Im Ort mit der höchsten AKW-Dichte der Welt geht das Leben fast normal weiter
In den Krisenreaktoren in Fukushima kämpfen die Rettungskräfte gegen die Kernschmelze. Doch in Tsuruga, dem Ort mit der höchsten Kernkraftdichte auf der Welt, geht das Leben fast normal weiter. Masami Kuwamura ist wie jedes Wochenende mit ihren zwei Kindern ins "Kernkraftzentrum "der Präfektur Fukui gefahren, einem verspielten Infozentrum für Kinder. Während ihre Kleinen durch den Bau toben, kann die junge Mutter den Blick auf die Küste genießen, an der 15 Atommeiler stehen.
Der Anblick würde jedem eingefleischten Atomkraftgegner in Europa das Blut in den Adern gefrieren lassen. Neben Druck- und Siedewasserreaktoren gibt es auch den experimentellen Schnellen Brüter Monju, der seit einem schweren Störfall im Jahr 1994 ausgeschaltet war und 2013 wieder unter Volllast ans Netz gehen soll. Doch Kawamura bleibt bei ihrer Überzeugung: Atomkraft, ja bitte. "Natürlich habe ich Angst", sagt sie, "aber wir wollen ja nicht bei Kerzenlicht leben." Und dann seufzt sie: "Shoganai - da kann man nichts machen."
Japaner schreien noch nicht in Massen nach einem Ausstieg. Selbst die Medien konzentrieren sich darauf, das Drama in Fukushima auf das Millisievert genau zu beschreiben. Aber die große Frage stellen sie nicht: Was wird aus Japans ehrgeizigem Atomprogramm?
Seit Jahrzehnten hat die ressourcenarme Industriemacht auf die Kraft des Atoms gesetzt, um die Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern. In den letzten Jahren wurde die Atomkraft zusätzlich zum Hauptpfeiler der "grünen" Energiepolitik ausgebaut, mit der die Regierung die Kohlendioxidemissionen bis 2020 um 25 Prozent senken will. Bis zum Unglück produzierten bereits 55 Atommeiler etwa ein Drittel des Stroms. Bis 2020 sollte der Anteil auf 40 Prozent ausgebaut. Und noch 2010 versprach die Regierung, die installierte Kapazität bis 2030 zu verdoppeln.
Als erster Politiker hat Kabinettsamtschef Yukio Edano das Offensichtliche zur Regierungspolitik gemacht. Die Atomstrategie des Landes müsse überprüft werden, hat er nun erstmals erklärt. Kaum verhohlen sagte er, dass die Krisenmeiler von Fukushima nie wieder ans Netz gehen werden. "Wenn man sich die Lage objektiv betrachtet, ist klar, ob die Anlage wieder betrieben werden kann."
Große Erwartungen hegt Japans bekanntester Atomkraftgegner Hideyasu Ban, Chef der Bürgergruppe Citizens Nuclear Information Center (CNIC). "Ich glaube, dass die Japaner nun sagen: ,Wir sollten aus der Atomenergie aussteigen, weil es zu riskant ist.'" Er erwartet, dass die Regierung auf erneuerbare Energien setzten wird. Bei vielen Politikern will er bereits ein Umdenken erkannt haben. (Martin Kölling aus Tsuruga/DER STANDARD, Printausgabe, 23. März 2011)