Atomenergie

Sozialdemokraten rufen zu Volksbegehren auf

17. März 2011, 19:01

Kanzler Werner Faymann und SPD-Chef Sigmar Gabriel planen ein Anti-Atomkraft-Volksbegehren in der EU

In Deutschland erwägen Energieriesen Klagen, weil die Bundesregierung alte Meiler abschalten lässt.

*****

Rust/Berlin - Wiens sozialdemokratischer Bürgermeister Michael Häupl war in seinem Element: Bei der atomaren Katastrophe in Japan zeige der Kapitalismus seine "hässlichste Fratze" , sagte er bei seiner Rede vor den Genossen, die zur Klubklausur ins burgenländische Rust gekommen waren. Da ginge es um beinharte Geschäftsinteressen, auch wenn es zehntausende Tote gebe: "Wurscht, wir verdienen eh am Wiederaufbau." Da müsse sich das Volk wehren - "und wir werden es organisieren. Das Volk ist als Richter über den Ausstieg von Europa aus der Atomenergie zu berufen."

"Wir" , das sind im konkreten Fall die SPÖ und die SPD. Bundeskanzler Werner Faymann kündigte an, gemeinsam mit dem Chef der deutschen Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, eine europäische Bürgerinitiative einzuleiten. Schon bisher seien die Österreicher geradezu die "Gallier" der europäischen Atompolitik gewesen, betonte Faymann, und dafür habe man ihn manchmal belächelt. Aber die Katastrophe in Japan habe einmal mehr bewiesen, "dass wir auf der richtigen Seite sind" . Wo ein sofortiger Ausstieg aus der Atompolitik nicht möglich sei, solle dies zumindest schrittweise passieren. Auch der Euratomvertrag habe nur als Ausstiegs-Konzept einen Sinn.

Die Sozialdemokraten hätten zwar nicht das Geld der Atomlobby, so Kanzler Faymann weiter - aber die Politik dürfe nicht "in die Knie gehen vor jenen, die mit viel Geld ihre Lügenpropaganda verbreiten" . Und SPD-Chef Gabriel erklärte dazu: "Die Bürger Europas sollen entscheiden - und nicht die Atomlobbyisten aus den Konzernen und den Regierungen. Dafür gibt es Gott sei Dank ein neues Recht in Europa: Eine europäische Volksinitiative."

In Deutschland sorgt die Kehrtwende der schwarz-gelben Bundesregierung weiterhin für große Diskussionen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ja verkündet, nicht nur die 2010 beschlossene Laufzeitverlängerung für deutsche AKWs auszusetzen, sondern die sieben ältesten und anfälligsten Meiler vorerst vom Netz zu nehmen.

Nun regt sich dagegen Widerstand in der Atomlobby. Die Stromkonzerne RWE und Eon erwägen eine Klage gegen die Bundesregierung. "Die deutsche Regierung muss sich gut überlegen, ob sie Sonderwege geht" , warnt Eon-Chef Johannes Teyssen. Die bisherigen Erkenntnisse aus dem Reaktorunglück in Japan führten nicht zu einer Neubewertung der Anlagen.

Die Regierung wiederum beruft sich auf das Primat der Sicherheit und eine "Notlage" , die auch im Atomgesetz vorgesehen sei. Hintergrund des Widerstands der Energieriesen: Sie können mit jedem abgeschriebenen Meiler rund eine Million Euro pro Tag verdienen, Experten gehen davon aus, dass die dreimonatige Abschaltung die Energiekonzerne mehr als eine halbe Milliarde Euro an Umsatz kostet. Doch auch in der CDU haben manche rechtliche Bedenken. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) will genau prüfen, ob für die Abschaltung nicht Gesetzesbeschlüsse nötig sind.

Regierungssprecher Steffen Seibert räumte auch ein, dass es von den Energiekonzernen keine schriftliche Zusicherung für den Verzicht auf Schadenersatzforderungen gebe. Offenbar soll den Energiekonzernen auch gestattet werden, Reststrom-Mengen jener alten Werke, die nun abgeschaltet werden, auf neuere zu übertragen. Das würde bedeuten, dass diese weit über 2040 hinaus laufen.

Nichtsdestotrotz schreitet die Abschaltung der alten Kernkraftwerke zügig voran. Der baden-württembergische Energiekonzern EnBW schaltete in der Nacht auf Donnerstag wie angekündigt zwei seiner vier Atomreaktoren ab (Neckarwestheim I und Philippsburg I). Bayerns Regierung ordnete unterdessen die Abschaltung des AKW Isar I an.

Kanzlerin Merkel gab am Donnerstag eine Regierungserklärung im Bundestag an, die Stimmung war dabei merklich angespannt. Immer wieder verteidigte sie ihre atomare Kehrtwende mit den Worten: "Jetzt haben wir eine neue Lage." Merkels Rede wurde von vielen Zwischenrufen unterbrochen, sodass sei schließlich entnervt erklärte: "Jetzt rede ich!" SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier bezeichnete ihre neue Haltung als "dreist und unanständig". (DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 105
1 2 3
Walter Bimini
00
das foto ist gut gewählt

man sieht ihm an, daß er in seinem leben noch nie gearbeitet hat.

Fernando Castro
00
27.7.2011, 06:02
Hat nicht der SPÖ Kanzler Kreisky Zwentendorf bauen lassen?

Und warum hat die SPÖ nicht das EURATOM-Volksbegehren unterstützt?
Ansonsten frage ich mich warum bisher in Europa noch keine Abstimmung gegen die Atomenergie und keine Initiativen ergriffen worden sind.
Ich bin ja gespannt, wann die Nachbarländer Österreichs ihre Atomkraftwerke abschalten.
Es wäre schon längst die Aufgabe der SPÖ und ÖVP gewesen dafür Sorge zu tragen. Aber angeblich machen die Tschechen jetzt an der Grenze zu OÖ ein Endlager....

Özcan Drac
00
26.8.2011, 16:55

Der erste Stein ist ja gefallen - Deutschland schaltet sie ab. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit bis auch der Rest der Welt vernünftig wird, aber die sind wohl alle zu geängstigt vom CO2.

DirtyHarry
00
25.7.2011, 19:55

Faymann soll sich einmal das Video seines Vorgängers anschauen - unglaublich ist auch die aktuelle Stellungnahme von Heinz Fischer dazu.
http://www.youtube.com/watch?v=r0kRmp71UaU

D'Wahrheit
00
Faymann und Co. hätten eine kleine Chance, wenn sie denn wirklich wollten...

...nämlich das Recht zur Klage auf umfassenden Schadenersatz für einen Atomunfall und allen Folgeschäden in den Nachbarsstaaten, für diese zu erwirken. Damit würden sie der internationalen Atomlobby wohl etwas ans Bein pinkeln. Aber so übertreiben müssen (dürfen) wir ja nicht, da könnten wir ja glatt jemanden in die Zwickmühle bringen, der einige von uns gut "füttert"!! "Volle Kostenwahrheit jetzt", ist nur ein Gebot der Stunde....

Spiritron
02
16.5.2011, 12:13

In Zeiten wie diesen Zeigt der Aktionismus sien hässlichste Fratze... seufz.

DirtyHarry
00

ja, hoffentlich sagt herrn faymann bald jemand, dass kreisky die inbetriebenahme von zwentendorf nicht durchgebracht hat

DirtyHarry
00
15.5.2011, 22:20
SPÖ-Bundeskanzler

Es gabe einmal einen SPÖ-Bundeskanzler, welcher sich sehr für Atomkraftwerke in Österreich ausgesprochen hat.

webinformationat
02
10.5.2011, 09:36
Europäische Bürgerinitiative ist zahnlos! Die EU will weiter die Atomkraft aufbauen, die Atomlobby ist zu stark! Da hilft nur der Austritt!

EURATOM ist Teil des EU-Vertrages. Warum hat die SPÖ nicht das EURATOM-Volksbegehren unterstützt?

Josef Speckbacher
00
16.5.2011, 10:26
das sehe ich auch so

die hatten über 40 Jahre (teilweise sogar absolut!) Zeit etwas zu unternehmen - aber das Gegenteil war der Fall und zwar Extrem! Jetzt das Ruder in diesem Thema herumreissen ist sicher der Claudia plötzlich eingefallen! Die Wienstrom ist auch in roter Hand und hat einen der höchsten Atom- und Fossil- Anteile!
Wechselt doch alle zum Verbund oder Ökostrom Anbietern dann müsst Ihr nicht Rot wählen und es ist effizienter!

webinformationat
02
SPÖ will bei der Bevölkerung punkten, aber führt das Volk in die Irre....

Es hilft nur der Austritt aus der EU.

www.eu-austritts-volksbegehren.at

carpediem99
 
00

das problem ist, dass ein eu-ausstieg über 1 bis 2 jahre vorbereitet gehört. die planungen bezüglich stärken und schwächen, sowie der möglichkeiten, für alternative wirtschaftsstrukturen wären zu prüfen. - wer bleibt oder kommt neu? was können wir selbst wieder herstellen, welche analogien zur schweiz z.b. gibt es , etc....ich würde dazu erst einen entsprechenden arbeitskreis gründen...

EU-Hermi
00
11.7.2011, 13:07

Erst einmal das Volksbegehren unterstützen! Dann ist noch Zeit genug für die Zukunft...

carpediem99
 
00
11.7.2011, 13:19

die zukunft beginnt jetzt. die analysen und arbeitsgruppen müssten sich sofort langsam einarbeiten.- erst wenn begonnen wird die logische machbarkeit zu beweisen, werden die leute auch bereit sein mitzuziehen und können leichter überzeugt werden....

Aiwaz
00
13.5.2011, 10:13

Ich bin ja auch ein Eu Gegner, aber würden wir jetzt aussteigen, wären wir dann nicht zuerst einmal finanziell am Ende?
Das Geld, dass wir dann brauchen, käme von der Eu und schon können die wieder mit uns machen was sie wollen obwohl wir nicht dabei sind. Zurückzahlen is dann nicht so einfach, das drehen die schon so, oder täusch ich mich?

webinformationat
02
13.5.2011, 15:18

Finanziell am Ende sind wir, wenn wir noch länger drinnen bleiben. Denken Sie an den permanenten Rettungschirm...

CentralAI
01
24.5.2011, 18:45

Wenn unsere Leute hier so weitermachen, dann können wir uns auch gleich unter den Schirm begeben.

webinformationat
01
24.5.2011, 22:02

Wir können nicht, wir sind dabei!

Selbständiger
11
Werner Faymann kündigte an, gemeinsam mit dem Chef der deutschen Sozialdemokraten, Sigmar Gabriel, eine europäische Bürgerinitiative einzuleiten

Selten so gelacht über diesen Gockel, der sich aufplustert.

Dieser amtsmissbrauchende Verfassungsbrecher hat ja selbst in Österreich keine Legitimität mehr und nur eine Handvoll obrigkeitshöriger Zuhörer, wenn er wieder einmal einen Schwachsinn von sich gibt.

Da will er eine europäische Bürgerinitiative, nach der " haltet den Dieb Methode", um von seinen eigenen Unzulänglichkeiten und Missständen abzulenken.

Wann kapiert dieser Verfassungsbrecher endlich, dass er seit seinem Amtsmissbrauch nichts mehr zu reden hat. In Osterreich nicht und in Europa erst recht nicht.

Teodoro W. Tralafitti
00
Volksbegehren???

Die deutschen Medien verbreiten: "Deutschland braucht eine neue Energiepolitik - zur Not auch gegen den Widerstand der Bevölkerung, meint Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck." Ebenfalls SPD. Tja, diese dumme Volk aber auch ...

dreyfusard
21
12.4.2011, 14:18

ja gute idee und nicht vergessen ein volksbegehren für den eu ausstieg dazu!

Lupus67
00
12.4.2011, 08:49
na dann

also wenn der herr f. so sehr für volksbegehren ist, dann soll er sich mal um die in österreich anstehenden kümmern. da wäre ja gerade einiges zu erledigen, was er aber entgegen der verfassung lieber nicht zur kenntnis nimmt. aber das ist ja nicht so medienwirksam, schlecht für seine eigene regierung und da lässt sich auch kein politisches kapital herausschlagen. aber vielleicht findet der herr f. so ja zu demokratischen grundsätzen zurück.

webinformationat
24
10.4.2011, 22:41
Die EU schert sich einen Dreck um das Bürgerbegehren.

Austritt und wir können selbst entscheiden!

www.eu-austritt.blogspot.com

MA_dam
31
17.4.2011, 13:45
Wie naiv!

Ein Austritt ist Utopie.

carpediem99
 
00

utopien sind machbar, herr nachbar...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 105
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.