Riesentorlauf findet nicht statt: Dreijährige Dominanz von Lindsey Vonn beendet - Rebensburg gewinnt Riesentorlauf-Weltcup
Lenzerheide - 1.728 zu 1.725 - Mit dem minimalen Vorsprung
von drei Punkten hat sich Maria Riesch am Samstag erstmals in ihrer
Karriere den Gesamtweltcup im alpinen Skiweltcup gesichert. Die
Doppel-Olympiasiegerin beendete die dreijährige Dominanz der
US-Amerikanerin Lindsey Vonn. "In der Außenwirkung sind Goldmedaillen
bei Weltmeisterschaften und Olympia höher, aber für mich ist der
Gesamtweltcup das Größte, das man erreichen kann und von der
sportlichen Seite her das Hochwertigste", sagte die 26-jährige
Riesch.
Vierter deutscher Gesamterfolg
Da der Riesentorlauf am Samstag in Lenzerheide (Schweiz)
witterungsbedingt abgesagt worden war, hatte Vonn keine Chance mehr,
den Rückstand aufzuholen. Riesch sorgte in der Weltcupgeschichte für
den vierten deutschen Gesamterfolg bei den Damen, zuvor hatten sich
1976 Rosi Mittermaier sowie 1996 und 1998 Katja Seizinger behauptet.
Zum dritten Mal gab es eine so knappe Entscheidung, 1979 hatte sich
Annemarie Pröll (AUT) drei Punkte vor Hanni Wenzel (LIE)
durchgesetzt, 2005 in Lenzerheide Anja Pärson (SWE) ebenfalls drei
Zähler gegen Janica Kostelic (CRO).
Für den deutschen Verband gab es am Samstag auch noch eine
kleine
Kugel zu feiern, Viktoria Rebensburg sicherte sich jene im
Riesentorlauf. Riesch und Rebensburg erlebten den Moment der
Erleichterung auch gemeinsam. Es war kurz vor halb acht, sie waren
gerade ins Auto eingestiegen, um zur Besichtigung zu fahren, als im
Teamhotel der Jubel losbrach und von den Balkonen gerufen wurde. "Wir
sind uns dann vor dem Hotel um den Hals gefallen und haben die eine
oder andere Träne verdrückt. Ich bin nicht der Typ, der Tränen
verdrückt, aber in der Situation war es einfach so eine Befreiung und
Riesenspannung, die da abgefallen ist", erzählte Riesch.
Zwei Hundertstel im Slalom entscheidend
Mit Platz vier im Slalom am Freitag hatte die Weltmeisterin von
2009 in dieser Disziplin wieder die Führung im Gesamtweltcup vor Vonn
übernommen. Wäre sie nur zwei hundertstel Sekunden langsamer gewesen,
hätte das Platz fünf bedeutet und Vonn wäre nach der
Riesentorlauf-Absage zum vierten Mal in Folge Gesamtweltcupsiegerin
gewesen. "Da wird einem erst im Nachhinein bewusst, was das Rennen
gestern für eine Bedeutung hatte", sagte also auch Riesch, die 6 der
33 Saisonrennen gewonnen hat. Siege feierte sie in Abfahrt, Super-G,
Slalom und Super-Kombination, im Riesentorlauf hatte sie als bestes
Ergebnis Platz zwei zu Buche stehen.
Vonn feierte acht Siege, aufgeteilt auf Abfahrt, Super-G und
Super-Kombination, im Riesentorlauf wurde sie einmal Dritte, im
Slalom verpasste sie das Podest. "Maria ist eine sensationelle Saison
gefahren, sie ist eine würdige Weltcupsiegerin. Lindsey war in den
technischen Disziplinen gegenüber Maria im Hintertreffen. Für mich
hat es sich Maria auch fast mehr verdient", sagte Österreichs
Damen-Rennsportleiter Herbert Mandl. "Wenn es kein Rennen gibt und
ich verliere um drei Punkte, bin ich sehr enttäuscht", hatte Vonn
bereits am Vorabend Böses geahnt. "Lindsey wird sauer sein.
Vielleicht ist es für sie ein Trost, dass sie letzten drei Jahre
gewonnen hat", meinte Riesch.
Im Vorfeld der finalen Entscheidungen hatte es zwischen den
beiden
Freundinnen Zwistigkeiten gegeben, wie tief die Freundschaft noch
ist, wird sich zeigen. Im April feiert Riesch Hochzeit, bleibt
abzuwarten, wer auf der Gästeliste steht. "Wir haben uns Anfang der
Woche abgestimmt, dass wir nicht mehr mitmachen wollen bei dem
Schuhgeplänkel und den Dingen, weil die nichts bringen", erläuterte
DSV-Alpinchef Wolfgang Maier, der nicht mehr länger mitansehen
wollte, wie Riesch aufgebracht von dem "psychologischen Spielchen"
von Vonn "wie ein Rumpelstilzchen rumhüpfte". Bei allem Festhalten an
dem Thema Weltcupkugel hätten die Athleten akzeptieren müssen, wenn
Vonn am Ende vorne sei, meinte er. Und traf auf eine für seine
Anregungen sehr offene Riesch.
Den Kugelgewinn konnte Maier lange nicht wirklich glauben: "Es
war
komisch. Wir waren so fokussiert auf den Riesenslalom, auf diesen
Showdown. Aber letztendlich ist es ein Produkt aus der ganzen
Saison", sagte Maier, der von einem (erfolglosen) Protest der
Amerikaner gegen die Rennabsage berichtete. Was dieser Titelgewinn
für Riesch bedeute? "Sie hat nun alles geschafft, was eine Sportlerin
im alpinen Skirennsport schaffen kann. Als ob man sich noch den
letzten Diamanten in die Krone einsetzt."
(APA)