Fidler futtert strahlenden Sondermüll zwischen dem schießfreudigen Bierbaum am Kleebühel und Josefstadt - Sushi auf Anfrage
Hern oder Frau "Kra Wuzikabuzi" verdanke ich die Erkenntnis, dass "nach tv-berichten der letzten tage in unseren breiten so gut wie alle wildschweine seit tschernobyl extrem
verstrahlt sind und direkt zum sondermüll gehen, weil sie hochverstrahlte
pilze und trüffel fressen". Seither fühle ich mich als Sondermüllverwerter ersten Ranges. Ich erwäge ohnehin schon länger, mich bei der MA 48 zu bewerben. Oder halt bei ihrem Pendant in Bierbaum am Kleebühel.
Wilder Westen von Tulln
Bierbaum am Kleebühel ist ein Ort im Tullnerfeld, der an einem sonnigen Märzsamstagmittag auf den ersten Blick ein bisschen so wirkt wie ein Kaff im Wilden Westen. Man glaubt, im Hintergrund das im Wind quietschende Schild des Barbiers zu hören oder welche Dienstleistungen halt noch in einem Wildwestkaff angeboten werden, und war da nicht auch im Ohrenwinkel ein "Diese Stadt ist zu klein für uns beide"? Geschossen wird hier jedenfalls sehr gern.
Schießfreudig
Wo warst du denn, fragt mich Kollegin Schersch etwas erstaunt, als ich den neuesten Schwung Schmecksbilder vorbeibringe, eine Auswahl können Sie am linken Rand begutachten. Ausgestopfte Viechereien, wohin man schaut, über meinem Suppenteller kreist zum Beispiel ein Raubvogel, den ich Universaldilettant natürlich nicht zuordnen kann. Von der Täfelung gleich rechts lacht mich Landesvater Erwin Pröll an, aber das finde ich weniger zum Schießen. Kurzum: Der Wirt ist Jäger, und laut launigem Schild an der Außenmauer kocht er auch - "kommen Sie trotzdem". Das kann ich nur unterstreichen.
Hummerbisque?
Zum Beginn der Fastenzeit hält man den Wirten aber vielleicht auch für eine Fischer: Drei Fischvorspeisen, drei Suppen, darunter Hummerbisque, die man hier eher nicht erwartet und mehr als ein Dutzend Fischhauptgänge von „Seefilet" gebacken über Karpfen, Zander, Wagramforelle, Gebirgssaibling bis zu ferner liegenden Lachsen, Steinbutten, Scampi oder Wolfsbarsch im Ganzen.
Fischbeuschel!
An diesem Samstagmittag ist außer mir noch ein Tisch mit einem älteren Paar besetzt, später kommt noch ein Gast dazu. Ich nehme die Fischbeuschelsuppe, das scheint mir im milden Nordwesten von Tulln passender als Branzino - wobei der ja auch in der „Sonne" jenseits der Donau recht häufig anzutreffen ist.
Sushi auf Anfrage
Wirklich gerissen hat's mich allerdings bei einem anderen Eintrag auf der Saisonkarte: Sushi auf Anfrage. Der goldene Hirsch bemüht sich wirklich, seinen Gästen die weite Welt ins kleine Bierbaum zu bringen. Nein, die multiple Katastrophe in Japan war da noch zu jung für einen aktuellen Bezug. Womit wir aber wieder beim Strahlenthema wären.
Nicht mehr ganz so Frischling
Die Speisekarte geht aber noch viele, viele Seiten weiter - der Wirt muss einen großen Kühlraum haben, denke ich, und bestelle den Frischlingsspieß mit Akazienhonig-Curry von Seite zwei der aktuellen Spezialitäten. Nicht ohne vorher einen befreundeten Jäger um Rat zu fragen, ob man im März eigentlich Frischlinge Erlegenssaison haben. „Immer", schreibt der Waidmann meines Vertrauens, „jedoch kein vernünftiger Mensch erlegt sie vor dem Herbst, wo sie so groß sind, dass man sie gscheit essen kann".
Aber jetzt am besten
Dann ist mein Frischling offenbar nicht mehr so frisch, denke ich, und frage mich: Womöglich deshalb die wirklich gute, aber doch sehr kräftige Honigcurrysauce? Lieber noch einmal nachfragen. Der Jagdfreund beruhigt: „Die werden im November, Dezember geschossen und liegen halt dann im Kühlhaus. Sind jetzt am besten." So kam's mir beim Essen aber auch vor, nur ich kann mich, wie Sie wissen, leicht täuschen. Bin also beruhigt.
Wirklich gut gemeint waren übrigens die Beilagen zur Sau: Zum Spieß ordentlich Paprika und Zwiebel, Folienkartoffel, dazu noch Rotkraut und gedämpftes Gemüse-Allerlei. Viel Platz wäre nicht mehr gewesen auf diesem gar nicht kleinen Teller. Man wird gut satt in Bierbaum für 20,60 Euro, keine Frage.
Mitten im Achten
Wo ich schon am Herumsauen war, und insofern ohnehin schon verstrahlt, siehe Kra Wuzikabuzi, konnte ich auch gleich in der Josefstadt weitermachen. Herr Nowak schwärmte unlängst hymnisch von confiertem Kronfleisch bei Herrn Schnattl, das veranlasste mich denn doch wieder, in der Langen Gasse vorbeizuschauen.
Piefke sieht Piefkes
Noch bevor sich die Vegetarierin über das Vegetariermenü freuen konnte, verwarf sie hier mitten im Achten die Überlegung, doch zurück nach Deutschland zu gehen, weil sie in Österreich eh keiner versteht. Am Tisch rechts von ihr ortete sie "Piefkes", an der Tafel links von ihr unter Italienern, Wienern ebenfalls "Piefkes", und als sie ihre feinen Ohren nach hinten klappte - ein "Piefke"-Pärchen in ihrem Rücken. Ich hab ja nichts gegen Deutsche. Sie rätselte, ob Schnattl gerade im Feinschmecker oder im Falstaff Deutschland oder in einem Reiseführer empfohlen wurde. Oder sind's die Deutschen, die die "Presse" lesen?
Egal. Das Vegetarierinnenmenü (von Feminist Fidler nachträglich gegendered) schien ihr zu schmecken. Ich mochte die Karfiolsuppe sehr, konnte aber auf meinem Kostlöffel die angekündigten Walnüsse nicht so richtig rausschmecken, aber das kann auch an mir liegen, und gestört hat's mich nicht. Kresserisotto sehr anständig, die Frischkäseterrine zu Beginn für mich ein bisserl langweilig. Aber ehrlich: Wann hat Sie zuletzt Frischkäse fasziniert oder gar aufgeregt?
Huch, der Hecht!
Da hat mich meine Fischvorspeise schon deutlich mehr überrascht: Hechtfilet steht ziemlich weit oben in der Karte, gleich unter Mischblattsalat und Carpaccio, und noch vor den Mangalitzagrammelknödeln und der Rinderkraftsuppe. Vermutlich also eine Vorspeise, wir mir auch versichert wird, als ich das doch recht ausgewachsene, gebratene Filet vor mir sehe. Ach, drei hauptspeisenwürdige Gänge wird der Fidler doch runterkriegen. Geht sehr gut, wo doch in der Josefstadt die Beilagen nicht ganz so üppig ausfallen wie im Tullnerfeld.
Beim ersten Blick auf die Managlitzagrammelknödel fühl ich mich kurz wie im falschen Gang, auch noch bei der - nach meiner dürftigen Erinnerung, da kann ich mich täuschen - an Gries gemahnenden Hülle, bei den Grammeln dann aber weiß ich mich wieder in sicherer Entfernung von der Operation Dessert Zone.
Generation Josefstadt
Gut, denn insofern hab ich noch das Wildschwein vor mir, rosa gebraten und geschmort, in beiden Zuständen eine Freude wie das Schwarzwurzel-Champignongröstel darunter. Die Sauce hätte für mich nicht ganz so kräftig ausfallen müssen. Ich Weichei würde ja von etwas salzig sprechen, aber das lag gewiss wie gewohnt nur an der starken Reduktion. Aber die Generation Josefstadt hat's ja gern auch ein bisschen beherzter, glaub ich.
Zweimal also ziemlich gut und natürlich unterschiedlich wild Schwein gehabt. Nur das rosa Kronfleisch hab ich nicht entdeckt, aber das wär ja auch vom Rind und würde ohnehin nicht in diese versaute Schmecks-Folge passen. Ich vermute zudem: Stammgastbonus.
PS: Herr Nowak bestreitet das soeben so nachdrücklich, dass ich stark versucht bin, ihm zu glauben, dass es regulär auf der Karte stand. Er berichtet, er war sogar zweimal dort deshalb, so gut war es. Wobei er einmal nicht soviel davon hatte: "Hartmann hat mir fast alles weggegessen." Kein Wunder, dass für mich nichts übrig war.
Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald
Fidler und
Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als
Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache
um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht
immer gelingt.