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vergrößern 700x394Ein Obdachloser, der keine Spuren hinterlassen will: Ivette Löckers "Nachtschichten" spürt Lebensformen im Dunklen auf.
"Die Nacht ist wie ein Freund, der dich umarmt. Sie ist viel verlässlicher als die Menschen." Der junge Mann, der durchs nächtliche, verschneite Berlin streift, ist im Leben nicht vorwärtsgekommen. Nun möchte er endlich zur Ruhe kommen. Doch nur in der Nacht weiß er, was zu tun ist - da fühlt er sich sicher.
Wie Nikolaus Geyrhalter in seinem Essayfilm Abendland, der die Diagonale eröffnet, beobachtet auch die in Berlin lebende österreichische Filmemacherin Yvette Löcker nächtliches Geschehen. Im Gegensatz zu Abendland interessiert sich Nachtschichten jedoch nicht für automatisierte, unsichtbare Abläufe an großteils namenlosen Orten, sondern für konkrete Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen zu einem Teil der Berliner Nacht geworden sind.
So pirscht sich etwa die Kamera mit zwei jungen Graffitikünstlern an Eisenbahnwagons heran und erklimmt heimlich Hausdächer. Zwei Frauen fahren im "Kältebus" quer durch die Stadt, kümmern sich um Obdachlose. Eine Wachbeamtin, die sich selber nur in der Nacht sicher fühlt, kontrolliert ein Industriegelände, und eine als DJane arbeitende Japanerin philosophiert über den Gegensatz der Kulturen und die fehlende Ruhe in ihrer asiatischen Heimat. Und dazwischen lassen wiederholt Bilder aus dem Polizeihelikopter auf nächtlichem Überwachungsflug die Lichter der Stadt zu einem gelben Teppich verschmelzen.
Nachtschichten bleibt seinen einzelnen Protagonisten, die sich auf unterschiedliche Weise durch Berlin schlagen, buchstäblich auf den Fersen, übernimmt den Rhythmus der sich stets in Bewegung befindlichen Menschen. Dass der Film von Bildern eines auf der Lauer liegenden Jägers, über den die Flugzeuge Richtung Tegel donnern, eingerahmt wird, passt nur zu gut: Denn tatsächlich strukturiert Löcker ihre Protagonisten wiederholt als gegensätzliche Paare, setzt Polizei- und Wohlfahrtsjäger sowie flüchtige Nachtschwärmer und Verfolgte auch dramaturgisch in Opposition.
Nicht über alle kann und will sie gleich viel in Erfahrung bringen: Während etwa hinter den Erzählungen der Wachbeamtin, des Nachtwanderers oder der jungen Japanerin zumindest Stückwerke einer Biografie ans Licht kommen, bleiben andere in völliger anonymer Dunkelheit. So sehr die Nacht auch Unterschiede zwischen den Menschen nivelliert, so sehr lässt sie andererseits individuelle Lebensweisen zum Vorschein kommen. Und während manche sich lieber in Schweigen hüllen, tauen andere trotz der Eiseskälte zumindest vor der Kamera auf und werden wie einer der Obdachlosen beinahe redselig. Im Gegensatz zu den Graffitikünstlern möchte er keine Spuren hinterlassen und verbrennt am Ende der Nacht sein Zeitungspapier: "Der Wind macht dann den Rest."
Zwischendurch und leider zu selten lässt der Film dann auch die Stadt selbst sprechen: eine Straßenlaterne im Schneegestöber, ein spärlich beleuchteter Parkweg; eine leere Fotokabine, die alle paar Sekunden automatisch ein Bild schießt. Hier wird dann auch etwas von der Anziehungskraft der Nacht spürbar, von ihrer Besonderheit und vor allem Schönheit. (Michael Pekler, DER STANDARD/DIAGONALE - Printausgabe, 22. März 2011)
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