Wie sehr ist alles vorherbestimmt?

    18. März 2011, 17:33
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    "Wenn sich jedes Lepton und jedes Quark an seine Gesetze hält, ist dann nicht alles im Universum vorherbestimmt?", fragt sich Franzobel

    Ich könnte mir gefüllte Paprika machen, eine Pizza bestellen oder nach Olmütz fahren, um dort einen gebackenen Quargel zu essen. Ich könnte nach New York fliegen und in der Oyster Bar mit Zitronensaft beträufelte schlatzig graue Schleimgesellen schlürfen. In Santiago de Chile gäbe es mit Käse überbackene Jakobsmuscheln, in Mexiko Fleisch in scharfer Schokoladensoße zum Klang der Mariachis und in Sapporo paniertes Fischsperma und Suppe mit gekochten schwangeren Fischen. Ich könnte nach Teheran auf eine Linsensuppe fliegen, für ein Steak nach Mendoza oder zum Falafel-King nach Jerusalem. Ich könnte mir beim nächsten Fleischhauer eine Leberkäsesemmel kaufen. Ich könnte ...

    Gut, manche dieser Möglichkeiten sind aufwändig, trotzdem frage ich mich, ob meine letztendliche Entscheidung nicht schon immer festgestanden ist - längst bevor ich begonnen habe, über ein aufkommendes Hungergefühl nachzudenken, längst bevor meine Urururahnen darangegangen sind, meine Ururahnen zu zeugen, längst bevor die Evolution den Verdauungstrakt entwickelte. Kann es sein, dass alles uns noch unbekannten Gesetzen folgt und seit Anbeginn der Zeiten feststeht? Wie viele Tropfen Folgemilch das Baby aus seinem Fläschchen verschüttet, in welche Parkettfugen die sickern, dort eintrocknen, um Nahrung für Kleinstlebewesen zu sein, die in einer Strombuchse im Mauerwerk hausen, was irgendwann ein kleines Gipsbröckchen herauslöst, in dem das Haar eines an der Montage beteiligten Maurerlehrlings eingeschlossen ist, das nun auf die schlecht isolierten Kabelklemmen fällt, einen Kurzschluss auslöst und so den noch nicht gespeicherten Text über die Prädestination ins Nirwana schickt? Alles vorherbestimmt?

    Wenn man den Physikern glauben darf, hat der sogenannte Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren stattgefunden - obwohl ich bezweifle, dass sich die Zeit immer gleich verhalten hat. Vielleicht verging die Zeit damals schneller? 13,7 Milliarden Jahre haben so oder so in einem menschlichen Kopf nicht Platz. Und davor? Hat jemand auf den roten Knopf gedrückt? Angeblich gab es vor dem Urknall weder Raum noch Zeit, nur geballte Energie, stecknadelkopfgroß. Wie soll man sich diesen Zustand vorstellen? In jedem Fall, wenn man die Bibel (am ersten Tag erschuf Gott usw.) ernst nimmt, war vor dem Big Bang ein Wochenende ...

    Mit dem Urknall, der übrigens alles andere denn ein Knall und finster gewesen ist, weil ja noch jeder Raum fehlte, in dem sich Schall- oder Lichtwellen hätten ausbreiten können, entstanden nicht nur Raum, Zeit, Materie, das Universum, sondern vermutlich auch jene Gesetze, an die sich alle Elektronen, Myonen, Tau-Neutrinos, Quarks oder wie man diese Teilchen nennt, halten (und zwar ausnahmslos). Möglich, dass bei einem anderen Urknall völlig andere Gesetze, andere Teilchen und folglich auch ein anderes Universum entstanden wären. Manche Teilchenphysiker glauben ja, dass bei "unserem" Urknall etwas schiefgegangen ist ... Vielleicht existieren viele Universen nebeneinander? Möglicherweise wirken manche davon sogar auf unseres und erklären so die dunkle Materie und dunkle Energie, die den Großteil (80 Prozent) unseres Universums ausmachen?

    Wie es scheint, hat noch nie ein Teilchen gegen seine Gesetze rebelliert. Die Natur macht keine Fehler, und in der Welt der Teilchen gibt es nur gesetzestreue Spießer, keine Anarchisten. Diesen Gesetzen (für Gläubige eine Signatur Gottes) sind wir Menschen mit dem sogenannten Standardmodell, einer derart komplexen mathematischen Formel, dass ich sie hier nicht darzustellen weiß, schon ziemlich auf den Pelz gerückt. Für eine Weltformel wäre sie immer noch recht simpel - oder schon wieder viel zu kompliziert? Wahrscheinlich ist es wie mit dem Griechen, der als Erster unser heliozentrisches Planetensystem erkannte und bei den führenden finsteren Geistern seiner Zeit auf Ablehnung stieß: "Was willst denn du, dass sich alles um die Sonne dreht, jetzt, wo wir so wunderbare Formeln haben, die nur bei einer im Mittelpunkt stehenden Erde funktionieren. Die werden wir doch nicht aufgeben. Verschwind!"

    Die bedeutendsten europäischen Teilchenphysiker arbeiten im Cern, wo hundert Meter unter der Oberfläche in einem 27 Kilometer langen Tunnel Teilchen kreisen. Neben Vorbeschleunigern, einem gigantischen Rechenzentrum, kleineren Gebäuden für die Theoretiker (mit dem spröden Charme einer ostslowakischen Universität), einer erstaunlich reichhaltigen Kantine, gibt es vier große Experimente (ATLAS, ALICE, CMS, LHCb), gigantische Kultstätten, technische Kathedralen, in denen die zwei gegenläufigen Wasserstoffprotonen- oder Bleiionenstrahlen zur Kollision gebracht werden. Bei diesen Kollisionen (mehrere Millionen pro Sekunde) kommt man bis auf eine Pikosekunde (0,000000000001 s) an den Zustand nach dem Urknall heran. Unter Mithilfe tausender Wissenschaftler, zig Fakultäten, wurden teils neue Materialien entwickelt, wurde das Internet erfunden, Grid-Computing usw., um den Anforderungen dieser Weltmaschine gerecht zu werden. ALICE hat die größte Magnetspule der Welt, ATLAS das größte Magnetsystem und CMS den stärksten Magneten. Ungeheure Kühlsysteme sind erforderlich, die Messeinrichtungen so präzise, dass sie sogar kleinste Temperaturschwankungen oder die Gezeiten berücksichtigen.

    Und was ist mit Gott?

    Cern ist eine der gigantischsten Leistungen in der Geschichte der Menschheit. Wozu das alles? Um das Higgs-Teilchen zu finden, welches das Standardmodell auch mit Materie funktionieren lässt? Um die dunkle Materie zu erklären? Oder um das Rätsel der verschwundenen Antimaterie zu lösen? Theoretisch sollte es nämlich genauso viel Antimaterie wie Materie im Universum geben. Insgeheim hoffen die Physiker aber alle, man möge etwas anderes finden, etwas, das nicht in die gängige Theorie passt, die Physik völlig auf den Kopf stellt. Ob es aber ein Teilchen sein wird, das gegen jede Gesetzmäßigkeit agiert? Oder eine neue Kraft?

    Wenn sich jedes Lepton und jedes Quark an seine Gesetze hält, ist dann nicht alles im Universum vorherbestimmt? Nein, natürlich nicht, ist der zum Individualismus erzogene Mensch sofort bereit zu widersprechen, wir können uns entscheiden, es gibt den freien Willen, wir können etwas durchdenken, zu Lösungen kommen und danach handeln. Oder soll auch das vorherbestimmt sein? Und was ist mit der Biologie? Ist nicht die Evolution eine einzige Aneinanderreihung von Fehlversuchen? Sind wir aus der Art geschlagene Affen, die wir uns selbst als Krone aller Schöpfung sehen, denn mehr als der Strichpunkt im letzten Absatz der Erdgeschichte? Jahrmillionen war unser Planet von Urtieren, Rieseninsekten, Sauriern bevölkert, dagegen gibt es den Homo suspectus erst seit sehr kurzer Zeit.

    Warum sollte eine Gesetzmäßigkeit (jene der Teilchen) mit offensichtlichen Fehlern operieren? Aber muss sich das Universum an unsere kleingeistige Logik halten? Und was ist mit dem Schicksal? Immer wieder hört man von Menschen, die das später abstürzende Flugzeug verpasst haben, einen Ersatzflug nahmen und anschließend bei einem Verkehrsunfall umgekommen sind. Astrologen wollen (wenigstens post festum) die Unruhen in Nordafrika ebenso vorhergesehen haben wie die Katastrophen in Japan. Andere haben Ahnungen, Träume, sehen Dinge aus der Zukunft, die dann auch wirklich so eintreffen - auch Begebenheiten, die sie selbst nicht beeinflussen können. Und was ist mit Gott? Zumindest die Teilchenphysiker und Evolutionsbiologen sehen kaum noch einen Platz für ihn, dabei glauben sie an ihre Rechenmodelle und Formeln mit derselben monotheistischen Inbrunst wie früher die Hexenhammer-Jesuiten.

    Ist es also mein freier Wille, über den freien Willen nachzudenken, oder ist auch das vorherbestimmt? Mit raffinierten Experimenten lässt er sich genauso nachweisen, wie er sich widerlegen lässt. Endgültig bewiesen wird er aber erst sein, wenn der Mensch in der Lage ist, das Universum zu vernichten - und dies auch tut.

    Als man den Teilchenbeschleuniger im Cern startete, war die Empörung der Ängstlichen groß. Völlig zu Unrecht. Auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, ein schwarzes Loch oder den Urknall zu generieren, ist doch allein der Gedanke, dass so etwas eines Tages möglich sein könnte, groß. Früher warnten Abrüstungsgegner vor der x-fachen Zerstörbarkeit der Erde, mittlerweile können wir fast schon das Universum zum Verschwinden bringen. Ist dies das letzte Argument des freien Willens? Oder Teil der Versuchsanordnung unseres Universums? Das frage ich mich, bevor ich, weil es die Vorherbestimmung so will, wieder Richtung Genf fahre, aber nicht in die Cern-Kantine, sondern in ein Schweizer Gasthaus gehe, um dort ein Fondue zu essen, weil das ein Urknallessen ist. (Franzobel, DER STANDARD/ALBUM - Printausgabe, 19./20. März 2011)

    Franzobel, geb. 1967 in OÖ, ist Sohn eines Chemikers, absolvierte die HTL für Maschinenbau und studierte Germanistik und Geschichte. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Österreich ist schön. Ein Märchen" (Zsolnay, 2009).

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      Cern: via Urknallsimulation letzte Fragen klären.

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