Lieblingsbeschäftigung "Shoppen"

11. April 2011, 11:38
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Hundert Paar Schuhe im Kasten? Gerne einkaufen gehen, hat nichts mit Kaufsucht zu tun

"Alle meine Gedanken haben sich um das Einkaufen gedreht", erzählt Simone. "Nur wenn ich in einem Geschäft war, hab ich mich gut gefühlt, aber gleichzeitig eine absolute Leere gespürt. Schon an der Kassa wusste ich, dass ich die Sachen nicht kaufen soll. Aber ich konnte nicht anders." Simone kaufte Gewand und Schuhe in unbegrenzter Menge. Zu dieser Zeit war sie 19 und hatte keinen fixen Job. Die finanziellen Mittel für ihre Einkäufe lieh sie von Verwandten, Freunden und der Bank aus.

Shoppen als Hobby

27 Prozent aller Österreicher und die Hälfte der 14 bis 24-Jährigen sind kaufsuchtgefährdet, besagt eine Studie der Arbeiterkammer aus dem Jahr 2010. Viele Jugendliche antworten, wenn man sie nach ihrem Hobby fragt, mit "Shoppen" - "vor allem weibliche Jugendliche", weiß Philipp Ikrath vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien. Daraus dürfe man aber nicht auf eine Konsumabstinenz der Burschen schließen. "Sie nehmen das Einkaufen eher als eine Notwendigkeit wahr und nennen es nicht explizit ein "Hobby".

Frauen und Männer sind von Kaufsucht gleichermaßen betroffen, weiß Michael Musalek, Vorstand der größten europäischen Suchtklinik, dem Anton Proksch-Institut (API) in Wien. "Die Tatsache, dass sich mehr Frauen in Behandlung begeben, heißt nicht, dass mehr Frauen an Kaufsucht leiden", betont er, "sie sind nur vernünftiger." So wie Simone, die bevor es zum Suizidversuch kam, Hilfe suchte und sich zwei Monate lang in stationäre Behandlung begab. Danach folgte die Therapie - vier Jahre lang zwei Mal wöchentlich.

Lust und Sucht

Konsum ist einer der prägenden Faktoren unserer Gesellschaft und Jugendkultur. Aber wann kann man von Kaufsucht sprechen? Während es für die einen ganz normal ist, 30 Paar Schuhe im Kasten stehen zu haben, sehen andere darin etwas Pathologisches. "Der Konformitätsdruck ist hoch, aber ich bezweifle, ob man deswegen immer von Sucht sprechen kann", so Jugendforscher Ikrath, und weiter: "Anders als bei der Sucht nach harten Drogen, unter der die meisten Menschen wohl in etwa das gleiche verstehen, ist bei Kaufsucht die Grenze zwischen "normal" und "nicht-normal" weit weniger eindeutig zu ziehen." Man müsse unterscheiden, ob man kauft, weil man nicht anders kann, oder kauft, um im eigenen sozialen Umfeld Akzeptanz zu finden. Letzteres sei vor allem bei Jugendlichen der Fall, etwa durch den Erwerb der angesagtesten Markenklamotten. "Süchte lassen sich nicht von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen losgelöst betrachten", fordert Ikrath eine differenzierte Sichtweise.

Starker Drang

"Kaufsucht ist geprägt durch den starken Drang einzukaufen" - die Betonung liegt auf stark, nennt Michael Musalek einige Kriterien zur Diagnose von Kaufsucht und beginnt mit dem "Craving"-Phänomen: dem nahezu unbezwingbaren Verlangen des Suchtkranken nach seinem Suchtmittel. Musalek verdeutlicht es: "Man ist akut verliebt und der Partner kommt einem abhanden. Die Welt stürzt ein. Craving ist immer mit einem Vernichtungsgefühl verbunden. Gerne einkaufen zu gehen, hat nichts damit zu tun."

Mit Craving einher geht Kontrollverlust. Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, Entscheidungen bezüglich der eingekauften Menge zu treffen. Auch der Preis spielt keine Rolle. Sie können mit den erworbenen Dingen nichts anfangen, müssen aber immer mehr einkaufen um zu einer Befriedigung zu kommen. Simone bestätigt das: "Wenn ich das Geschäft verlassen habe, fühlte ich mich elend. Zuhause hab ich die Sachen in einen Kasten geworfen und vorher nicht einmal das Etikett entfernt. Ich habe sie nicht mehr angeschaut und auch nicht getragen. Ich wusste oft am nächsten Tag nicht mehr, was ich gekauft habe."

Heimlich einkaufen

Je größer das Minus am Konto, umso stärker war bei Simone der Drang, einkaufen zu gehen. "Ich habe sogar die Geburtstagsfeier meiner Mutter mit meinen Geschwistern und Freunden abgesagt und bin stattdessen heimlich einkaufen gegangen. An diesem Tag bin ich mit den Sachen nach Hause gekommen und hab mir gedacht, ich bring mich um."

"Letztendlich wird das ganze Leben vom Einkaufen bestimmt", weiß Musalek. Eine Einengung des Tagesablaufes ist die Folge. Obgleich man sich des Schadens bewusst ist, muss man weitermachen, zu groß ist die psychische Abhängigkeit. Dazu kommen körperliche Entzugserscheinungen, die denen der Alkoholerkrankung gleichen: Unruhe- und Spannungszustände, Zittern, Schwitzen, Schlaflosigkeit...

Wenn drei der oben genannten Befindlichkeiten auftreten, spricht Musalek von Kaufsucht, doch bereits bei einer empfiehlt er einen Beratungstermin am Institut oder in einer der Ambulanzen des API zu vereinbaren.

Abstinenz-Problem

"Kaufsucht ist wie jede andere Suchterkrankung etwas sehr Komplexes", weiß Musalek. Meist geht sie mit einer Depression oder Angststörung einher. Dementsprechend komplex und individuell abgestimmt muss die Therapie sein. Oft weisen Betroffene ein ganz normales Einkaufsverhalten auf, dann kommt ein Einbruch - sei es durch Jobverlust oder Krankheit - und alles gerät außer Kontrolle. "Die Ursache muss gefunden und das Gesamtpaket behandelt werden", so der Leiter des API. Therapieziel ist, die Patienten zu einem freudvollen und autonomen Leben zu führen.

Da Abstinenz beim Einkaufen besonders schwer durchführbar ist, handelt es sich um eines der Hauptprobleme in der Therapie. Am API versucht man es mit einem partiellen Ansatz: einer zeitlichen, räumlichen oder über Gegenstände definierten Begrenzung. Denn zwischen Kaufsucht und der Verfügbarkeit der Produkte ist laut Musalek eine direkte Korrelation festzustellen.

Ein Loch füllen

"Am Anfang bin ich sogar nach jeder Therapiestunde einkaufen gegangen. Allerdings nur noch zum Humana. Und ich hab mir die Grenze von 15 Euro gesetzt", berichtet Simone von den allerersten Strategien gegen die Sucht. Nach insgesamt fünf Jahren Therapie hat sich der übermächtige Drang einzukaufen, verflüchtigt. Simone kann sich nicht vorstellen, jemals rückfällig zu werden. Sie hat einen Job und ihre Schulden weitgehend abbezahlt. Wo die Ursache ihrer Kaufsucht liege? "Es gibt viele Ursachen, aber die vielleicht stärkste ist, dass ich mir durch die vielen neuen und meist teuren Sachen eine Identität verleihen wollte. Ich wollte das schwarze Loch füllen, als das ich mich selbst empfunden habe."

Früh mit der Therapie beginnen

"Kaufsucht ist immer noch ein Riesentabu in der Gesellschaft", berichtet Musalek. Wie alle stoffungebundenen Süchte - Spielsucht, Arbeitssucht, Onlinesucht... - war sie lange Zeit nicht als Suchterkrankung anerkannt. "Nicht einmal einkaufen kann sie", oder: "der soll sich doch zusammenreißen", laute auch heute der Tenor, wenn es um unkontrolliertes Einkaufen geht. "Dabei hat Kaufsucht nichts mit Willensschwäche zu tun", betont der Leiter des API. Den möglichst frühen Beginn einer Therapie sieht er als das Um und Auf, aber aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung kämen viele Betroffene viel zu spät in Therapie. "Da ist oft schon alles den Bach runtergegangen." Dabei hat die chronische Erkrankung eine überaus gute Prognose, "je früher sie erkannt wird, umso besser." (Eva Tinsobin, derStandard.at, 11.04.2011)

Die Gegenbewegung

Straight Edge ist eine Subkultur der Punk- und Hardcoreszene, in der eine radikal konsumkritische Sichtweise vorherrscht. Straight Edger unterscheiden sich von Punks darin, dass sie Alkohol, Tabak, Drogen, oft auch Fleisch beziehungsweise tierische Produkte und generell einen promiskuitiven Lebensstil ablehnen. In diesem Kontext ist auch das sogenannte "Containern" zu beobachten: Die Ernährung von Lebensmitteln aus Abfallcontainern.

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    "Mit den Einkäufen wollte ich das schwarze Loch füllen, als das ich mich selbst empfunden habe." (Simone)

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