Die Einäugigkeit der Geschlechterdebatte

24. März 2011, 21:28
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Und wie Männeranliegen dadurch ins rechte Eck gerückt werden: Replik auf die feministischen Empörungsentladungen zu Hollstein-Kommentar

Dass Walter Hollsteins Kommentar zur "ungestellten Männerfrage" jede Menge Entrüstung - vor allem wegen des Datums seines Erscheinens - auslösen würde, war nicht schwer vorherzusehen. Dass und wie die Entrüstung sich - nicht nur in diesem Fall - ausdrückt, stimmt allerdings nachdenklich: Autoren, die auf diese Weise ihre Meinung äußern, sind dann sehr schnell einmal "sexistisch", "reaktionär", "Väterrechtler", "ultrarechts" - auf jeden Fall: "das Letzte vom Letzten".

Diese extreme Spaltungsneigung in Gut und Böse habe ich selbst als zu Vater- und Männerthemen Referierender x-mal erlebt: Sagst du etwas zu den Problemen von Männern, verleugnest du die Frauenprobleme; sagst du etwas zum häufigeren Vorkommen nichtsexueller Gewalt gegen Kinder in der Familie, bist du ein Verharmloser sexuellen Missbrauchs durch Männer; sagst du etwas zum Anteil von Müttern an der familiären Gewalt, wirst du bezichtigt, den Frauen die Schuld an der Gewalt gegen Kinder zu geben; sagst du etwas zu den Problemen von Burschen und Männern, gerätst du in die Nähe eines verdächtigen "Maskulisten" (wobei die Pendants zu "Feminismus" und "Frauenrechtlerin" interessanter Weise politisch unkorrekt sind!); man könnte die Liste fortsetzen: Hickhack!

Diese Art moralischer Empörung (von der schon Brecht sagte, dass sie immer erkenntnismindernd sei), wie sie sich in Zuschriften an den Standard Luft machte, lässt denn auch bezeichnender Weise die realen Probleme völlig aus dem Blick geraten: nämlich jene, die zeigen, dass das Patriarchat sozusagen auch seine männlichen Kinder frisst und die im Sinne einer egalitären Geschlechterpolitik einfach nicht unter den Tisch fallen dürfen! Vaterlosigkeit, Bubenprobleme, höhere Krankheits- und Suizidraten, Bildungsprobleme usw. werden flugs zu "antifeministischen" Allgemeinplätzen heruntergemacht.

Es gibt diese Probleme aber nachweislich - zum Beispiel die massiven Verunsicherungen und Auffälligkeiten, die wir bei heranwachsenden männlichen Jugendlichen beobachten können. Ich habe das Wochenende vor dem 8. März auf einer Tagung mit führenden deutschen Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten verbracht, also mit Frauen (!) und Männern, die seit Jahrzehnten mit den Schwierigkeiten und Symptomen von Mädchen und Jungen befasst sind und die wissen, wovon sie sprechen: von zunehmenden prekären Situationen des Heranwachsens vor allem männlicher Kinder und Jugendlicher, von der Schnellschussetikette "ADHS", die zu mehr als 85 Prozent Buben betrifft, mittels derer sie medikamentös ruhiggestellt werden sollen, von den häufigeren Geschlechtsidentitätsproblemen, der Vatersehnsucht, den Sprach-, Schreib- und Lesestörungen usw., die allesamt viel mehr Buben als Mädchen betreffen. Fachleute, die seit Jahrzehnten solche Erfahrungen machen, sehen auch die teilweise drastischen Veränderungen in dieser Zeit bei jungen Männern.

Es kann nicht Anliegen einer "emanzipatorischen" Bewegung sein, Fakten wie diese unter den Tisch zu kehren. Schon vor fast zehn Jahren haben prominente Geschlechterforscher wie etwa der Dresdner Soziologe Lothar Böhnisch auf die Männlichkeits-Defizite aufmerksam gemacht; nicht zuletzt Pierre Bourdieu, einer der meistzitierten Autoren feministischer Kolleginnen, hat von "marginalisierten" Männern abseits hegemonialer Herrschaft gesprochen; die Anzahl dieser Männer, die aus verschiedenen gesellschaftlichen Gründen unter die Räder kommen, scheint zuzunehmen. Darum müssen wir uns kümmern - und wenn auch mein Kummer über das Wohl männlicher Aufsichtsräte gering ist, der über Buben, die im Gestrüpp des maroden patriarchalen Systems zu Schaden kommen, ist groß.

Was mich besorgt macht, ist, dass die Spaltungsbereitschaft - hier lobenswerte Feministinnen, dort gefährliche Maskulisten - zuzunehmen scheint. Es gibt deshalb (auch an der Universität) eine Scheu von Männern, sich dazu noch zu äußern. Das ist kein wünschenswerter Zustand, wie alle an offenem Diskurs Interessierte zugeben werden.

Zu schnell landet man(n) im "rechten" Eck und wird das, was man(n) zur Geschlechterfrage sagt, verkürzt als "reaktionär", "männerbündlerisch" usw. diffamiert.

Von meinen Vorträgen her kenne ich selbst manch unappetitliche Attacke von frustrierten Scheidungsvätern - ja. Aber man muss sich fragen: warum sind die so? Einfach schlechte Menschen? Unheilbare Machos? Rechte Gesellen? Ist das nicht zu einfach? Und wir müssen Sorge dafür tragen, dass nicht ganze Gruppen von Männern ins rechte Eck gestellt werden oder tatsächlich dorthin abdriften, wo geschickte Populisten auch schon diverse Angebote machen und sich freuen, dass ihnen frustriertes und frauenfeindliches Potenzial in die Arme getrieben wird. (Josef Christian Aigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2011)


Josef Christian Aigner, Psychologe und Psychoanalytiker, lehrt an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Innsbruck, ist Obmann des Vereins für gewaltlose Erziehung und Autor des Buches "Der ferne Vater".

Links

Hollsteins Blick auf die "dunkle Seite der offiziellen Genderpolitik" (Standard, 8. 3.).
Bemerkung: Die dramatischen Ereignisse in Japan und Libyen haben in den vergangenen Tagen auch die Themenhierarchie auf diesen Seiten bestimmt und uns u. a. dazu veranlasst, eine Debatte "abzuwürgen", noch ehe sie richtig begonnen hatte - sehr zum Unmut jener, die sich dazu noch zu Wort gemeldet haben. Wir holen das Verabsäumte, dem Gebot der Fairness folgend, hiermit nach und bitten um Verständnis für die Verzögerung. (red/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2011)

dieStandard.at-Replik: Dumm, dreist und frauenfeindlich

  • Josef C. Aigner: "Fakten nicht unter den Tisch kehren."
    foto: privat

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