"Für Betroffene eine Qual, kein Eldorado"

  • Sexsucht zerstörte glanzvolle Sportlerkarriere.
    foto: apa/lynne sladky

    Sexsucht zerstörte glanzvolle Sportlerkarriere.

Sexsucht bekommt Anerkennung als Krankheit - Eine von Liebe und Wertschätzung geprägte Paarbeziehung schützt

Wien - Sexsucht dürfte bald als eigene Krankheit anerkannt werden. Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung "Daily Mail" wird sie demnächst ins "Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen" der American Psychiatric Association (APA) aufgenommen. Der Begriff wurde bisher der "Hypersexualität" zugeordnet, die wiederum ein gesteigertes sexuelles Verlangen oder eine nicht organisch verursachte sexuelle Funktionsstörung bezeichnet. Nun steht der Sexsucht - die zuletzt durch Prominente wie der Golfer Tiger Woods oder der Schauspieler David Duchovny in die Schlagzeilen kam - die Anerkennung als eigene Störung bevor.

Triebe außer Kontrolle

An Sexsucht Leidende verspüren ständige sexuelle Triebe, die sie selbst nicht mehr unter Kontrolle bekommen und unter denen sie leiden. Therapeuten kennen das Phänomen aus der Praxis. "Die Diagnose ist keine Frage der Quantität - und schon gar keine moralische Wertung. Sexsucht kann jedem passieren, der sich blöd spielt - es kommt durchaus auf die Klugheit an. Viele stehen vor der Entscheidung zwischen kurzfristiger Befriedigung und langfristigem Glück. Sexsüchtigen sind Folgen ihres Verhaltens egal", erklärt Raphael Bonelli von der Wiener Sigmund Freud-Privatuniversität.

Von der Störung betroffen seien in erster Linie Männer, die sich zu sehr stimulieren - sei es durch Selbstbefriedigung, One-Night-Stands, Fremdgehen oder vor allem durch Internetsex und -pornografie. "Männer sind optisch veranlagt und finden nackte Frauen viel eher reizvoll als umgekehrt. Geben sie ihrer Erregung immer nach, kann das auf Dauer zum Kontrollverlust führen." Sexsüchtige seien nicht durchgeknallte Psychopathen, sondern oft sehr honore Herren, betont der Wiener Psychiater und Psychotherapeut.

Frauen schützen vor der Sucht

Als wichtigstes Merkmal für Sexsucht sieht Bonelli die fehlende Wertschätzung gegenüber dem "Du". "Der Sexpartner ist nicht mehr als Person interessant, sondern wird als Mittel der eigenen Befriedigung missbraucht. Sexsüchtige kreisen ständig um sich selbst und um die eigene Lust." Im Gegensatz dazu sei eine von Liebe und Wertschätzung geprägte Paarbeziehung der beste Schutz vor Sexsucht. "Meist will der Mann häufigeren und abartigeren Sex als die Frau, die nicht immer kann, wenn er Lust verspürt. Frauen sind oft das bodenständige Regulativ und verweisen den Sexualtrieb des Mannes in seine Grenzen. Wenn er darauf Rücksicht nehmen kann, ist auch ihm geholfen."

Ob jemand sexsüchtig ist oder nicht, wird nicht von der Häufigkeit von Sex bestimmt, sondern davon, wie sehr das sexuelle Verlangen noch unter Kontrolle ist. "Bei vielen ‚passiert' es, obwohl sie prinzipiell ihre Ehe gut leben wollen. Alle Süchte suhlen oft in Selbstmitleid und Wehleidigkeit, was dann eine Therapie entsprechend erschwert." Das Hinwegtrösten sei dasselbe wie bei Drogensüchtigen, ebenso auch die Suche nach einem Ausklicken aus der Realität. Sexualität hat in den Augen Bonellis stärkeren Suchtcharakter als Zigaretten, wenn auch schwächeren als Alkohol oder Heroin.

Sex kann schädlich sein

Die Anerkennung der Sexsucht als Störung rücke das Bild von Sex zurecht, glaubt Bonelli. "Sexualität ist ein großes Geschenk der Kommunikation zwischen den Geschlechtern. Sexsucht, jedoch auch Gewaltpornografie und Pädophilie zeigen, dass sie auch Schattenseiten hat - anders als früher die 68er-Bewegung proklamierte. Bei Sex gilt heute nicht mehr automatisch ‚Je mehr, desto besser'. Ebenso ist auch nicht jede Zurückhaltung schädlich oder führt zur Neurose, da Rücksicht auf den anderen vielmehr für normale Sexualität notwendig ist. Sobald Sexualität grenzenlos wird, bringt sie immer Leidensdruck. Das Ergebnis ist für Betroffene eine Qual, kein Eldorado", so der Psychiater.  (pte)

 

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