Hält Tsunamis für Strafe des Himmels: Bürgermeister Ishihara
In dem Chaos, das Tsunami und Nuklearunfall des Atomkraftwerkes Fukushima I auslösten, behielt er kühlen Kopf. Der 78-jährige Bürgermeister von Tokio, Shintaro Ishihara, ordnete an, dass stündlich eine Messung der Radioaktivität in Tokio vorgenommen werden muss - und dass diese Werte unverzüglich zu veröffentlichen sind. Andere Präfekturen Japans folgten dem Beispiel. Der japanischen Regierung oder gar der AKW-Betreiberfirma Tepco wäre dieser Schritt wohl nicht eingefallen.
Auf anderen Gebieten zeigte sich Ishihara weniger rational, sondern offenbarte seltsam-abstruse Vorstellungen. Der Tageszeitung Asahi Shimbun sagte er: "Die Identität der Japaner ist die Selbstsucht. Es ist notwendig, diesen Tsunami als Chance zu nutzen, um die Japaner ein für alle Mal davon zu reinigen. Das war eine Strafe des Himmels."
Ishihara, der wegen seiner ausgeprägten nationalistischen Einstellung häufig auch der "Le Pen Tokios" genannt wird, musste diese Bemerkung postwendend zurücknehmen, da er damit die Opfer und die Bürger Tokios verletzte: "Dafür entschuldige ich mich."
Immer wieder ist der Politiker, der bereits seit zwölf Jahren Bürgermeister der Hauptstadt Japans ist, für markige Sprüche gut. Seine Lieblingsfeinde sind Ausländer, vor allem der asiatische Nachbar China. Gegen das nordkoreanische Regime zöge er im Extremfall auch in den Krieg, sagte er einmal. Auch gegen die USA wetterte er schon des Öfteren, ebenso wie gegen Diplomaten, Frauen oder freizügige Manga-Plakate in U-Bahnen.
Trotz oder gerade wegen der verbalen Ausritte ist Ishihara bei großen Teilen der Tokioter Bevölkerung äußerst beliebt. Er ist parteilos, wird aber von der Liberaldemokratischen Partei unterstützt. Seine nationalistische Einstellung zeigte sich auch darin, dass er die 1937 im "Massaker von Nanking" an Chinesen begangenen Gräuel mehrmals verharmloste.
Ishihara war ursprünglich Schriftsteller. 1956 erhielt er als 23-Jähriger einen angesehenen japanischen Preis für seine erste Novelle. Bei der anschließenden Verfilmung des Stoffes trat Ishihara zusammen mit seinem jüngeren Bruder Yujiro als Schauspieler auf. Die Brüder wurden damit zu Idolen der japanischen Jugend.
Im April sind Bürgermeisterwahlen. Ishihara, der verheiratet ist und vier erwachsene Söhne hat, will nochmals antreten. Es wäre dann zum vierten Mal. (Johanna Ruzicka/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2011)