Fremde Feder

"Lebensfeindliche Energie"

17. März 2011, 14:34

Robert Jungk warnte bereits 1977 in seinem Buch "Der Atomstaat" vor der Gefahr der Atomenergie

"Mit der technischen Nutzbarmachung der Kernspaltung wurde der Sprung in eine ganz neue Dimension der Gewalt gewagt. Zuerst richtete sie sich nur gegen militärische Gegner. Heute gefährdet sie die eigenen Bürger." So schrieb Robert Jungk 1977 in seinem Buch "Der Atomstaat". Seine Warnungen vor dem "lebensfeindlichen Charakter dieser Energie" wurden von Politik, Wirtschaft und auch den Bürgern als Stromkonsumenten mehrheitlich in den Wind geschlagen. In beinahe allen Industriestaaten wurde auf Atomenergie gesetzt - Österreich ist hier eine der wenigen Ausnahmen.

Die Risiken der Atomtechnologie

Es gab und gibt immer wieder Pannen in Reaktoren. Mit dem Verweis auf ständig verbesserte Sicherheitsstandards wurden diese von den Verantwortlichen als ungefährlich abgetan. Und Tschernobyl als große Ausnahme - Serie menschlicher Fehler, veraltete Technik usw. - hingestellt. Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima im Gefolge des Erdbebens brachte - 25 Jahre nach Tschernobyl - der Weltöffentlichkeit schlagartig die Risiken der Atomtechnologie wieder in Erinnerung. Auch wenn von den Betreibern des Kraftwerks das Ausmaß der Katastrophe zunächst heruntergespielt wurde, sind die Folgen dramatisch.
Besserwisserei nach dem Motto "Wir haben es immer schon gesagt" wäre unangebracht. Selbstverständlich muss unsere Solidarität und unser Mitgefühl nun den von der Katastrophe betroffenen Menschen gelten. So weit Hilfe benötigt wird, sollen wir diese geben. Auch wenn unsere Hilflosigkeit hier jener der „Rettungsteams" vor Ort gleicht. In seinem Buch "Atomstaat" nennt Jungk als die Erstbetroffenen die AKW-Mitarbeiter - er spricht von "Strahlenfutter". Fukushima zeigt was damit gemeint ist.

Österreich ist von AKWs in Erdbebenzonen umgeben

Die Katastrophe soll und kann aber auch zu einem kollektiven Umdenken genutzt werden - denn die Beschwichtiger werden bald wieder zu hören sein. Nur wenn sich viele Bürger und Bürgerinnen gegen die Atomkraftwerke in ihrer unmittelbaren Nähe aussprechen, kann der Umschwung gelingen. So ist Österreich laut Risikoforscher Wolfgang Kromp von mehreren AKWs in Erdbebenzonen umgeben - von Krsko in Slowenien über Pacs in Ungarn bis Dukovany und Mochovce in der Slowakei. Aber auch Temelin in Tschechien oder Isar I in Bayern gelten als nicht ungefährdet. Proteste in allen EU-Staaten, in den USA und darüber hinaus können Wirkung zeigen. Und die Kritik muss sich auch gegen Konzerne richten, die an der Atomwirtschaft verdienen - Fukushima wurde von Siemens mitgebaut!

Problem Atommüll

Zu den Risiken von Reaktorunfällen kommt ein Weiteres. Die Atomwirtschaft hinterlässt eine schwere Hypothek, die ähnlich den Schuldenbergen in unserem Finanzsystem vor uns hergeschoben wird: die derzeit völlig ungelöste Beseitigung des über viele tausende Jahre strahlenden Atommülls. Die Haftungsfrage ist hier völlig ungeklärt.
Atomenergie trägt weltweit nur an die 6 Prozent zum Energieaufkommen bei, auch wenn in einzelnen Staaten die Abhängigkeit groß ist: in Frankreich sind es über 75 Prozent, in Litauen etwa 64 Prozent, Deutschland liegt bei "nur" 25 Prozent und Japan bei 22 Prozent. Ein 100 Prozent-Umstieg auf erneuerbare Energieträger bis 2050 gekoppelt mit einer drastischen Erhöhung der Energieeffizienz ist machbar - den politischen Willen vorausgesetzt! Der WIFO-Klimaexperte Stefan Schleicher sieht für Österreich Energieeinsparpotenziale von 50 Prozent bis 2050! Vorsichtigere Prognosen gehen von einem Totalumstieg zumindest bis Ende des Jahrhunderts aus. Nuklearenergie spielt dabei keine Rolle mehr.
Doch es ist zu erwarten, dass die Verteidiger der Atomlobby bald wieder zu vernehmen sein werden. Wesenskern von Demokratie ist jedoch, dass wir als Bürger und Bürgerinnen gefragt werden, welche Energie wir wollen und wie viel wir bereit sind dafür zu zahlen. Gepaart muss dies freilich sein mit weniger aufwändigen Lebensstilen in einer „Solarsparwirtschaft", die auch aus anderen Nachhaltigkeitsgründen geboten sind. (Hans Holzinger, derStandard.at, 17.3.2011)

Mag. Hans Holzinger ist Pressesprecher der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Alfred Zopf
11
18.3.2011, 16:56

Wilhelm Reich hat schon im Oranur-Experiment (1950/51) vor den Gefahren und Konsequenzen einer freigesetzten radiaktiven Energie wissenschaftlich gewarnt. Er und seine MitarbeiterInnen nannten diese Energie deadly Orgone (DOR).

Jo eh...
10
18.3.2011, 16:57

Reich war ein verdienter Sexualwissenschaftler aber sein Orgon-Blödsinn ist schon seit etlichen Jahrzehnten als vollkommen unwissenschaftlich und realitätsfern widerlegt.

Alfred Zopf
00
18.3.2011, 17:03

Es gibt bis heute keine wissenschaftlich Widerlegung seiner Experimente, tut mir leid, da sind sie am Holzweg. Erst bei Wiederholung des Experiments kann Reich widerlegt werden. Nennen sie mir die Wiederholung seiner Experimente als wissenschaftlichen Beweis, alles andere zählt nicht, nur die Widerlegung zählt nach Karl Popper oder ist Popper für sie auch nicht relevant.

Jo eh...
01
18.3.2011, 16:49

1980: 298 PKWs pro 1000 Ew.

1990: 396

2000: 505

2009: 522

Schaut so aus als würden sich die Österreicher an die naiven Einsparungsphantasien dieses Artikels nicht halten!

Laín Coubert
00
18.3.2011, 16:30
langsam
00
20.3.2011, 16:40

Sehr informativ. Dank

Bartholomäus der Ältere
00
18.3.2011, 15:38
Energieeinsparpotenziale von 50 Prozent bis 2050

"Potenziale" gibt es natürlich, aber die werden nicht realisiert, denn die Politik steuert in die Gegenrichtung. z.B. Förderung für Passivhaus im Grünen, Familie zieht in den Speckgürtel, zwei Autos vor Passivhaus, Pendlerförderung ("-pauschale") für die täglichen Autofahrten.
Oder: Förderung für energieeffiziente Wäschetrockner (2009 in einem österreichischen Budnesland) - Wäscheleinen bleiben demgegenüber ungefördert.
Effizienzmaßnahmen führen in den meisten Fällen zu Mehrverbrauch.

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11
18.3.2011, 15:24

"In beinahe allen Industriestaaten wurde auf Atomenergie gesetzt - Österreich ist hier eine der wenigen Ausnahmen."

So wenige sind es gar nicht: Irland, Italien, Portugal, Island, Australien, Neuseeland, Norwegen, Griechenland, Dänemark sind zum Beispiel auch darunter

Jo eh...
20
18.3.2011, 16:45

Fast ausschließlich kleine Länder die still und leise Atomkraft importieren. Heuchler halt. Genau wie die Australier die die Luft mit unzähligen extrem altmodischen Kohlekraftwerken verpesten.

Igor Gassner
04
18.3.2011, 13:00
Gebe es das Problem mit dem Atommüll nicht könnte man

die anderen Probleme noch verwalten. Aber das problem Atommüll ist so, als würde man seine Notdurft in seiner eigenen Wohnung verrichten und dabei von Raum zu Raum ziehen und es ist klar, dass irgend wann einmal kein Raum mehr übrig bleibt.

asinus
00
18.3.2011, 16:30

Und wie verwaltet man einen Super-GAU? Sollen dem Energiewahnsinn immer neue Menschenleben geopfert werden?

langzen
00
18.3.2011, 15:33

wie verwalten Sie einen Supergau?

Baer8
01
18.3.2011, 12:23
Ist Bio-Diesel von pestizidverseuchten Böden die bessere Lösung?

Hier verdient nur eine andere Lobby, die Probleme sind wahrscheinlich noch größer als beim Atomstrom.

sanjoaquin
 
72
18.3.2011, 07:32
Billiger Manipulator

Anteil an der Energieproduktion oder Anteil an der Stromproduktion? Und jetzt nehmen wir noch den Heizungsanteil weg, dann hätte der gute Bibliothekssprecher zuerst drei Stunden Fahrrad fahren müssen, wenn er seinen Artikel am PC geschrieben hat. Und selbstverständlich haben die Solarverkäufer keinerlei Lobby, denn das sind ja die Guten, aber nur für den der's glaubt.

exext
16
18.3.2011, 08:54
Auch wenn es angesichts der Lage in Japan ...

... unangebracht ist, werde ich immer wieder an den folgenden alten Witz erinnert.
Treffen sich zwei Planeten. Sagt der Eine: "Ich habe homo sapiens!" Darauf der Andere: "Keine Sorge, das vergeht!"

sanjoaquin
 
10
18.3.2011, 09:37
Dritter Teil

Von Windmühlen hält er auch nix:
“How can windmills be green when they require five times as much steel and concrete per unit of power produced compared to nuclear plants and when they occupy vast areas of land?”
Ganz im Gegenteil, Wale bringen sie auch noch um, weil das Pfeifgeräusch von Off-shore-Anlagen das Sonarsystem der Wale stört und deshalb immer mehr Wale an Land geraten. Aber das darf man ja heutzutage diesen politisch korrekten und fachlich ahnungslosen Weltverbesserungskrähen nicht sagen, weil man könnte ja deren erhabene Gefühle irgendwie verletzen.

exext
01
18.3.2011, 10:20
Danke für den Hinweis.

Ich vergesse immer wieder, dass die wahren Menschenfreunde in der Atomindustrie sitzen. Sie spenden uns uneigennützig billige und saubere Energie und sorgen für eine strahlende Zukunft.

sanjoaquin
 
00
18.3.2011, 10:49
Witzemacher?

Wo ist Ihr gesunder Humor hin verschwunden? Vorhin waren Sie noch richtig witzig, jetzt klingt das schon etwas zäh.

exext
02
18.3.2011, 11:48
Ich finde es nur etwas befremdlich, ...

... wenn Sie aufgrund der Aussagen einer Person eine Organisation als "Menschenhasser" diskreditieren, die -wenn auch oft mit nicht zimperlichen oder sogar bedenklichen Mitteln - verucht den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Umwelt zu erhalten, während es scheint, dass im wesentlichen Shareholder-Value getriebene Energiekonzerne - deren Mittel denen von NGOs in nichts nachstehen - für Sie der Inbegriff der Philanthropie sind.

P.S. Lesens bitte den obigen Witz noch einmal und versuchen Sie einen tieferen Sinn darin zu erkennen.

exext
00
18.3.2011, 11:04
Ich finde es nur interessant, ...

das sie Aufgrund einer Aussage einer einzelnen Person, eine Organisation diskreditieren, deren Ziel es ist - mit nicht immer zimperlichen und manchmal unredlichen Mitteln - den nachfolgenden Generationen eine halbwegs intakte und lebenswerte Natur zu hinterlassen, während es so scheint dass im wesentlichen sharholder-value getriebene Großkonzerne für sie die Retter der Menscheit seien. Vielleicht täusch ich mich aber nur.

P.S. Lesens den obrigen Witz noch einmal und versuchen Sie einen tieferen Sinn darin zu finden.

exext
00
18.3.2011, 12:05
Sorry, das Posting ist ca. 1 Stunde verspätet aufgetaucht.

Darum habe ich es ähnlich noch mal gepostet.

Mea Culpa

sanjoaquin
 
00
18.3.2011, 09:31
Zweiter Teil

They have zero tolerance for genetically modified food crops, even though this technology reduces pesticide use and improves nutrition for people who suffer from malnutrition. They continue to oppose nuclear energy, even though it is the best technology to replace fossil fuels and reduce greenhouse gas emissions. They campaign against hydroelectric projects despite the fact that hydro is by far the most abundant renewable source of electricity. And they support the vicious and misguided campaign against salmon farming, an industry that produces more than a million tons of heart-friendly food every year.”

sterngucker
 
00
18.3.2011, 13:07
They oppose fascism

even though unemployment in Germany dropped sharply after 1933, and thousands of kilometers of motorways were built.

Queequeg
00
18.3.2011, 12:20

Phrasen, Phrasen, Phrasen....

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