Fukushima und die Logik der Abwägung

17. März 2011, 19:00

Solange es nicht gelingt, unsere Energieversorgung fundamental umzustellen, können wir immer nur zwischen verschiedenen Formen der Katastrophe wählen - von Robert Misik

Zehn Plagen mussten die Ägypter über sich ergehen lassen - seit der biblischen Exodusgeschichte ist das das paradigmatische Höchstmaß an Verheerungen. Was die Japaner an realen Heimsuchungen in den vergangenen Tagen zu ertragen haben, kann es aber bald mit den legendenhaften Verwüstungen aufnehmen: Erdbeben, Tsunami, Atomkatastrophe - und jetzt ist auch noch der Vulkan Shinmoedake im Süden ausgebrochen. Ein bisschen viel für ein Wochenende.

Noch kämpfen die Ingenieure in den Atomanlagen von Fukushima gegen den absoluten Super-GAU. Derweil wird vom Spiegel schon das "Ende das Atomzeitalters" ausgerufen. Jetzt sind alle wieder ganz fest für den Ausstieg aus der Atomenergie.

Aber natürlich werden ihre Fürsprecher, wenn die Horrorbilder von den Titelseiten verschwunden sind, wieder ein paar nüchterne Erwägungen zu bedenken geben - etwa dass solche Katastrophen äußerst selten sind. Und sie werden, wenn auch nicht offen, folgende Abwägungen in den Raum stellen: Ja, wenn es tatsächlich zu einer Megakatastrophe kommt, dann sterben Menschen. Zehntausende. Wie viele Menschen sind durch AKW-Katastrophen ums Leben gekommen in den vergangenen 50 Jahren? Wenn man alle potenziellen Folgetoten von Tschernobyl dazuzählt, in etwa 100.000.

Hunderttausend Tote - das ist viel. Aber natürlich sterben auch Menschen im Kohlebergbau, sie sterben an den Gesundheitsrisiken, die wir mit der Verbrennung von Kohle und Öl auf uns nehmen. Würde man alle Opfer zusammenzählen, sähe die Opferbilanz vieler anderer Arten von Energiegewinnung nicht sehr viel besser aus - eher schlechter.

Atomkraftgegner würden nun sicher einwenden, dass die Nukleartechnologie nicht nur Todesopfer im Falle von Katastrophen oder Störfällen fordert, sondern ganze Landstriche für tausende Jahre verstrahlen kann - und selbst im "Normalbetrieb" radioaktiven Abfall produziert, dessen Endlagerung nicht geklärt ist. Dass sie also erhebliche Risiken für hunderte Generationen nach uns produziert.

Aber das, so könnten nun die Atomkraftbefürworter ins Treffen führen, machen Öl und Kohle auch. Ihr Beitrag zur globalen Erwärmung lässt die Polkappen schmelzen, droht Meeresströmungen umzuleiten. Im Extremfall, den wir kaum abschätzen können, werden durch sie ganze Kontinente unwirtlich, möglicherweise werden die Lebensbedingungen für Milliarden Menschen erheblich beeinträchtigt.

Sie könnten auch hinzufügen: Unsere Abhängigkeit von Öl stärkt Despoten in aller Welt. Diktatoren wie Muammar al-Gaddafi können sich waffenstrotzende Söldnerheere leisten, weil wir von ihren Rohstoffen abhängig sind. Jeder Pro-Demokratie-Demonstrant, der in Tripolis erschossen wird, ist in gewisser Weise ein Opfer unseres Energiehungers.

Kurzum: Wir werden also auch in den nächsten Jahren nicht eine entschiedene Flucht aus der Atomenergie erleben, sondern wir werden weiter mit den bekannten Abwägungsargumenten konfrontiert sein. Wir werden hören, dass wir, wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen, zwischen Risiken wählen müssen. Schon das aber ist eine Formulierung, die vernebelt. Denn das Wort "Risiko" unterstellt ja, dass wir hier negative Folgen akzeptieren, die eintreten könnten, wenn es schlecht läuft, aber nicht so eintreten müssen. Was natürlich nur zur Hälfte wahr ist. Denn die Katastrophen finden statt - mal schleichend, mal abrupt, manchmal sterben dabei viele Menschen, manchmal wenige. Aber wir nehmen nicht das Risiko von Todesopfern in Kauf, wir nehmen Todesopfer in Kauf. Wir nehmen nicht das Risiko von Verheerungen in Kauf, wir nehmen Verheerungen in Kauf. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Drängt sich da nicht die Frage auf, ob man nicht aus dieser Logik der Abwägungen ausbrechen und einmal auch simpel ausrufen muss: Was haben wir nur aus unserer Welt gemacht? Genauer: Was haben wir aus uns gemacht - wenn wir uns in eine Situation manövriert haben, in der wir es zwar als ein wenig beklemmend, nichtsdestoweniger aber selbstverständlich ansehen, dass wir nur mehr zwischen verschiedenen Übeln und Verheerungen wählen können? Sind wir nicht mit dieser Form, über die Dinge zu reden, an einen Punkt gelangt, an dem man genauso gut dafür plädieren kann, Menschen zu erwürgen, weil es noch schmerzhafter ist, sie zu verbrennen?

Klar, wir wissen alle, wir können nicht von heute auf morgen aus Öl, Gas, Kohle und Kernenergie aussteigen. Zwar gibt es Berechnungen des Umweltministeriums, wonach in Deutschland bereits im Jahr 2020 78,3 Prozent des Strombedarfs durch erneuerbare Energien gedeckt werden könnten - durch Windkraft, Wasserkraft, Solarenergie etc. Aber, erstens, deckt das, im positivsten Fall, nur die Energie, die aus der Steckdose kommt. Mit der Energie für unsere Mobilität ist das schon schwieriger. Zweitens sind das deutsche Berechnungen, für die USA, China, Brasilien, Russland sieht die Sache schon erheblich anders aus.

Mache einen Plan ...
Und drittens wird auch das nicht von selbst geschehen. Es braucht dafür einen Plan und entschiedenes Handeln. Energie gewissermaßen, aber diesmal nicht in Form technologischer Energieträger, sondern in Form von gesellschaftlicher Energie, energetische Akteure und, ja, nicht zuletzt Politiker, die dieses Ziel mit Kraft angehen.

Dazu gehören: effiziente Stromnetze, ganz neue Leitungen, Windparks mit vielen hunderttausend Windrädern, Wasserkraftwerke, Speicherkraftwerke, intelligente Tools zum Stromsparen in jedem Haushalt, Solarkraftwerke von vielen hunderten Quadratkilometern, womöglich in der Wüste, und damit ein integriertes Stromnetz, das von der Sahara bis nahe des Polarkreises reicht - denn Sonnenenergie gewinnt man am besten in Afrika, Speicherkraftwerke lassen sich dagegen am besten an der norwegischen Steilküste errichten. All das wird nicht "der Markt" erledigen, weder geniale Tüftler in irgendwelchen Start-ups noch die großen Energiemultis. Dafür braucht es den konzentrierten Willen ganzer Gesellschaften.

Solange wir das aber nicht angehen, können wir höchsten wählen, welche Katastrophen wir vorziehen - solche wie in Fukushima. Oder eben andere. (Robert Misik, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.03.2011)

 

 

Robert Misik, Jg. 1966, Buchautor und Videoblogger auf derStandard.at, 2009 mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet, lebt in Wien

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Ruediger Ploetz
01
21.3.2011, 22:08

tja, da stößt die statistik auch an ihre grenzen...wahrscheinlichkeitsrechnung hört sich immer so toll an, immerhin kann man da ganz genau eine zahl in prozent voraussagen. am roulette sind aber bis jetzt auch alle mathematiker gescheitert.

Abstimmung:
04
19.3.2011, 17:20

Wer glaubt, dass Misik recht hat, bitte grün Stricherln
wer was anderes glaubt, entweder interressant oder rot stricherln und eventuell (bitte) ein Kommentar schreiben, wieso!

die neue Art Mensch
00
19.3.2011, 17:17

Ein Problem bei Sonnekraftwerken in der Sahara wäre wohl die weitere Abhängikeit vom Arabischen Raum (wie auch beim Öl)

Am besten wärs daher, wenn dort stabile (demokratische) Situationen vorherrschen, um eine sichere Versorgung zu haben

Ruediger Ploetz
01
21.3.2011, 21:57

naja, nicht unbedingt. ein solch globales energiekonzept muss gemeinsam verwaltet werden. abhängig sind wir jetzt schon, aber nicht nur wir von den arabern, sondern auch die von uns. schon dein leben ist von den entscheidungen und der bereitstellung von waren und dienstleistungen durch sehr sehr viele menschen abhängig.
wenn man das nicht endlich kapiert, wirds über kurz oder lang nicht funktionieren auf diesem planeten.

Ruediger Ploetz
00
21.3.2011, 21:58

und wenn der himmel über afrika doch mal etwas bewölkt ist, brauchen die trotzdem strom. obwohl natürlich eins stimmt: je kürzer die strecke des energietransports, desto geringer die verluste durch widerstand. und desto geringer die materialbeanspruchung der leitungen.

youtroll
00
18.3.2011, 17:07
Die Ankunft des Schwarzen Schwans

Ein ausgesprochen lesenswerter Artikel zum Thema Restrisiko und dem Eintreffen von unwahrscheinlichen Ereignissen:
http://www.handelsblatt.com/panorama/... 62600.html

Uniquin
 
11
18.3.2011, 15:52

Ein bischen überpessimistischer Artikel für meinen geschmack - ganz nach dem Motto alles wird schlechter "Was haben wir aus uns gemacht - wenn wir uns in eine Situation manövriert haben...". Es wäre keine Schande zur Kenntnis zu nehmen das wir in Summe von Jahr zu Jahr länger, besser und gesünder leben, inzwischen ohne Hexenverbrenungen auskommen, von der Welt die uns umgibt mehr erfahren etc. und inzwischen im Hohen Alter Kranheiten haben, die wir früher nicht gekannt oder erlebt hätten.

Grisu der kleine Drache
02
18.3.2011, 16:33

Wenn der Artikel düster klingt, dann deshalb weil die Realität so ist. Je eher wir das zur Kenntnis nehmen, umso eher können wir einen Kurswechsel vornehmen.

Eine auf Dauer mit Naturschutz und Wohlstand vereinbarer Weg ist nämlich in erster Linie eine Frage des Wollens, kein technisches Problem.

Josef Malik
00
18.3.2011, 15:46

Zitat: ...etwa dass solche Katastrophen äußerst selten sind...

Es sind in der bisherigen Geschichte der kommerziellen Atomenergienutzung - ohne Berücksichtigung der Verunglückung kleiner Reaktoren zb. an Bord von Schiffen) bei mindestens sechs Reaktoren schwere Havarien (>= INES5) mit Kontrollverlust und teils massiver Radioaktivitätsfreisetzung gegeben.

Der erste zivile Reaktor wurde 1954 in Betrieb genommen, d.h. also, daß sich bisher im Schnitt alle knapp 10 Jahre ein solcher Extremunfall ereignet hat.

Wenn man die katastrophalen Unfälle außerhalb des Reaktorbetriebs dazu rechnet (Lagerstätten, zb. Majak) dann ist dieser Schnitt noch deutlich niedriger.

Dusty Bottoms
11
18.3.2011, 14:50

Vor 30 Jahren hatte ich einen VW-Käfer. Der hatte 44 PS und schluckte so 11 Liter. Heute ist's ein Audi. Der hat 140 PS und braucht knapp 6 Liter. Und das geht noch viel besser! Und genau darum wird's in Zukunft gehen. MMn ist es der falsche Weg, wenn wir uns wieder nur darüber Gedanken machen, wie wir möglichst umweltschonenden die Energie bereitstellen, die wir brauchen. Vielmehr müssen wir darüber hinaus Technologien entwickeln, die schlicht und ergreifen weniger Energie benötigen. Außerdem bräuchten wir einfach auch nur ein bisserl unser Verhalten ändern (siehe unten "schaun se"). Und das geht, und tut sicherlich überhaupt nicht weh. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Wir müssen es einfach machen. Auch wenn's der Atom- und Öllobby nicht

Heavyweather
01
20.3.2011, 19:59

Dafür fahren heute 5x soviele Autos weitere Strecken.
11l vs. 40l+

iku1
04
19.3.2011, 00:58
Von VW zu Audi

gerstern war ich dumm. heutze bin ich weniger dumm. Gestern hab ich weniger schnell fahren können, heut fahr ich viel schneller. Und brauch viel viel weniger Treibstoff. Gestern hab ich mit dem VW im Durchschnitt 10 Igel Pro Jahr überfahren, heute treff ich eigentlich keinen mehr, weil es gibt ja nicht mehr soviele, die ich überfahren könnte, weil der Verkehr ist ja schon so dicht, dass eigentlich keiner mehr über die Strasse laufen will. :)

Ich möcht wieder den Käfer!

Gruß Helmut

sotho talker
 
01
18.3.2011, 18:31
dann fangen sie einfach selber an!

kaufen sie sich einen kleinen skoda der braucht nur 4,5 liter.

tut sicher überhaupt nicht weh! davon bin ich "zutiefst überzeugt"

bloody-nine
 
00
18.3.2011, 15:19
mein vater hat sich

1976 einen golf gekauft. 70 PS, verbrauch vermutlich um die 8 liter (realistisch). wenn sie sich heute einen golf kaufen hat der praktisch standardmässig über 100 PS und braucht immer noch unwesentlich weniger als 8 liter (realistisch). er wiegt halt auch ca 1 1/2 mal soviel, und hat jede menge schnickschnack dran und drin.

nur die technologie allein wird net reichen.

manto bamminger
00
18.3.2011, 15:06
ich denke auch dass einsparung das größte potenzial hat

also momentan.
Wenn wir den energieverbrauch um 1/3 senken, was realistisch ist, können wir schon wieder ganz anders argumentieren, und benötigen auch nicht gleich soviel neue infrastruktur.
Anfangen müssten jedoch die menschen selbst,...schön wäre es wenn der handel unterstützen würde mit produkten die das stromsparen erleichtern,.....also energiesparlampe war ned die glorreiche idee

parapente
01
18.3.2011, 14:37
Ssolartechnik und Photovoltaik

würde eine Menge Strom sparen.
Aber will unsere Politik das??

Wo kämen wir denn hin, wenn mein (künftiges) geräumiges, schnelles und weitreichendes Elektroauto durch mich, mit meinem eigenen Gratisstrom aus der Sonne aufgetankt würde??

Wo blieben dann die hohen Spritsteuern??

Wo blieben die gigantischen Gewinne wenn wir alle mit Pellet oder mit Hackschnitzel heizen würden??

Grisu der kleine Drache
10
18.3.2011, 16:10

Wenn alle mit Pellets oder Hackschnitzel heizen würden, würden die Gewinne zu den Pelletsherstellern wandern. Allerdings nicht lange, weil es bald keine Wälder mehr gäbe.

Heavyweather
00
20.3.2011, 20:01

Ausser wir pressen (Öl)Pellets aus Algen...

Uniquin
 
10
18.3.2011, 15:55

das Kriegsbeil mit der Physik begraben wäre ein guter Anfang zur Vorbereitung auf die nächste Wortmeldung.

Dr. Muffel
00
18.3.2011, 14:21
<...denn Sonnenenergie gewinnt man am besten in Afrika,...<

Ok, dann wäre es aber hoch an der Zeit, dass sich Europa mehr um die Geschehnisse in Afrika kümmert

Wolfgang Pimminger
 
01
19.3.2011, 10:10

Es wäre schon längst an der Zeit endlich zu erkennen, dass unser gemeinsames Raumschiff Erde keineswegs so groß ist, dass wir uns lapidare Streitigkeiten auf Dauer leisten können.

Hannes Launer
01
18.3.2011, 14:55

Rekolonialisierung?

Dr. Muffel
00
18.3.2011, 23:05
"Rekolonialisierung?"

Wo schrieb ich irgendwas, woraus sich diese Ihre Phantasien speisen ?

parapente
00
18.3.2011, 14:39
Du meinst

in Ägyten, Libyen, Tunesien, Marokko??
Na danke.

Dr. Muffel
00
18.3.2011, 14:59
"sich kümmern" muß ja nicht negativ sein, und...

...von selbst werden sich das angesprochene Zit:"integrierte Stromnetz, das von der Sahara bis nahe des Polarkreises reicht " nicht errichten, oder?

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