Wenn wir uns auf die Fakten nicht verlassen können, helfen mitunter die Fiktionen: Über Desorientierung, Kontrollverlust und den ökonomischen Umgang mit
der Verunsicherung im Lichte einer TV-Serie - Von Claus Philipp
Die alte Geschichte: Wenn man im Blick nach vorn gerade nicht mehr weiß, wie man - etwa angesichts eines Katastrophenszenarios "ungeahnten Ausmaßes" - reagieren soll, dann greift man zurück. Bewährte Informationsquellen, die einen mit verlässlichen Fakten und möglichst anschaulichen Bildern versorgen, wären so ein Rettungsanker in der Not. Irritierend, um nicht zu sagen: furchterregend ist es aber, wenn die Fakten und Bilder "ausfallen". Wenn sich die Moderation/Erzählung der Zeit- und Weltläufte zu verhaspeln beginnt, so, als wäre sie von dem, was sie berichten soll, selbst tödlich getroffen. Als wäre die Faktenlage wortwörtlich "erdrückend".
Nachdem wir uns in den letzten Tagen mit unseren Medien schreckensstarr wiederholt gefragt haben, "warum die Japaner so ruhig sind", und ob das nun ein Indiz für Disziplin oder Trauma wäre, und nachdem wir zuletzt mit den Berichten von 50 opfermutigen Technikern in einer Atomruine gewissermaßen den Restzipfel einer kompakten, erzählbaren Geschichte zu fassen bekamen, von der im gegenwärtigen Weltlagenwust aber auch nicht ganz klar ist, ob sie zu Ende erzählt werden kann - nach all diesen peinigenden Versuchen, Ordnung in etwas zu bringen, das heillos in Unordnung geraten scheint, befinden wir uns nun in einer kurzen Phase der Anklage.
"Kritik an der japanischen Informationspolitik" werde laut, vermeldete etwa am Freitag der STANDARD. Unter dem Bild einer Frau, die offenbar gerade ihre tote, verschüttete Tochter auszugraben versucht, liest man ein atemloses "Verunsicherung wächst". Und daneben sagt der deutsche Soziologe Wolf Dombrowsky den sehr wahren Satz: "Es ist eine romantische Vorstellung der westlichen Welt, dass man alles zu jeder Zeit klar sagen kann und unter Kontrolle hat."
Fiktionen
Dem wäre lediglich hinzuzufügen, dass ebendieser "romantischen Vorstellung" wohl eine wenn schon nicht rettende, so doch hoffnungsspendende Kraft innewohnt. Was, wenn uns diese Hoffnung abhanden käme? Die alte Geschichte: Wenn wir uns auf die Fakten nicht verlassen können, helfen mitunter die Fiktionen. Oft sind sie ja auch nichts anders als ausgewertete und umgeschriebene Erfahrungen etwa mit dem, was man jetzt gerade als Desorientierung durch Katastrophe beschreiben könnte.
Einer der diesbezüglich aufschlussreichsten Texte der letzten Jahre ist die US-Fernsehserie "Lost". Es macht jetzt wenig Sinn, die Handlungs-Verästelungen nachzuvollziehen, durch die hier 40 Überlebende eines Flugzeugabsturzes auf einer einsamen Insel durch immer aberwitzigere Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien gejagt werden. Bemerkenswert scheint aber - immer mit Blick auf das gegenwärtige Gehetze durch Sondersendungen, Sonderausgaben und neue beängstigende Informationen - die anfangs durchaus unfreiwillige Machart von "Lost".
Wie man hört, war beim US-Studio ABC eine große Serie kurzfristig ausgefallen. Also wurden Drehbuchautoren ebenso kurzfristig beauftragt, einen aufwändigen Pilotfilm für ein Serienprojekt zu entwickeln, das lose mit der Reality-Show "Survivor" assoziiert sein sollte. Angeblich hatten die Autoren lange Zeit keinen Plan, in welche Richtung sich der Plot entwickeln sollte. Man merkt das auch im Fortschreiten der zunehmend komplexen Erzählung, die kontinuierlich an folgendem Prinzip festhält: Alle zehn bis fünfzehn Minuten eine neue Ungeheuerlichkeit, die die "Logik" des vorher Gezeigten über den Haufen wirft.
Das klingt "blöd", führt aber auf die Dauer zu intelligenteren, komplexeren Lesarten als sie etwa die Katastrophen-Serie "24" offerierte, die uns letztlich zwei Dinge vorgaukelte: Dass es einen und zwar wirklich immer nur einen Helden gibt, der die Welt in exakt 24 Stunden retten kann, und dass zweitens dieser Held auch noch so doof ist, sich diese Tortur insgesamt achtmal, acht Serienstaffeln lang anzutun.
Nein, die Helden von "Lost" haben mit "Weltrettung" (zumindest über weite Strecken) wenig im Sinn. Ziemlich egoistisch versuchen sie jeweils für sich, eine Situation zu bewältigen, die für sie wie für den Betrachter immer erratischer und absurder wird. Es ist eine böse Pointe, dass irgendwann in "Lost" die Frage gestellt wird, ob der ganze Action- und Fantasy-Zinnober wirklich real ist oder ob es sich nicht vielmehr um Todesfantasien von Sterbenden handelt, die über den Tod hinaus mit der Lösung von Problemen befasst sind, deren Lösung eigentlich nicht mehr in ihren Händen liegt. Auf die japanische Informationspolitik dieser Tage übertragen könnte so eine Lesart wirklich Angst machen. Andererseits: Wahrscheinlich macht vorauseilende Apokalypse-Faszination im Moment wenig Sinn.
"Lost"
Ein Bild aus "Lost" jedenfalls geht mir gegenwärtig nicht aus dem Sinn: In "Lehrfilmen", die die Helden immer wieder auf der Insel finden, spricht ein Japaner zu ihnen. Er erzählt davon, dass offenbar irgendeine Firma mit fatalen Folgen auf ebendieser Insel seltsame Technologien entwickelt hat. Und dass man jetzt gewisse Dinge keinesfalls tun sollte, weil ansons-ten ... Und genau an dieser Stelle reißen die Filme dann aber leider, leider ab. Und meistens ist man nachher mit seiner Weisheit noch mehr am Ende. Mit der Hoffnung, dass nach der nächsten Werbepause endlich Klarheit geschaffen wird oder zumindest einmal ein Rätsel gelöst wird.
Keine Sorge, dieses Prinzip haben die "Lost"-Macher bis zum grandiosen Ende durchgehalten. Einem Ende, das eigentlich kein Ende ist. Ein großer "Lost"-Kinofilm wäre wohl jederzeit möglich, und das dann ganz sicher mit noch bestürzenderen Effekten und Unübersichtlichkeiten und Desastern. Was erzählt uns dies über die Ahnungshorizonte unserer Zeit? Ganz sicher erzählt es wie eine böse Travestie einiges über ökonomischen Umgang mit der Verunsicherung.
Ein letzter Blick auf die oben erwähnte Doppelseite "Thema: Japan" im STANDARD. Und darauf, was "Informationsmontage durch Zufall" gerade bedeuten kann. "Was zum Teufel ist los?", soll der Premierminister Naoto Kan die Tepco-Manager angebrüllt haben, liest man da. Und dann, rechts unten: "Die Welt kostet nicht die Welt." Das ist aber "nur" ein Slogan auf einem Inserat einer Fluglinie, die uns "günstiger und schneller ans Ziel" bringen will. Dass es sich wahrscheinlich umgekehrt verhält, und dass die Welt durchaus die Welt kosten könnte: Eine der besorgniserregenden Ahnungen dieser Tage. (Claus Philipp, DER STANDARD; Printausgabe, 19./20.3.2011)
CLAUS PHILIPP war bis 2008 Leiter des Kulturressorts des STANDARD und ist jetzt Geschäftsführer des Wiener Stadtkinos.