Nachlese

"Leading Lady" hinter der Kamera

Isabella Reicher, 18. März 2011, 17:16
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    foto: österreichisches filmmuseum

    Ungewöhnlich entschlossene Filmheldin: Katharine Hepburn in Dorothy Arzners wohl bekanntestem Film, dem Gesellschaftsdrama "Christopher Strong" von 1933.

Dorothy Arzner war die einzige Frau, die in den 1920er- und 30er-Jahren in Hollywood Karriere als Regisseurin machte

Das Österreichische Filmmuseum widmet ihr nun endlich eine Retrospektive.

Wien - Ein Gesellschaftsspiel führt die zielstrebige Abenteurerin Cynthia Darrington und den umsichtigen Parlamentarier Christopher Strong zusammen: Beide sind sie ein Unikat, er ein wahrhaft treuer Ehemann, sie eine junge Frau, die noch nie geliebt hat - und natürlich ist ihre zufällige nächtliche Begegnung der Anfang vom Ende dieser Alleinstellungsmerkmale.

Christopher Strong ist der Titel des Films. Das Gesellschaftsdrama von 1933, das unter Londoner Aristokraten und Müßiggängern spielt, ist von den sechzehn Spielfilmen der Regisseurin Dorothy Arzner wohl der bekannteste. Das mag auch mit dem nachmaligen Ruhm seiner Hauptdarstellerin zu tun haben. Die damals 25-jährige Katharine Hepburn spielt die leidenschaftliche Fliegerin Lady Cynthia, die frei und unabhängig ist, in der Luftfahrt Rekorde bricht, aber privat hart am Boden der gesellschaftlichen Realität aufschlägt.

Startvorteil als Pionierin

Dorothy Arzner selbst kam etwa zeitgleich mit dem Kino, kurz vor der vorletzten Jahrhundertwende, in San Francisco auf die Welt. In der bald boomenden (Stumm-) Filmindustrie gab es viele Arbeitsmöglichkeiten und einen entscheidenden Startvorteil für alle: Es existierten (noch) keine "alten Meister", die erste Generation von Filmschaffenden erfand und definierte das Filmemachen, während sie es praktizierte.

Zugleich existierte die Traumfabrik natürlich nicht in einem gesellschaftlichen Vakuum, insofern spiegelte das extrem arbeitsteilige Geschäft schnell geschlechtsspezifische Rollenverteilungen und Hierarchien wider. Es kristallisierten sich Frauenberufe - wie das Scriptgirl - heraus. Die Regisseursfunktion gehörte eindeutig nicht dazu. Aber Arzner, die sich unter anderem als Troubleshooterin im Schneideraum bewähren konnte und mit ersten Drehbüchern erfolgreich war, nutzte den daraus entstandenen Bonus, um ihren ersten Regieauftrag durchzusetzen.

Auch Fashions for Women, ihr Debüt von 1927, war ein kommerzieller Erfolg. Arzner wurde mit weiteren Projekten betraut, die Auswahl der Stoffe behielt sie sich angeblich selbst vor, häufig arbeitete sie mit Drehbuchautorinnen zusammen, regelmäßig mit der Dramatikerin Zoe Akins.

Arzner, die aus ihrer privaten Lebens- und Liebesbeziehung zur Choreografin Marion Morgan kein Geheimnis machte, entwarf auch für die Leinwand unkonventionelle Frauenfiguren. Und zwar schon alleine dadurch, dass sie die Heldinnen ihrer Gesellschaftsdramen und -komödien als komplexe Wesen anlegte: So macht sie an der eisigen Harriet in Craig's Wife (1936) eindrucksvoll auch deren Versehrtheit sichtbar. Selbst die Position der angepassten Ehefrau des Titelhelden in Christopher Strong wird nachvollziehbar.

Arzner muss das eine nicht diffamieren, um das andere zeigen zu können. Die Qualität ihrer Filme liegt bis heute nicht zuletzt in dieser differenzierten Sichtweise. Außerdem verfolgte die Regisseurin eine eigenständige Besetzungspolitik: Nicht nur Hepburn wurde von Arzner früh entdeckt, auch unter ihren anderen "leading ladies" waren viele spätere Stars wie Joan Crawford, Claudette Colbert oder Rosalind Russell.

1943 inszenierte Arzner das Spionagedrama First Comes Courage. Der Film floppte, parallel dazu erkrankte Arzner schwer. Beides mag dazu beigetragen haben, dass es ihre letzte Regiearbeit in Hollywood bleiben sollte. Die erste Wiederentdeckung der nachmaligen Regiedozentin (Arzner starb 1979 nach einem Verkehrsunfall) erfolgte in den 70er-Jahren noch zu Lebzeiten. Dabei hielt ihre für Jahrzehnte einzige Kollegin Ida Lupino die Laudatio. Während Arzner sich im Zweireiher als "Boss" inszenierte, stand auf deren Regiestuhl "mother of us all". Ihr könnte man doch bitte gleich die nächste Regisseurinnen-Retrospektive widmen. (Isabella Reicher, DER STANDARD - Printausgabe, 19./20. März 2011)

Am 30. März um 19.00 spricht die Filmwissenschafterin Andrea B. Braidt über "Dorothys Tricks", die Retro läuft bis zum 7. April.

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