AKW-Unfall in Japan

Der Traum vom Nullrisiko

Ortwin Renn, 17. März 2011, 11:55

Die Bilder aus Japan haben sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingegraben. Eine gesellschaftliche Mehrheit für Atomkraft wird es in Deutschland nicht mehr geben

Die Katastrophe in Japan hält uns gefangen. War der Unfall vermeidbar? Waren die Risikoabschätzungen fehlerhaft? Ist gar geschlampt worden? Zurzeit lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Fakt ist, dass die Kombination von Erdbeben und Tsunami von dem Atomkraftwerk Fukushima nicht verkraftet wurde. Das ist im Übrigen nicht auf ingenieurverursachte Mängel oder fehlerhaftes Design zurückzuführen. Für die Kombinationswirkung dieser beiden Naturgewalten waren die Kernkraftwerke schlichtweg nicht ausgelegt. Bei jeder Anlage muss man vorab festlegen, für welche Belastungen man die Anlage und die damit verbundenen Funktionen auslegt. Wenn man dies zu eng festlegt, erhöht man das Risiko. Wenn man das zu weit auslegt, verursacht man unnötige Kosten. Heute wissen wir, dass diese Auslegungsgrenzen in Japan zu eng definiert wurden. Hier waren die japanischen Behörden wohl der Ansicht, dass ein Erdbeben der Stärke 9 plus einem direkt folgenden Tsunami als so unwahrscheinlich einzustufen seien, dass es als Auslegungsstörfall nicht infrage kam. Versagt haben also nicht Konstrukteure, sondern diejenigen, die für die Auslegungsrichtlinien Verantwortung tragen. Insofern haben die Reaktoren so reagiert, wie vorherzusehen war: Das Erdbeben haben die Blöcke noch leicht lädiert verkraften können, die dann einsetzende Tsunamiwelle nicht mehr.

Prägung des kollektiven Gedächtnisses

Dieser verheerende Unfall wird sich ähnlich wie Tschernobyl in das kollektive Gedächtnis eingraben. Nach einer Blitzumfrage sind jetzt fast 80 Prozent der Deutschen für eine schnellere Abschaltung der deutschen Atomkraftwerke. Diese hohe Zahl wird sich im Verlauf der Zeit wieder etwas nach unten bewegen, aber das Verhältnis von 40 zu 60 zwischen Befürwortern und Gegnern der Kernenergie, die vor dem japanischen Reaktorunfall herrschten, wird meines Erachtens nicht mehr erreicht. Der Sockel an Gegnern wird auch langfristig höher sein als früher. Aber die Auswirkungen gehen über die Debatte zur Kernenergie hinaus. Es wird weltweit, aber vor allem in Deutschland, noch schwerer werden, Großtechnologien mit erheblichem Gefahrenpotenzial einzusetzen. Die Pläne, den Klimawandel durch Geo-Engineering (wie Meeresdüngung oder künstliche Wolkenbildung) zu begrenzen, haben jetzt kaum mehr eine Chance.

So ist jetzt schon abzusehen, dass es in Ländern mit einer demokratischen Öffentlichkeit ähnlich wie in Deutschland heftige Debatten geben wird. Wie diese ausgehen, lässt sich nicht genau vorhersagen. Solche Diskussionen können eine starke Eigendynamik entwickeln. Es kann aber ebenso gut sein, dass eine gefestigte Meinung herauskommt, die sagt: Wir bleiben dabei, das Risiko ist zwar hoch, aber wir können und wollen damit leben. Solche Töne kommen gerade aus den USA und Großbritannien. Aber es kann auch ebenso zu einer Abkehr von der Kernenergie kommen. Der Ausgang solcher Debatten ist nicht vorhersehbar. In Ländern, in denen es eher eine autokratische Herrschaft gibt, etwa China und teilweise auch Russland und Japan, wird man wahrscheinlich bei der Kernenergie bleiben. Zumindest in China sehe ich überhaupt keine Chance, dass dieser Weg noch einmal verlassen wird.

Nach bestem Wissen und Gewissen

Bei aller Debatte über diesen Unfall und die Konsequenzen, die man jetzt recht schnell gezogen hat, darf nicht übersehen werden, dass es bei großtechnischen Anlagen ein Nullrisiko nicht geben kann. Ein Nullrisiko gibt es weder bei Kohle, noch bei Biomasse, Wind oder Sonne als Energieträger. Die Art der Risiken sind unterschiedlich: sie können die Gesundheit, die Umwelt, die Versorgungssicherheit, das soziale Zusammenleben oder die Wirtschaft betreffen. Da keine Alternative risikolos ist, muss zwischen den Optionen abgewogen werden. Das ist bei komplexen Fragestellungen nicht einfach und erfordert zweierlei: ausgeprägtes Systemwissen (Mit welchen Folgen muss man rechnen?) und klare ethische Kriterien (Was soll die Gesellschaft im Abgleich der Risiken und Chancen akzeptieren oder tolerieren?). Insofern sind jetzt keine Schnellschüsse gefragt, sondern nüchterne Abwägungen auf der Basis besten wissenschaftlichen Faktenwissens und ethischer Kriterien der Akzeptabilität. (derStandard.at, 17.3.2011)

Autor

Ortwin Renn, The European, forscht an der Universität Stuttgart zu Technik- und Umweltsoziologie. Seine Schwerpunktthemen sind Risikoanalyse komplexer Systeme und Technikfolgenabschätzung.  Von 1996 bis 1997 war er Präsident der Europäischen Gesellschaft für Risikoforschung.

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Posting 1 bis 25 von 123
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qball
00
18.3.2011, 11:48
geh bitte ...

ad "Hier waren die japanischen Behörden wohl der Ansicht, dass ein Erdbeben der Stärke 9".

Das sagt die NZZ aber was anderes: "Nach dem Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 [...] Die nationale Kommission für Nuklearsicherheit legte fest, dass ein Kernkraftwerk, das nahe beim Epizentrum steht, ein Erdbeben der Stärke 7,75 überstehen sollte."
quelle: http://www.nzz.ch/nachricht... 70703.html

Und ann gibt es da nocht diese WikiLeaks Depeche dass sich Tepco nicht mal daran gehalten hat.
quelle: http://www.welt.de/politik/a... kannt.html

soviel zum faktenwissen herr renn.

Fleisch
00
18.3.2011, 15:13

Lesen, dann schreiben.

Sepp Maier
02
18.3.2011, 08:33

Zwischen hochriskant und absolut risikofrei ("Nullrisiko") liegt auch noch etwas.

sanjoaquin
 
43
18.3.2011, 07:01
Jede Wette

Man müsste nur probeweise eine Woche lang die deutschen AKWs abschalten und dann abstimmen, dann würde es wieder eine Mehrheit für Atomstrom geben. Und das ist gut so.

Schweinsbratenfan
00
18.3.2011, 10:22

Manche lernen's eben nie. Damit muß man halt auch leben.

verinus
15
18.3.2011, 08:42

oder endlich kostenwahrheit herstellen:

dei atomstrombetreiber müssen
1. für die entsorgung bezahlen
2. eine versicherung abschließen für den fall eines unfalls.

wie schnell glaubens würden die atomkraftwerke zumachen weils nimma rentabel ist?

gewinne privatisieren, kosten verstaatlichen darf nicht weiter funktionieren!

Hardcoreboson
01
18.3.2011, 11:28
also

zu 1.: ja natuerlich das sollte so sein.
zu 2.: naja, es gibt halt auch keine versicherungen gegen dammbruch nach einem erdbeben und aehnliches ...

kostenwahrheit ist natuerlich notwendig. die sache ist aber unter umstaenden auch wieder nicht so teuer, wie viele meinen ...

Sepp Maier
00
18.3.2011, 10:20

Die Betreiber werden das nicht aus eigener Tasche zahlen, sondern dem Endverbraucher auf das Entgelt draufschnalzen.

verinus
01
18.3.2011, 11:11

und weiter?

bin hier immer noch der verfechter eines freien marktes- allerdings muss dieser funktionieren und der staat muss ihn steuern und kontrollieren.

wird strom aus anderen quellen teurer, zahlt es sich auf einmal aus andere energiequellen zu nutzen, alte geräte mit hohem verbrauch durch neue mit niedrigem verbrauch auszutauschen usw.

forschung würde sich mehr auszahlen usw.

/ .
00
18.3.2011, 09:56

"gewinne privatisieren, kosten verstaatlichen darf nicht weiter funktionieren"

Wieso so unkritisch? Bei den kosten mischt der Staat/die Regierung kräftig mit. Also ist das Ganze ein wenig heuchlerisch zu sagen Atomkraft ist böse, aber ich verdiene ganz gut daran.

Wie dem auch sei - ich bin für mehr Forschung für ökologisch vertretbare Energiequellen

Pedroa
 
00
18.3.2011, 10:46
natürlich werden die Kosten an die

Konsumenten weitergegeben. Aber dann ist endlich das Märchen vom billigen Atomstrom vom Tisch. Und dann kann man endlich auch andere Energiegewinnungsformen ensetzten die nicht vom "billigen" Atomstrom konkurenziert werden.

/ .
00
18.3.2011, 09:57

Korrektur

kosten = Gewinnen

sanjoaquin
 
00
18.3.2011, 09:12
Sie sind ein Genie

Erstens zahlen das ohnehin nicht die Atomstrombetreiber sondern die Stromkonsumenten und zweitens trifft Ihr letzter Satz in höchstem Maße auf alle geförderten, somit auf alle, Alternativenergien zu.

verinus
00
18.3.2011, 16:54

naja ganz so stimmt das aber nicht.

als grund gegen alternative energieformen wird unter anderem immer das kostenargument angeführt- mm nach zutiefst verlogen.

hier würden sich diese bei weitem früher rechnen, würden auch bei konventionellen formen alle kosten aufgerechnet werden.

die stromkonsumenten zahlens ja eh schon- in form von steuern die zweckentfremdet werden.

so zahlt zumindest der, der den strom konsumiert.

robert rittersmann
00
18.3.2011, 07:46

man könnte aber auch in allen deutschen AKW einen Supgergau provozieren und dann fragen...

Shanajio
00
18.3.2011, 08:47

Da werden sich dann nur mehr Kakerlaken unterhalten ...

Kaktus51
00
18.3.2011, 06:29
Herr Renn, vielleicht hätten Sie vor diesem Artikel

über die Verhältnismäßigkeit der Risiken auf die Auswirkungsdauer für den Standort nachdenken sollen.

Leukozyt
 
00
18.3.2011, 01:58
Ortwin "Sokrates" Renn:

Ich weiß, daß ich nichts weiß.

Elisabeth Stein
00
17.3.2011, 23:36
Unsinnige Gleichmacherei!

Die Folgen sieht die Welt bereits und die Risiken von AKWs haben eine andere Qualität als die von Windrädern. Bei Voraussagen über die Haltung von "bösen Diktaturen" hat die Reaktion gerade einer solchen - China - gezeigt wie riskant derartige Flapsigkeiten sind.

Franz Klug
01
17.3.2011, 22:48
Hätte nie gedacht dass die STandard Redaktion

der CSU = The European ein fast tägliches Forum gibt. Einmal im Monat mag ja okay sein, dass man im Sinne des Meinungspluralismus die pro Technik- und Kapitalismusfreaks von der CSU zu Wort kommen lässt, aber fast täglich. Das schmerzt!
Dass wir in einer Weltrisikogesellschaft leben wissen wir praktisch seit Tschernobyl/Bophal und theoretisch seit ULRICH BECK, der den Begriff "Risikogesellschaft" inauguriert hat.
Jetzt traktiert zu werden mit der banalen Aussage alles ist gefährlich, wobei hier noch fehlt, dass eigentlich die meisten Unfälle im Haushalt passieren, neben Auto, Krebs etc. , wissen wir übrigens auch schon, ist eigentlich unter STandard!
Es gibt viele Gefahren: Fakt bleibt: die schlimmste Gefahr ist die Atomkraft

The man
01
17.3.2011, 22:42
Komischerweise

vergessen mittlerweile alle, dass es nicht nur atomkraftwerke gibt sondern auch jede menge atomarer waffen. und zwar in ländern wie pakistan, nordkorea, israel etc.

Schweinsbratenfan
00
18.3.2011, 10:25

So komisch ist das nicht. Schließlich versucht ja nicht ständig jemand, in der Öffentlichkeit den Einsatz von Atomwaffen als Lösung irgendeines Problems schönzureden, wie man das täglich bei den Kraftwerken erleben kann.

sotho talker
 
01
18.3.2011, 08:43
und komischerweise

werden die auswirkungen von atomaren unfällen in kraftwerken extrem überschätzt während die folgen dieser waffen extrem unterschätzt werden...

aus den augen aus dem sinn. stimmt offensichtlich wirklich. den menschen ist die verheerende wirkung schon lange nicht mehr demonstriert worden also wird das gefahrenpotential als vernachlässigbar eingeschätzt.

sehe bedenklich

averrhoes
01
17.3.2011, 22:37
das mit dem risiko abwägen aus innerer sicht ist augenauswischerei.

weil das technisch nur diejenigen können, die als spezialisten meist auch starke befürworter dieser technologie sind. ihr finanzieller lebensunterhalt und sozialer status hängt von dieser industrie ab.

das risiko hat so jemand längst ausgeblendet. und hat das blenden längst gelernt.

selbst jetzt in dieser katastrophe gelingt es, die materiellen verlustängste der involvierten mit den realen überlebensängsten der menschen zu matchen (strompreis) und ihnen den "richtigen spin" zu geben - selbst dann, wenn der technische spin längst entglitten ist.

und muss es wirklich so sein, dass aufgrund von berufsbildern und hierarchien immer ein, zwei generationen zeit vergehen, bis eine veröffentlichte meinung aus schaden klug zu werden bereit ist?

The Chaos Path
00
18.3.2011, 09:47
weil das technisch nur diejenigen können, die als spezialisten meist auch starke befürworter dieser technologie sind.

das ist unsinn, besonders zu atomkraft(werken) gibt es genug gut aufbereitetes material, was auch ein laie mit ein bisschen einlesen verstehen kann. die leute WOLLEN sich nur nicht informieren.

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