Mayers Europablog

Neue EU-Hauptstadt Paris

Thomas Mayer, DER STANDARD, 19. März 2011, 15:15

Es ist sehr, sehr lange her, dass Paris von Brüssel als Machtzentrum Europas und Zentrale  der Nato abgelöst wurde

Es ist sehr, sehr lange her, dass Paris von Brüssel als Machtzentrum Europas und Zentrale  der Nato abgelöst wurde. 1966 hatte Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, dem Streben nach dem Status als eigenständiger Atommacht und nach mehr Unabhängigkeit von den USA folgend, den Abzug der Alliierten verlangt. Das militärische Hauptquartier des Bündnisses wurde daraufhin von Schloss Fontainebleau nach Mons in Belgien, das politische Hauptquartier in die damals noch junge EWG-Hauptstadt verlegt. So wurde das kleine Brüssel, das im Kern und ohne Umlandgemeinden kaum 200.000 Einwohner hat, in der Folge schön langsam zur Schaltstelle für Europa, wo die wichtigsten gemeinschaftlichen Institutionen arbeiten; geografisch damals für eine Sechsergemeinschaft ideal gelegen auf halber Strecke zwischen Paris und der früheren deutschen Hauptstadt Bonn.

An diesem Wochenende findet diesbezüglich im Windschatten der Erdbeben- und Nuklearkatastrophe in Japan und der Krise in Libyen eine tektonische Verschiebung in Machtpolitik statt: Um Entscheidungen über einen von der UN gedeckten Einsatz der Weltgemeinschaft in Libyen herbeizuführen, übernimmt Paris für einen Tag das Kommando, löst die französische Hauptstadt das belgische Brüssel als Zentrum Europas ab.

Da Deutschland im Nato-Rat erstmals seit Jahrzehnten in einer wichtigen Fragen blockiert hat und auf europäischer Ebene in der Libyen-Frage sich vom wichtigsten EU-Partner seit der Gründung der Gemeinschaft explizit absetzt, hat der französische Staatspräsident kurzfristig und blitzartig das Heft ganz in die Hand genommen: frech, aber mutig. Der Generalsekretär der UNO, der Chef der Arabischen Liga, Vertreter der Afrikanischen Union, der britische Premierminister, die deutsche Kanzlerin und die US-Außenministerin, Vertreter mehrerer arabischer Länder, sie alle sind an die Seine geeilt, um Fakten zu schaffen. Als sei sie eine Angestellte, wurde auch EU-Außenministerin Cahterine Ashton dazugebeten. Zu sagen hat sie dort freilich nichts. Die EU hat zur UN-Entscheidung keine Linie gefunden.

Auch wenn diese "Hauptstadtverschiebung" nur für einen Tag gilt, und wenn sie zuvorderst nur symbolische Bedeutung hat: Man muss davon ausgehen, dass die Libyen-Frage die Gewichte in der Europäischen Union (und wohl auch in der Nato) auf längere Sicht auch in der Substanz gravierend verändert. Die deutsche Kanzlerin hat sich in der Krise als zaudernde, im Zweifel mutlose Pragmatikerin erwiesen. Den Abgang des Diktators Gaddafi zu verlangen, die Demokratiebewegung in Nordafrika zu begrüßen und die Aufständischen dadurch zu ermuntern, gleichzeitig aber nicht bereit sein, für den Schutz dieser aufsässigen Bevölkerung (militärisch) etwas zu tun, das geht einfach nicht zusammen. Merkels Pragmatismus steht plötzlich nackt - wie feiger Opportunimus - da, wenn Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Baden-Würtemberg wichtiger sind als weltpolitische Ereignisse und Grundsätze.

Sarkozy und sein britischer Kollege David Cameron, aber auch andere EU-Staaten wie Belgien, die Niederlande, Spanien (die alle auch in der Nato sind) und sogar das bündnisfreie Schweden haben diese Unentschlossenheit genutzt, um zu demonstrieren, wie sie all die Deklarationen von einer gemeinsamen Außen-, Sicherheits-, Außenwirtschafts- und Verteidigungspolitik verstehen: ohne militärische Komponente funktioniert das alles im Ernstfall nicht. Nur verbohrte Ideologen und Geschäftemacher werden es als "Kriegstreiberei" betrachten, wenn die UN anordnet, die Tötungsmaschine eines libyschen Potentaten gegen die eigene Bevölkerung zu stoppen.

Berlin hat sich dennoch mit seinem "Neutralismus" der modernen Art machtpolitisch in die zweite Reihe verabschiedet. Ihr Außenminister spricht neuerdings wie ein Propagandist der Friedensbewegung. Mag sein, dass Merkel und Guido Westerwelle das innenpolitisch hilft. In Europa werden sie damit aber enorm an Ansehen verlieren. Umso mehr, als die Linie der deutschen seit Freitag ist, dass sie sich mit AWACS-Flugzeugen stärker in Afghanistan engagieren wollen, wenn sie bei Libyen außen vor bleiben. Afghanistan? Von dort wollte die deutsche Regierung ihre Truppen bisher möglichst rasch abziehen.

Manche in der EU-Hauptstadt erinnern jetzt schon an die Situation am Balkan im Juli 1995. Damals war die bosnische Stadt Srebrenica zur geschützten UN-Enklave erklärt worden. Als aber serbische Truppen dennoch damit begannen, die Stadt zu räumen, tausende Frauen und Kinder zu evakuieren, sahen niederländische Blauhelme nur zu. Niemand griff ein, als mehr als 8.000 bosnische Männer massakriert wurden.

Die Lage in Libyen ist natürlich eine ganz andere, nicht direkt vergleichbar. Aber auch hier geht es letztlich darum zu entscheiden, was zu tun ist, sollten Gaddafis Truppen Benghasi zu stürmen versuchen und ein Blutbad an Zivilisten droht. Wie es aussieht, fallen die Würfel dazu heute in Paris, und nicht in der EU- und Nato-Hauptstadt Brüssel.

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noirc80
01
20.3.2011, 15:37

neue hauptstadt... naja. letzten endes wird das ganze dann von stuttgart aus geplant... :)

Nestor1979
00
21.3.2011, 09:32
Stuttgart ........ wo die USA mit ihrer Luftwaffe sitzen!

Donald Kerabatsos
01
20.3.2011, 15:13
"Nur verbohrte Ideologen und Geschäftemacher werden es als "Kriegstreiberei" betrachten, wenn die UN anordnet, die Tötungsmaschine eines libyschen Potentaten gegen die eigene Bevölkerung zu stoppen."

Gaanz schlechter (und in sich unlogischer) NLP-Versuch, die Gegner eines Angriffskrieges zu diffamieren.

Möglicherweise ist der Autor tatsächlich so naiv zu glauben, daß ein paar vom Westen hochgerüstete Islamisten die Demokratie in Libyen einführen wollen - dafür schreibt er auch an der richtigen Stelle.

noirc80
00
20.3.2011, 15:45

denk mir das auch, was die gesamte bewegung im arabischen raum angeht, als ob es sich hier um lupenreine demokraten handeln würde...
sarkotzi ist nicht mutig, er versucht den karren, der innenpolitisch im dreck steckt, außenpolitisch heraus zu ziehen... mit viel chauvi-tamtam.

Donald Kerabatsos
01
20.3.2011, 16:07

Laut Saif Gaddafi haben sie Mini-Napoleons Wahlkampf mitfinanziert; gut möglich, daß auch diese Spuren verwischt werden sollen.

Und "Allahuakbar" schreiende, mit MGs fuchtelnde Söldner/Freischärler erwecken auch nicht gerade den Eindruck einer demokratischen Bewegung;)

Gilgamesch
31
20.3.2011, 11:36

es ist richtig, daß die staatengemeinschaft gaddafi hindert, das lybische volk zu töten.
westerwelle war einer der ersten, die militärische konsequenzen gefordert haben - sich jetzt aus innenpolitischen gründen wischi-waschi zu verhalten, zeugt nicht von politischer redlichkeit.
so wie alle hier mit pseudo-pazifistischen gehabe eigentlich nur zynisch sind ...

grenzneutral
44
20.3.2011, 09:51

an alle pazifisten im lande: wird endlich einmal etwas gegen einen psychotischen ditkator unternommen, der gegen seine eigenen landsleute flugzeugangriffe startet, dann jaulen alle wieder auf.

es wird über sarkozy hergezogen als sei es ihr metier, wo sie sich aber so blendend auskennen.
ach ja, und die deutschen sind die ?helden?, weil sie im nahen afghanistan den amis zwar gewehr bei fuß stehen aber sich hier aus lauter orientierungslosigkeit die hände nicht schmutzig machen wollen.

ich sage: bomb gaddafi to hell

Donald Kerabatsos
00
20.3.2011, 18:38
Libyen hat Sarkozys Wahlkampf bezahlt:

http://www.n24.de/news/news... 33522.html

Tom93
12
20.3.2011, 10:53

genau! wir machen das wie bei saddam! war ein ein "großer erfolg", und wenn wer gefragt hat, ob das so eine gute idee ist den irak anzugreifen, kam als antwort: aha, du bist also für saddam hussein?" und ende der debatte.

libyen muss irak werden!

das ist fix
01
20.3.2011, 10:40

solange der psychotische diktator keine andere staaten überfällt, sollen sich andere staaten nicht einmischen

zur differenzierung: saddam hussein hat zweimal nachbarstaaten überfallen, zuerst den iran und dann kuwait

Cannondale27
00
20.3.2011, 10:30
Typisch Ösi: im bequemen Sessel sitzen...

...und von den Deutschen die Kriegsteilnahme fordern...damit man sie dafür verhöhnen kann....

Liebe Nachbarn: das ist keine TV-Standup-Comedy, kein Computerspiel SONDERN REALITÄT!!!!

Agnostiker1
11
20.3.2011, 09:32
Blödsinnige Überschrift.

Die EU ist wirtschaftlich ausgerichtet und definiert sich nicht über das militärische. Und da Sarkozys Rache an Libyien sich nicht zur Machtverschiebung ausreicht, bleibt der bisherige Frontverlauf bestimmend.

DThl
07
20.3.2011, 08:48
Die Journailie hetzt wieder ...

Die fetten Hände behaglich verschränkt
vorn über der bauchigen Weste,
steht einer am Lager und lächelt und denkt:
»'s ist Krieg! Das ist doch das beste!
Das Leder geräumt, und der Friede ist weit.
Jetzt mach in anderen Chosen –
Noch ist die blühende, goldene Zeit!
Noch sind die Tage der Rosen!«

(Kurt Tucholsky)

Tom93
314
20.3.2011, 01:44
in wahrheit hat deutschland seine position gestärkt

es zeugt von echter stärke sich der supermacht usa zu widersetzen und eigenständige wege zu gehen. und gemeinsam mit den großmächten der zukunft wie china, brasilien und indien zu marschieren, wird den deutschen bestrebungen einen ständigen sitz im un-sicherheitsrat zu bekommen auch nicht schaden, ganz im gegenteil.

den schaden werden vielmehr die schießfreudigen anglo-frz.-amerikanischen neo-kolonisatoren haben. denn wie ihr libyen-abenteuer ausgeht steht noch in den sternen. ein regime zu beseitigen ist noch relativ einfach, waber was kommt danach? irak&afghansitan lassen grüßen. die deutschen waren gut beraten, sich da rauszuhalten, und nicht auf kriegsgeile kiebitze in der medienlandschaft zu hören.

Roter Baron
00
20.3.2011, 09:37

vor allem
haben aus historischen gründen deutsche truppen dort nix zu suchen (einmal dak reicht).

roter baron

presumption of innocence
11
20.3.2011, 08:33
Humanitär steht Angela vor den Befreiungsbewegungen supernackt da

Nirvanacharly
 
01
20.3.2011, 06:10
das einzige was den einsatz

noch rechtfertigen könnte ist die beteiligung von saudi-arabien und katar, an sich sollten solche "brüderländer" federführend agieren weil uns europäer geht das ja nicht wirklich was an, und den amis schon gar nichts. eine revolution kann nur von innen zum ziel führen, wenn gadafi stärker ist, dann müssen sich halt noch mehr aufbäumen im land und wenn sie 2011 unterliegen, dann siegen sie halt 2014 und ab und zu gelingt ja auch der mord an einen despoten, müssens ihn halt mit einer geschenkten drohne den alten aus den palast rausschießen. ihrer Analyse der Merkelpolitik stimme ich voll und ganz zu.

Ex-Spectator
34
20.3.2011, 05:14
Also Pro-Gaddafi.

Ich steh so sehr auf überzeugte Pazifisten. Srebrenica & Kosovo, nene lass mal, wir lösen das schon mit diplomatischem Fingerspitzengefühl. Lachhaft.

zack de la rocha
 
00
21.3.2011, 12:59
...

Das sie Srebrenica & Kosovo in einem Atemzug nennen zeigt, das Ihnen an der Wahrheit nichts liegt!

Donald Kerabatsos
00
20.3.2011, 15:18

Also ich steh´sehr auf PC-Kriegshetzer, die sich vom westlichen Nachrichtenagentur-Monopol einen Volksaufstsand in Libyen einreden lassen, der in Wahrheit von islamistischen Freischärlern mit ägyptischen (also us-amerik.) veranstaltet wird.

Wenn dann noch der (auch von Gaddafi) geschmierte Mini-Napoleon (eine Tautologie, ich weiß) schnell unangenehmes Spuren beseitigen will, dann wirds besonders lustig!

Donald Kerabatsos
00
20.3.2011, 15:26

ägypt (us-am.) "Waffen" fehlte

geschlechtsumwandlung quotenposterin
05
20.3.2011, 08:56

Das gute Beispiel Kosovo .
Dort wurde ein Ring aus
Drogen- Frauen- und Organhändlern
von der Nato mit Waffen versorgt ,um einen Krieg gegen Serbien zu führen .
Heute ist der Kosovo eine US Militärbasis

hans .....
40
20.3.2011, 23:56
SO EIN SCHWACHSINN HABE ICH LANGE NICHT MEHR GELESEN!

Kosovo ist ein gutes Beispiel, wie man es machen sollte! Die Menschen im Kosovo, wurden massakriert, gefoltert, vergewaltigt, ermordet und schließlich vertrieben. Ohne die NATO und die USA würden von den 2 Mio. Albaner keiner mehr im Kosovo leben! Wir haben in Srebrenica gesehen, was man davon hat, wenn man zuschaut! Drogen- und Frauenhändler gibt es auch in Deutschland, Frankreich, Österreiche, Rumänien, Bulgarien UND UND UND! Für den Organhandel GIBT ES KEINE STICHHALTIG BEWEISSE! SOLANGE ES KEINE BEWEISSE GIBT, SIND DAS NUR GERÜCHTE! In Kosovo gibt es eine US Militärbasis namens Bondsteel auch in Deutschland gibt es eine Militärbasis namens Ramstein. In andere Länder auf dieser Welt gibt es auch US Militärbasis, wo ist das Problem???

Donald Kerabatsos
00
21.3.2011, 13:35
Sie können lesen?

zack de la rocha
 
01
21.3.2011, 13:01
Alos

das ERSTE sieht das im Nachhinein ganz anders! Vielleicht sollte sich Hans auch mal ausserhalb seiner Propagandawelt infoermieren....

http://www.youtube.com/watch?v=HBHefedY4fw

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