Der Ausbau der Kernkraft war schon vor der Katastrophe in Japan eine Mythos, meint Atomexperte Mycle Schneider
Der Ausbau der Kernkraft war schon vor der Katastrophe in Japan eine
Mythos, meint Atomexperte Mycle Schneider. Jetzt sieht er das Ende des
Atomzeitalters angebrochen. Andreas Schnauder fragte nach.
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STANDARD: Sie haben in mehreren Studien die Renaissance der Atomkraft in Abrede gestellt. Stimmt die These angesichts zahlreicher vor dem Erdbeben in Japan geplanter Projekte noch?
Schneider: Die stimmt mehr denn je, auch ohne die Katastrophe. Bei unserer letzten Untersuchung, die das deutsche Umweltministerium 2009 veröffentlicht hat, gab es zwei Reaktoren, die über 40 Jahre waren. Im Vorjahr sind circa sieben dazugekommen. Wir kommen in eine Zeit, in der die massiven Laufzeitverlängerungen sichtbar werden. Auch wenn mehr Reaktoren in Bau gegangen sind: Von den 65 AKWs befinden sich drei Viertel in vier Ländern, 27 allein in China - es ist also kein Weltphänomen. Ein Dutzend Reaktoren steht seit über 20 Jahren in der Statistik der 'in Bau' befindlichen AKWs. Der Star ist ein amerikanischer Reaktor, der seit 1972 in Bau ist und 2012 in Betrieb gehen soll. 40 Jahre ist keine schlechte Zeit.
STANDARD: Ob weltweit oder nicht: 65 neue Kernkraftwerke sind kein Pappenstiel.
Schneider: Für das, was im Stromsektor weltweit passiert, sind die neuen Kapazitäten völlig irrelevant. Sogar in China ist es irrelevant. Dort sind nun etwa 45.000 Megawatt Windkraft in Betrieb, etwa viermal so viel wie die 13 AKW, die nicht einmal zwei Prozent des Stroms im Lande produzieren. Auch weltweit geht der Atomstromanteil stetig zurück, da andere Stromerzeugungskapazitäten viel schneller ausgebaut werden. So ist der Anteil der Erneuerbaren an den Netzzugängen in den USA von zwei auf 55 Prozent hochgeschnellt.
STANDARD: Die Internationale Energieagentur ging bisher davon aus, dass sich Atomstrom bis 2050 verdoppeln wird.
Schneider: Die IEA hat schon viel gesagt, ähnlich wie die IAEO, die 1974 für die Jahrhundertwende von 4450 AKWs träumte. Man kann viel erzählen.
STANDARD: Erwarten Sie nun international eine abrupte Abkehr von der Kernkraft?
Schneider: Das kann man in zwei Wörtern zusammenfassen: Das war's. Das ist 'das Ende des Atomzeitalters', wie der Spiegel richtig titelt. Das wusste auch die Atomindustrie immer schon, die immer sagte: Wir können uns kein zweites Tschernobyl leisten. Japan ist noch viel schlimmer. Das komplette Kapital von mindestens vier milliardenschweren Anlagen ist vernichtet. Das kann sich keine Industrie erlauben. Außerdem besteht nun die Gefahr von Verseuchungen, die Tschernobyl noch in den Schatten stellen könnten.
STANDARD: Was heißt das für den Klimaschutz, wenn die Atomindustrie ausfällt?
Schneider: Das beste Beispiel ist Finnland. Dort war der neue Reaktor bereits voll in die Klimaschutzpläne eingerechnet. Jetzt gibt es jahrelange Verzögerungen. Finnland muss massiv Strom und CO2-Zertifikate zukaufen. Jetzt muss endlich intelligente Energiepolitik gemacht werden. Bisher wurde alles über Produktion geregelt. Atom, Erneuerbare, Erneuerbare, Atom. So funktioniert das nicht. Bei den Zielen zur Energieeffizienz weigert sich die EU-Kommission, verbindliche Ziele festzuschreiben.
STANDARD: Was bedeutet das Abschalten von AKWs in Deutschland.
Schneider: Dort muss eine andere Politik gemacht werden. Auch Österreich hat eine katastrophale Energiepolitik. Außer Spanien ist kein Land weiter von den Kioto-Zielen entfernt. Das ist ein Desaster. Schlüsselpunkt ist der Verbrauch, der in Deutschland pro Kopf seit 1990 um 15 Prozent gestiegen ist. Das sind 1000 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Die Produktion der Erneuerbaren liegt bei 1000 Kilowattstunden pro Kopf. Man hat also nichts anderes gemacht, als den Zuwachs mit Erneuerbaren abzudecken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2011)
MYCLE SCHNEIDER ist Energieexperte, Herausgeber des "World Nuclear
Industry Report" und war Berater der deutschen Regierung beim
Atomausstieg. Er lehrt an mehreren Universitäten. 1997 erhielt er den
Alternativen Nobelpreis.