Lawinenopfer: Wovon das Überleben abhängt

22. März 2011, 16:59
  • Die Überlebensphase von Lawinenopfern in Kanada ist kürzer
    foto: apa/barbara gindl

    Die Überlebensphase von Lawinenopfern in Kanada ist kürzer

Ländervergleich: Feuchter Schnee führt zu schnellem Ersticken - Jede Minute zählt, besonders bei feuchtem Wetter

Bozen - Für das Überleben von Menschen, die von einer Lawine verschüttet werden, zählt jede Minute, in der sie Kollegen oder Rettungsdienste früher wieder freibekommen. Wie lange man noch gute Überlebenschancen hat, ist jedoch von Land zu Land verschieden. In der Schweiz beträgt dieses Zeitfenster 18 Minuten, in Kanada hingegen nur zehn, berichten Forscher der Europäischen Akademie Bozen EURAC im "Canadian Medical Association Journal". Analysiert wurden dazu 1.200 Lawinenverschüttungen in der Schweiz und Kanada seit 1980.

Klima spielt mit

"Der Unterschied dürfte auf die Schneebedingungen zurückgehen, die an Kanadas Westküste anders sind als in den kontinental geprägten Alpen", erklärt EURAC-Leiter Hermann Brugger. Die feuchte Meeresluft, die der Pazifik den Regionen östlich des kanadischen Vancouvers bringt, macht den Schnee dichter und schwerer. Der Erstickungstod in einer Lawine kommt somit schneller als bei trockenem, kalten Schnee. "Man kann jedoch annehmen, dass auch in den Alpen im Frühjahr bei entsprechender Witterung ähnliche Bedingungen herrschen", so der Südtiroler Bergrettungsarzt.

Doch auch noch viele andere Faktoren bestimmen, wie es um die Chance von Lawinenverschütteten steht. "Vor allem stellt sich die Frage nach den Verletzungen. In gefährlichem Gelände, also etwa bei Bäumen oder bei starken Gefällen oder vertikalen Abstürzen, ist die Traumarate sehr hoch." Verletzte Verschüttete überleben oft auch die ersten zehn Minuten nach Lawinenabgang nicht. Während man als Schifahrer oder Tourengeher gegen Verletzungen kaum vorsorgen kann, verbessert eine gute Sicherheitsausrüstung - Brugger sieht auch den Airbag als deren fixen Bestandteil - die Erstickungsgefahr.

Kanadier sind bessere Kameraden

Wenn es um die Dauer der Rettung geht, hat Kanada im Ländervergleich die Nase eindeutig vorne. Nach 18 Minuten gelingt die Freilegung im Schnitt, während Schweizer fast doppelt so lange benötigen. "In Kanada sind die meisten Tourengeher mit Berg- und Schiführern unterwegs, Heliskier sind zudem bestens organisiert und werden stets von einer Rettungsmannschaft begleitet." Volle Ausrüstung sei selbstverständlich, zudem wisse man eher, dass sie im wilden Gelände nur auf sich selbst gestellt sind. "In Kanada leistet man sich deshalb mehr Kameradschaft, während wir uns zu oft auf organisierte Rettung verlassen."

Technisch sei die Lawinenrettung bereits voll ausgereift und Weiterentwicklungen seien kaum mehr denkbar, gibt der Experte zu bedenken. "Um jemanden aus zwei Meter tiefem Schnee innerhalb der 18 Minuten auszugraben, ist die gute Grundausrüstung des Begleiters unabkömmlich. Schafft man die sofortige Befreiung nicht, ist die Chance später nur mehr gering."

Gutes Notarzt-System in den Alpen

Zumindest die Überlebenschance derer, die erst 35 Minuten nach der Verschüttung geborgen werden, ist in der Schweiz höher als in Kanada. "In den Alpen gibt es ein hoch entwickeltes medizinisches Rettungssystem mit Helikoptern und Notärzten, über das Kanada nicht verfügt. Zudem sind hierzulande die Distanzen wesentlich geringer", so der Experte. Allein darauf sollte man sich jedoch nicht verlassen - liegt doch die Überlebenschance nach 35 Minuten nur mehr bei 20 Prozent. (pte)

Für meine persönliche Statistik

Ich hätte gerne folgenden Fall kennengelernt:
1) Lawine
2) Kameraden finden Verschütteten
3) Nichts ist passiert, Rettung wird gar nicht informiert

Besonders wäre ich an einer Befreiung interessiert, die ohne LVS nicht geklappt hat (sprich: gänzlich verschüttet).

Bitte unter Angabe von Zeit und Ort

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.