Natur und Katastrophe

Diagnose: Mensch

Jost Kaiser, 18. März 2011, 11:06

Es ist seltsam, bei vielen Kommentatoren der Japan-Krise meint man herauszulesen, dass die Katastrophe eine Rache der Natur sei

Der Papst führt bekanntlich einen Krieg gegen den "Relativismus" und bietet, wie sollte er anders, als Immunisierung den unhinterfragbaren und unantastbaren Gott und als dessen irdische Vorfeldorganisation die katholische Kirche an. In den westlichen Gesellschaften mit mäßigem Erfolg. Die Mühlen der Säkularisierung mahlen einfach weiter.

Doch wer meint, mit dem Erkalten der christlichen Religionen - auch kurzzeitig aufkommende modische Hinwendungen, etwa zum Katholizismus bestätigen dessen Niedergang -, sei auch die Sehnsucht nach dem Absoluten geschwunden, der irrt.

Es hat sich im gesellschaftlichen Unterbewusstsein bestimmter Milieus eine Idee von Exzess und dessen Bestrafung etabliert, die dem Katholizismus ähnlich ist, aber einer anderen absoluten Instanz Herrschaft über Leben und Tod zugesteht: "Die Natur" hat den strafenden Gott abgelöst.

Mutter Natur ist sauer

Sicherlich hat die Idee, dass wir durch unseren Lebensstil in hoch industrialisierten Ländern nicht mehr "im Einklang mit der Natur" leben und "die Natur" sich rächt, ihren Ausgangspunkt in der Öko-Bewegung der Achtzigerjahre. Aber sie hat sich tief festgesetzt, sie ist Teil der Populärkultur: Fast alle Katastrophenfilme spielen mit dieser Idee, die filmische Zerstörung der hochgezüchteten Megastädte sehen wir mit einer Mischung aus Lust und Schrecken. Es ist ein seltsames Sündenbewusstsein vorhanden: Wir leben, wie wir leben, aber ab und zu werden wir dafür bestraft.

Nach diesem Schema kommt auch jetzt angesichts der japanischen Katastrophe bei einigen Blog-Kommentaren fast schon eine Apokalypsesehnsucht auf, ein seltsamer Unterton, in dem insgeheim bejaht wird, dass eine hoch industrialisierte Nation wie Japan am Ende mit der ganzen menschengemachten Technologie das Absolute, "die Natur" nicht hat aufhalten können. Wenigstens eine Sicherheit: es gibt keine. Wir sind Spielbälle, nicht handelnde Subjekte - einige scheint das zu beruhigen.

Die Variante dieser Idee, nämlich dass der sich selbst ermächtigende Mensch mit seiner Zivilisation das eigentliche Problem ist, hat sich ebenfalls in der Populärkultur und der Kunst ausgebreitet. Am Berliner S-Bahnhof Savignyplatz befindet sich eine Kunstinstallation aus den Achtzigerjahren, die den Raubbau an der Natur beklagt. Motto: "Wir sind die Hautkrankheit der Erde."

Reinigendes Gewitter für die Menschheit

Der Mensch als Krankheit. Nun, Krankheiten müssen bekämpft, ja ausgerottet werden: Muss der Mensch sich selbst bekämpfen? Wenn die Natur das Gesetz, das Absolute ist, wo beginnt dann das "Unnatürliche"? Sind nicht Städte an sich, ja die Zivilisation, "unnatürlich"?

Aber die Natur ist auch ein Lehrmeister, so denkt sich das der Hobby-Naturtheoretiker Herbert Grönemeyer. Wenn wir nur die Lektionen, die uns „die Natur" erteilt, annehmen, wird's uns allen hinterher besser gehen. Natürlich muss als Erstes - wie immer - der Kapitalismus dran glauben, der größte Sündenfall überhaupt:

"Die Natur nimmt das Heft in die Hand. Schlägt beinhart zurück. Schickt die Geldgier in Katastrophen. Zwingt uns zu unserem Glück."

So textet der sogenannte Herbie im Lied "Chaos", das er wohl als eine Art reinigendes Gewitter für die gesamte Menschheit herbeisehnt.

Das werden die Japaner beglückt zur Kenntnis nehmen: bauen Atomkraftwerke, neben dem Kapitalismus der zweite große zivilisatorische Sündenfall für die singende und bildhauernde Sozialdemokratie, einfach ans Meer. Aber die Natur wird jetzt die Japaner und dann auch uns zu unserem Glück zwingen.

Die Apokalypse - sie ist einfach nicht totzukriegen. Darüber nachzudenken, was uns die Natur wohl sagen will, ist vor allem Hobby von Leuten, die sonst keinen mehr haben, mit dem sie sprechen können. (derStandard.at, 18.3.2011)

Autor

Jost Kaiser, The European, war Blogger bei Vanity Fair, ist zudem Autor für die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Zeit und den Tagesspiegel

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 64
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mika koenig
00
20.3.2011, 07:52

Wir Menschen sind , ob es uns passt oder nicht , ebenso " Natur " wie Wale , Flüsse oder Algen .
Es ist grotesk, uns als Spezies da herausnehmen zu wollen.
Selbst mit den hochgefahrensten Technologien können wir doch immer nur auf das zurückgreifen , was der Planet uns bietet und haben bei Ignoranz , Missbrauch und Irrtümern wie der Atomenergie auch die natürlichen Konsequenzen am Hals .
Großstädte und technologische Entwicklungen sind nicht " natürlich ? "
Beton , Metalle , Energie etc.. kommt ja wohl alles vor in der Natur.
Nur ein ,für unseren Wissensstand vollkommen aberwitziger , religiös begründeter Kreationismus mit Gott - Mensch - Natur verstellt zu unserem Unglück die Sicht auf die wahren Zusammenhänge .

Charly Mandelas
02
19.3.2011, 17:42
Klar ist doch das die

Grausamkeit potenziell zunimmt. Man bedenke hierzu alleine den wachsenden Fleischkonsum, der sich in 3 Jahren bei fast gleichbleibender Bevölkerungszahl verdreifacht hat. Es werden 1000 Rinder gezüchtet und davon landen 300 unverbraucht wieder im Müll.

Ein Rind braucht 50 kg Futter und 100 Liter Wasser pro Tag. Bei (nur Rinder) ca. 1,5 Milliarden Rindviechern benötigen diese soviel Nahrung wie 80 Milliarden Menschen benötigen würden um nicht zu hungern. Allerdings hungern derzeit laut UNO 1 Milliarde Menschen und wir sind doch bloss 8-9 Milliarden.

Die Masse kann nichts dafür, das einige wenige Möchtegern Elite Wissenschaftler auf die Natur Scheissen und Sie zerstören wo sie nur können.
Atomtests, Biodiversität durch Pestiziede, Gen Mani

avision
00
20.3.2011, 11:06
Die Misere ...

Ein Lebensstil gegen die Natur, gegen Mutter Erde oder anders beschrieben: der Mensch hat sich vom allumfassenden Göttlichen entfernt. Die Misere des Menschen ist: der Mensch strebt eigentlich nach Glück, jedoch da gibt es welche, die haben etwas dagegen, dass viele Menschen Glücklich und zufrieden sind; denn viele glückliche Menschen lassen sich nicht in das Hamsterrad hineinpressen, Versklaven. Und alles dreht sich ums GELD - wem gehört es und weshalb haben WIR dafür gebühren zu bezahlen? Vielleicht bezahlen wir bald keine Gebühren, Zinsen für das Geld, jedoch bald für die Luft die wir Atmen und das selbstverständlich Atomstrahlenfrei?

radioactif
00
19.3.2011, 09:33
interessant

ich werde meine meinung über den european wohl einer revision unterziehen müssen.

hervorragender artikel !

Steinbock1959
10
18.3.2011, 23:17

Einer hat einmal gesagt, dass wir die Finger von Gottes Handwerk lassen hätten sollen.

Lubrikator
00
18.3.2011, 22:06

mutter natur, vater staat, bruder baum, gevatter tod, oma beimer

witherabbitt
 
11
18.3.2011, 21:44

Relativismus ist nicht nur im Verhältnis zum (sich entziehenden) Absoluten zu betrachten, sondern sollte vor Allem alle relevanten Relationen des Nicht-Absoluten bedenken. Dies mit »Any-thing-Goes« zu verwechseln, ist die erste, sich durch Naturalisierung jeder Verantwortlichkeit zu entziehen, ist die zweite Fehlhaltung der Postmoderne. Die an Trivialität nicht zu überbietende Pseudo-Ironie von Leuten wie dieser quasselnden Minderbegabung ist ein Symptom der Kulturlosigkeit, die uns sowohl inmitten unserer Zivilisation wie gegenüber der Natur verfehlt.

Ruediger Ploetz
11
18.3.2011, 20:10

tja, das ist eine logische folge der jahrhundertelangen überzeugung, der mensch müsse sich der herrschaft über die natur bemächtigen. natürlich fällt die erkenntnis, dass der mensch doch nicht herrscher über die naturkonstanten ist, beim (ex-)katholizismus auf fruchtbaren boden.

aber das gefühl, dass wir "in sünde leben", hat doch eine klare ursache. unsere zivilisation verursacht veränderungen des globalen ökosystems, an flora und fauna, in einer größenordnung, die an die umwälzungen durch die produktion von sauerstoff durch einzeller in der frühzeit der erde erinnert.

wichtig wäre nur, dass sich das ganze nicht in eine art von phlegmatischem untergangsbewusstsein auswächst, sondern zu einem umdenken im umgang mit technologie führt.

radioactif
00
19.3.2011, 09:35

wow ich hätte nicht gedacht dass man diesen artikel so gründlich missverstehen kann

Ruediger Ploetz
00
19.3.2011, 14:36

wow ich hätte nicht gedacht dass man dieses posting so gründlich missverstehen kann

nbergmann
11
18.3.2011, 19:16
wenn die natur schuld ist

ist das menschliche handeln unschuldig...eine bequeme position um nichts zu ändern, das tun wir am liebsten...alles lassen wie es ist... boooom!

radioactif
00
19.3.2011, 09:36

und wenn es ÜBERHAUPT keine schuld gibt sondern einfach nur realität ?

witherabbitt
 
00
19.3.2011, 11:57

Dann ist die Dekadenz unheilbar und die Realität verschwindet.

prado
02
18.3.2011, 18:56
wahrscheinlich eine Rache der Wale

die haben sich zusammengetan und eine Riesenwelle gegen ihre Jäger gesandt.

lessismore
01
18.3.2011, 19:03

Gaia steht nicht auf den Neoliberalismus. Das hab' ich selbst ausgependelt!

F.S.K
01
18.3.2011, 18:53
symptomatisch die aussage der dt grünen künast, die sich über all das ausdrücklich freut

Alastair McKenzie
 
30
18.3.2011, 18:15
Naja, ...

... seien wir doch ehrlich: Weder die Erde, noch das Universum, noch "die Natur" braucht den Menschen. Die Erde hat vor dem Menschen gut funktioniert, und sie wird es (wahrscheinlich) nach dem humanen Zeitalter auch noch tun; außer dass der Mensch es schafft, sie doch noch vor seinem eigenen Abgang zu zerstören.

radioactif
00
19.3.2011, 09:41

der mensch ist teil der natur, des universums, der erde. sie sehen widersprüche wo es nicht mal eine trennung gibt.

auch biber verändern die natur durch ihre dammbauten. wanderameisen & -heuschrecken zerstören ganze (bewohnte) landstriche und damit den lebensraum anderer lebewesen, bakterien, quallen, etc. etc. etc.

für ihren wahn gibt es eine nette geschichte in der bibel. in dieser geschichte geht es um ein mädchen und eine schlange ... ;)

Bruno Flex
01
18.3.2011, 18:01
Natur

ist Natur ist Natur.

Unter den zahllosen, stets ephemeren Produkten ihres Spieltriebs erweist sich lediglich der selbsternannte Sapiens täglich wesentlich blöder als er sich im Vergleich zu anderen Naturwesen einzuschätzen beliebt.

a b1
30
18.3.2011, 17:59
Das hat mit Esotherik nichts zu tun

Die starke Veränderung der Erde, insbesondere die Verdrängung der Pflanzen und Ersetzung durch Beton und Asphalt, muss ja Konsequenzen haben.

Von der flüssigen Erdoberfläche bis zur Erkaltung der Landmassen und schlussendlich Begrünung des Planeten war es ein weiter weg. Wenn wir den Weg zurück gehen, reagiert gottseidank die Erdphysik, welche einen Zustand in der gegenteiligen Richtung anstrebt.

pago1
00
18.3.2011, 17:31
da sollten wir doch gleich auch schönborn fragen

ob das auch intelligent design ist also alles gottes plan

Urkel
01
18.3.2011, 16:34

Herr Kaiser

ich würde nicht alles einfach in dasselbe Eck stellen, nur weil man selbst keinen Einblick hat.

Der Mensch ist ein Lebewesen, und es kann natürlich auch sein, das eine intelligente Form von Leben ebenso diese Planeten beseelt. Warum nicht? Nur weil der Mensch es nicht fassen kann auf Grund seiner Größe?

Ich selbst bin auch nicht unbedingt davon überzeugt aber ich schließe es nicht aus, weil es einem klar denkenden Menschen nicht einfällt etwas zu zerstören welches einem das Leben ermöglicht - ist einfach Saudumm.

Aber hier eine Hypothese >> Gaia-Hypothese http://de.wikipedia.org/wiki/Gaia-Hypothese

Urkel
01
18.3.2011, 16:50

wenn der Mensch von der Evolution geformt wurde, einer Kraft! Dann wäre es vielleicht auch möglich, das diese Kraft noch weiterhin wirkt.

seltsam, aber so kann man es auch sehen, wenn man nicht blind durch die Betonwüsten der Welt läuft.

(nicht alle sind dumm)

aha15
01
18.3.2011, 16:29

alles was auf der welt (und im universum) geschieht ist teil der natur und kann somit per definition nicht gegen dieselbe gerichtet sein.

alle agierenden wesen gehen mit ihren handlungen risiken ein. vogelnester können weggeschwemmt werden. atomkraftwerke können explodieren. in beiden fällen hat das konsequenzen auch für dritte. das vogelnest mag ameisen töten. das atomkraftwerk.. nun wir wissen was es kann.

alle agierenden wesen versuchen, risiken für sich selber zu minimieren. der mensch versucht zudem, risiken zu optimieren - was nichts anderes heisst, als eine katastrophe zuzulassen, wenn das eintreten dieser "billiger" kommt (und damit ist beileibe nicht nur geld gemeint) als der dafür aufgewendete schutz.

witherabbitt
 
00
19.3.2011, 18:34
Nach Ihrer Vorstellung könnte man den Begriff »Natur« wegen Bedeutungslosigkeit gleich weglassen.

Der Mensch ist als solcher auch ein künstliches Wesen, dies durch Abstraktion zum Verschwinden bringen, ist eine »terrible simplification«. Die Entdeckung der Atomenergie ist nicht mit tierischen Erfindungen oder frühen menschl. Erfindungen wie Feuer, Boote, Rad vergleichbar, weil diese Entdeckung nicht aus der erfindungsreichen Manipulation der Gegenstände der Lebenswelt entstammt, sondern einen Zwischenschritt des theoretischen Denkens nach Prinzipien voraussetzt, wenn auch die weitere Ausformung analog zur Natur auch Kulturevolution genannt werden kann. Die Wegräumung dieses konstitutiven Unterschiedes führt zur heutigen Verantwortungslosigkeit und Inhumanität.

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