Der Filmausschnitt der Stunde: Fujiyama in Rot - Von Bert Rebhandl
Seit einigen Jahrzehnten werden Katastrophen häufig von einem Satz begleitet, der auf eine Umkehrung der Verhältnisses zwischen Wirklichkeit und Bild hindeutet: "Das ist ja wie in einem Film", so hieß es vor allem nach dem von Terroristen verursachten Unglück am 11. September 2001.
Auf das, was in Japan geschehen ist und gerade geschieht, passt dieser Satz nun aber gar nicht, wenn derzeit auch verschiedentlich Texte geschrieben werden, die eine Imaginationsgeschichte des Atomaren in der japanischen Nachkriegskultur ausmachen. Diese steht allerdings deutlich im Zeichen der Bombe und nicht des Reaktors.
Dagegen steht vor allem ein Ausschnitt aus einem Film von Akira Kurosawa, der in diesen Tagen mehrfach auf die einschlägigen Videoportale hochgeladen wird und deswegen leicht zu finden ist: Die knapp achtminütige Sequenz Fujiyama in Red entstammt dem späten Film Dreams, der zu Lebzeiten des japanischen Meisters eher zwiespältig aufgenommen wurde.
Man kann auch sehen, warum das so war: Die Unmittelbarkeit, mit der hier das Katastrophenfilmmotiv in eine Logik des farbenprächtigen Alptraums übersetzt wurde, galt vielfach als naiv.
Eben dies erweist sich aber nun als die Stärke dieses ungeheuer einprägsamen Stücks: Es spielt ganz zentral mit dem ikonischen Anblick des nationalen Heiligtums, des Bergs Fuji, auf den die Menschen hier aber nicht kontemplativ, sondern voller Angst starren. Der Fuji ist glühend rot, das deutet auf eine Naturkatastrophe hin, auf einen Vulkanausbruch.
Doch die Sache verhält sich pointiert anders. Das Rot des Fuji stammt von einem Unglück, das sich hinter der sakralen Erscheinung abspielt, von einem Unglück, das die Menschen gemacht haben. Sechs atomare Reaktoren explodieren, es gibt kein Entkommen, denn "Japan ist zu klein".
Ein paar versprengte Überlebende, eine klassische postapokalyptische Zufallsmenge mit einem Jedermann, einem Intellektuellen, einer Mutter mit zwei Kindern finden sich am Meeresufer vor die letzte Entscheidung gestellt: ins Wasser gehen oder sich der Strahlung aussetzen?
Kurosawas Episode war nie so gedacht, dass sich die Wirklichkeit eines Tages "wie" dieser Film ergeben würde, sondern es handelt sich um ein Menetekel im ursprünglichsten Sinn - um eine Schrift an der Wand, die nun an den Wänden der Videoportale ein Moment von visionärer Klarheit in die allgemeine Ungewissheit bringt.
CARGO ist eine eine in Berlin erscheinende Vierteljahreszeitschrift und ein Onlinemagazin zu den Themen Film, Medien und Kultur. derStandard.at/Kultur präsentiert in unregelmäßiger Folge Beiträge von CARGO.
Hinweis: das youtubevideo ist komisch eingebunden. du kannst nicht grossstellen (was i.d.f. nicht so wichtig ist)
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