Mahnwache gegen Atomstrom vor der Kärntner Landesregierung
Donnerstag, 17. März 2011 in Klagenfurt - Mahnwache gegen Atomstrom vor der Kärntner Landesregierung, initiiert von den Grünen. Ich bin von Anfang an gespalten. Das "kollektive Mitgefühl" auf Facebook (Nein zu Atomstrom ist offensichtlich gerade die beliebteste "Gruppe"), die mehr als fragwürdige Berichterstattung des ORF und die durch die Katastrophe in Japan ausgelöste Debatte über Atomenergie - all das löst äußerst ambivalente Gefühle in mir aus. Muss denn immer etwas passieren, damit offensichtliche Probleme angesprochen werden? Ist es ein Novum, dass Atomenergie eine nicht steuerbare Gefahr für die Umwelt darstellt? Themen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung, Ressourcenknappheit und aktuell eben Atomenergie sind offensichtlich dann interessant, wenn den Menschen wieder einmal kurz bewusst wird, dass sie mit ihrem verantwortungslosen Verhalten irreperable Schäden anrichten.
Panikmache für die gute Sache?
Die Mahnwache am Donnerstag habe ich persönlich eher als Parteiverantstaltung wahrgenommen, deren VertreterInnen bemüht waren, zu versichern, dass sie - im Gegensatz zu den anderen Parteien - permanent und unermüdlich gegen Atomstrom kämpfen. Darauf folgte eine - halbe - Gedenkminute für die (vermeintlichen Atom-)Opfer in Japan - dass dort die eigentliche Atomkatastrophe, deren Ausmaß noch nicht abschätzbar ist, gerade erst anfängt und die bisherigen Toten aufgrund des Erdbebens und des dadurch ausgelösten Tsunamis zu beklagen sind, ist unwichtig. Tatsachen interessieren nicht, vielmehr gilt es, eine gerade stattfindende Tragödie zu missbrauchen, um für eigene Zwecke zu nützen. "Eine Katastrophe wie in Japan kann jederzeit auch bei uns stattfinden!". Entspricht das wirklich der Realität? Mir ist weder von in Österreich stattgefundenen Erdbeben der Stärke 9 noch von Tsunamis bekannt, die ganze Landstriche verwüsteten. Doch Panikmache war immer schon ein gutes Mittel, um seine Meinung kund zu tun, besonders in Kärnten erwies sich diese Taktik in den letzten Jahrzehnten als äußerst erfolgreich.
Forderung "Ausstieg jetzt!"
Zwar ist der "Sicherheitsabstand" zu Japan groß genug, um sich nicht unmittelbar bedroht zu fühlen, doch halt - da gabʻs doch noch was in Krsko, keine 150 km von Klagenfurt entfernt. Ideal dazu geeignet, die große Gefahr, der die ÖsterreicherInnen oder besser gesagt KärntnerInnen ausgesetzt sind, zu verdeutlichen. Die Gewissheit, dass atomare Substanzen bekanntlich nicht vor Landesgrenzen halt machen, führt dazu, dass die Menschen plötztlich Angst um die eigene Haut haben. Daher wird gefordert: "Ausstieg jetzt!" - Kritisch gesehen könnte man sich fragen, woraus "wir" ÖsterreicherInnen de facto aussteigen wollen, damit die Gefahr Atomenergie gebannt ist. Egal. Hauptsache, es gibt eine Petition für besagten Ausstieg.
Trauriger Kärntenzentrismus
Und nun folgt der traurige Höhepunkt der Veranstaltung, der mich heute noch wütend macht, wenn ich nur daran denke. Ein - dem Dialekt nach - waschechter Kärntner, der - während er die Petition unterschrieb - ernsthaft forderte, dass sich die Aktion nur auf Krsko beziehen solle. Sein - meiner Meinung nach - absolut diskussionsunwürdiges Argument war, dass Krsko ja eine unmittelbare Bedrohung für "uns" darstelle, im Gegensatz zu den anderen Atomkraftwerken rund um den Globus und ihn diese daher nicht interessierten. Abgesehen davon, dass diese Aussage nichts mit der Realität zu tun hat, ist dieser "Kärntenzentrismus" einfach nur traurig. Vielleicht male ich ein zu schwarzes, oder besser gesagt blaues/oranges Bild vom südlichsten Bundesland Österreichs, vielleicht sollte ich mich glücklich schätzen, dass ich als gebürtige Oberösterreicherin wohl keine Angst haben muss, auf die Saualpe geschickt zu werden, trotzdem ist diese Situation wieder einmal beispielhaft dafür, mit welcher Beschränktheit MitbürgerInnen ihren Alltag fristen. An der derzeitigen Situation wird mir wieder einmal die Kurzlebigkeit unserer Zeit bewusst. Das, worüber gesprochen wird, ist maßgeblich von den Medien beeinflusst. Jetzt bestimmen große Worte wie Kernschmelze, Katastrophe, Super-GAU die Nachrichten - die zuvor die Schlagzeilen dominierenden Aufstände in Lybien sind zur Randnotiz geworden. Was kommt als nächstes? (Theresa Gottschall, derStandard.at, 19.3.2011)