Atomexperte im Interview

"Das war's mit der Atomenergie"

Andreas Schnauder, 16. März 2011, 18:58
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    foto: standard/heinrich-böll-stiftung

    Mycle Schneider: "Das ist 'das Ende des Atomzeitalters', wie der Spiegel richtig titelt. Das wusste auch die Atomindustrie immer schon, die immer sagte: Wir können uns kein zweites Tschernobyl leisten."

Der Ausbau der Kernkraft war schon vor der Katastrophe in Japan eine Mythos, meint Atomexperte Mycle Schneider

Der Ausbau der Kernkraft war schon vor der Katastrophe in Japan eine Mythos, meint Atomexperte Mycle Schneider. Jetzt sieht er das Ende des Atomzeitalters angebrochen. Andreas Schnauder fragte nach.

***

STANDARD: Sie haben in mehreren Studien die Renaissance der Atomkraft in Abrede gestellt. Stimmt die These angesichts zahlreicher vor dem Erdbeben in Japan geplanter Projekte noch?

Schneider: Die stimmt mehr denn je, auch ohne die Katastrophe. Bei unserer letzten Untersuchung, die das deutsche Umweltministerium 2009 veröffentlicht hat, gab es zwei Reaktoren, die über 40 Jahre waren. Im Vorjahr sind circa sieben dazugekommen. Wir kommen in eine Zeit, in der die massiven Laufzeitverlängerungen sichtbar werden. Auch wenn mehr Reaktoren in Bau gegangen sind: Von den 65 AKWs befinden sich drei Viertel in vier Ländern, 27 allein in China - es ist also kein Weltphänomen. Ein Dutzend Reaktoren steht seit über 20 Jahren in der Statistik der 'in Bau' befindlichen AKWs. Der Star ist ein amerikanischer Reaktor, der seit 1972 in Bau ist und 2012 in Betrieb gehen soll. 40 Jahre ist keine schlechte Zeit.

STANDARD: Ob weltweit oder nicht: 65 neue Kernkraftwerke sind kein Pappenstiel.

Schneider: Für das, was im Stromsektor weltweit passiert, sind die neuen Kapazitäten völlig irrelevant. Sogar in China ist es irrelevant. Dort sind nun etwa 45.000 Megawatt Windkraft in Betrieb, etwa viermal so viel wie die 13 AKW, die nicht einmal zwei Prozent des Stroms im Lande produzieren. Auch weltweit geht der Atomstromanteil stetig zurück, da andere Stromerzeugungskapazitäten viel schneller ausgebaut werden. So ist der Anteil der Erneuerbaren an den Netzzugängen in den USA von zwei auf 55 Prozent hochgeschnellt.

STANDARD: Die Internationale Energieagentur ging bisher davon aus, dass sich Atomstrom bis 2050 verdoppeln wird.

Schneider: Die IEA hat schon viel gesagt, ähnlich wie die IAEO, die 1974 für die Jahrhundertwende von 4450 AKWs träumte. Man kann viel erzählen.

STANDARD: Erwarten Sie nun international eine abrupte Abkehr von der Kernkraft?

Schneider: Das kann man in zwei Wörtern zusammenfassen: Das war's. Das ist 'das Ende des Atomzeitalters', wie der Spiegel richtig titelt. Das wusste auch die Atomindustrie immer schon, die immer sagte: Wir können uns kein zweites Tschernobyl leisten. Japan ist noch viel schlimmer. Das komplette Kapital von mindestens vier milliardenschweren Anlagen ist vernichtet. Das kann sich keine Industrie erlauben. Außerdem besteht nun die Gefahr von Verseuchungen, die Tschernobyl noch in den Schatten stellen könnten.

STANDARD: Was heißt das für den Klimaschutz, wenn die Atomindustrie ausfällt?

Schneider: Das beste Beispiel ist Finnland. Dort war der neue Reaktor bereits voll in die Klimaschutzpläne eingerechnet. Jetzt gibt es jahrelange Verzögerungen. Finnland muss massiv Strom und CO2-Zertifikate zukaufen. Jetzt muss endlich intelligente Energiepolitik gemacht werden. Bisher wurde alles über Produktion geregelt. Atom, Erneuerbare, Erneuerbare, Atom. So funktioniert das nicht. Bei den Zielen zur Energieeffizienz weigert sich die EU-Kommission, verbindliche Ziele festzuschreiben.

STANDARD: Was bedeutet das Abschalten von AKWs in Deutschland.

Schneider: Dort muss eine andere Politik gemacht werden. Auch Österreich hat eine katastrophale Energiepolitik. Außer Spanien ist kein Land weiter von den Kioto-Zielen entfernt. Das ist ein Desaster. Schlüsselpunkt ist der Verbrauch, der in Deutschland pro Kopf seit 1990 um 15 Prozent gestiegen ist. Das sind 1000 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Die Produktion der Erneuerbaren liegt bei 1000 Kilowattstunden pro Kopf. Man hat also nichts anderes gemacht, als den Zuwachs mit Erneuerbaren abzudecken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2011)

MYCLE SCHNEIDER ist Energieexperte, Herausgeber des "World Nuclear Industry Report" und war Berater der deutschen Regierung beim Atomausstieg. Er lehrt an mehreren Universitäten. 1997 erhielt er den Alternativen Nobelpreis.

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Christine Berndl
00
20.3.2011, 10:52
Ich wette,

dass die Mehrheit der Atomkraftgegner NICHT daraus die Konsequenz an der Steckdose gezogen habet und noch immer ihrem Atom - fossilen Energielieferanten treu geblieben ist, oder den in der Werbung gepriesenen " Strom aus Wasserkraft bezieht. Informationen dazu unter:
http://marktcheck.greenpeace.at/atomstrom-drin.html
http://www.oekonews.at/index.php... id=1057206
Ich vertraue neben 10000 zufriedenen KundInnen seit 6 Jahren auf die Alpen Adria Energie www.aae.at.
Korrekte Kennzeichnung des Händlermix UND aller Stromprodukte, kompetente Beratung und nicht zuletzt die Einsparung gegenüber dem Anbieter vor Ort machen die AAE zum sympathischsten Ökostromanbieter Österreichs.

Ludovico Settembrini
00
17.3.2011, 17:35
ich wette

dass ein grossteil der poster die hier gegen atomkraft jammern, auch gegen die flaechendeckende einfuehrung der energiesparlampen angerannt sind.

Heavyweather
01
17.3.2011, 23:01

Nein.
Aber der Großteil der Poster freut sich schon auf die LED-Technologie.

Blackbox
01
17.3.2011, 14:04
Ich glaube

es muss in zwei Richtungen gedacht werden um das Problem zu lösen:
1. Effizienteres Nutzen der bestehenden Energie - wir verbrauchen einfach noch immer zu viel davon und jammern ständig dass die Stromrechung jedes Jahr teuer wird - bei global steigendem Verbrauch.
2. Hin zur erneuerbaren Energie. Die mit der Atomenergie verbundenen Risiken sind zwar "zum Teil" beherrschbar (wenn modern und richtig/sicher gebaut - wobei 100% Sicherheit gibt es nie), aber die möglichen Auswirkungen eines Unfalls und auch die nicht gelöste Endlagerung kann NICHT akzeptiert werden. Wer kauft sich freiwillig ein Produkt welches zwar anfänglich "billig" ist, auf die Jahre gerechnet Milliarden kostet und dabei noch für Generationen schädlich sein kann????

Werner Weichert, Wegelagerer
30
17.3.2011, 15:25
Deshalb...Atomstromfilter - jetzt!

http://www.nucleostop.de/

Der erste, konsequente Schritt zu einer atomstromfreien Energieversorgung!

Zaphod Beeblebrox III
04
17.3.2011, 13:56
Atomstrom ist die teuerste, nicht die billigste Energiequelle !!

Leider werden aber nie die GESAMTEN Kosten berechnet...

Spartaner13
00
21.3.2011, 08:47

absolut korrekt. Die Endlagerung zB wird IMMER weggelassen ... davon spricht keiner. Uninteressant.

Heavyweather
01
17.3.2011, 23:31

Die atomaren Schäden in Japan werden auf 300Mrd € geschätzt.

Das wären ca. 170GWe Wind gewesen :)

Oder die Entwicklungskosten für das Kitegen Karussell und für den Rest dann ein paar 1-20GWe Kitegens.

http://www.facebook.com/pages/Kit... 3033232738

Wolfgang Bieber
01
17.3.2011, 10:45
Der Traum vom Nullrisiko

Eine gesellschaftliche Mehrheit für Atomkraft wird es in Deutschland nicht mehr geben. Doch an der Faktenlage hat sich nichts geändert! Die Idee einer risikofreien Technologie war schon immer irreführend. http://bit.ly/eH8kmc

luis trew
11
17.3.2011, 10:34
Nie und nimmer geben die auf

Ich bin mir sicher, in 1 Jahr ist alles japanische Leid vergessen.

Und die Atomlobby (die nur verdient, wenn es möglichst viele Atomkraftwerke gibt), wird es mit ihrem politischen Einfluss, Geld und PR-KnowHow wieder einmal geschafft haben sich durchzusetzen.

Von wegen Ende des Atomzeitalters - es wird sich genau gar nichts ändern.

A ndreas Bogeschdorfer
04
17.3.2011, 12:26
es wird sich genau gar nichts ändern.

Es wird sich alles ändern!

Vielleicht nicht von heute auf morgen, aber sowhl ressourcenbedingt, wirtschaftlich bedingt und durch den Aufbruch der Erneuerbaren Energien in vielen Ländern, ist die Atomkraft eine sterbende Technologie.

Schon in den letzten Jahren war die Entwicklung vor allem durch Lautstärke geprägt und nicht von realer Umsetzung. Finnland kommt mit seinem Raktorneubau nicht voran, auch anderswo verlängern sich Bauzeiten, verzögern sich Planungen und Finanzierung von Atomkraftwerken.

Temelin hat den Ausbau verschoben in Rumänien sind mehrere Stromkonzerne (aus D u F) aus einem Projekt ausgestiegen usw.

Was die Atomindustrie will ist das eine, was sie kann das andere.

stef hagner
01
17.3.2011, 10:34
spanien?

den letzten absatz mit spanien verstehe ich nicht. ich dachte bisher immer dass spanien verhältnismäßig viel erneuerbare energie ( vor allem wind ) hat.
quelle: http://www.heise.de/tp/blogs/2/147364

europa fassen
01
17.3.2011, 10:44
Sehr interessant ...

"Allerdings werden die Windmühlen oft abgeschaltet, vor allem wenn die Nachfrage gering ist, weil die Atomkraftwerke nicht schnell zurückgefahren werden können."

Apocalypse
02
17.3.2011, 10:34

Brückentechnologie... der Namen kommt wohl daher weil sie einen riesigen Abgrund nach sich zieht

Citizen
01
17.3.2011, 13:15
Oder ein Schreibfehler: "Krückentechnologie"?!

;)

Steinbock1959
00
17.3.2011, 09:58

Das Ganze ist sauteuer, das Ganze ist saugefährlich, man weiß noch immer nicht, was man mit dem strahlenden Zeug dann machen soll und außerdem sind die Vorräte an spaltbarem Uran sehr begrenzt. Das Ganze ist einfach keine Lösung und bleiben wird uns nur die Nutzung der Energie, die uns unsere gute alte Sonne zur Verfügung stellt.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
32
17.3.2011, 09:19
"Das war's" hat man schon öfter gehört.

Schlußendlich wird entscheidend sein, wie sich Energiebedarf und -preise entwickeln, und natürlich alternative Technologien.
Tatsache ist jedenfalls, daß bisher JEDE andere (außer Wind und Solar?) Energieversorgungsart gerechnet auf die MWh WESENTLICH mehr Menschenleben und Umwelt gefordet hat als die Atomtechnik, und da rede ich nur von den unmittelbaren Risiken durch Suche & Förderung (Bergwerksunglücke, Staublungen, Ölfeld/plattformunfälle), Transport & Lagerung (Tankerunglücke, Pipeline- und Lagerexplosionen, Staudammbrüche) und Gesundheitsschäden bei der Anwendung (Smogkatastrophen), nicht von Kriegen auch noch - und letztere würde es sicher auch geben, wenns um großflächige Solarkraftwerke in Afrika geht...

1787569
01
17.3.2011, 13:00

Der entscheidende Unterschied im Gefahrenpotential von konventionellen Energien und Atomenergie ist, dass Ölarbeiter, Kraftwerksbetreiber etc das Risiko kennen, und sich freiwillig darauf einlassen - und dafür natürlich entsprechend bezahlt und versichert werden.

Bei der Atomenergie aber trifft es im Katastrophenfall ALLE, Kinder, Ungeborene, Alte, Junge, Blinde, AKW-Gegner und -Befürworter. Ohne Versicherung.

Die zu erwartenden Opferzahlen sind bei der Atomkraft nicht gering, sondern undefiniert: Wahrscheinlichkeit p eines Unfalls = sehr klein nahe Null,
Opferzahl n bei Unfall SEHR groß, im bereich von 10^6 - 10^9.

p*n = ?, Schwankungsbreite = n. Sprich: man weiß es nicht.

Ganz abgesehen von der Endlagerung.

A ndreas Bogeschdorfer
04
17.3.2011, 10:13
Endlich mal eine kritische STellungnahme zu den DESERTEC-Plänen.

Viele meinen ja (angeheizt durch euphorische Medienberichte) es sei sinnvoller Sonnenstrom in Afrika zu produzieren und nach Europa zu schicken, weil angeblich effizienter sei.

Aber das Abhängigkeitspotential ist groß, die Umsetzung nur sehr langsam möglich (viele Beteiligte, zu erwartende Widerstände gegen die großen Stromtrassen.) der Gesamtaufwand enorm.

Photovoltaik vor Ort mag in der Anlage niedrigere Wirkungsgrade haben, aber die Systemeffizienz regionaler Selbstversorgung bei weitem höher.

Abgesehen von der technischen Weiterentwicklung die alle Pläne großer Fernkraftwerke rasant überholen wird.

Apocalypse
02
17.3.2011, 10:35

Desertec... es herrscht in Libyen Krieg, die Region ist instabil, man schneidet das Kabel durch und in der EU wird es finster. Ansonsten tolles Projekt.

1787569
02
17.3.2011, 10:09

Bei der Atomkraft kann man aber eben nicht nur das rechnen, was schon passiert ist, und es extrapolieren. Ein einziger Unfall KANN eine weltweite Katastrophe bedeuten. Das KANN man sich einfach nicht leisten, egal, wie unwahrscheinlich. Dazu kommt die völlig ungeklärte Endlagerungsproblematik, wo nochmals Kosten bis in alle Ewigkeit anfallen.

Alle anderen Energiearten sind auch nicht gratis und haben ihre Probleme, aber es handelt sich dabei um lokale Probleme und keine Globalkatastrophen. Ausnahme: Kriege um das Öl. Aber aus dem Öl müssen wir genau deshalb auch raus, so schnell es geht.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
20
17.3.2011, 12:57
Bei JEDER Energieform muß man das rechnen, was schon passiert ist,

und das, was noch aller Wahrschinlichkeit nach passieren wird ebenso!

1787569
00
17.3.2011, 13:17
Sicher,

das Problem bei der Atomkraft ist nur leider, dass diese Rechnung keinen Informationsgehalt liefert, wie ich oben geschrieben habe.

Wahrscheinlichkeit p = sehr klein, nahe null
Opferzahl n = sehr groß, ca. 10^6 bis 10^9
erwartete Opferzahl p*n = ? mit sigma (Schwankungsbreit)=n

Was sagt uns das: es könnten alle sterben oder keiner. Aha.

Dr. Lari and Mr. Fari
 
00
17.3.2011, 13:28
?? Genau DAS Problem hat man aber bei JEDER anderen Risikokalkulation auch!

Staudamm: bei langsam entstehenden Riß Evakuierungen, kontrolliertes Ablassen, Reparatur - einige Kosten, aber keine Opfer - ODER: Bergsturz (womöglich ohne Vorzeichen, etwa bei Erdbeben), der große Platsch innerhalb von wenigen Minuten - ein ganzes Tal ist entvölkert, 15.000 oder 45.000 Tote...

Also hilft nur, aus bisherigen Erfahrungen einen Durchschnitt zu extrapolieren. In diesem Sinne bringt uns jeder AKW-Unfall eine bessere Datenlage (gut, das ist zynisch, aber Fakt).

1787569
01
17.3.2011, 15:04
na, sicher nicht.

erstens: ein staudammunglück ist eine katastrophe, absolut. aber 45000 tote - so unrealistisch das für die meisten staudämme auch ist - sind nicht millionen verstrahlte und langfristige tote. außer china baut keiner staudämme, die millionen leben gefährden. die sind auch genauso abzulehnen wie ein akw, keine frage.

zweitens: schon im NÄCHSTEN TAL ist nichts zu befürchten, also kann man ja im schlimmsten fall umsiedeln, bevor etwas passiert. das kann man bei einem akw nicht, weil überall welche stehen.

drittens: die umwelt wäre nach so einem unglück nicht auf jahrhunderte unbewohnbar, und es würde sich keine radioaktive wolke über die halbe welt ausdehnen können.

viertens: das wasser kann man super sicher endlagern. nennt sich meer.

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