Ernst Strasser - Märtyrer moderner Marktlogik?

23. März 2011, 18:54
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    Moeschl: Forderung nach mehr Transparenz greift zu kurz.

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    Öko-Aktivisten sorgen auf ihre Weise für mehr Hygiene im System - wenn auch nur symbolisch: Lobbyistenjagd mit Staubwedel im Rahmen einer Putz-Performance für den alljährlichen "Worst EU Lobying Award" in Brüssel.

Das "patscherte" Unvermögen, zwischen individueller Korruption und kollektiv organisierter Käuflichkeit zu unterscheiden, macht Strasser fast sympathisch

Ernst Strassers kindliche Selbstechtfertigung als privater Ermittler empört und erheitert zugleich. Sogar seine Parteifreunde ringen die Hände. Was aber, wenn es so ist, wie von der Sunday Times berichtet? Erfüllt Strassers Lobbyismus damit schon einen Straftatbestand? - Mag sein, die Gerichte werden das zu klären haben. Sicher ist das aber keineswegs, schließlich ist Lobbying in Brüssel allgegenwärtig und hat sich sogar zu einem ehrenwerten Gewerbe entwickelt.

Angesichts dessen weiß wohl das "Landei" Strasser wirklich nicht mehr, wie ihm geschieht, womit er die heftige Kritik verdient hat und warum nicht auch er über Lobbying "mitvermitteln" (und damit "mitschneiden") sollte. - So weit, so unbeholfen. Man könnte sich aber durchaus auch eine bessere Verteidigungsstrategie Strassers vorstellen als die, den Korruptionsvorwurf gegen ihn einfach auf die Sunday Times zurückzuspiegeln: Der "Dienst an der höheren Sache" würde sich hier anbieten, etwa in Gestalt einer aufopfernden Vermittlungstätigkeit im Rahmen einer der Realität entfremdeten (und daher unmenschlich gewordenen) Polit-Bürokratie, der auch das Ohr für die wirklichen Bedürfnisse der Allgemeinheit fehle. Auch sei hier an eine, in unser aller Interesse gelegene, Effizienzsteigerung der Wirtschaft und an die Verminderung von Reibungsverlusten bei Geschäften zu denken. Dass für die Vermittlungsanstrengungen auch zu bezahlen sei - am besten im Wege gemeinnütziger Privatstiftungen (und nicht bloß einer Privatfirma) - sei dann nur verständlich und sinnvoll ...

Appelle an die Moral ...

Zweifellos hat aber Strasser viel zu dilettantisch gearbeitet, um eine derartige, für routinierte Lobbyisten übliche Rechtfertigung noch in Anspruch nehmen zu können. Offenbar war und ist er auch nicht in der Lage, zwischen einer direkten persönlichen Bereicherung und einer indirekten Bereicherung über eine durch Gemeinsinn ausgewiesene, aber privat betriebene Institution (eine Stiftung etwa) zu unterscheiden. Mit einem Wort, er ist nicht in der Lage zwischen individueller Korruption und kollektiv organisierter Käuflichkeit zu unterscheiden.

Aber ist es nicht gerade das, was Strasser in seinen dreist-dümmlichen Ansprüchen schon wieder sympathisch macht? Sollen und können wir selbst die übliche Unterscheidung zwischen Korruption vor dem Gesetz und Käuflichkeit nach dem Gesetz eindeutig treffen, und sind wir dann schon Demokraten?

In jedem Demokratieindex wird Korruption als Ausdruck von Unterentwicklung bzw. Degeneration des Demokratieverständnisses gewertet. Bloße Käuflichkeit auf einem freien und offenen Markt wird hingegen, wenn eben transparent und zu marktkonformen Preisen, durchaus positiv gesehen. Sie ist, so meint man, ein Ausdruck intensiver gesellschaftlicher Vernetzung und Austausch der Menschen untereinander. Letztlich sollte also der gesellschaftliche Verkehr der Menschen in den demokratischen Systemen möglichst alle Lebensbereiche erschließen und durchdringen. Die Käuflichkeit sei dabei gerade wegen ihrer Unpersönlichkeit - sprich: dem Absehen von der Person - als eine zivilisatorische Errungenschaft anzusehen.

Das alles klingt sehr plausibel und ist es wohl auch in weiten Bereichen - wäre, ja wäre da nicht eine Kleinigkeit, die allerdings schon seit der marktgemäßen Implementierung des ältesten Gewerbes der Welt ein fundamentales Problem darstellt: bei der Prostitution. Nun ist Prostitution aber nicht deswegen problematisch, weil, wie gerne behauptet, Sex per se schmutzig wäre. Es liegt hier vielmehr - ganz allgemein - ein innerer Widerspruch zwischen den inhaltlichen Intentionen dieser Arbeit und der bloßen Tatsache ihrer Käuflichkeit vor. Vollzieht man nämlich die Rückübersetzung von "Sexarbeit" in "käufliche Liebe", wird dieser Widerspruch offenkundig: So erkennt man den Widerspruch, welcher der Prostitution zugrunde liegt: Liebe ist schlichtweg deshalb nicht käuflich, weil sie jeder Form von Käuflichkeit inhaltlich widerspricht. So weit die banale Einsicht, dass man hier das Gewünschte durch einen Kaufakt prinzipiell nicht bekommen kann.

Heute betrifft das hier paradigmatisch angeführte Prostitutionsproblem allerdings viel weniger die Sexarbeit selbst, als ganz andere und weitaus bedeutsamere Bereiche des Gesellschafts- und Arbeitslebens. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die bereits überall forcierte Drittmittelbeschaffung, für die sich (aus inhaltlichen Gründen!) frei verstehenden Wissenschaften. Auch hier kann eine noch so gut organisierte und transparente Form der Mittelvergabe die innere Widersprüchlichkeit nicht grundsätzlich beheben, sie kann sie bloß auf ein "zivilisiertes Niveau" heben.

So weit, so schlecht. Dass aber mittlerweile auch die sich frei verstehende Politik (im Wege von Lobbying) von einer derart prostitutiven Perversion befallen wird, lässt für die Zukunft der Demokratie das Schlimmste befürchten. Vor allem ist zu beklagen, dass aufgrund des verbesserten Organisationsgrades der lobbyistischen Machenschaften ihre systemische Problematik verdeckt wird und damit von den Akteuren umso leichter vor sich und den anderen verleugnet werden kann.

... verdunkeln Systemfehler

So betrachtet ist der Dilettant Strasser als ein beinahe tragischer "Held der gestrigen Welt" anzusehen, einer Welt nämlich, in der Bestechung individuell kenntlich war und in der auch unser Gerechtigkeitsempfinden nur den geraden Wegen zwischen Gut und Böse folgen musste. - Nimmt man allerdings Strassers Vorgehen nicht nur zum Anlass für die jetzt zu Recht geforderte Lobbying-Gesetzgebung, sondern darüber hinaus zum Modell für die gesamte Problematik schlechthin, so wird man sein Ziel mit Sicherheit verfehlen. Die unmittelbare Empörung wird uns den falschen Weg weisen.

So ist auch "Transparenz und Öffentlichkeit", wie sie unsere Justizministerin in einer ersten Reaktion fordert, nicht die kausale, nicht die inhaltliche Lösung für das Problem von Käuflichkeit. Ebenso wenig liegt ja das inhaltliche Problem der klassischen Prostitution in einem Mangel an Öffentlichkeit. Ein öffentlich einsehbarer Straßenstrich kann auch hier keine grundlegende Lösung für das Paradox der "käuflichen Liebe" erbringen.

Natürlich sind die derzeit anlaufenden Verallgemeinerungsbemühungen um das Korruptionsproblem in der Politik generell positiv zu vermerken. Sie geben als solche schon Anlass zu Hoffnung auf systemische Bemühungen für die Beseitigung von Systemfehlern. - Dass hier aber letztlich der Kern der Sache nicht getroffen werden wird, lässt der ebenfalls laut werdende Ruf nach einem "Verhaltenskodex für Parlamentarier" befürchten. Schließlich haben Appelle an die Moral (auch in ihrer kodifizierten und mikronormierten Gestalt) niemals viel bewirken können. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die allgemein beschworene individuelle Moral indirekt zum Komplizen für die Vertuschung von Systemfehlern gemacht wird - und sei es auch nur, um solche Fehler nicht wahrhaben zu müssen. (Peter Moeschl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.3.2011)

Peter Moeschl, ehemals Chirurg an der Krankenanstalt Rudolfstiftung, ist Publizist und Kulturtheoretiker in Wien.

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Ann Ecker
01
26.3.2011, 15:07
Salto mortale logico philosophicus -

Spi an
00
30.3.2011, 16:32
neudeutsch threesixty with nosegrip

Mens Sana
01
25.3.2011, 10:11
UNFASSBARES GESCHWÄTZ

Diese pittoreske Ableitung auf pseudo-intellektueller Basis ist ja fast noch lächerlicher, als diese dümmlich-dreisten Rechtfertigungsversuche dieses ehemaligen Profiteurs Pröllscher "Personalpolitik"!

Irgendwie erinnert mich das an manche Dialoge im "Kaisermühlen Blues" - und zwar an jene auf der Baumgartner Höhe und nicht im Rudolfinerhaus!

Idefix der zweite
 
00
24.3.2011, 19:47

Schuster, bleib bei Deinem Leisten.
So viel gespreizten Unfug habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gelesen, das reicht ja schon fast an die Frau Ungerböck heran.
Was der Mann da z.B. von Prostitution faselt, ist schon unglaublich. Prostitution hat natürlich nichts mit Liebe zu tun, auch wenn sie irreführenderweise manchmal "Käufliche Liebe" gennant wird. Wo ist da ein Problem?
Und wenn dem Autor dieser Zeilen Strasser in seiner dummdreisten Unverschämtheit jetzt noch sympatisch wird, kann ihm wohl niemand helfen.

Hermine Berg
 
00
24.3.2011, 19:28
also grad den kotzbrocken der nation

zum tragischen helden zu stilisieren ist schon verwegen.

ist so wie damals, als der kurt kren sympathischer war als der herrmann groer, weil der seine wahnsinnsmeinungen immerhin offen ausgesprochen hat. das kann man so sehen.

ich finde den strasser trotzdem abartig. besonders wenn ich bedenke, dass der mal ein liberaler hoffnungstraeger der vp war.

zuckermelone
00
24.3.2011, 19:25
vielleicht etwas übersehen?

strasser ist doch gar kein lobbyist, sondern ein ehemaliger chef der polizei, der sich jetzt zum selbsternannten ermittler umstilisiert hat. eine ganze armee von prostituierten hat mehr ethos als strasser. würde strasser zugeben, dass er lobbyist ist, dann könnte man anfangen zu diskutieren, ob es stimmt, was hier geschrieben wird. aber das ist nicht der fall.

Wo woar mei Leistung? Deine Leistung war, ah, deine
05
24.3.2011, 17:01
nur nicht verdrehen das ganze

ich glaube dass strasser nur die spitze des eisbergs ist und man ihn wirklich nicht zu verteidigen braucht. zuviel gier wird ab und zu halt doch bestraft soi wie in diesem fall. märtyrer sehen anders aus.

HOT MUSTARD
05
24.3.2011, 16:32
Als Germanist...

...hätte ich in Würdigung der Aussagekraft und Wirkung dieses Kommentars auf den geneigten Leser von meinem Professor wahrscheinlich folgenden Satz lesen müssen:
"Trotz zweifellos vorhandener hoher sprachlicher Begabung, ist es Ihnen durch Ihre verschwurbelte Argumentationsführung sehr zielsicher gelungen, am eigentlichen Kern des Problems völlig vorbei zu navigieren!"
Weder Lobbyisten noch Parlamentarier sind per se etwas Unanständiges und schon gar nicht der Umstand, dass diese für Ihre Dienste auch bezahlt werden. Lediglich die dummdreiste (und schon heute verbotene) Vermischung beider Interessen wäre tunlichst zu unterlassen - dazu braucht es weder eine "moderne Marktlogik" (???) noch irgendwelche Märtyrer!

Ich weiß es auch
02
24.3.2011, 15:50

Um diese Ergüsse eines (Kultur) Theoretikers und ehemaligen Arztes hier im Standard zu veröffentlichen bedarf ja einer Bedingungsanweisung zum Lesen udn Verstehen.

Oder man benötigt spezielle, nur einem ExArzt zugängliche Medikamente um mit entsprechender Bewusstseinsveränderung diesen Erguss nachzuvollziehen bzw. den Schreibcode zu dechiffrieren.

Ann Ecker
00
26.3.2011, 15:19
Chirurg als Hobbyphilosoph? Schlimm, aber noch immer besser als umgekehrt: Philosoph als Hobbychirurg ..

Kurt Bayer
00
24.3.2011, 15:25
Lobbyist als Parlamentarier?

Ob Lobbyismus gesamtgesellschaftlichen Wert hat oder nicht (ich meine, sicherlich nein!), darüber mag man streiten, aber es geht ja hier demokratiepolitisch vor allem um den Interessenkonflikt, in den sich Strasser manövriert hat: er ist ja hauptamtlich - und angelobt - Volksvertreter, soll also die Interessen der europäischen und österreichischen Bevölkerung vertreten. Und damit ist auch legales Lobbying für Sonderinteressen aber schon gar nicht vereinbar. Ob er darüber hinaus sich für seine Parlamentariertätigkeit extra bezahlen laßt, wäre dann die strafrechtlich relevante Sache. Auch Ärzte könnten die Unvereinbarkeit zwischen Parlamantarier und Lobbyismus erkennen, sollte man meinen.

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
07
24.3.2011, 15:19
thema verfehlt

im kommentar fehlen analytische begriffe wie "diskursiv", "hybrid" und "performativ". deren verwendung hätte die komplexität der intertextualität dieser diskurssotisse vielleicht auf eine katalytische reflexionsebene im sinne von deleuze und guattari gebracht, anstatt in der affirmation glokalisierter praktiken von hegemonialmächten zu verharren.
</ironie>

Idefix der zweite
 
00
24.3.2011, 19:49

danke! Wollt ich auch gerade anmerken :)

Ruediger Ploetz
00
24.3.2011, 18:16

dialektik fehlt noch...

Deß Dr. Gonzo Merck=Wuerdige Meynungen & Merckungen
 
01
24.3.2011, 19:42

dialektik: seit einiger zeit megaout, aber hätte gepaßt, wenn schon "moderne marktlogik" verhandelt wird. "dispositiv" würde mir besser gefallen. oder ein keckes "simulacrum". - ein selbsternannter kulturtheoretiker sollte das schon draufhaben.

klappi
 
00
24.3.2011, 15:15
wenn schon gscheitln dann richtig

ein märtyrer setzt sich mit allen konsequenzen für eine sache ein - und moderne marktlogik ist bestimmt nicht des strassers seine.

kollateralschaden würde es eher treffen.

oder märtyrer der gier.

silverbridge
03
24.3.2011, 14:36
Sorry

aber ich kann zum Artikel nicht Stellung nehmen. Etwa nach der Hälfte des Artikels fehlte mir jeder sinnvolle Zusammenhang mit dem Wort "Volksvertreter" (kommt der Begriff im Text eigentlich irgendwann mal vor?) - und die Metapher Hure war sogar mir dann etwas weit hergeholt.

felderstein
01
24.3.2011, 14:28
operation gelungen, patient tot

rhetorisch versiert ist der artikel ja schon, doch inhaltlich leider ziemlich nebulös, um nicht zu sagen unverständlich. möchte nicht wissen, wie oft es bei dem herrn doktor geheißen hat: operation gelungen, patient tot...

klappi
 
02
24.3.2011, 14:19
zusammenfassung

der strasser is' a illegale hobby-nutt'n und hätt' er im puff g'arbeitet wär er jetzt net hacknstad.

wurzen sepp
 
00
24.3.2011, 14:06
aus strassers sicht sieht das wohl ganz simpel so aus:

"ob im gesetz dies oder jenes drin steht, ist im prinzip ja wurscht"
"das geld stammt eh nicht von den steuerzahlern, also kann ichs nehmen ohne mich schlecht zu fühlen."

Selbstbeweihräucherungsstäbchen
03
24.3.2011, 13:48
So dummdreist kann sich Strasser gar nicht gebärden,

dass er mir sympathisch wird.

Selbstbeweihräucherungsstäbchen
00
24.3.2011, 13:48
So dummdreist kann sich Strasser gar nicht gebärden,

Pablo Passo
02
24.3.2011, 13:45
Von wegen patschert...

Das wäre also so, wie wenn der Richter zugleich auch die Verteidigung des Angeklagten übernehmen würde.

eager beaver
04
24.3.2011, 13:37

kann mir jemand einen tipp geben, wie man am besten dazu kommt, einen artikel beim standard zu veröffentlicht? ich habe keine ahnung, es dürfte aber nicht so schwer sein.

somussesnichtsein
010
24.3.2011, 13:09
@herrn moeschl

hoffe sie sind als chirurg besser als als amateurjournalist.

ist ja gerade zu abenteuerlich wie sie da den herrn strasser verteidigen.

was strasser getan hat ist betrug, was sonst soll es sein wenn ein gewählter volksvertreter gegen bezahlung nicht das volk sondern die geldgeber vertritt!!

und ahnungslos - der ist nicht ahnungslos der hat ganz bewusst eine gaunerei betrieben und versucht abzukassieren - und wie er selber sagt nicht nur dieses einemal sondern mehrmals.

wo ist der staatsanwalt!!!

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