Ökonom Gerald Mann

"Spielgeld wird noch einmal vermehrt"

Regina Bruckner, 21. März 2011, 13:51
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    Mann: Wenn aus Fukushima ein neues Tschernobyl wird, dann sind die Folgen für Japan desaströs und für die Weltwirtschaft immens. Allerdings kann man nach dem vergangenen Wochenende eine gewisse Hoffnung schöpfen, dass das nicht eintritt.

Warum die Geldvermehrung durch die Bank of Japan die Blasenbildung fördert und was passiert wenn aus Fukushima ein neues Tschernobyl wird

derStandard.at: Der mit Bangen befürchtete Super-GAU in Japan scheint vorerst abgewendet. Was heißt das nun in wirtschaftlicher Hinsicht für Japan und die Welt?

Gerald Mann: Eine abschließende Beurteilung kann man derzeit noch nicht vornehmen. Es bleibt abzuwarten, ob man das Atomkraftwerk Fukushima endgültig in den Griff bekommt. Der Super-GAU als Worst-Case steht immer noch im Raum.

derStandard.at: Könnte man abgesehen vom menschlichen Leid die ökonomischen Folgen einer nuklearen Explosion in einem dicht besiedelten Gebiet überhaupt quantifizieren?

Mann: Wenn aus Fukushima ein neues Tschernobyl wird, dann sind die Folgen für Japan desaströs und für die Weltwirtschaft immens. Allerdings kann man nach dem vergangenen Wochenende eine gewisse Hoffnung schöpfen, dass das nicht eintritt.

derStandard.at: Japan ist die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Abgesehen von einem kurzen Donnergrollen an den Börsen und Finanzmärkten spüren wir die Auswirkungen in unseren Breiten kaum. Wie kann das in einer globalisierten Welt wie der unseren sein?

Mann: Ganz so ist es ja nicht. In Deutschland haben viele Großunternehmen bereits Krisenstäbe eingerichtet. Da geht es zum einen natürlich darum, wie man Mitarbeitern, die in Japan sind, helfen kann. Zum anderen geht es auch darum, dass einzelne Hightech-Teile, die aus Japan kommen, ersetzt werden müssen. Grundsätzlich gibt es drei Übertragungskanäle, wie uns die Auswirkungen erreichen können: Realwirtschaftlich, finanzwirtschaftlich und psychologisch. Der rein realwirtschaftliche Effekt ist bewältigbar. Aber wir haben auch noch die finanzwirtschaftliche Komponente. Wenn man sich anschaut, welch gigantische Geldsumme die Bank of Japan in der letzten Woche in die Märkte gepumpt hat, da nimmt schon einmal das Risiko von weiteren Blasen zu. Alleine an der Tatsache, dass der Yen nach oben springt, obwohl wir in einem vom Erdbeben verwüsteten Land das Gegenteil erwarten müssten, lässt ermessen, welche Kapriolen da in den nächsten Monaten auf uns zu kommen.

derStandard.at: Tatsächlich hat die Katastrophe in Japan die Devisenmärkte am heftigsten bewegt. Welche langfristigen Konsequenzen wird es im Währungsgefüge geben?

Mann: Ich gehe davon aus, dass die Volatilitäten an den Devisenmärkten und auch an den anderen Finanzmärkten auf jeden Fall zunehmen, weil noch einmal mehr Geld in Umlauf gebracht wurde. Die Finanzkrise 2008 ist ja mit enormen Liquiditätsspritzen durch die Notenbanken weltweit bekämpft worden, und jetzt setzt die Bank of Japan noch einmal eins drauf. Wenn man es also zugespitzt formulieren will: Das Spielgeld weltweit wird noch einmal vermehrt. 

derStandard.at: Gäbe es eine andere Möglichkeit?

Mann: Für mich ist es durchaus nachvollziehbar, dass in Japan so gehandelt wird. Japan befindet sich ja seit 20 Jahren in einer Stagnation. Beim Erdbeben von Kobe 1995 wurde genauso verfahren. Die Notenbank hat Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Japaner haben Vermögen im Ausland aufgelöst und zurücktransferiert und dann den Wiederaufbau finanziert. Noch 1995 stellte sich sogar Wachstum ein. Man spricht vom so genannten "Kobe-Effekt". Allerdings bleibt jetzt noch die Atomkomponente, von der wir immer noch nicht wissen, welche Wirkung sie letztlich haben wird. Dadurch sieht es diesmal völlig anders aus.

derStandard.at: Das bedeutet im Prinzip, dass der Ausgang in ökonomischer Hinsicht noch völlig offen ist?

Mann: So ist es. Der psychologische Effekt käme natürlich insbesondere zum Tragen, wenn in Japan das Schlimmste passiert. Wenn also Teile Japans atomar verstrahlt werden würden, müssten wir mit einem deutlichen Einbruch der japanischen Wirtschaft rechnen, der über den im Jahr 2009 hinausgeht.

derStandard.at: Wenn es zum Schlimmsten kommt, wird wohl auch global die gerade erst wieder optimistisch werdende Stimmung einen deutlichen Dämpfer erfahren.

Mann:
Dann würden ganz grundsätzliche Fragen gestellt: Zum Beispiel nach den internationalen Abhängigkeiten - die Wertschöpfungsketten, die um die ganze Welt gehen. Es wird dann auch die Frage gestellt, inwieweit die hohe Staatsverschuldung vieler OECD-Länder tragbar ist. Japan ist ja mit über 200 Prozent Spitzenreiter, und wenn das BIP sinkt, steigt die Verschuldung relativ zum BIP schon allein deswegen an. Dazu kommt, dass sich Japan jetzt noch stärker verschulden wird, um den Aufbau zu finanzieren. Allerdings ist es auch so, dass Japan zu über 90 Prozent bei seinen Staatsbürgern verschuldet ist. Das ist das genaue Gegenteil zu Griechenland, wo über 90 Prozent der Staatschulden bei Ausländern liegen. Deswegen gibt es einige Ökonomen, die sagen, das wird psychologisch nicht viele Auswirkungen haben. Ich bin da anderer Ansicht, weil sich natürlich die grundsätzliche Frage, ob diese hohen Staatsschulden wirklich tragbar sind, auch stellt, wenn es die Staatsbürger eines verschuldeten Landes trifft. Dann kommt hinzu, dass Japan ein wichtiger Financier von US-Staatsschulden ist, der jetzt logischerweise ausfällt.

derStandard.at: In welcher Weise werden all diese Faktoren einen Einfluss auf die bevorstehende Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank haben?

Mann: Wenn sich das Szenario in Japan in Richtung eines Super-GAUS entwickelt, dann werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sehr bedeutend sein. Ich gehe davon aus, dass dann auch die implizit angekündigte Zinserhöhung der EZB erst einmal zurückgestellt wird. Schlichtweg auch deswegen, weil der Euro dann im Verhältnis zu Dollar und Yen an Wert gewinnen wird. Wenn also die Bank of Japan den Markt weiter mit Geld flutet, und in Amerika der Aufkauf von Staatsanleihen auch über das jetzige Programm hinaus fortgesetzt wird, dann würde der Euro weiter steigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozonen-Länder abnehmen. Das würde man durch eine Zinserhöhung im April noch einmal verstärken. (Regina Bruckner, derStandard.at, 21.3.2011)

Prof. Dr. Gerald Mann (München) lehrt VWL an der deutschen FOM Hochschule für Ökonomie und Management.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 37
1 2
also dann ...
00
22.3.2011, 14:18
FLASSBECK (chefökonom der unctag) bringt es auf den punkt : es gibt k e i n e ... effizienten finanzmärkte !

http://www.ftd.de/finanzen/... tml?page=2

und erklärt auch...
aus welchen gründen der yen steigen musste.
der o.a. "experte" dürfte da wohl wesentliche vwl. zusammenhänge nicht richtig kapiert ...haben.

http://www.ftd.de/finanzen/... tml?page=2

kingcycle
01
22.3.2011, 11:52
Des Einen Spielgeld ist der Vielen Steuer..

Kapitalismus Luege
00
22.3.2011, 12:10
Du sollst nicht stehlen;

die Regierung duldet keine Konkurrenz.

sterngucker
 
01
22.3.2011, 10:56
"Der rein realwirtschaftliche Effekt ist bewältigbar. Aber wir haben auch noch die finanzwirtschaftliche Komponente."

Diese Aussage ist sehr bezeichnend. Sie zeigt die Absurdität eines Systems auf, in dem der Schwanz mit dem Hund wedelt.

Lord Chaos
10
22.3.2011, 11:41

Zumindest haben wir ein funktionierendes System. Das ist wesentlich mehr als die meisten linken Utopisten.

sterngucker
 
01
22.3.2011, 12:52
Das System funktioniert für seine hauptsächlichen Profiteure hervorragend

für viele so schlecht und recht, und für eine ganze Menge von Leuten überhaupt nicht. In gewissen Abständen - zuletzt 2008 - hört es sogar auf, für die Profiteure zu funktionieren. Dann werden diese panisch und setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um es wieder in Gang zu setzen. Bezahlen darf das der Rest.

Die Aussage "Das System funktioniert" ist in dieser Form unsinnig. Man muß immer dazu sagen, für wen, für wen nicht, und wie lange.

sawi48
00
22.3.2011, 12:31
@Chaos

Wir haben einfunktionierendes System ?
"lach"

Dein Name ist Programm.

Frohsinns dicke Katze
 
00
22.3.2011, 12:19

nun,
wie sehen bei ihnen nicht funktionierende systeme aus?

Kapitalismus Luege
00
22.3.2011, 10:12
seit Marx wissen wir: das Geld gehört immer dem Kapitalisten

auch wenn es sich zwischendurch in verschiedenen Händen befindet.

Das Ziel kapitalistischen Handelns ist ja sich aus einem Geldvorschuss einen Geldüberschuss erwirtschaften zu lassen.

Und seit der letzten Finanzkrise wissen wir auch, dass die Risikoaushaftung dafür sich auf das Proletariat und über mehrere Generationen erstrecken kann.

Wo ist also das Problem?

Jake Gittes
02
22.3.2011, 09:53

Ich fasse zusammen:

Wenn A passiert, kann es durchaus sein, dass B daraus folgt. Einige sagen aber, dass es genau umgekehrt sein würde. Generell hängt es aber von C ab, von dem wir nicht wissen, ob es eintreten wird. So wie es jetzt aussieht, tritt es nicht ein, aber falls doch haben wir damit zu rechnen, dass Ereignis D hinzukommt, was aber extrem unwahrscheinlich ist, weil D wiederum von E abhängt, und von E wissen wir nicht das geringste.

Lord Chaos
00
22.3.2011, 11:42

Stimmt! Dies ist allerdings in den meisten komplexen Systemen so.

Sidlo
00
22.3.2011, 09:51
Finde diese Analyse viel schärfer und tiefer als jene von

Sinn, die sich keine negativen wirtschaftlichen Auswirkungen auf Deutschland vorstellen kann. Der atomare Supergau wäre wegen seiner Unmittelbaren Nähe zum internationalen wirtschaftlichen Nervenzentrum Tokyo auch ein wirtschaftlicher Supergau: gigantische Vermögenswerte würden vernichtet, was die ganze Weltwirtschaft mit in den Abgrund reißen könnte.

Philip Gross
00
22.3.2011, 04:37
Damit nicht immer nur gejammert wird, hier die Lösung auf http://www.monetary.org/

Alle Staats schulden werden zu Staats Geld u.s.w., weil es eh immer Staatsgeld war und zu unrecht den Banken geschenk worden ist.
Die Lösung: http://www.monetary.org/

Ich empfehle auch ein Video von zweimaligen demokratischen Präsidentschaftkandidaten Congressman Dennis Kucinich. Ist leider in den vorwahlen ausgeschieden, vor der Gewerkschaft letzte Woche.

http://www.youtube.com/watch?v=x... ture=feedu

Tan S. Taafl
00
22.3.2011, 02:16
Oje, wieder einer der inzwischen legedären ...

.. Standardexperten. Manchmal denke ich, der Standard fährt seit Jahren eine gefinkelte Satire zur Bloßstellung vermeintlichen Expertentums.

Plus Lucis
10
21.3.2011, 21:44

Was redet der bitte?

Der Yen geht nach oben, weil Japan seine US-Anleihen verkauft. Und davon entsteht keine Blase, weil Japan das Geld nicht druckt, um es in windige Geschäfte zu stecken, sondern um seine Infrastruktur wieder aufzubauen.

Die Blasen und Spekulationen entstehen, wenn man irgendwo gelangweiltes Geld ansammelt (zum Beispiel durch den Zwang zur Privatpensionsvorsorge oder im ÖGB). Dann wird den Geldsittern nach ein paar Jahren fad und sie machen Unsinn.

Und genau dieses Szenario haben vernünftigere Menschen auch vorhergesagt. Nur weil der Interviewte mit etwas anderem gerechnet hat, heißt das nicht, dass es objektiv überraschend gekommen ist.

Charles Mackay
00
21.3.2011, 23:13

Frisch gedrucktes Geld ist immer zuerst Spielgeld und kommt nie direkt dort an, wo es ankommen sollte. Frag dich mal, warum der glorreiche Warren Buffet sein Geld am Höhepunkt der Krise nach 2008 nicht Mittel- und Klein-Betrieben zur Verfügung gestellt hat sondern Goldman-Sachs! "Die Blasen und Spekulationen entstehen, wenn man irgendwo gelangweiltes Geld ansammelt" Ich versteh deinen Ansatz schon, aber du denkst ziemlich naiv. Blasen können tatsächlich entstehen, aber Spekulation ist weder regulier- noch verhinderbar.

Jukka
30
21.3.2011, 20:51
das spielgeld wird verdoppelt

auch in der technologie.
jetzt heisst in den energiekreisen schon: rein in die kernfusion... dann haben wir alles was wir brauchen, das ist die lösung unserer probleme....

soweit zu beherrschbaren technologie... und zur verdoppelung oder vielmehr eine exponenziellen entwicklung

stell euch vor uns geht ein kernfusionsreaktor in die luft... da sieht man uns weit im weltall
aufräumen brauchen wir dann nicht mehr

oidafoda

peace & love
02
22.3.2011, 00:53
zum besseren verständnis

http://de.wikipedia.org/wiki/Kernfusion

der zweite falsche ansatz Ihrerseits ist die annnahme, das kernfusion derzeit machbar sei.

Ro_bert
00
21.3.2011, 21:12

Das werden wir nicht erleben, da der Planet vorher von einem in Cern erzeugten schwarzen Loch verschluckt wird.

Proudhon
01
21.3.2011, 23:24

mit etwas Glück kommt aber auch der Komet und der verstopft dann das Loch. problem gelöst. man darf nicht immer so negativ denken.

Shanajio
00
22.3.2011, 08:31

Schön ;)

hotspots.at
00
21.3.2011, 18:08
....und in Amerika der Aufkauf von Staatsanleihen...

Eher wird die FED in den USA weiter Geld drucken.
Pimco z.B. kauft keine US-Staatsanleihen mehr...
Fazit: Höhere Inflation und dann Hyperinflation.

randolf
00
21.3.2011, 15:32
Ja ja

Weiß jemand die aktuellen Grundstückspreise für die betroffenen Gebiete? Ich würde sie gerne kaufen, weil wenn es ein neues Tschernobyl wird, dann bin ich derjenige, der die Eintrittspreise in den Thermonuklearen Themenpark fest setzt, Fallout Las Vegas, gibts leider schon, aber mir wird schon ein passender Name dafür einfallen...

Jimmy Neutron
01
21.3.2011, 16:22

Man müßte meinen, Hiroshima wäre anno dazumal evakuiert worden. Emsig wie die Ameisen die Japaner sind, wird das Leben in Tokyo auch nach einem nuklearen Desaster weitergehen. Wie ein japanischer Freund mir phlegmatisch gerade gemailt hat - er und seine Familie sind von dem weit weg vonstatten gegegangenen "Erdbeben" nicht unmittelbar betroffen gewesen und hätte keine Zeit zum Fernsehen. Nur in den Städten sei der Benzin etwas teurer geworden.

Shanajio
00
22.3.2011, 08:44
Millionenshow

a) Die radioaktive Kontamination nach einem SuperGAU und einer Atombombenexplosion sind vergleichbar

b) Radioaktive Kontamination ist vernachlässigbar, gesundheitliche Auswirkung sind beinahe null.

c) Durch die größere Menge und längere Halbwertszeit, hat eine radioaktive Kontamination nach einem SuperGAU weitaus langfristigere und schlimmere Folgen.

d) Durch die Freisetzung der Atomenergie in Sekundenbruchteilen hat die radioaktive Kontamination nach einer Atombombenexplosion weitaus langfristigere und schlimmere Folgen.

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