Soziologe Gründinger über das Pensionssystem und andere Generationen-Ungerechtigkeiten
Im vergangenen Jahr wurden in Österreich die Pensionen bis zu 2.000 Euro um 1,2 Prozent erhöht. Das Pensionssystem kann aber schon jetzt nicht mehr allein durch die Beiträge der Erwerbstätigen finanziert werden. Im vergangenen Jahr musste der Staat 4,4 Milliarden zuschießen. Für Investitionen in die Bildung blieb bei der Budgeterstellung kein Geld mehr übrig. derStandard.at fragte deshalb den jungen Soziologen Wolfgang Gründinger, ob ein Generationenkonflikt entsteht und wie man ihn lösen kann. Gründinger fordert einen "Aufstand der Jungen": Sie sollen in die Politik gehen die Parteizentralen übernehmen. Generationengerechtigkeit will er durch einen Umstieg auf erneuerbare Energien und eine Finanzierung des Pensionssystems durch Beiträge aus Gewinn- und Kapitaleinkommen erreichen.
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derStandard.at: Was ist für Sie Generationengerechtigkeit?
Gründinger: Wir tragen dann genug Verantwortung für künftige Generationen, wenn auch unsere Kinder und Kindeskinder, und alle die danach kommen, mindestens genauso gut leben können wie wir das heute tun. Es gibt einige Probleme in unserer Gesellschaft. Offensichtlich und eindeutig ist die Umweltzerstörung. Da haben jetzt aktuell gesehen, dass die Atomtechnologie eine Hochrisikotechnologie ist, die uns zudem massenweise Atommüll hinterlässt, an denen die Menschen noch in 30.000 Jahren zu leiden haben werden. Allein schon aufgrund der ökologischen Hypothek, die wir unseren Nachkommen hinterlassen, handeln wir derzeit nicht sehr generationengerecht.
derStandard.at: Wie kann man diese Generationengerechtigkeit erreichen?
Gründinger: Im ökologischen Bereich gibt es sehr einfache Rezepturen. Man muss radikal umsteigen auf erneuerbare Energien: Weg von Öl, weg von Kohle, weg von Atom. Das ist technisch und wirtschaftlich sehr wohl machbar, es gibt sehr viele Szenarien, die das nachgewiesen haben.
Im wirtschaftlichen und sozialen Bereich gibt es einerseits eine hohe Staatsverschuldung, andererseits gibt es auch Probleme bei der Ungleichbehandlung von jüngeren und älteren Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt oder bei den Pensionen. Die heutigen Alten sind noch relativ gut abgesichert, die Jüngeren haben dagegen keine Aussicht auf eine Pension, von der man leben kann. Das ist ein System, in das man vierzig Jahre lang einzahlt, aus dem man aber gleichzeitig keinen Gewinn zieht. Das ist ungerecht gegenüber uns Jüngeren.
derStandard.at: Wo sehen Sie einen Ausweg für diese Generation? Sollen die jungen Leute aus dem Generationenvertrag aussteigen?
Gründinger: Es geht nicht, dass die junge Generation tatsächlich aus dem Generationenvertrag aussteigt. Wir brauchen kein Ende des Generationenvertrags, sondern eine Erneuerung dessen. Dieser beinhaltet vor allem das so genannte Umlageverfahren. Man zahlt heute ein und finanziert dadurch die Pensionen der heute Alten. Das soll jetzt durch eine individuelle kapitalgedeckte Versorgung ergänzt werden. Die heutigen Jungen müssten die Pensionen der Alten finanzieren und gleichzeitig ihren eigenen Kapitalstock aufbauen und wären damit eine Art "Sandwich Generation". Schon wegen dieser Doppelbelastung ist ein großer Umstieg auf die Kapitaldeckung weder sinnvoll noch möglich.
Momentan werden die Pensionen durch Beiträge der abhängigen Beschäftigten finanziert. Wir leben aber in einem Zeitalter von prekärer Arbeit. Wenn dazu noch Massenarbeitslosigkeit herrscht und die Löhne stagnieren, dann kommt unser Pensionssystem in Bedrängnis. Wir müssen diesen zentralen Konstruktionsfehler des Pensionssystems beseitigen, indem wir auch Einkommen außerhalb der abhängigen Beschäftigung mit einbeziehen, also Gewinn- und Kapitaleinkommen, Vermögenseinkommen oder Mieteinkünfte. Da liegt der Ausweg aus der momentan drohenden Krise des Pensionssystems. Es müssen alle in dieses System mit einbezogen werden.
derStandard.at: Jugendpolitiker in Österreich wehren sich oft gegen den Begriff Generationenkonflikt, Sie auch?
Gründinger: Ich finde, das ist eine sehr schöne Position, weil es innerhalb der Familien - zwischen Kindern, Eltern und Großeltern - sehr wenig Konflikte gibt. Oft sagen die Medien, dass es einen Kampf zwischen Alt und Jung gibt, aber der ist oft inszeniert und aufgebläht. Auf der anderen Seite rennen wir sehenden Auges in gesellschaftlichen Verteilungskonflikte. Es gibt eine aktuelle Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung. Dabei wurde herausgefunden, dass ab dem 60. Lebensjahr die Befürwortung von staatlicher Förderung von öffentlicher Kinderbetreuung oder anderer staatlicher Förderung von Kindern und jungen Familien signifikant abnimmt. Zugespitzt formuliert gönnen es die Alten den Jungen nicht, wenn sie vom Staat Geld kriegen. In einer Gesellschaft, die älter wird, in der heute schon jeder dritte Wähler über sechzig Jahre alt ist, schaffen wir damit ganz massive Probleme für generationengerechte Politik. Die Jungen drohen von der Agenda zu verschwinden.
derStandard.at: Der Titel ihres Buches lautet "Aufstand der Jungen". Wie soll dieser Aufstand aussehen?
Gründinger: Ich glaube, dieser Aufstand ist schon da. Wir haben im vergangenen Jahr ziemlich oft und auch überraschend erlebt, dass die jungen Leute auf die Straße gehen. Der Bildungsstreik in Österreich und Deutschland war zum Beispiel ganz groß. Sie gehen auch für den Klimaschutz, für die Umwelt und gegen Atomkraft auf die Straße. Die Anti-Atombewegung ist schon vor der Fukushima-Katastrophe erstarkt. Ohne junge Leute würden die Umwelt- und auch die Anti-Atombewegung ziemlich alt und blass aussehen. Das wird von der alten Generation, die den Protest der Jungen nicht versteht, oft ignoriert und kleingeredet.
derStandard.at: Es hat im vergangenen Jahr trotz vieler Proteste gegen Einsparungen im Bildungswesen trotzdem eine Stagnation des Bildungsbudgets gegeben. Was muss die Jugend tun, um sich Gehör zu verschaffen?
Gründinger: Da sieht man, dass sich die junge Generation schlechter artikulieren kann, als andere Interessensgruppen. Wir sind einfach zu wenige und zu schlecht aufgestellt. Wir haben keine mächtige Lobby. Deshalb müssen wir nicht nur auf die Straße, sondern auch in die Politik gehen. Es braucht einige Unerschrockene, die den Marsch durch die Institutionen antreten und auch in der Politik für mehr Gerechtigkeit für jüngere Generationen kämpfen. Man muss laut, bunt und radikal sein, um gehört zu werden.
derStandard.at: Glauben Sie, dass das in den jetzigen alten und verkrusteten Parteistrukturen möglich ist?
Gründinger: Gerade dass die Parteien alt und verkrustet sind, ist ein Appell an uns, dass wir diesen Staub von tausend Jahren ordentlich aufwirbeln. Es wird oft über Parteien in den Medien und an den Stammtischen gelästert. So schlimm sind die gar nicht. Die Kritik an den Parteien kommt am häufigsten von jenen, die noch nie bei einer Parteisitzung dabei waren und ich würde jedem empfehlen, sich das einmal anzusehen. Wenn es einem gefällt, kann man dabei bleiben und wenn nicht, kann man den Laden ordentlich übernehmen. Eine freundliche Übernahme sozusagen. (Lisa Aigner, derStandard.at, 28.03.2011)
Wolfgang Gründinger (27) ist Demokratiewissenschaftler und Soziologe und lebt in Berlin. Er ist Mitglied des Think Tanks 30 (tt30) und Sprecher der "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen". Sein Buch "Aufstand der Jungen" erschien 2009 im C.H.Beck-Verlag.
Link: Homepage von Wolfgang Gründinger