Fukushima und der Krieg gegen uns selbst

Ralf Bönt, 16. März 2011, 20:00

Die Ruine glüht. Der Wind weht zu den Menschen. Aber noch immer wird die Angst vor dem Atomunfall zerredet. Und noch nie hat es so weh getan, im Recht gewesen zu sein. – Über die natürlichen Grenzen unserer Intelligenz

Kriege wurden noch nie mit Argumenten geführt und werden längst durch Bilder entschieden. Jeder kennt zum Beispiel das rennende, nackte Mädchen aus Trang Bang, Vietnam, mit den Rauchwolken im Hintergrund, oder den südvietnamesischen General Nguyen Ngoc Loan, der den Vietcong Nguyen Van Lem in Saigon erschießt.

Am Sonntag machte auch ein Foto Karriere: Ein vielleicht drei oder vier Jahre altes japanisches Kind steht in Anorak und mit Mütze auf dem Kopf vor einem hockenden Erwachsenen, der mit Mundschutz, Kittel, Handschuhen und abgedecktem Haar den Geigerzähler auf das Kind richtet. Das Kind hat seine Hände erhoben, auf seinem Gesicht ist Angst, aber es beherrscht sich. Es ist ein Bild der Ergebung. Es werden noch viele andere Bilder der Atomkatastrophe aus Japan kommen, auch schlimmere, aber sprechend ist dieses schon jetzt.

Das Kraftwerk Fukushima steht direkt am Pazifik, nicht weit von der aktivsten aller kontinentalen Bruchkanten entfernt, dem Ring of Fire. Mit einem Tsunami war nicht gerechnet worden, aber man muss das präzisieren:

Mit einem Tsunami dieser Größenordnung war nie gerechnet worden. Man konnte es nicht. Man hat mit kleineren gerechnet. Und am Wasser soll ein Atomkraftwerk stehen, denn da kann man es gut kühlen, auch im Notfall.

Es hat nie so weh getan, immer schon im Recht gewesen zu sein: Aber wenn man in Brokdorf auf dem Deich spazieren geht, wenn man in das Betonbecken schaut, in dem das Wasser gurgelt, das das Kraftwerk ständig mit dem Fluss tauscht, und es wird einem nicht mulmig, dann ist ein Reflex ausgeschaltet. Man schaut auf, eines der riesigen Containerschiffe zieht gerade vorüber. Es wird bald auf dem offenen Meer sein und durch meterhohe Wellen schaukeln. Wer das nicht erlebt hat, sollte sich eine Überfahrt zum Beispiel nach New York gönnen. Man sieht den Planeten dann anders an. Man könnte jetzt auch an Mülheim-Kärlich erinnern, das Atomkraftwerk an der Erdbebenspalte, oder an jenes in Kaschiwazaki, Japan, unter dem sich 2007 eine öffnete. Daran, dass sich in Kanada unter dem Abschmelzen des Eises im Klimawandel mancherorts der Boden um einen Meter gehoben hat. Schwer vorstellbar eigentlich.

Ich kann mir vieles nicht vorstellen. Im Sommer fällt es mir schon schwer, an Frost zu denken. Ich müsste ihn eigens imaginieren. Dass meine Söhne nachts nicht in ihren Betten liegen und schlafen, meine Frau mir nicht mehr gewogen ist? Nicht vorstellbar. Will ich auch nicht. Oder ein Erdbeben.

Wann war eigentlich das letzte Erdbeben in Deutschland? Man kann es schnell nachschauen: Am 15. Februar 2011. Stärke: 4,4. Dass ein viel stärkeres auftritt, um einen Faktor hundert oder tausend stärker, denn die Richter-Skala ist logarithmisch: In Deutschland? Eine Riesenwelle an der unteren Elbe? Wann denn? In Fukushima lagert angeblich auch Atommüll. In Castoren, wie sie in Gorleben seit Jahrzehnten auf dem Parkplatz stehen? Dann sind sie weggeschwemmt worden. Aber das wissen wir nicht.

Wir wissen auch nicht, wie viele Opfer Tschernobyl gefordert hat. Vielleicht gab es Chemieunfälle, die schlimmer waren. Forderte jemand deshalb das Ende der Chemie? So zerredet die gesunde Angst vor dem Atomunfall, wer der Faszination der Atomkraft erlag. Sie entstammt dem wohl ältesten Traum: dem von der Beherrschbarkeit der Natur. Nach den drei kosmischen Beleidigungen durch Kopernikus, Darwin und Freud beweist sich der Mensch, dass er das Klima ändern kann und dabei, O-Ton Angela Merkel, den Anstieg der Temperatur auf zwei Grad begrenzen. Und dass er die Kernspaltung beherrscht, obwohl der Entropiesatz sagt, dass auch ein AKW früher oder später kaputt geht.

Dass es nicht wie angenommen nur alle zehn- oder hunderttausend Jahre passiert, ist noch immer nicht bewiesen. Mit zwei Unfällen macht man keine Statistik. Oder zählt dieser mehrfach? Wann der nächste kommt, wissen wir jedenfalls nicht. Aber vor einem Tag wie heute haben wir Atomkraftgegner immer gewarnt: Die Ruine glüht, der Wind weht zu den Menschen. Man hatte der Natur den Krieg erklärt, und es kümmert sie - natürlich - nicht, weil wir doch so ausgewählt nicht sind.

Tatsächlich kämpfen wir gegen uns selbst. Es bestehen Chancen, dass es heute nicht zur totalen Katastrophe kommt. Auch dank der unfreiwilligen Helden von Fukushima. Eine Massenpanik konnte bislang vermieden werden. Jetzt heißt es beten, dass keiner der Behälter bricht. Es wäre reines Glück. Und danach: Abschalten. Denn wie sagte ein Experte am Wochenende: Das größte Risiko ist immer noch menschliches Versagen. Es ist auch hier der Anfang und das Ende. Dabei können wir unsere Intelligenz viel intelligenter einsetzen. (DER STANDARD Printausgabe, 17.3.2011)

Zur Person:

Ralf Bönt, Jg. 1963, ist Schriftsteller in Berlin. Nach einer Lehre als Kfz-Mechaniker studierte er Theoretische Physik und arbeitete unter anderem am Cern in Genf. 2009 erschien der Roman "Die Entdeckung des Lichts" über den britischen Naturforscher Michael Faraday.

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ciao4zampe
 
00
24.3.2011, 21:14
sofern man das als "westler" überhaupt beurteilen kann

so halte ich
1. die einschätzung des a. muschg welcher als profunder japan-kenner gilt
für beachtenswert:
http://www.swissinfo.ch/ger/Home/... d=29792122

2. man lese dazu

- im gegenteil -

den eth-professor dessen lehrstuhl von swissnuclear alimentiert wird http://www.nzz.ch/nachricht... 12744.html

3. bei all verwirrung um medien-overflow (bzw. zu "hochaktuell"-information immer stets tröpferweise) ein kommentar auf heise-telepolis
http://www.heise.de/tp/foren/... 1890/read/ und diese auffassung teile ich seit 16.3.

klappi
 
00
23.3.2011, 10:35
menschliches versagen

ja gibts denn ein anderes?
ob jetzt der operator, der konstrukteur, der kontrollor, der politiker, der erdbeben-vorhersager, oder oder oder...
die natur versagt nicht und die maschine auch nicht - beide tun nur nicht immer das, was der mensch von ihnen erwartet hat.

schmunzelmonster
00
22.3.2011, 10:41
schmunzelmonster

Wir wissen also alle, dass uns langsam der Zunder unter unseren Dampfmaschinen ausgeht. Atomenergie ist auch nur Zunder unter großen Druckkochtöpfen.
Wir streiten uns also jetzt herum, ob uns der Zunder in 100 oder 200 Jahren ausgeht und wir wieder Felle überziehen müssen...
aber die Strahlung und die unbewohnbaren Plätze bleiben noch länger bestehen, als wir uns überhaupt vorstellen können. Wann schrieb Homer seine Werke auf? Und das ist schon ein sehr langer Zeitraum für uns.
Ich erkenne also, dieser Spezies angehörend, dass wir uns durch maßlose Gier erdhistorisch ziemlich ins Eck stellen.
Tardigrades und Deinococcen ftw!

Josef Obermaier
105
17.3.2011, 17:02
Mittlerweile lässt die totale Panik in den vom Erdbeben am Härtesten getroffenen Gebieten, Österreich und Deutschland, spürbar nach. Aber die Gesichter der Weltuntergangs-Propheten werden länger...

Um bei den Fakten zu bleiben: Stand 17. 3. 2011

Tote durch Erdbeben: 5.198
Verletzte durch Erdbeben: 4.000
Vermisste durch Erdbeben: 10.000

Tote durch AKW: 0
Verletzte durch AKW: 23
Vermisste durch AKW: 2

Hysterie-Opfer in Österreich: unzählbar

***

Aber das ist ja die Mutter alles Schlachten für die Windrad-Lobby.

Denn wenn nicht bald was ganz Schlimmes passiert wäre ja bewiesen, dass ein, gar nicht mal so modernes, Atomkraftwerk sogar ein Beben Magnitude 9 Richter UND eine 10-Meter Salzwasser-Überschwemmung ohne schlimme Folgen aushält.

Also MUSS jetzt einfach was ganz ganz Schlimmes herbeigebetet werden.

Und wenns nicht so schlimm kommt dann war es zumindest verdammt knapp. Denn immerhin waren die Medien ja voll davon, oder?

ciao4zampe
 
00
24.3.2011, 21:20
herr oberschlumpf. ihr H O H N ist effektiv

.

fehl am platz.

geboten ist jedenfalls vorsicht (soweit eben möglich)
http://www.spiegel.de/wissensch... 80,00.html

STJ911.org
02
21.3.2011, 14:49

Ein Tsunami fordert seine Opfer innerhalb von Stunden.
Ein AKW-Unfall verursacht Langzeitschäden beim Menschen (Missbildungen, Krebstote). Die Bilanz können Sie daher erst Jahrzehnte später ziehen.

schmunzelmonster
00
22.3.2011, 10:50
jahrhunderte

Floaschkas
01
18.3.2011, 20:07
wenn die Katastrophe in Tschernobyl kein einziges Menschenleben - na dann lässt sich alles behaupten.

Karl Tösch
42
17.3.2011, 19:15
Strahlengeschädigt

Josef, dir hat's ganz offensichtlich schon einen wesentlichen Teil im Hirn rausgebrannt. Bedauernswerter!

cash cow1
21
17.3.2011, 18:41

wenn sie das alles so cool sehen dann kaufen sie sich doch einfach ein flugticket nach japan. es werden freiwillige gesucht! die freuen sich bestimmt wenn jemand so cooler kommt und das abklingbecken eigenhändig kühlt.
aber ich fürchte die dummheit stirbt wohl nie aus.

1116er
22
17.3.2011, 15:24
das ganze ist nur ein (kurfristig angelegtes) experiment der evolution.

diese stellte sich selbst die aufgabe:

ist es möglich eine spezies hervorzubringen, die sich in möglichst kurzer zeit selbst vernichtet.

die verifizierung dieser these steht bevor!

gut so. das gibt der evolution die möglichkeit, eine deutlich schlauere 'krone der schöpfung' zu kreieren.

WienerWasserWerke
00
17.3.2011, 17:39
1116er
01
17.3.2011, 15:21
"die Richter-Skala ist logarithmisch"

ich glaube, dass eine logarithmische skala die meisten menschen überfordert.
das denken 2+2=4 ist für die meisten leichter nachvollziehbar.

mMn wäre die verwendung einer anderen, nicht-logaritmischen skala informativer.

readcarefully
28
17.3.2011, 13:25
Nicht WIR kämpfen gegen UNS,

sondern offensichtlich führt eine Kaste von Managern und Bürokraten weltweit Krieg gegen die Bevölkerungen.

Wasima Sodenk
00
17.3.2011, 18:08
die großen Themen .... Kinder der Zeit

gestern Finanzkrise und Vogelgrippe,
heute Fukushima
morgen ... ??

Ich zitiere (Jürgen Kaube, F.A.Z.):

Auch nach der Atomkatastrophe in Japan ist wieder der Satz zu hören, nichts werde mehr sein wie zuvor. Dabei belegen alle großen Krisen, dass die Normalität schneller zurückkehrt als gedacht. Die Politik könnte diesen Prozess verändern, tut es bisher aber nicht.

Zitat Ende

.... oder habe ich verpaßt, dass sich in der Finanzwelt, die Schuld an der Kriese in der Realiwirtschaft war (ist!) etwas geändert hätte ??

.... aus den Nachrichten aus dem Sinn ??

.... und somit "alles okay" ??

.... wer wird "danach" Bereitschaft zur Verännderung (WIR) zeigen, und/oder zu deren Duchsetzung (DIE) ??

presumption of innocence
00
17.3.2011, 16:54
und darunter auch nur die Gierhälse ohne Ethik, Moral und Sozialbewußtsein

willi odrnet
02
17.3.2011, 15:57
wir (fast) alle sind mitläufer.

kaum jemand kann sich aus dem gesellschaftlich vorgegebenen trott ausklinken.
selbst wider besseres wissen handeln wir oft so, als ob es eine zweite welt in reserve geben würde.
unser wirtschaften ist auf wachstum aufgebaut und was nötig wäre, nämlich umzudenken und sich einzuschränken, widerspricht genau diesem system.
ausserdem: wer will sich freiwillig einschränken, wenn`s rundherum auch keiner tut? eben.

emanze c
01
17.3.2011, 17:14

"selbst wider besseres wissen handeln wir oft so, als ob es eine zweite welt in reserve geben würde."

Gut belegbar am trotzigen Festhalten der tschechischen Bevölkerung um Temelín an der Atomkraft ("sie (die Kraftwerksbetreiber) haben einen Kinderspielplatz gebaut"), obwohl dieser Reaktor den Japanern kaum das Wasser reichen kann; oder auch an selbiger Einstellung der Japaner, wenn man frühen Berichten vom Wochenende traut.

presumption of innocence
10
17.3.2011, 16:56
Einschränkung positiv bewertet

Bibel: Fastenzeit
Koran: Ramadan

Nach den fetten Jahren folgen die mageren...und keiner wills wahrhaben.

Jo-Jo
02
17.3.2011, 15:16
Wirklich?

"Wir" sind unschuldig? Nur die Manager und die Bürokraten sind verantwortlich?

Wofür?

Bleiben wir bei den AKWs, sonst wird's unübersichtlich. Wer ist also für die AKWs verantwortlich?

Doch wohl auch "wir" alle, die wir nicht jede Wahl (an der wir teilnahmeberechtigt waren) eine Partei wählten, die klar gegen AKWs war.

Oder wissen "wir" nicht was wir tun?

Dann stellt sich aber die Frage nach der Zurechnungsfähigkeit.

xxx...yyy...
11
17.3.2011, 13:25
wir leben in einem unauflöslichen widerspruch

das leben das wir heute kennen möchte wohl niemand (abgesehen von einer handvoll spinner) aufgeben, da die alternativen nicht so berauschend sind (wenn wir z.b. an das mittelalter denken).

gleichzeitig ist dieses leben nur möglich durch den einsatz von techniken von denen wir wissen, dass sie nicht optimal sind, ohne aber über (realisierbare) alternativen zu verfügen.

Wasima Sodenk
11
17.3.2011, 17:54
es sind Postings wie dieses .....

.... die mich zweifeln lassen, dass die westliche Gesellschaft lernfähig ist. Fähig zu lernen, dass ein Leben im Überfluss nicht automatisch ein Leben in Glück bedeutet.
Jeder der schon einmal in (wirtschaftlich/materiell) ärmeren Ländern unterwegs war kann bestätigen, dass die Menschen dort sehr oft eine viel höhere Zufriedenheit, Bescheidenheit oder Gastfreundschaft auszeichnet, sowie die Fähigkeit (mit ein einfachsten Dingen) "glücklich zu sein".

Die Angst vor dem Verlust der Dinge, an die wir fälschlicher Weise unsere Identität hängen, dient ja nicht nur in diesem Fall als einfachste Ausrede die notwendigen Änderungen gleich einmal bleiben zu lassen. "Sind" wir noch ohne unsere - finden wir so unseren "Sinn" und darüber unser Glück??

Spirogyra
02
17.3.2011, 16:17
"wir leben in einem unauflöslichen widerspruch"

Der Widerspruch wäre schwer auflösbar, wenn es ihn denn gäbe. Leider wird immer wieder so getan, als bestünde nur die Wahl zwischen heutigem Energieangebot und klösterlicher Entsagung. Was nicht stimmt, solange Energie aus Unwissen verschleudert wird, oder ohne bzw. mit minimalen Komforteinbußen (die unsere Eltern noch gar nicht als solche wahrgenommen hätten) gespart werden könnte.

Readers Disgust
42
17.3.2011, 11:13
GAU und Klimawandel

Ralf Bönt stellt zurecht fest: Die Natur ist nicht beherrschbar. Hoffentlich spricht sich das auch zu den 'Klimaexperten' durch, die einen Klimawandel, der die Erde periodisch seit ihrer Entstehung heimsucht, mit unwirksamen, aber ungeheuer kostspieligen Maßnahmen aufhalten wollen.

cash cow1
00
17.3.2011, 18:46

nur daß es sich beim gegenwärtigen klimawandel nicht um einen natürlichen klimawandel handelt, sondern um einen mensch gemachten.

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