US-Philosoph

Diese Intervention ist durch nichts zu rechtfertigen

Michael Walzer, 21. März 2011, 18:34

Michael Walzer: Motive fragwürdig, Ziele unklar

An der Intervention in Libyen stimmt so vieles nicht, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Hier nur die gröbsten Unstimmigkeiten:

1. Es ist völlig unklar, was mit dem Eingriff bezweckt werden solol. Ist das Ziel, das Scheitern der Rebellen zu verhindern und das zu tun, wozu sie selbst nicht im stande sind - nämlich Gaddafi zu stürzen? Oder will man die Kämpfe nur möglichst lang aufrechthalten, inder Hoffnung, dass die Rebellen sich durchsetzen und Gadaffi selbst stürzen? Oder will man nur einen dauerhaften Waffenstillstand erreichen? Die Stärke der Angriffe deutet auf die erste Option, aber um wirklich erfolgreich zu sein, bräuchte es wahrscheinlich Bodentruppen, die allerdings niemand bereitstellen will.. Also ist wohl Variante zwei wahrschenlich, obwohl das nicht weniger sondern mehr Blutvergießen bedeutet.

Zweitens haben die Angriffe keine signifikante Unterstützung seitens der arabischen Staaten. Quatar und die Emirate beteiligen sich zwar, repräsentieren aber nur ein Prozent der arabischen Gesamtbevölkerung.

Drittens beschränkt sich die Opposion im UN-Sicherheitsrat nicht nur auf China und Russland, Auch Indien, Brasilien und Deutschland enthielten sich der Stimme, die Afrikanische Union ist ebenfalls gegen die Aktion und die arabischen Staaten, wie schon gesagt, erst recht.

All das fiele nicht ins Gewicht, wenn es wirklich eine humanitäre Intervention wäre, um das Massaker zu stoppen. Aber genau dies geschieht in Libyen eben nicht. Nach einem Sieg Gaddafis seinen brutalen Repressionen zuschauen zu müssen, wäre natürlich nicht leicht (owohl wir beispielsweise in Bahrain und im Jemen keine Probleme damit haben), aber die Niederwefung von Tyrannen und die Errichtung demokratischer Strukturen ist eine Sache der Menschen vor Ort, Außenstehende können jede Form der Hilfe anbieten, aber eine militärische Intervention, wie wir sie jetzt erleben, ist nur in extremen Situationen zu rechtfertigen. Ruanda und Darfur, wo wir nicht intervenierten, wären solche Beispiele. Libyen ist keines. (Michael Walzer, DER STANDARD, 22.3.2011)

Michael Walzer, Jg. 1935, ist Moralphilosoph und einer der führenden US Intellektuellen und lehrt am Insitute for Advanced Studies in Princeton( "Gibt es einen gerechten Krieg?); sein hier publizierter Kommentar ist in Kurzfassung dem "NewRepublic" entnommen.

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Posting 1 bis 25 von 29
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Dhimmi
01
22.3.2011, 16:59
"Diese Intervention ist durch nichts zu rechtfertigen"

Natürlich nicht.

Und geschätzte 2/3 bis 3/4 der poster haben sie herbeigewünscht.
Das ist, drücken wir es mal ganz positiv aus: erstaunlich.

Jedenfalls will ich hier kein Ami-bashen mehr lesen, und auch nix mehr gegen Irak und Afghanistan. Die moralische Berechtigung dafür ist erloschen.

(°)(°)
00
22.3.2011, 15:17
Naja, durch niedrigere Sprit Preise vielleicht schon!

Raphae1
11
22.3.2011, 18:34

Wie viele Tote sind ihnen eine billige Tankfüllung wert?

(°)(°)
00
22.3.2011, 19:43

Wie viele haben wir denn bis jetzt in Kauf genommen?
So alles eingerechnet, von der Installation des Schah im Iran angefangen...

Hossam Hassan
21
22.3.2011, 12:41
Vielleicht ist diese Intervention nicht zu rechtfertigen

aber ihren Sinn hat sie schon:
Die EU wird sich in absehbarer Zeit auf eine militärische Doktrin einigen. Schon jetzt ist der hohe gemeinsame logistische Organisation zwischen britischen, französischen und spanischen Truppen sichtbar.
Man kann das jetzt gut oder schlecht finden, aber es ist eine Tatsache geworden, dass die europäischen Mächte wieder zurück ins Geschäft militärischer Intervention wollen. Sollte dieser Angriff halbwegs seine Ziele erreichen (was immer diese sein mögen) wird er zur Folge haben, dass sich Deutschland mit seiner Ghaddafi freundlichen Politik politisch ins Abseits gestellt hat. Deutschland wird auch die Untersützung des Iran noch politisch schwer auf den Kopf fallen. Denn nach Ghaddafi sind die Mullahs dran.

Donald Kerabatsos
01
22.3.2011, 12:56
Wenn Sie da mal nicht falsch liegen;

es könnte sich ebenso als Segen erweisen, daß Deutschland sich enthält, denn es haben sich Allianzen gebildet, gegen die der Westen zahlenmäßig nichts mehr zu sagen hat, sondern höchstens militärisch.

Zählen Sie die Bevölkerung der Kriegsgegner, so kommen Sie auf 4 Milliarden Menschen, und diese Länder werden die Zukunft entscheidend mitgestalten.

beliar
01
22.3.2011, 14:35

also: ich würde eher sagen zählen sie die regierungen, nicht die menschen denn die haben in den meisten ländern der kriegsgegner nicht viel zu sagen

Jar Jar Binks
04
22.3.2011, 15:13
gleiches gilt für die Kriegführenden,oder?

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass weder in Frankreich, noch in Spanien oder England die Menschen gefragt wurden ob sie diesen Angriff wollen. Also zählen wir hier auch nur die Regierungen und nicht die Menschen, weil die hatten hier auch nichts, schlichtweg gar nichts zu sagen.

Donald Kerabatsos
00
22.3.2011, 14:56
China, Indien, D und Russland opponieren offen.

Natürlich ist der Bürger immer der Zweite, das ändert aber an meiner Ausage nichts.

Dhimmi
00
22.3.2011, 17:04
"China, Indien, D und Russland opponieren offen"

Und ganz offen haben sie die Resolution passieren lassen.

Im übrigen hat jeder vollkommen andere Gründe. Das nächste mal sehen die Verhältnisse wieder anders aus.

Donald Kerabatsos
00
22.3.2011, 23:31

Sie opponieren nun, weil es nicht mehr um eine Flugverbotszone geht, sondern man mittlerweile Gaddafi entfernen will - was klar ein Bruch der Resolution ist.

as asdad
40
22.3.2011, 11:42
Einem Gemetzel zusehen "wäre natürlich nicht leicht"

Sehr richtig erkannt, dass das "nicht leicht wäre". Und andrerseits spricht ein Zynismus aus des Philosophen Mund, der menschenverachtend ist und gleichgültig gegenüber Menschenleben.

Wenn sich doch in den anderen Fällen (Jemen, Bahrain - wo übrigens die Herrscher nicht gedroht haben, die alle "Ratten" auszulöschen und ein Höllen auf Erden für sie anzurichten) keine Mehrheiten finden ließ, dann sollte man glücklich über die günstige internationale Konstellation im Fall Libyen sein - und nicht dagegen, weils bei den anderen auch so ist. Ist ja eine absurde Logik.

der tueftler
44
22.3.2011, 08:31
natürlich

sind die allierten nicht einig, das ist ja das wesen einer so heterogenen allianz. aber ebenso natürlich ist die tatsache, dass die libysche bevölkerung gerade versucht einen mörder vom schlage eines hitler oder stalin loszuwerden und dass da jede hilfe recht kommt. immerhin ist der fall von bengasi gerade noch verhindert worden und niemand weiß, wie sich die dinge entwickeln werden, wenn klar wird, dass gadaff eben nicht die ganze macht hat, sondern angegriffen wird. es ist durchaus wahrscheinlich, dass sich dann auch die libysche armee auf seiten des volkes schlägt.
hätten andere so gedacht, dann hätten wir noch die gestapo und konzentrationslager in europa!
die opfer der angriffe sind zu beklagen, aber sie wären es noch mehr...

Bolschewik
15
22.3.2011, 08:16

einmal ein amerikanischer philosoph dem man zustimmen kann, ein einsamer rufer in einer medialen meinungswüste

Mihilist
 
81
21.3.2011, 22:40
Intellektuelle Arroganz

Wie hätten wirs denn gerne? Würden sich die Bösen immer brav so verhalten, dass die Guten immer gut dastehen, dann wäre die Welt wirklich so einfach zu verstehen wie Fast Food. Abgesehen davon stellt Walzer Fragen, die er mit etwas mehr Information beantworten könnte. Die Geduld des Westens ist in vielen Fällen unverständlich, wenn man "uns" für allmächtig hält. Gerne wird die Facette übersehen, dass "der Westen" von verteufelten Aliierten um Intervention gebeten wird. Als Amerikaner sieht Walzer die amerikanische Big Bomb Tradition. Libyen ist Europas Vorhof. Lieber aus einem moralischen Nähkästchen zu argumentieren als die Probleme ernsthaft zu balancieren, ist intellektuell unredlich. Hoffentlich ist sein Honorar dick.

das ist alles sehr kompliziert!
 
33
21.3.2011, 22:38
Hmmmmnajaaa.

Prinzipiell bin ich eher skeptisch bei Interventionen, da diejenigen die von außen eingreifen, meist handfeste Eigeninteressen haben, die das vorgebliche Ziel vergiften (siehe Irak oder Endlos-Afghanistan).

Aber hier hat's ja eh von innen heraus angefangen, genug Libyer, die gegen das Regime am Boden kämpfen wollen, dürfte es also offenbar geben.

Gaddafi hat sich brutale Söldner-Zombies aus dem afrikanischen Ausland gekauft, die wohl wirklich keine Hemmungen hätten, ein Blutbad anzurichten.

Die dürfen also schon mitmachen, aber der Westen nicht?

Was wirklich daraus wird, weiß ich nicht, aber gerade hier habe ich am ehesten noch das Gefühl, dass ein Eingreifen gerechtfertigt ist.

Chien de Pique
01
22.3.2011, 12:38

Brutale Söldner-Zombies ist Rebellenpropaganda, aufgrund derer inzwischen wahrlich genug harmlose Schwarzafrikaner in Libyen gelyncht wurden, das sollten Sie langsam einstellen. Es gibt vermutlich Söldner, aber die scheinen keine zentrale Rolle zu spielen, sondern allenfalls eine sekundäre.

Raphae1
02
21.3.2011, 23:27

> "Die dürfen also schon mitmachen, aber der Westen nicht?"

Wer *darf* aller mitsp^H^Hkämpfen?
Sollten wir uns nicht besser die Frage stellen, ob *wir* mitkämpfen *wollen*? Gaddafis Entscheidungen (sollte er noch leben) können wir nicht ändern. Das Blutbad, das jetzt von europäischen Waffen angerichtet wird, ist unser Blutbad. Lybien wird Europas Irak werden.

Mihilist
 
10
21.3.2011, 22:52

Das Söldner-Argument ist völlig gerechtfertigt. Und die sichtbaren Effekte am Boden - wie Ende des Artilleriebeschusses, Stoppen der Panzerkolonnen - sind Erfolge. Weniger militärisch als juristisch und humanitär. Gaddafi wollte Zerstörung und zeigte keinerlei Bereitschaft einzulenken. Ob den Gaddafis zu trauen sein wird, sollten sie an den Verhandlungstisch zurückkehren, wird man sehen. Ich denke, die wünschen sich einen starken Abgang. Wie lange die Überwachung dauern wird, kann man im Moment nicht sagen. Es fehlt der zweite Schritt. Wird die UNO eine Pufferzone oder Safe-Zones einrichten?

santa fe
 
24
21.3.2011, 21:16

noch ist der neuen kriegsmüdigkeit amerikas nicht ganz zu trauen, es fädelt seinen neuesten krieg nur diplomatischer ein und lässt die europäer vorbreschen. dass sie dass wirklich tun, ist die grosse negative überraschung für den weltfrieden. bei sarkozy und cameron ist klar, dass sie ihre wiederwahl doch noch retten konnten, wenn nichts dazwischen kommt, bei obama weniger.

x aeins
22
21.3.2011, 20:46

zu hoffen ist, dass der Moralphilosoph in der Langfassung besser argumentiert.Denn
- wenn wir mit Tyrannen irgendwo keine Probleme haben, legt das ja nicht nahe, dass wir auch mit diesem keine haben sollten. Ist doch nicht ganz schlecht, irgendwann damit anzufangen
- verrät er uns nicht, wo genau die extreme Situation beginnt, die ein Eingreifen rechtfertigt. Solche Beliebigkeit wirkt unredlich

Raphae1
17
21.3.2011, 21:34

Interessanter finde ich die Frage, warum "wir" bei diesem Tyrannen anfangen und bei anderen Tyrannen (z.B. aktuell in Qatar und Jemen) keine Probleme haben. Ob das daran liegt, dass unter dem Sand Libyens das Erdöl von BP, Agip, Total und OMV wartet?

JP55
00
22.3.2011, 16:17

In Qatar gibt es ebenfalls riesige Ölreserven. Das weltgrößte Gasfeld liegt ebenfalls großteils in Qatar.
Auch in Jemen sind westliche Konzerne (wie zB auch die OMV tätig), wobei Jemen sicher nicht auf einer Stufe mit Libyen liegt.
Es lässt sich zwar vieles, aber halt nicht alles mit der Gier nach fossilen Rohstoffen erklären....

Raphae1
01
22.3.2011, 18:32

Nach Qatar ist man bereits von Saudi-Arabien aus einmarschiert. Es gibt daher keinen Grund mehr zusätzlich NATO-Truppen zu entsenden.

JP55
00
23.3.2011, 08:19

das war Bahrain...

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