Frischling am Spieß

22. März 2011, 16:50
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    Essen unter Raubvögeln - der Hirsch ist passionierter Jäger

    Zum goldenen Hirschen
    Landstraße 51
    3462 Bierbaum am Kleebühel

    Zwei üppige Gänge, Apfelsaft, Kaffee: 20,80

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    Und wir meinen: Jäger.

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    Fischbeuschelsuppe, starker Anfang im Hirschen

     

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    So zirka sieht der Frischling aus, bevor er auf den Spieß kommt.

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    Mehr wäre nicht draufgegangen: Frischlingsspieß mit Akazienhonig-Curry und vielen, vielen Beilagen beim Hirschen. Die Sau sehr gut, übrigens.

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    Es gibt sie noch, die, naja, alten Dinge

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    Sie gibt es nicht mehr - jedenfalls nicht lebend

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    Sieht aus wie ein Dessert, ist aber ein Mangalitzagrammelknödel - mit Griesteig, wenn mich die Erinnerung nicht täuscht

    Schnattl in der Josefstadt

    Zweimal drei Gänge, Wein, Apfelsaft, Kaffee: 113,60

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    Noch einmal Wildsau, rosa gebraten und geschmort, bei Schnattl

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    Kresserisotto im Schnattl, sehr gut

Fidler futtert strahlenden Sondermüll zwischen dem schießfreudigen Bierbaum am Kleebühel und Josefstadt - Sushi auf Anfrage

Hern oder Frau "Kra Wuzikabuzi" verdanke ich die Erkenntnis, dass "nach tv-berichten der letzten tage in unseren breiten so gut wie alle wildschweine seit tschernobyl extrem verstrahlt sind und direkt zum sondermüll gehen, weil sie hochverstrahlte pilze und trüffel fressen". Seither fühle ich mich als Sondermüllverwerter ersten Ranges. Ich erwäge ohnehin schon länger, mich bei der MA 48 zu bewerben. Oder halt bei ihrem Pendant in Bierbaum am Kleebühel.

Wilder Westen von Tulln

Bierbaum am Kleebühel ist ein Ort im Tullnerfeld, der an einem sonnigen Märzsamstagmittag auf den ersten Blick ein bisschen so wirkt wie ein Kaff im Wilden Westen. Man glaubt, im Hintergrund das im Wind quietschende Schild des Barbiers zu hören oder welche Dienstleistungen halt noch in einem Wildwestkaff angeboten werden, und war da nicht auch im Ohrenwinkel ein "Diese Stadt ist zu klein für uns beide"? Geschossen wird hier jedenfalls sehr gern.

Schießfreudig

Wo warst du denn, fragt mich Kollegin Schersch etwas erstaunt, als ich den neuesten Schwung Schmecksbilder vorbeibringe, eine Auswahl können Sie am linken Rand begutachten. Ausgestopfte Viechereien, wohin man schaut, über meinem Suppenteller kreist zum Beispiel ein Raubvogel, den ich Universaldilettant natürlich nicht zuordnen kann. Von der Täfelung gleich rechts lacht mich Landesvater Erwin Pröll an, aber das finde ich weniger zum Schießen. Kurzum: Der Wirt ist Jäger, und laut launigem Schild an der Außenmauer kocht er auch - "kommen Sie trotzdem". Das kann ich nur unterstreichen.

Hummerbisque?

Zum Beginn der Fastenzeit hält man den Wirten aber vielleicht auch für eine Fischer: Drei Fischvorspeisen, drei Suppen, darunter Hummerbisque, die man hier eher nicht erwartet und mehr als ein Dutzend Fischhauptgänge von „Seefilet" gebacken über Karpfen, Zander, Wagramforelle, Gebirgssaibling bis zu ferner liegenden Lachsen, Steinbutten, Scampi oder Wolfsbarsch im Ganzen. 

Fischbeuschel!

An diesem Samstagmittag ist außer mir noch ein Tisch mit einem älteren Paar besetzt, später kommt noch ein Gast dazu. Ich nehme die Fischbeuschelsuppe, das scheint mir im milden Nordwesten von Tulln passender als Branzino - wobei der ja auch in der „Sonne" jenseits der Donau recht häufig anzutreffen ist.

Sushi auf Anfrage

Wirklich gerissen hat's mich allerdings bei einem anderen Eintrag auf der Saisonkarte: Sushi auf Anfrage. Der goldene Hirsch bemüht sich wirklich, seinen Gästen die weite Welt ins kleine Bierbaum zu bringen. Nein, die multiple Katastrophe in Japan war da noch zu jung für einen aktuellen Bezug. Womit wir aber wieder beim Strahlenthema wären.

Nicht mehr ganz so Frischling

Die Speisekarte geht aber noch viele, viele Seiten weiter - der Wirt muss einen großen Kühlraum haben, denke ich, und bestelle den Frischlingsspieß mit Akazienhonig-Curry von Seite zwei der aktuellen Spezialitäten. Nicht ohne vorher einen befreundeten Jäger um Rat zu fragen, ob man im März eigentlich Frischlinge Erlegenssaison haben. „Immer", schreibt der Waidmann meines Vertrauens, „jedoch kein vernünftiger Mensch erlegt sie vor dem Herbst, wo sie so groß sind, dass man sie gscheit essen kann".

Aber jetzt am besten

Dann ist mein Frischling offenbar nicht mehr so frisch, denke ich, und frage mich: Womöglich deshalb die wirklich gute, aber doch sehr kräftige Honigcurrysauce? Lieber noch einmal nachfragen. Der Jagdfreund beruhigt: „Die werden im November, Dezember geschossen und liegen halt dann im Kühlhaus. Sind jetzt am besten." So kam's mir beim Essen aber auch vor, nur ich kann mich, wie Sie wissen, leicht täuschen. Bin also beruhigt.

Wirklich gut gemeint waren übrigens die Beilagen zur Sau: Zum Spieß ordentlich Paprika und Zwiebel, Folienkartoffel, dazu noch Rotkraut und gedämpftes Gemüse-Allerlei. Viel Platz wäre nicht mehr gewesen auf diesem gar nicht kleinen Teller. Man wird gut satt in Bierbaum für 20,60 Euro, keine Frage.

Mitten im Achten

Wo ich schon am Herumsauen war, und insofern ohnehin schon verstrahlt, siehe Kra Wuzikabuzi, konnte ich auch gleich in der Josefstadt weitermachen.  Herr Nowak schwärmte unlängst hymnisch von confiertem Kronfleisch bei Herrn Schnattl, das veranlasste mich denn doch wieder, in der Langen Gasse vorbeizuschauen.

Piefke sieht Piefkes

Noch bevor sich die Vegetarierin über das Vegetariermenü freuen konnte, verwarf sie hier mitten im Achten die Überlegung, doch zurück nach Deutschland zu gehen, weil sie in Österreich eh keiner versteht. Am Tisch rechts von ihr ortete sie "Piefkes", an der Tafel links von ihr unter Italienern, Wienern ebenfalls "Piefkes", und als sie ihre feinen Ohren nach hinten klappte - ein "Piefke"-Pärchen in ihrem Rücken. Ich hab ja nichts gegen Deutsche. Sie rätselte, ob Schnattl gerade im Feinschmecker oder im Falstaff Deutschland oder in einem Reiseführer empfohlen wurde. Oder sind's die Deutschen, die die "Presse" lesen?

Egal. Das Vegetarierinnenmenü (von Feminist Fidler nachträglich gegendered) schien ihr zu schmecken. Ich mochte die Karfiolsuppe sehr, konnte aber auf meinem Kostlöffel die angekündigten Walnüsse nicht so richtig rausschmecken, aber das kann auch an mir liegen, und gestört hat's mich nicht. Kresserisotto sehr anständig, die Frischkäseterrine zu Beginn für mich ein bisserl langweilig. Aber ehrlich: Wann hat Sie zuletzt Frischkäse fasziniert oder gar aufgeregt?

Huch, der Hecht!

Da hat mich meine Fischvorspeise schon deutlich mehr überrascht: Hechtfilet steht ziemlich weit oben in der Karte, gleich unter Mischblattsalat und Carpaccio, und noch vor den Mangalitzagrammelknödeln und der Rinderkraftsuppe. Vermutlich also eine Vorspeise, wir mir auch versichert wird, als ich das doch recht ausgewachsene, gebratene Filet vor mir sehe. Ach, drei hauptspeisenwürdige Gänge wird der Fidler doch runterkriegen. Geht sehr gut, wo doch in der Josefstadt die Beilagen nicht ganz so üppig ausfallen wie im Tullnerfeld.

Beim ersten Blick auf die Managlitzagrammelknödel fühl ich mich kurz wie im falschen Gang, auch noch bei der - nach meiner dürftigen Erinnerung, da kann ich mich täuschen - an Gries gemahnenden Hülle, bei den Grammeln dann aber weiß ich mich wieder in sicherer Entfernung von der Operation Dessert Zone.

Generation Josefstadt

Gut, denn insofern hab ich noch das Wildschwein vor mir, rosa gebraten und geschmort, in beiden Zuständen eine Freude wie das Schwarzwurzel-Champignongröstel darunter. Die Sauce hätte für mich nicht ganz so kräftig ausfallen müssen. Ich Weichei würde ja von etwas salzig sprechen, aber das lag gewiss wie gewohnt nur an der starken Reduktion. Aber die Generation Josefstadt hat's ja gern auch ein bisschen beherzter, glaub ich.

Zweimal also ziemlich gut und natürlich unterschiedlich wild Schwein gehabt. Nur das rosa Kronfleisch hab ich nicht entdeckt, aber das wär ja auch vom Rind und würde ohnehin nicht in diese versaute Schmecks-Folge passen. Ich vermute zudem: Stammgastbonus.

PS: Herr Nowak bestreitet das soeben so nachdrücklich, dass ich stark versucht bin, ihm zu glauben, dass es regulär auf der Karte stand.  Er berichtet, er war sogar zweimal dort deshalb, so gut war es. Wobei er einmal nicht soviel davon hatte: "Hartmann hat mir fast alles weggegessen." Kein Wunder, dass für mich nichts übrig war.

Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

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kuchlmensch
00
28.3.2011, 19:05
Ausgestopft

"Von der Täfelung rechts lacht mich Landesvater......"
War er ausgestopft bezw. fachgerecht präpariert? oder war es nur ein bild des Heiligen Erwin, des allerletzten absoluten Herrschers? (Revolutionen wie im arabischen Raum sind ja im Land niederösterreich VORERST nicht zu erwarten

schottreinkerl
01
28.3.2011, 10:09
"An diesem Samstagmittag ist außer mir noch ein Tisch mit einem älteren Paar besetzt, später kommt noch ein Gast dazu."

dieser fidler...... lässt sich von einem älteren paar und noch einem ominösen gast ( name ist der redaktion bekannt) besteigen, und frisst trotzdem/deswegen (wie eine) wildsau.....

sic transit gloria mundi!

Kung Fu
00
24.3.2011, 10:35
Und wieviel Sievert hatte das Schwein jetzt?

Anton Hammerschmidt
00
25.3.2011, 08:58
Für Hysteriker sicher zuviel.

Kung Fu
00
25.3.2011, 09:50
Das Gegenteil vom Hysteriker

ist der schwarze Ritter ;-)

jumpingjack flash
00
24.3.2011, 11:00

fidler ist wie ich ein schwammerlliebhaber - ich glaub da bekommen wir die grössere menge an cäsium ab, oder?
bei Shiitake sollte man derzeit auch eher vorsichtig sein.

Sand
00
24.3.2011, 09:08

Frischling ist das mit Sicherheit keiner. Eher ein ungenießbarer Jungeber oder eine junge Sau.

jumpingjack flash
00
24.3.2011, 10:41

wie sehen die tiere aus die da oben auf den teller kommen - haben die noch streifen oder sind das eh schon pubertäre wilde.

HK-11
01
23.3.2011, 11:23

"... Von der Täfelung gleich rechts lacht mich Landesvater Erwin Pröll an...""

Mich hat der noch nie an- sondern immer ausgelacht.

Der Große von Gegenüber
00
23.3.2011, 10:40

also, die präparierte wildsau würd ich auf keinen spieß mehr stecken und braten - und vor allem essen ...

gustav650
136
23.3.2011, 10:06
Kindermord

Heavyweather
21
23.3.2011, 14:25

Babymord.

HK-11
31
23.3.2011, 11:15

Freigang?

Ingrid Goeschl1
32
23.3.2011, 18:51

Ich finde es auch extrem grauslich, einen kleinen Frischling zu töten und zu verspeisen.

Viel nachdenken darf man dabei vermutlich nicht.

jumpingjack flash
00
24.3.2011, 10:37

das ist der vorteil für tiere unter menschenhand - die schlachtung/das töten kann wesentlich schneller und schmerzloser erfolgen - beim frischling ein gezielter schuss.

kopfsalat
00
24.3.2011, 09:57
noch nie ein wienerschnitzel gegessen?

kalb und so?

Ingrid Goeschl1
33
24.3.2011, 10:21

Ich esse schon fast mein ganzes Leben keine jungen Tiere und seit einigen Jahren bin ich überhaupt Vegatarierin.

Ich setze mir auch nicht als Ziel, die Welt zwangsweise zum Vegetarismus zu bekehren, aber es wäre schön, wenn man Tiere zumindest akzeptabel hält und schmerzlos schlachtet (ich denke, das ist ja wohl nicht zuviel verlangt).

uni versalis
00
29.3.2011, 12:46
wie kommen sie auf die idee,

dass dieser frischling nicht akzeptabel gehalten wurde (ist btw ein frei lebendes tier) und vor allem, dass es zu tode gequält wurde?

ein alter ochs, ein altes schwein, ein älteres schaf und vieles andere ist halt nicht mehr so nett zum essen. genauso ist es bei wildschweinen.

übrigens: es gibt auch menschen, die pflanzen als lebewesen bezeichnen. was sagen sie zu denen?

kopfsalat
13
24.3.2011, 10:47
akzeptabel hält und schmerzlos schlachtet

wild, blattschuss, bestes fleisch.

kopfsalat
00
25.3.2011, 10:40
sie widersprechen sich da ein bisschen.

doch lieber industriestall und CO2 vergasung?

da spüre ich zumindest wesentlich mehr dass es falsch ist. ein frischling hingegen lebt wild, frei und lustig und stirbt im leidensfreiesten weg.

Ingrid Goeschl1
00
25.3.2011, 11:30

Teilweise gebe ich Ihnen recht, trotzdem hat ein Jungtier erst sehr kurz gelebt. Tiere fühlen ja Angst, Schmerz, Verzweiflung genauso wie wir, nur der Intellekt ist anders.

Bei der Jagd gibt es ja nicht nur den schnellen schmerzfreien Blattschuss, es gibt Treibjagden, bei denen die Tiere verzweifelt um ihr Leben rennen, Jagd mit Hunden oder Jagden (siehe Mennsdorff), wo gezüchtete Tiere vor den Flinten losgelassen werden und um ihr Leben flattern.

Vor allem verstehe ich den Lustgewinn nicht, denn Wochenend-Jäger beim Töten verspüren.

Ingrid Goeschl1
00
25.3.2011, 09:51

Ich fürchte, wenn einem Menschen nicht aus eigenem Gefühl für Richtig und Falsch spürt, was daran falsch ist, einen Frischling zu essen, wird man es ihm auch nicht erklären können.

Hauptsache es schmeckt.

kopfsalat
00
25.3.2011, 10:42
wobei ich ehrlich zugeben muss

ich wuerd mir auch eher keinen frichling bestellen, sondern wildschwein. ich finde es aber ok dass man das bestellen kann. und das sollte ohne moralkommentaren von vegetariern gehen.

AnoNym54
33
24.3.2011, 04:00
wo ist da ein Unterschied

Baby töten - Eltern töten ?

Wahrscheinlich keiner, nur das Baby schmeckt halt viel besser. Wers moralisch nicht aushält kann ja auch Tofu am Spieß essen - klingt schrecklich - schmeckt auch so

gustav650
15
23.3.2011, 13:39

"Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran bemessen, wie sie mit ihren Tieren umgeht" (Mahatma Gandhi)

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