Wenn die Medizin beim Richter endet

Fehlende Kommunikation zwischen Arzt und Patient sind Hauptgründe für juristische "Nachspiele"

Wien - Das Ziel ist die Heilung des Patienten, doch wenn etwas schief geht, sieht es oft plötzlich ganz anders aus. Die geplante Heilbehandlung endet mit einem "Medizinskandal" bzw. beim Richter. Mit dem Band "Tupfer, Doktoren & Prozesse - 'Medizinskandale' - und was dahintersteckt" legte am Donnerstag ein Autorenteam um den Wiener Chirurgen Friedrich Anton Weiser ein Buch vor, in dem zehn derartige Fälle medizinisch und juristisch analysiert werden. Fazit, so Weiser: "Sobald der Patient das Vertrauen verloren hat, ist der Gang zu Gericht praktisch die logische Folge."

An sich ist die moderne Medizin mit ihren oft vor wenigen Jahren noch unvorstellbaren Möglichkeiten höchst sicher. Doch wenn - zum Beispiel im Wiener AKH mit seinen Universitätskliniken - in einem Jahr (2009) rund 572.000 Patienten ambulant versorgt werden, es zu 1,2 Millionen Patientenkontakten kommt, die Ambulanzfrequenz insgesamt bei 1,8 Millionen liegt und mehr als 100.000 stationäre Aufnahmen pro Jahr erfolgen, ist klar, dass es in einem verschwindend kleinen Teil der Fälle auch zu Problemen kommen kann. Das gilt für jedes Spital, aber auch für die jährlich dutzenden Millionen Patientenkontakte in der niedergelassenen Praxis.

In Relation setzen

Weiser, der sich in den vergangenen Jahren in Sachbüchern mit der Arzt-Patienten-Kommunikation und mit Fragen der ärztlichen Haftung beschäftigt hat, hielt bei der Präsentation des Buches im Parlament in Wien fest, wie Risiken des täglichen Lebens von den Menschen oft falsch eingeschätzt werden: "Nach dem Film 'Der Weiße Hai' traute man sich nicht, die Zehenspitzen ins Meer zu stecken. Pro Jahr gibt es weltweit rund 60 Todesopfer durch Hai-Attacken. Aber rund 150 Menschen sterben durch herab fallende Kokosnüsse."

Dabei gäbe es im Grunde nur einige wenige Vorkehrungen, mit denen man Medizin-Zwischenfälle zum größten Teil verhindern könnte. Der Chirurg: "Ron Hinder, der emeritierte Chef de US-Mayo-Klinik hat mit seinem Team analysiert, worin der Unterschied zwischen Ärzten, die geklagt wurden, und Ärzten, die nicht geklagt wurden, besteht. Wenn Ärzte nicht geklagt wurden, hatten sie im Durchschnitt um vier Minuten mehr Zeit für ein Gespräch mit dem Patienten aufgewendet." Mangelnde Kommunikation und die falsche Einstellung, angeblich Fehler nicht eingestehen zu können, wären die größten Risikofaktoren. Fehlermeldesysteme, bei denen im Gesundheitswesen Beschäftigte anonymisiert Beinahe-Katastrophen zu Lernzwecken deponieren könnten (in Österreich: CIRS-System) wären hier ein wesentlicher Fortschritt.

Lechts oder rinks

Die Wiener Medizin-Journalistin Sabine Fisch hat in dem Buch zehn spektakuläre "Medizin-Skandale" aus Österreich, Deutschland und der Schweiz ausgewählt. Diese werden in dem Band von dem Chirurgen, dem Wiener Patientenanwalt Konrad Brustbauer und der Rechtsanwältin Marie-Luise Plank kommentiert. Aus Österreich stammen zum Beispiel die Affäre um einen Brustchirurgen (Steiermark), um das "falsche amputierte Bein" (Tirol) und um "Kind als Schadensfall" (Salzburg). Weiser zitierte dazu Dichter Ernst Jandl: "manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern: werch ein illtum!" (APA)

(S E R V I C E - Friedrich Anton Weiser, Konrad Brustbauer, Sabine Fisch, Maria-Luise Plank: "Tupfer, Doktoren und Prozesse - 'Medizinskandale' und was dahintersteckt", Verlagshaus der Ärzte, 140 Seiten, 19,90 Euro)

 

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4 Postings

Viel interessanter wäre ein Buch darüber wieviele Medizinskandale passieren, die vertuscht werden und nicht einmal vor einem Richter enden, weil einem das österreichische System nicht einmal die Möglichkeit lässt einen Arzt zu verklagen.

Fehlende Kommunikation zwischen Arzt und Patient...

Das Grundübel ist, dass Medizinpersonal Patienten grundsätzlich als Hypochonder, Hysteriker und Simulanten ansieht.
Fast jeder Medizinskandal nimmt einen ähnlichen Verlauf: Patient klagt über Beschwerden, wird nicht ernst genommen sondern 'abgeschaßelt', schließlich dramatischer Verlauf seines ZUstandes, am ende steht eine erhebliche beeinträchtigung der lebensqualität oder der Tod.
Viele solcher dramatischen verläufe könnten vermieden werden, wäre Medizinpersonal weniger präpotent.

"Das Grundübel ist, dass Medizinpersonal Patienten grundsätzlich als Hypochonder, Hysteriker und Simulanten ansieht."

Grundsätzlich stelle ich mir die Frager woher sie wissen, wie grundsätzliche das gesamte Gesundheitspersonal grundsätzlich alle Patienten betrachtet?
Führen sie, grundsätzlich, eine Dokumentation über alle Arztbesuche aller Österreicher oder halten sie es für grundsätzlich möglich, dass sie beim Schluss von subjektiven Erfahrung auf das Grundkollektiv einer fehlerhaften Grundannahme aufliegen?

"..Fehlende Kommunikation zwischen Arzt und Patient sind Hauptgründe für juristische "Nachspiele"..."

nur zu diesem artikel, das buch habe ich nicht gelesen..

das ganze klingt nach einem völlig falschen ansatz: natürlich lassen sich viele "nachspiele" durch kommunikation verhindern, das ist aber fast ganz unabhängig davon, ob das "missverständnis" ein tödlicher, fahrlässiger, leichter, oder gar kein kunstfehler war ...

die prozentuale anzahl der "nachspiele" ist kein messwert für die qualität der ärztliche kunst sondern für die schauspielerischen und psychologischen fähigkeiten der zunft. solange diese als beitrag zum heilungsprozess eingesetzt wird, ist das in ordnung. wird es nur zur abwendung von berechtigten schadensersatzforderungen und evaluationen herangezogen, gibt es mindestens ein "schiefes bild"

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