Risikoforschung zwischen Kaffeehaus und Badezimmer
Früher wurde der Lautsprecher in einem Café nur bemüht, wenn die Kuchenmamsell einen Gast ausrufen musste, der sich ausrufen ließ, damit die anderen Gäste wussten, dass er wichtig ist. Heute macht sich der Lautsprecher selbst wichtig, in dem er mit einem dieser anspruchsvollen Musikprogramme die Hintergrundgeräusche zu akustischer Pampe vermischt. Heute ist Radio Wien dran. Da gibt's sogar noch Wortbeiträge.
Freundlich begrüßt uns der Sprecher um 14 Uhr 03, wünscht uns einen angenehmen Nachmittag mit Musik und Gästen, an dem es natürlich auch Beiträge zur Atomkatastrophe in Japan geben wird. Einer der Reaktoren ist wieder in Flammen aufgegangen. Dazu äußert sich ein Herr mit dem thematisch kompetent klingenden Namen Prof.Rauch von der Uni Wien. Er weiß auch nichts Genaueres, weil auch die IAEO nichts Genaueres weiß. Aber er beruhigt uns Hörer. Man solle, sagt er, die Kirche im Dorf lassen. Was die Kirche mit dem AKW in Fukushima zu tun hat, bleibt unklar, Vielleicht hat er Pagode gemeint, und das Wort ist ihm nicht eingefallen. Nur so viel will er sagen: die wirtschaftlichen Schäden durch den GAU werden sicher geringer sein als durch den Tsunami. - Klar. Nach ökonomischem Ermessen war Fukushima eine absolut sichere Sache. Da sich der Schaden in Grenzen hält, bestelle ich noch einen Kleinen Braunen und lausche dem nächsten Beitrag. Die Polizei setzt heute Wasserwerfer zur Verhinderung der Kernschmelze ein. Es dürfte sich um jene Geräte handeln, die seinerzeit bei der Anti-AKW-Demo zum Einsatz gekommen sind.
Unterstützt werden die Wasserwerfer von Helikoptern, die pro Einsatz respektable 7,5 Tonnen Wasser auf die glühenden Brennstäbe gießen. Wenn sie treffen. Denn die Piloten müssen möglichst schnell wieder raus aus der verstrahlten Zone. Gut die Hälfte geht daneben. Die Frequenz liegt bei einem Heli pro halber Stunde. Ich rechne. Wie schwer ist Wasser? Ein Kubikdezimeter hat ein Kilo. Ein Kubikmeter wiegt also eine Tonne. Ich flute in Gedanken mein Badezimmer, das sechs Quadratmeter hat. Bei 7,5 Tonnen steht das Wasser im Bad 1,25 Meter hoch. Lass ich den Stöpsel drin, bis das feuchte Nass bis unter die Decke steht, dann sind das zwei Hubschrauber für Fukushima. Ich hätte nie gedacht, dass ein Super-GAU mit einem mittleren Rohrbruch erfolgreich zu bekämpfen ist.
In den Nachrichten höre ich dann, dass Faymann am Rande eines EU-Treffens mit Berlusconi geredet hat. Was genau, erfährt man nicht. Die beiden haben genug Themen: die geplanten AKWs nördlich von Venedig z. B. Oder was jetzt mit dem 7,3-prozentigen Aktienanteil von Gaddafis Lybien-Stiftung bei der UniCredit passiert. Aber vermutlich haben die beiden nur erörtert, weshalb zwar Putin, nicht aber Faymann zum Bunga-Bunga eingeladen war.
Der alte Ober Fritz bringt mir frisches Wasser und schaut mir lächelnd zu, wie ich so zuhöre. Er ist halt einer der altgedienten Gästebetreuer und merkt, dass auch mein geistiger Reaktor an Überhitzung leidet. - "Wissen wir ja eh seit Tschernobyl, dass auch so ein Reaktor seine Halbwertszeit hat, net wahr, Herr? Was wär' mit an Millirahmstrudel?" (Günther Schatzdorfer/DER STANDARD, Printausgabe, 19./20. März 2011)
Zur Person
Günther Schatzdorfer, Jg. 1952, lebt als Schriftsteller und Maler in
Wien und Triest.