Der himmlische Herrscher fühlt mit seinem Volk
Als Akihito Tsuyu No Mija 1990 zum japanischen Kaiser ausgerufen wurde, gab er für seine Regentschaft das Motto "Heisei" - Streben nach Frieden - aus. Nun ist der 125. Tenno mit der seit Jahrzehnten bedrohlichsten Situation für sein Land konfrontiert.
Die öffentlichen Auftritte des Tenno sind extrem rar, umso überraschender war am Mittwoch das Erscheinen des 77-jährigen, schwerkranken Kaisers vor den Medien, um sein Beileid für die Familien der Bebenopfer und Sorge wegen der AKW-Katastrophe auszudrücken.
Der Kaiser, dessen Amt rein zeremoniell ist, gilt als Symbolfigur der Einheit der Nation. Als Oberhaupt von 100 Millionen Shintoisten übt er zudem großen moralischen Einfluss aus.
Im Vergleich zu seinen Vorgängern gilt Akihito fast schon als volksnah: Er bereiste alle 47 Provinzen des Landes und brach auch vorsichtig mit Traditionen und Privilegien: Er liebt Klassik und Jazz und spielte, solange es die Gesundheit zuließ, Tennis. Und sein Chauffeur muss bei Rot anhalten.
Bescheiden
Bescheidenheit ist für den Tenno eine Zier: So wird berichtet, er besitze nur wenige, zum Teil schon sehr alte Anzüge und Krawatten. Auch sein Wohnhaus, ein Neubau auf dem Palastgelände, ist schlicht. Noch mehr Volksnähe wird dem Tenno nicht gestattet, dafür sorgt das erzkonservative Haushofamt.
1959 heiratete der Kronprinz - studierter Volksökonom und Politologe - die bürgerliche Shoda, Absolventin einer katholischen Universität. Mit ihr, seitdem Kaiserin Michiko, hat er neben Kronprinz Naruhito einen weiteren Sohn und eine Tochter, die wegen der Hochzeit mit einem Bürgerlichen offiziell aus der kaiserlichen Familie ausschied.
Akihito ist der erste Regent der ältesten Erbmonarchie der Welt, der sein Amt nicht mehr als gottähnlicher Herrscher antrat. Der "Göttlichkeit" entsagte sein Vater Hirohito 1946 in seiner "Menschlichkeitserklärung".
Zwar ist traditionell die große Mehrheit der Japaner für den Erhalt der Monarchie, doch vor allem in der jungen Generation herrschte zumindest bisher eher Gleichgültigkeit gegenüber dem antiquiert wirkenden Kaiserhaus.
Dies könnte sich nun ändern: Auch ein Volk, das mit Stoizismus und absoluter Selbstdisziplin in Verbindung gebracht wird, braucht Orientierung - gerade in Zeiten, in denen niemand zu wissen scheint, was zu tun ist. Und ausgerechnet die Traditionsfigur des Tenno wird den Japanern erklären müssen, dass die Welt seit dem 11. März eine neue ist. (Gianluca Wallisch, DER STANDARD Printausgabe, 17.3.2011)