur von der Propaganda beeinflusste bzw. möglicherweise gehirngewaschene Naturen.

vor allem bedenklich:
wer war/ist der Alte?

Ich finde ein Thema kommt bei diesem Artikel sehr gut heraus...

Scharz/weiß -gut/böse gibt es nicht, sobald Krieg geführt wird....auch der Seitenhieb auf die politische Haltung bzgl. Ex-Jugoslawien gefällt mir sehr gut...und Österreich war politisch damals ja ganz vorne dabei -sowohl politisch als auch medial!

Bei einer 3/5 Mehrheit
im ständigen Sicherheitsrat der UNO
für Natomitglieder
und bei einer ob maßsloser Rüstung
Beinahemonopol der Nato bei
Militärgewalt und Massenvernichtungsmittel
ist die Einhaltung des Völkerrechts
bedeutender denn je

merkwürdig, dass die interventionen im jugoslawischen bürgerkrieg der amnesie verfallen sind
nun ja, medienleute und ihr gedächtnis

das wort hitler wird auch immer inflationärer verwendet. wann wird endlich begriffen, dass dies, wie alles in der geschichte, ein einmaliger vorfall war? wir sind nicht in der physik, wo alle experimente beliebig oft wiederholt werden können.

schon, aber wenn sie sich mal die rhetorik des herrn G. anschaun, müssens doch zugeben, dass der vergleich schon lang nicht so passend war, wie in diesem fall.

Es geht eben nicht um idealist vs. materialist. Vielleicht hätte herr g. ja geschichte oder politikwissenschaften oder meinetwegen philosophie (fertig) studieren sollen anstatt "geisteswissenschaftliches" - dann hätte er vielleicht irgendwann mal denken gelernt...

Da sieht man wieder mal, wieviele Poster nur die Überschrift lesen und schon drauflosfeuern. G. wir ja gerade NICHT in seiner Schrecklichkeit dem H. gleichgesetzt. Wäre wirklich eine unzulässige Verharmlosung vom H.

Vollkommen richtig, ich glaub selbst der G. war perplex, gestern noch die umworbene Diva in Rom und Paris, heute gebens mir einen Tritt?

Völkerrechtswidrig?

Aber ich glaube gerade das wars, besonders in Paris, die dortige Diva namens Sarko ist da sehr empfindlich.

Irgendwie hat das auch noch nach so einem Dominolauf ausgeschaut, wie wenns auf einmal ganz einfach wäre, die Problemfälle zu bereinigen.

dann soll der autor das wort hitler auch nicht in der überschrift verwenden.

Dazu ist gekommen, dass nan als "freier westen" den peinlichen eindruck übertünchen wollte, den man bei der revolution in ägypten gemacht hat. Und mit Lybien war jemand da, den man seit jahrzehnten als feindbild gepflegt hat. Dann schnell mal ein paar bomben werfen, und schon liegt einem die arabische welt wieder zu füssen. Dachte man.

Die Welt der Scherenschnitte.

Ein Sozialist darf kein Unternehmen besitzen
Ein Atheist darf nicht mit der Kirche ko-operiern
Ein Minimalist darf keine grosse Oper besuchen
und ein
Pazifist darf natürlich nicht mit der Waffe kämpfen

Warum eigentlich?

Weil er dann nicht mehr wäre

Was er vorgibt zu sein

Sagt die einfaeltige Philosophie

des schwarz-weiss. Jene, die nur Idealismus versus Materialismus kennen. Nie etwas über spekulative Philosophie gegruebelt .... das Absolute der Realität, das Sein als Auspraegung des Augenblicks, die Kraft des konstruierenden Lernens, ...

wenn sie aus einem baum einen tisch machen

mag es für sie immer noch ein baum sein; für mich und wohl die meisten anderen ist es jedoch ein tisch

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