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Die Behörden haben bei den Kontrollen des AKW Fukushima offenbar geschlampt. Hier Archivaufnahmen von September 2010.
Tokio - Sollte er Feuerwehrleute beleidigt haben, täte ihm das sehr leid, entschuldigte sich Japans Industrieminister Banri Kaieda am Dienstag. Der Grund: Er soll ihnen mit Konsequenzen gedroht haben, sollten sie sich weigern, weiter Wasser auf die beschädigten Reaktoren von Fukushima zu spritzen und sich dabei länger erhöhter Strahlung auszusetzen.
Tokios Bürgermeister hatte sich zuvor bei Premier Naoto Kan beschwert, nachdem er "aus Regierungskreisen" von Kaiedas Drohungen gehört haben will. Ob die Vorwürfe stimmen, sagte Kaieda bei seiner Entschuldigung nicht.
Auch die Leiter des Kraftwerks entschuldigten sich erstmals bei jenen Menschen, die nach dem Unglück evakuiert werden mussten. Im Parlament gestand der Chef der nuklearen Sicherheitskommission, dass ihre Vorbereitungen auf Unfälle auf "optimistischen Annahmen" beruhten. Die Vorschriften müssten "drastisch" überarbeitet werden. Bei dem Kraftwerk war der Tsunami nach dem Beben 14 Meter hoch gewesen, die Schutzmauer jedoch nur 5,7 Meter.
In Fukushima wurden am Dienstag die Reaktoren 3 und 4 weiter mit Wasser bespritzt. Ein Spezialfahrzeug, das normalerweise für Zement benutzt wird, schüttete durch einen Schlauch aus 22 Metern Höhe Flüssigkeit direkt in die Reaktoren. Das Gerät kann arbeiten, ohne das Menschen in die Nähe des Reaktors kommen müssen.
Reaktor 3 wird immer wieder als besonders gefährlich bezeichnet, weil er mit Brennstäben betrieben wurde, in denen Plutonium enthalten ist. Plutonium bilde sich als Brutprodukt jedoch in allen Reaktoren, sagt Andreas Musilek vom Atominstitut der TU Wien. In Reaktor 3 sei geringfügig mehr vorhanden. Gefährlicher als andere Reaktoren sei er nicht.
Alle Reaktoren sind mittlerweile wieder an das Stromnetz angeschlossen. Am Mittwoch sollten die Kontrollräume der Reaktoren 1 und 2 wieder gestartet werden, am Donnerstag jene der Reaktoren 3 und 4. Dies sollte genaue Daten über den Zustand der Anlagen bringen.
Im Meerwasser in der Nähe des havarierten Kraftwerks wurde am Dienstag eine erhöhte Strahlenbelastung gemessen: Die Iod-131-Belastung entsprach dem 127-Fachen des erlaubten Wertes, von Cäsium 134 und Cäsium 137 wurden 25-fach und 17-fach erhöhte Werte gemessen. Erstmals wurden auch Spuren von Cobalt 58 entdeckt.
Die Werte seien nach wie vor für Menschen unbedenklich, beruhigten die Behörden. Die Auswirkungen auf Fische könnten noch nicht abgeschätzt werden. In den kommenden Tagen sollen weitere Proben genommen werden. Österreich importiert fast keinen Fisch aus Japan, auch das Land selbst importiert vier mal mehr, als es selbst fängt. Der neu gefundene Stoff Cobalt 58 weise nicht darauf hin, dass das Material direkt aus den Brennstäben stammt, sagt Max Bichler vom Atominstitut.
Allerdings zeigte sich die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien wegen eines möglichen Lecks im Reaktor 1 besorgt. Man wisse nicht, ob der Sicherheitsbehälter beschädigt sei. Außerhalb der Anlage gebe es weiterhin hohe Strahlungswerte.
Bereits am Montag waren in Spinat, Milch und Wasser mehrerer Präfekturen erhöhte Strahlenbelastungen gemessen worden. Der Verkauf von Gemüse und Milch aus den betroffenen Gebieten wurde daraufhin gestoppt.
In Fukushima sind derzeit etwa 400 Menschen im Einsatz: Mitarbeiter des AKW-Betreibers Tepco, des Kraftwerk-Bauers Toshiba, der Tokioter Feuerwehr und der japanischen Armee. Tepco hat bisher stets dementiert, ungelernte Hilfsarbeiter einzusetzen, wie in manchen Medien berichtet. Abseits von Fukushima sind Leiharbeiter in der japanischen Industrie aber üblich, sagt Sepp Linhart, Japanologe an der Universität Wien.
Auch Berichte über das "Todeskommando" von Fukushima sind völlig übertrieben, sollten die bisherigen Daten stimmen. Ab einer Dosis von 100 Millisievert pro Stunde ist ein erhöhtes Krebsrisiko nachweisbar. Sollte Tepco nicht lügen, war in Fukushima bisher ein Arbeiter einer höheren Dosis ausgesetzt. 20 Menschen wurden durch herabfallende Trümmer oder Explosionen verletzt. (tob/DER STANDARD, Printausgabe, 22. März 2011)
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