Der Rückgabebeirat entscheidet am Freitag über Vermeers "Malkunst"
Wien - Es geht um das sicherlich wertvollste Gemälde des
Kunsthistorischen Museums: Am Freitag will der Kunstrückgabebeirat
unter dem Vorsitz von Clemens Jabloner eine Entscheidung über Die
Malkunst von Jan Vermeer fällen. Triftige Gründe sprechen dafür, dass
Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) empfohlen wird, das Bild nicht zu
restituieren.
Ende August 2009 forderten die Erben nach Jaromir Czernin, darunter
dessen Tochter Sophie, das Bild über den Anwalt Andreas Theiss zurück.
Aber auch Helga Conrad, die Stieftochter von Jaromir Czernin, reklamiert
das Bild für sich, wie der Standard am 11. September 2010 exklusiv
berichtete. Ihr Anwalt ist Randol E. Schoenberg, der für Maria Altmann
die Restitution der Goldenen Adele und weiterer Werke von Gustav Klimt
aus dem ehemaligen Besitz von Ferdinand Bloch-Bauer erstritt.
Sophie Czernin legte einen Befund des Provenienzforschers Michael
Wladika und ein Rechtsgutachten von Meinhard Lukas vor; und Helga Conrad
sammelte äußerst viel Material, das von Schoenberg zu einer Analyse
zusammengefasst wurde. Die Argumentation der beiden
Rückstellungswerberinnen ist ähnlich: Der Tatbestand der Entziehung nach
dem Nichtigkeitsgesetz sei erfüllt, die nicht erfolgte Rückgabe nach dem
Zweiten Weltkrieg stelle eine extreme Ungerechtigkeit dar. Daher seien
die Voraussetzungen für eine Restitution nach dem
Kunstgüterrückgabegesetz aus 1998 erfüllt.
Ende 1940 verkaufte Jaromir Czernin Die Malkunst um 1,65 Millionen
Reichsmark an Adolf Hitler. Der Kaufpreis sei nicht angemessen gewesen,
er fühlte sich, wie der Graf nach dem Krieg zu Protokoll gab, zu diesem
Schritt gezwungen. Schließlich war er in zweiter Ehe mit Alix May, nach
den Nürnberger Rassengesetzen eine "Vierteljüdin", verheiratet. Und
diese sei verfolgt worden.
Als Beweis hierfür legen die Rückstellungswerberinnen unter anderem eine
NS-Anordnung aus dem Herbst 1940 vor, nach der Alix May "als Jude und
staatsfeindlich zu führen" und ihr, "wenn noch nicht geschehen, der Pass
abzunehmen" sei. Den Vermeer zu verkaufen: "Das war der Preis, um zu
überleben", sagte Anwalt Theiss 2009 im Gespräch dem Standard.
Interessant ist, dass Jaromir Czernin seine zweite Frau erst am 7. April
1938, also nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich, heiratete.
Schoenberg bezeichnet ihn daher als "tapfer". Allerdings war Alix May
vom Grafen, dessen Vita, wie Rechtsgutachter Lukas euphemistisch
schreibt, "keineswegs durch eine ausgeprägte Standhaftigkeit gegenüber
dem NS-Regime gekennzeichnet war", hochschwanger. Zu heiraten gebot die
Aristo-Etikette.
Die Ehe hielt zudem nicht lang. Nach dem Krieg gab Jaromir Czernin an,
dass er sich 1942 habe scheiden lassen, um nicht länger "geschnitten" zu
werden. Er wurde aber, was er nicht sagte, zu drei Viertel schuldig
geschieden.
Und am 27. November 1944 heiratete er Alix May erneut - im Standesamt
von Bad Aussee. Die NS-Behörden hatten keine Einwände gegen eine
Eheschließung mit einer "Vierteljüdin". Dieses Faktum wurde von den
Rückstellungswerberinnen nicht bekannt gegeben. Auf Nachfrage des
Standard hieß es, dass Jaromir Czernin erst nach dem Ende des Weltkriegs
erneut geheiratet habe - und so war es dann auch fälschlicherweise im
Artikel vom 11. September 2010 zu lesen.
Das Argument, Jaromir Czernin hätte aufgrund seiner "jüdischen
Versippung" verkaufen müssen, ist nicht mehr nachvollziehbar. (Thomas Trenkler/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.3.2011)