Warum die Geldvermehrung durch die Bank of Japan die Blasenbildung fördert und was passiert wenn aus Fukushima ein neues Tschernobyl wird
derStandard.at: Der mit Bangen befürchtete Super-GAU in Japan scheint vorerst abgewendet. Was heißt das nun in wirtschaftlicher Hinsicht für Japan und die Welt?
Gerald Mann: Eine abschließende Beurteilung kann man derzeit noch nicht vornehmen. Es bleibt abzuwarten, ob man das Atomkraftwerk Fukushima endgültig in den Griff bekommt. Der Super-GAU als Worst-Case steht immer noch im Raum.
derStandard.at: Könnte man abgesehen vom menschlichen Leid die ökonomischen Folgen einer nuklearen Explosion in einem dicht besiedelten Gebiet überhaupt quantifizieren?
Mann: Wenn aus Fukushima ein neues Tschernobyl wird, dann sind die Folgen für Japan desaströs und für die Weltwirtschaft immens. Allerdings kann man nach dem vergangenen Wochenende eine gewisse Hoffnung schöpfen, dass das nicht eintritt.
derStandard.at: Japan ist die drittgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Abgesehen von einem kurzen Donnergrollen an den Börsen und Finanzmärkten spüren wir die Auswirkungen in unseren Breiten kaum. Wie kann das in einer globalisierten Welt wie der unseren sein?
Mann: Ganz so ist es ja nicht. In Deutschland haben viele Großunternehmen bereits Krisenstäbe eingerichtet. Da geht es zum einen natürlich darum, wie man Mitarbeitern, die in Japan sind, helfen kann. Zum anderen geht es auch darum, dass einzelne Hightech-Teile, die aus Japan kommen, ersetzt werden müssen. Grundsätzlich gibt es drei Übertragungskanäle, wie uns die Auswirkungen erreichen können: Realwirtschaftlich, finanzwirtschaftlich und psychologisch. Der rein realwirtschaftliche Effekt ist bewältigbar. Aber wir haben auch noch die finanzwirtschaftliche Komponente. Wenn man sich anschaut, welch gigantische Geldsumme die Bank of Japan in der letzten Woche in die Märkte gepumpt hat, da nimmt schon einmal das Risiko von weiteren Blasen zu. Alleine an der Tatsache, dass der Yen nach oben springt, obwohl wir in einem vom Erdbeben verwüsteten Land das Gegenteil erwarten müssten, lässt ermessen, welche Kapriolen da in den nächsten Monaten auf uns zu kommen.
derStandard.at: Tatsächlich hat die Katastrophe in Japan die Devisenmärkte am heftigsten bewegt. Welche langfristigen Konsequenzen wird es im Währungsgefüge geben?
Mann: Ich gehe davon aus, dass die Volatilitäten an den Devisenmärkten und auch an den anderen Finanzmärkten auf jeden Fall zunehmen, weil noch einmal mehr Geld in Umlauf gebracht wurde. Die Finanzkrise 2008 ist ja mit enormen Liquiditätsspritzen durch die Notenbanken weltweit bekämpft worden, und jetzt setzt die Bank of Japan noch einmal eins drauf. Wenn man es also zugespitzt formulieren will: Das Spielgeld weltweit wird noch einmal vermehrt.
derStandard.at: Gäbe es eine andere Möglichkeit?
Mann: Für mich ist es durchaus nachvollziehbar, dass in Japan so gehandelt wird. Japan befindet sich ja seit 20 Jahren in einer Stagnation. Beim Erdbeben von Kobe 1995 wurde genauso verfahren. Die Notenbank hat Liquidität zur Verfügung gestellt. Die Japaner haben Vermögen im Ausland aufgelöst und zurücktransferiert und dann den Wiederaufbau finanziert. Noch 1995 stellte sich sogar Wachstum ein. Man spricht vom so genannten "Kobe-Effekt". Allerdings bleibt jetzt noch die Atomkomponente, von der wir immer noch nicht wissen, welche Wirkung sie letztlich haben wird. Dadurch sieht es diesmal völlig anders aus.
derStandard.at: Das bedeutet im Prinzip, dass der Ausgang in ökonomischer Hinsicht noch völlig offen ist?
Mann: So ist es. Der psychologische Effekt käme natürlich insbesondere zum Tragen, wenn in Japan das Schlimmste passiert. Wenn also Teile Japans atomar verstrahlt werden würden, müssten wir mit einem deutlichen Einbruch der japanischen Wirtschaft rechnen, der über den im Jahr 2009 hinausgeht.
derStandard.at: Wenn es zum Schlimmsten kommt, wird wohl auch global die gerade erst wieder optimistisch werdende Stimmung einen deutlichen Dämpfer erfahren.
Mann: Dann würden ganz grundsätzliche Fragen gestellt: Zum Beispiel nach den internationalen Abhängigkeiten - die Wertschöpfungsketten, die um die ganze Welt gehen. Es wird dann auch die Frage gestellt, inwieweit die hohe Staatsverschuldung vieler OECD-Länder tragbar ist. Japan ist ja mit über 200 Prozent Spitzenreiter, und wenn das BIP sinkt, steigt die Verschuldung relativ zum BIP schon allein deswegen an. Dazu kommt, dass sich Japan jetzt noch stärker verschulden wird, um den Aufbau zu finanzieren. Allerdings ist es auch so, dass Japan zu über 90 Prozent bei seinen Staatsbürgern verschuldet ist. Das ist das genaue Gegenteil zu Griechenland, wo über 90 Prozent der Staatschulden bei Ausländern liegen. Deswegen gibt es einige Ökonomen, die sagen, das wird psychologisch nicht viele Auswirkungen haben. Ich bin da anderer Ansicht, weil sich natürlich die grundsätzliche Frage, ob diese hohen Staatsschulden wirklich tragbar sind, auch stellt, wenn es die Staatsbürger eines verschuldeten Landes trifft. Dann kommt hinzu, dass Japan ein wichtiger Financier von US-Staatsschulden ist, der jetzt logischerweise ausfällt.
derStandard.at: In welcher Weise werden all diese Faktoren einen Einfluss auf die bevorstehende Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank haben?
Mann: Wenn sich das Szenario in Japan in Richtung eines Super-GAUS entwickelt, dann werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sehr bedeutend sein. Ich gehe davon aus, dass dann auch die implizit angekündigte Zinserhöhung der EZB erst einmal zurückgestellt wird. Schlichtweg auch deswegen, weil der Euro dann im Verhältnis zu Dollar und Yen an Wert gewinnen wird. Wenn also die Bank of Japan den Markt weiter mit Geld flutet, und in Amerika der Aufkauf von Staatsanleihen auch über das jetzige Programm hinaus fortgesetzt wird, dann würde der Euro weiter steigen und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Eurozonen-Länder abnehmen. Das würde man durch eine Zinserhöhung im April noch einmal verstärken. (Regina Bruckner, derStandard.at, 21.3.2011)