Wikileaks-Informant Manning: Vater protestiert gegen Haftbedingungen
Man sieht Brian Manning an, dass er in letzter Zeit wenig geschlafen hat.
Sein Sohn Bradley sitzt seit Juli in der Einzelzelle eines Militärgefängnisses.
In Quantico, einer Kaserne der Marineinfanteristen bei Washington, wartet der
Obergefreite, der Wikileaks eine Viertelmillion diplomatische Depeschen
zugespielt haben soll, auf seinen Prozess. "Es ist so schockierend, dass ich
mein Schweigen breche", sagt sein Vater. "Ihr habt die rote Linie überschritten.
Es ist falsch, was ihr tut."
Manning senior meint das Militär, dem er sich nach wie vor in Treue
verpflichtet fühlt. Er war selber Berufssoldat, Geheimdienstspezialist bei der
Navy. Das Wort Disziplin gehört zu seinen Lieblingsvokabeln, dem Spross riet er
zum Eintritt in die Armee, "weil er Struktur in seinem Leben brauchte".
Eigentlich wollte sich Brian Manning vor Prozessbeginn nicht in der
Öffentlichkeit zu Wort melden. Nun aber könne er nicht anders, er müsse Alarm
schlagen, sagt er in einem Interview mit dem US-TV-Magazin Frontline. Die
Art, wie sein Sohn behandelt werde, erinnere ihn an das Lager Guantánamo. "Sie
machen sich Sorgen um Leute dort unten auf einer Basis in Kuba. Aber hier haben
wir jemanden auf unserem Boden, und sie springen so mit ihm um."
Manning musste nackt schlafen
Eine Zeitlang durfte Bradley Manning nur nackt auf seiner Pritsche schlafen.
Unbekleidet musste er vor seinen Wächtern strammstehen. Inzwischen lässt das
Pentagon wissen, dass man den Gefangenen nachts wieder Sachen anziehen lässt.
Die monatelange Isolation hat indessen eine Gruppe amerikanischer Ärzte auf den
Plan gerufen. Besorgt sprechen die "Physicians for Human Rights" von derselben
Taktik, wie sie in Guantánamo gegenüber Terrorverdächtigen angewandt wird. "Wenn
Sie einen Menschen menschlicher Kontakte berauben, kann das auf Folter
hinauslaufen", protestiert Susan McNamara, eine Psychologin. "Es zielt darauf
ab, Menschen psychisch zu brechen."
Seit dem 18. Jänner, gab Bradley Manning in einem Gespräch mit seinem Anwalt
an, werde er als selbstmordgefährdet eingestuft, was bedeute, dass er seine
Zelle nicht verlassen dürfe. Anlass sei eine Episode, die man ihm als
unberechenbares Verhalten ausgelegt habe. An diesem Tag hätten ihn vier
Wachleute, zuvor in aller Regel ruhig und professionell, auf merkwürdige Weise
herumkommandiert. "Dreh dich nach links, befahl der Erste. Als ich es tat,
brüllte der Zweite: 'Nicht nach links!'". Als ich versuchte, seinen Befehl zu
befolgen, rief der Erste: 'Nach links!". "Yes, Corporal", habe er geantwortet,
worauf sich ein dritter Wärter eingemischt habe: "Wir sind hier bei den Marines,
hier antworten wir mit Aye, nicht mit Yes". (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 17.3.2011)