Protestbewegung dehnt sich aus

Weitere Proteste in Syrien - Polizei zurückhaltend - Demonstrationen in Deraa und Jassem - Menschenrechtler prangern Festnahmen und tödliche Übergriffe an

Damaskus - In Syrien hat sich die Protestbewegung am Montag auf eine weitere Stadt im Süden ausgedehnt. In Jassem gingen Hunderte Menschen auf die Straße und riefen: "Gott, Syrien und Freiheit". Außerdem skandierten sie: "Das hier ist friedlich."

Polizei und andere Sicherheitskräfte hielten sich zurück und vermieden den Einsatz von Gewalt. In der vergangenen Woche hatten Polizisten im 30 Kilometer entfernten Deraa fünf Demonstranten getötet, als sie mit Waffen gegen eine Protestkundgebung vorgingen.

Dort trugen am Montag Tausende Menschen einen der am Freitag getöteten Demonstranten zu Grabe. Der Trauerzug wurde zu einer erneuten Kundgebung für Demokratie und Freiheit. "Gott, Syrien, Freiheit - das Volk verlangt die Überwindung der Korruption", riefen die Leute. Das ist ein Wortspiel mit dem Slogan: "Das Volk fordert den Sturz des Regimes", der seit den Revolutionen von Tunesien und Ägypten in den arabischen Staaten weit verbreitet ist.

Hunderte schwarz gekleidete Sicherheitskräfte mit Sturmgewehren waren in den Straßen von Deraa in Stellung gegangen. Sie wurden anders als am Freitag aber nicht gegen die Demonstranten eingesetzt. Offensichtlich wollte die syrische Führung eine Eskalation vermeiden und die Stimmung beruhigen. So wurden am Montag auch die 15 Schulkinder freigelassen, deren Festnahme ein Anlass für die Proteste am Freitag war. Die Kinder hatten Graffiti mit der Forderung nach politischen Freiheiten und einem Ende der Korruption an Wände gemalt.

Die Proteste sind eine ernste Herausforderung für den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, der die Herrschaft in dem Land vor elf Jahren von seinem Vater übernahm. Seitdem hat er zwar eine vorsichtige Öffnung seines Landes eingeleitet, das autoritäre System mit dem einflussreichen Geheimdienst aber nicht angetastet.

Menschenrechtler prangerten unterdessen "willkürliche Festnahmen" und tödliche Übergriffe bei Demonstrationen in den vergangenen Tagen an. Am Freitag seien nach einer Kundgebung nahe der Omayyaden-Moschee in Damaskus elf Menschen festgenommen worden, teilte das syrische Observatorium für Menschenrechte mit.

Vor zehn Tagen seien in Duma bei Damaskus vier Schüler in Handschellen aus ihrem Klassenraum abgeführt worden, die regierungsfeindliche Parolen gesprüht hatten. Weitere 32 Festnahmen hatte es am Mittwoch in Damaskus gegeben. Die Menschenrechtsorganisation forderte die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen. Human Rights Watch kritisierte die syrischen Behörden wegen "exzessiver Gewaltanwendung" mit tödlichem Ausgang. (APA/Reuters)

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