Die größte Umweltbelastung im Alpintourismus ist die An- und Abreise. Nur 13 Prozent verreisen öffentlich
Bahnhof Wien-Meidling, 8.25 Uhr. Eine Lautsprecherdurchsage: "Der Eurocity Stadttheater Klagenfurt mit der Planabfahrt um 8.29 Uhr hat voraussichtlich fünf bis zehn Minuten Verspätung." Grund ist ein Schaden im Triebwerksystem. Nach zehn Minuten folgt eine neuerliche Durchsage: "Der EC mit der Planabfahrt um 8.29 wird voraussichtlich 15 bis 20 Minuten verspätet abfahren." Die Durchsage wiederholt sich nach weiteren zehn Minuten. Nun soll die Verspätung 25 bis 30 Minuten betragen. Als der Zug dann mit insgesamt 32 Minuten Verzug anrollt, ist der Waggon eiskalt, und die Toilette sperrt nur nach einem lediglich dem Schaffner bekannten System. Die Frage, ob etwas von der Verspätung aufzuholen sei, beantwortet der Zugbegleiter mit einem entwaffnenden "Eher nicht", denn in Wiener Neustadt müsse die Lok gewechselt werden. Der Anschluss ist damit futsch.
Kurz vor Leoben dann eine Frohbotschaft: Reisende in Richtung Schladming würden mit einem Postbus weiterbefördert werden. Dieser trifft, statt wie versprochen um 11.15 Uhr aber erst gegen halb zwölf Uhr ein. Der freundliche Chauffeur bedauert, er habe erst kurz vor elf Uhr von seiner Extratour erfahren, aber er werde jeden Fahrgast am gewünschten Zielbahnhof absetzen.
Um 12.15 Uhr erreichen wir Wald am Schoberpass. Eine zweieinhalbstündige Spätwinterwanderung beginnt, durch sonnenwarme Landschaft, einem glucksenden, "vom Eise befreiten" Bach entlang, unter Nadelbäumen, von denen der schmelzende Schnee in den Nacken tropft. Ziel ist ein Forsthaus im Liesinggraben, ohne elektrisches Licht, mit Plumpsklo und Wasser von der Bachquelle. Knapp vor der Hütte geht die Sonne unter, schlagartig wird es eisig kalt, der Wind setzt ein.
Die Freunde, alle mit eigenen Autos angereist, haben einen Traumtag mit Tourenskiern oder Schneeschuhen hinter sich, im Forsthaus bullern die Holzöfen, der Schweinsbraten duftet, und draußen zieht eine klare Nacht mit Sternen und Milchstraße auf, wie man sie unter der Dunstglocke der Städte und Verkehrstäler längst nicht mehr kennt.
Schlechte Erreichbarkeit
Die größte Umweltbelastung, die sich aus dem Alpintourismus ergibt, ist der Ressourcenverbrauch durch die Anreise. Dies zu betonen wird die Fachabteilung Raumplanung-Naturschutz des Österreichischen Alpenvereins nicht müde und versucht, das auch mit Zahlen zu untermauern. Nur 13 Prozent der auf österreichischen Schutzhütten befragten Wanderer und Bergsteiger reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln an im Unterschied zu immerhin 45 Prozent in der Schweiz. Für AV-Naturschutzreferent Peter Hasslacher ist das neben einer im Vergleich zur Schweiz schlechten Erreichbarkeit der österreichischen Bergregionen mit Öffis auch auf das Fehlen einer entsprechenden Reisekultur zurückzuführen. "Skitouren mit öffentlichen Verkehrsmitteln" lautet daher eine Initiative, die der ÖAV gemeinsam mit ÖBB und Postbus, gefördert vom Lebensministerium, startete. Nach einem Auswahlführer für Skitouren mit Bahn und Bus im Raum Salzburg gibt es einen solchen auch für den Großraum Innsbruck. Beide werden ergänzt durch Gratisbroschüren über Pistentouren im Großraum Innsbruck bzw. Salzburg, herausgegeben vom Sportausrüster Kochalpin, die neben den Vorschriften für die Benutzung der diversen Lifttrassen durch aufsteigende Skitourengeher auch die Erreichbarkeit der Anlagen mit öffentlichen Verkehrsmitteln angeben. Leider gibt es noch immer viele Wander- und Tourenführer, denen solche Hinweise fehlen.
Rückfahrt am Sonntag. Die Eisenbahnstation Wald am Schoberpass hat sogar noch einen Bahnhofsvorstand, der für seine Existenz die erstaunliche Erklärung abgibt, ein Fahrkartenautomat sei zu teuer. Er druckt ungefragt die Fahrplanauskunft aus, die da lautet: Wald am Schoberpass ab 12.05 Uhr, St. Michael in Obersteiermark an 12.28 Uhr, ab 12.33 Uhr, Bruck/Mur an 12.53 Uhr, ab 13.03 Uhr, Wien Meidling an14.59 Uhr. Pünktlich hält der Regionalzug, die Anschlüsse verkehren auf die Minute genau, die Waggons sind warm, die Toiletten funktionieren.
Als die Freunde mit ihren Allradern noch lange im Stau stecken, dampfen bereits die Dinkelnudeln mit Bärlauchpesto, ein Blaufränkischer duftet aus dem Glas, und auch die Katze, von einer Freundin gut versorgt, schnurrt zufrieden. (Horst Christoph/DER STANDARD/Rondo/25.03.2011)