Bedeutungsverlust der Zeitungen

Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft

Der Presseschauer, 20. März 2011, 11:27

Es sind nicht mehr die Zeitungen, die den Kitt unserer Gesellschaft bilden. Das Medium Internet kann Inhalte effektiver an den Nutzer bringen

"Zeitungen sind der Kitt unserer Gesellschaft", sagte Helmut Heinen, Präsident des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), zur Eröffnung des Zeitungskongresses 2010 in Essen mit Blick auf das Wohlwollen von Politik und Wirtschaft.

Dabei wirkt Prof. Claus Eurich wie der ungenannte Kronzeuge, der dieser These einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen scheint und in einem angeblichen "Masseneremitentum" eine Bedrohung für die Demokratie sieht, wie in DerWesten zu lesen ist. Springer-Chef Mathias Döpfner schlug zur Online-Marketing-Fachmesse dmexco, mit einer fast schon poetisch anmutenden Marginalie, in die gleiche Kerbe.

Eine Sprache, die Außenstehenden unzugänglich ist

"Wenn Sie alle einen anderen Blog gelesen haben, werden Sie nichts mehr haben, worüber Sie sich unterhalten können." Mathias Döpfner. Zeitungen, und dabei möchte ich Herrn Heinen zugestehen, gleichfalls digitale Pendants zu meinen, bedienen Emotionen wie Freude, Angst, Wut oder Trauer, aber auch Neid, Missgunst oder Schadenfreude. Damit liefern sie den Klatsch, über den man gerne spricht, der einem als Einstiegshilfe in Gespräche durchaus dienlich sein kann. Sicher liefert Journalismus auch Tiefgründiges, doch würden Sie bei einer ersten Begegnung mit Ihrem Interesse für Weltraumlifte aufwarten?

Derartige Inhalte eignen sich eher zur Isolierung von anderen, oder zur Stärkung von Bindungen zu solchen, die dieses Interesse teilen. Wer kennt sie nicht, die Jugendlichen, die sich über so Spezielles unterhalten, dass nur sie sich verstehen? Wohl möglich in einer Sprache, die Außenstehenden unzugänglich ist. Sie teilen einen Satz von Interessen, aber auch Wertevorstellungen, während sie gleichzeitig versuchen, die ihrer Eltern infrage zu stellen, um sich damit ihnen gegenüber abzugrenzen. Oder Wissenschaftler, bei denen das Fachchinesisch zwar eine abgrenzende Wirkung hat, gleichzeitig aber fachspezifische Kommunikation erleichtert wird, da die Begrifflichkeiten in diesen Kreisen bekannt sind.

Die Einfachheit sozialer Netzwerke lässt die Nutzerzahlen explodieren

Man mag dies als Phänomene einer funktionalen Differenzierung verstehen, aber lässt sich daraus eine gesellschaftliche Fragmentierung herleiten?

Dem gegenüber steht eine wachsende Zahl vom Menschen, die mit einem inflationären Begriff von Freundschaft in sozialen Netzwerken Hunderte, gar Tausende "Freunde" horten, Menschen, die sich im Schwarm organisieren und sich ohne digitales Endgerät von ihm abgeschnitten fühlen.

Als Stanley Milgram 1967 sein "Small World"-Experiment durchführte und als es 2003 und 2006 in adaptierter Form wiederholt wurde, wurden zwischen sechs und sieben Ecken festgestellt, über die sich die Menschen so kennen. Im Jahr 2006 hatte Facebook gerade mal zwölf Millionen Mitglieder. Heute sind es etwa 50-mal so viele Mitglieder und jede neu geknüpfte "Freundschaft" führt zu einer Verkürzung der Wege im Graphen.

Soziale Netzwerke bieten eine Infrastruktur, in der die sozialen Graphen ihrer Mitglieder abgebildet sind und über die Informationen schnell und selbstbestimmt* verbreitet werden können. Sicher gibt es andere Möglichkeiten, Inhalte zu verbreiten, aber die Einfachheit der Nutzung und Netzwerkeffekte führten in den vergangenen Jahren zu einer Explosion der Nutzerzahlen.

Vielleicht sollte man zwischen horizontaler und vertikaler Integration unterscheiden. So haben einerseits emotionale und seichte Inhalte den Vorteil, eine breitere Masse zu berühren. Im Netz verbreiten sich solche Inhalte - etwa niedliche Katzenbilder, schräge Unfälle oder süße Babys - schon mal viral. Und braucht es dann zur Verbreitung von Boulevard tatsächlich Verlage oder langt nicht einfach der ein oder andere Perez Hilton?

Zumal Prominente selbst bereits angefangen haben, Social-Media-Manager für sich einzustellen. Andererseits, bezogen auf die vertikale Integration, liegt hier der Fokus auf einzelnen Themen, welche im Idealfall in einem Umfeld angesiedelt sind, welches sowohl Einsteiger als auch Experten an sich bindet. Und genau hier liegen die Stärken eines bidirektionalen Mediums wie dem Internet, welches über räumliche und zeitliche Distanz Menschen mit sehr speziellen Themen zusammenführt, die vor Jahren nie zueinandergefunden hätten.

Heinen übertreibt maßlos

Jegliche Versuche, Paid-Content-Modelle einzuführen, laufen Heinens Aussage, der "Kitt der Gesellschaft" zu sein, zuwider, da in der horizontalen Dimension Teile der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Gleichzeitig bedienen die Verlage die vertikale Dimension nur in Teilen, weil journalistischer Aufwand kostspielig ist und tief greifende Analysen nur an ein kleines Publikum von Experten adressiert werden könnten. Daraus ergibt sich eine fehlende Massenkompatibilität, die mit einer schlechteren Vermarktbarkeit einhergeht.

Zu Herrn Heinen bleibt abschließend zu sagen: Er übertreibt maßlos. Es scheint, als müsste man den Bedeutungsverlust zumindest rhetorisch kompensieren. Aber wie die "Berliner Erklärung" oder die Diskussion um ein Leistungsschutzrecht für Presseverleger zeigen, lassen die Verleger derzeit nichts unversucht, um mit fadenscheinigen Behauptungen politische Entscheider für sich zu gewinnen.

*So sie nicht gegen die Nutzungsbedingungen der jeweiligen Plattform verstoßen. (derStandard.at, 20.3.2011)

Autor

Der Presseschauer, The European, befasst sich seit 2008 mit aktuellen Themen und Themen, die ihm persönlich relevant erscheinen. Die Beteiligung am politischen Diskurs sieht er als demokratische Bürgerpflicht

Kommentar posten
16 Postings
MBR
00
25.3.2011, 12:42

ist mit kitt dope gemeint?

Mata Hari Krishna
00
21.3.2011, 11:45
guttenbergs ende ist auch das ende der "ära gutenberg"

abgesang aufs holzfasermedium:
http://tinyurl.com/4jsjx5y

biberkopf
00
21.3.2011, 10:07

canv.as ist der neue kitt der gesellschaft

kraeutrpolizei
00
21.3.2011, 09:04

the internet is for lolcats.

Benton Fraser
00
21.3.2011, 08:51

Mit dem "Kitt der Gesellschaft" schmückt sich doch auch Kommunikatioswissenschafter Peter Vitouch ... Wer hat's erfunden?!

Alpa Chino
 
00
21.3.2011, 05:39

Longcat is long.

politisch verfolgt
01
21.3.2011, 00:32
hmm

die branche ist extrem im umbruch. paid-content-modelle mußten herbe rückschläge hinnehmen, wie das beispiel der times vom vorigen sommer zeigt. sie verlor nach einführung der kostenpflicht im netz 90% ihrer leser. aber auch print ist unter druck (höhö), der kurier hat unlängst 35 mitarbeiter entlassen. werden i-pad und co tatsächlich neue umsatz-tore öffnen? alle hoffen, keiner weiß es. geld muß aber verdient werden, weil recherchierte artikel werden wohl immer gefragt sein und journalisten wollen bezahlt werden. fazit: prognose schwierig, da sie die zukunft betrifft.

Ruediger Ploetz
01
20.3.2011, 23:38

"weil journalistischer Aufwand kostspielig ist und tief greifende Analysen nur an ein kleines Publikum von Experten adressiert werden könnten."

es gibt so einige blogger, die gratis tiefgreifendere analysen liefern als so manches kostenpflichtige medium. die erklären sogar sachverhalte.

Herzerzog Johann
00
21.3.2011, 09:59

Warum sollte ich irgendeinem Blogger mehr vertrauen als irgendeinem Journalisten?

Gilgamesch
00
20.3.2011, 13:14

die ny-times will ja jetzt paid content anbieten, bzw. die ganze zeitzung wird paid content. ein paar artikel darf man aber auch gratis lesen.
ich find es schade, verstehe aber die ökonomischen zwänge der branche. bin nur froh, daß es beim standard noch keine solche überlegungen zu geben scheint ...

Proudhon
10
20.3.2011, 23:05

aber der Standard könnte mal dran denken ein Bezahlsystem auf freiwilliger Basis einzurichten. Jeder gibt wieviel er glaubt, dass es ihm wert ist, die Inhalte bleiben aber trotzdem frei. wenn ich mal von den vielen (zum Großteil unaufbereiteten) APA-meldungen abseh, bietet die Site doch schon viele Services, die dem einen oder anderen auch etwas wert sein dürften. so einen Paypal-Button hat man jedenfalls schnell mal eingerichtet.

Herzerzog Johann
00
21.3.2011, 10:03

Derlei Bezahlsysteme funktionieren nur in der Phantasie. Niemand, so er bei Trost ist, bezahlt für etwas, das er auch kostenlos haben kann. Daß manche dennoch behaupten, es doch zu tun, halte ich für halbwegs rabulistisches Geschwätz.

Wieviel Demokratie ist es bitte?
01
21.3.2011, 01:13

Ich zahl' doch nicht für's zensiert werden.

(drops a piano)

Proudhon
00
21.3.2011, 10:43

FREIWILLIG -> waun's nicht wollen müssen's ja nicht.

Karl Krammer
00
20.3.2011, 19:54
Der Standard war immer schon zu bezahlen

was hier online steht ist ja nur ein Bruchteil der gedruckten Zeitung. Und das ist bei wahrscheinlich jeder Tageszeitung so, sicher aber bei FAZ, Süddeutsche, IHT und NZZ. Auch der Economist hat nur ein paar Teaser online. Vielleicht hat die NYT echt alle Inhalte online, glaube ich aber nicht. Nur Newsweek und Time dürften alles herschenken - und deshalb kauft sie auch kaum jemand mehr.

Hannes Kartnig
00
20.3.2011, 23:03
umgekehrt wird ein schuh draus

die gedruckte zeitung ist nur ein bruchteil dessen, was hier online steht.

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