Erdbeben in Japan

Die Leere nach dem Beben

Mark T. Fliegauf, 16. März 2011, 09:41

8917 Kilometer liegen zwischen Tokio und Berlin. Und eine gigantische Leere. Denn auf der Strecke ist die Menschlichkeit verloren gegangen

Ein Bild. Surreal. Es ist die Kreuzung vor Shibuya Eki, dem Bahnhof des Tokioter Vergnügungsviertels. Fünf Jahre ist es her, dass ich hier täglich ein- und ausstieg. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und immer hat mich diese Kreuzung mit ihren riesigen Zebrastreifen an einen Warhol'schen Ameisenhaufen erinnert. Stets bunt eingefärbt, stets voller Menschen, stets in Bewegung. Nun sehe ich auf das Foto einer Presseagentur. Dieselbe Kreuzung - leer. So leer wie das Herz des politischen Berlins.

Menschenleere ...

Es ist eine gespenstische Leere, die mein Herz aufwühlt. Menschenleere. Ich lese die Nachrichten neben dem Foto: Reaktorblock 4, radioaktive Wolke, Nachbeben. Und denke an eben jene Menschen, die mir in meiner Zeit in Japan so ans Herz gewachsen sind. Maru, meinen „japanischen Bruder", Tomomi, Natsuko und Toshi. Toshi schrieb mir nach dem Beben: „Ich bin am Abend in meine Wohnung zurückgekommen. Sie war total verwüstet. Ich war schockiert. Dann fiel mir ein, dass ich sie morgens ja genauso zurückgelassen hatte." Ich musste lachen. Allen vieren geht es gut. Mir nicht.

... und menschliche Leere

Denn ich verfolge, wie dieses Unglück missbraucht wird. Felix, ein Würzburger Jungliberaler, lässt mich wissen, dass er "als letzte Mahlzeit vor dem Deutschland bevorstehenden Weltuntergang mit gutem Gewissen Schnitzel anstatt Jodtabletten" isst. Inzwischen protestieren medienwirksam Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin für den Atomausstieg (ein Anliegen, das ich nur unterstütze). Da ist er also wieder: Jürgen Trittin, dem jede Menschlichkeit abhandenkommt, wenn er Katastrophen für politische Zwecke nutzen kann. Derweil geißelt Alexander Görlach die moralische Degeneration der Opposition. Um unter dem Deckmantel der Pietät selbst politisch zu punkten.

Menschlichkeitsleere

In Japan spielt sich eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes ab. Doch dies interessiert das politische Berlin - wenn überhaupt - erst in zweiter Linie. Und wer von uns weiß nicht schon jetzt, worum sich die Talkshows und Leitartikel in den nächsten Tagen drehen werden? Empathie hat hier keinen Platz. Kann sie überhaupt einen haben? Schließlich ist sie doch ein Grundelement von Humanität. Und jene verbindet unsere abendländische Kultur mit den konfuzianischen Wurzeln Japans.

Ich habe Tränen in den Augen. Mein Freund Yuuki verlässt gerade unsere Wohnung. Er fliegt nach Tokio. Zu seiner Familie. Ins Ungewisse. Er fragt mich, woran ich denke. Ich würde es ihm gerne sagen. Doch Scham steigt in mir hoch. Ein ur-japanisches Gefühl. Und Wut. Denn dieser ganze menschlichkeitsleere Diskurs kotzt mich einfach nur an! (derStandard.at, 16.3.2011)

Autor

Mark T. Fliegauf, The European, ist Journalist, Politologe, Kommentator, er studierte in München, Tokio und Harvard

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Herremuff
01
17.3.2011, 07:41
...dem jede Menschlichkeit abhandenkommt...

man könnte dann auch sagen, dass Herr Fliegauf ein Atomkraftwerklobyist ist -

mit Recht kann jede Firma und jede Regierung, die derart lebens-und menschenbedrohliche und daher UNMENSCHLICHE unternehmungen mit höchstem risiko betreibt
auf das schärfste kritisiert werden
jederzeit!

es ist nur traurig und sehr zu bedauern, dass offenbar
Herrn Fliegaufs ethisches inventarium implodiert ist

hätte man das gehirnschmalz, dass in die kernspaltung investiert wurde
in die friedliche nutzung
der sonnenenergie verwendet -
könnte man sich derartige weltkatastrophen ersparen

Barbara Schett
02
16.3.2011, 23:35
Einseitige Sichtweise

Also diese "The European"-Kommentare sind extrem schwach. Gestern wurde Rot-Grün gebasht und Merkel als neue Vorreiterin für Alternative Energien gesehen, heute Geschimpfe über menschlichkeitsleeren Diskurs und fehlende Empathie.

Die Hilflosigkeit und Angst der Menschen in Japan können doch wohl alle nachempfinden. Aber dass bei Atomenergiekritikern umgekehrt nun die jahrelange Ohnmacht gegen eine freche Atomlobby wieder dem Gefühl der Handlungsfähigkeit weicht, kann man auch nicht als unmenschlich abtun. Der Ton macht natürlich die Musik.

Alkolix
00
16.3.2011, 20:02
genau

da müsste ich ja ständig ärgstens ernsthaft betroffen sein, die lage in japan ist nichts erfreulicheres, aber selbst nach diesem beben um welten besser als in anderen teilen der welt

japan ist halt leichter da kann man selbst nichts dagegen unternehmen - bzw. müsste nicht auf etwas verzichten um zu helfen

Dr. Muffel
00
16.3.2011, 19:35

/signed

Viper001
00
16.3.2011, 19:21
hervorragende

und 150% auch auf Österreich zutreffende Analyse..

avision
00
16.3.2011, 19:10
Doch Scham steigt in mir hoch. Ein ur-japanisches Gefühl. Und Wut.

Die Moral, Scham und Wut – Gefühle von Menschen.
Ein Sprichwort sagt: es ist besser nicht so genau zu wissen wie Würste gemacht vergehen. <<Glänzende Eigenschaften des Geistes erwerben Bewunderung, jedoch nicht Zuneigung. Diese bleibt den moralischen, den Eigenschaften des Charakters, vorbehalten. Zu seinem Freunde wird wohl jeder lieber den Redlichen, den Gutmütigen, ja selbst den Gefälligen, Nachgiebigen und leicht Beistimmenden wählen als den bloß Geistreichen. Nur wer selbst viel Geist hat, wird den Geistreichen zu seiner Gesellschaft wünschen. Seine Freundschaft hingegen wird sich nach den moralischen Eigenschaften richten, denn auf diesen beruht seine eigentliche Hochschätzung eines Menschen, ... Schopenhauer

cash cow1
03
16.3.2011, 16:54
was erwartet sich der autor.

vor genau diesem szenario warnen atomkraftgegner seit jahrzehnten. jetzt passierts und den leuten die wenigstens die atomare katastrophe verhindern wollten, wird ihre absicht zum vorwurf gemacht?

leider ist es nämlich so daß man die betroffenheit nutzen muß weil einem die atomlobby ansonsten irrationales denken vorwirft.
nach tschernobyl konnte man auch denken es gibt ein umdenken und der internationale ausstieg aus der atomenergie sei beschlossene sache, zumindest in den politischen reden damals wurde das in den raum gestellt. 20 jahre später ist alles vergessen, laufzeiten werden verlängert, sogar als "grüne" CO2 neutrale technologie wollte man uns den atomaren wahnsinn verkaufen.

Hofer1002
00
16.3.2011, 16:48
Ich

weiß nicht wieviele Menschenleben das Erdbeben und ein Super Gau in Japan kosten werden,aber ich weiß das mehr Menschen verhungern als an Erdbeben oder Super Gaus zu sterben.Also was soll diese Jammerei,diesmal waren wir nicht die Unglücklichen lasst mich das Feiern das Nächste mal sind vielleicht wir dran.

Sonja S.
26
16.3.2011, 16:46

ich hab tränen in den augen wenn ich so einen Schmus lese :-( sollen politiker öffentlich in tränen ausbrechen?? Klar sind die Menschen bedauernswert und ihnen muss auch geholfen werden - aber wenn durch die Atom-Katastrophe in Japan endlich ein Umdenken in der Atompolitik stattfindet, dann sollte man diese Chance nicht verstreichen lassen.

everyday is like sunday
21
16.3.2011, 19:07

genau. eine katastrophe, die zufälligerweise in Ihren kram passt, ist eine gute katastrophe, oder?
genau auf dieses denken hat sich der autor bezogen. und er hat recht.

cash cow1
01
16.3.2011, 16:42
was erwartet sich der autor.

Sonja S.
02
16.3.2011, 16:57

das jürgen trittin heult?

Dido1000
01
16.3.2011, 16:37
Mitgefühl

Der Artikel von Hrn. Fliegauf hat mir sehr gut gefallen. Ich denke auch, dass Worte wie Pietät, Betroffenheit etwas zu oft und in jedem Fall unangebracht verwendet werden. Denn wenn wir etwas zeigen können, dann wäre das wohl Mitgefühl (Empathie).
Die "wirkliche Betroffenen" haben aber nicht nur ihr ganzes Hab und Gut, Menschen aus ihrer Familie oder Nachbarschaft verloren. Sie wissen derzeit auch ganz einfach nicht, was mit "ihrer" Heimat geschieht.
Kann sich das ein Mensche vorstellen und kein Mitgefühl entwickeln?

pox vobiscum
00
16.3.2011, 17:57

Ich glaube eigentlich, dass die meisten Menschen Mitgefühl entwickeln, wenn sie mit so etwas konfrontiert sind. Nur ist es nicht jedermanns Sache, dieses in aller Öffentlichkeit zu zelebrieren. Und Leuten, denen ein solches Verhalten nicht liegt, die Fähigkeit zu Empathie abzusprechen, ist auch alles andere als empathisch. Außerdem, was hat die Welt und die Betroffenen davon, wenn sich alle möglichst lange und mediengerecht mit Mitgefühlskundgebungen aufhalten? Es gibt doch genug zu tun.

Dido1000
01
17.3.2011, 11:14
Was tun?

Angesichts der bevorstehenden Katastrophe können nur die Japan selbst etwas tun.
Ich fürchte uns bleibt nur das Mitgefühl bzw. Spenden bzw. sich Gedanken über die Atompolitik zu machen!

Agnostiker1
10
16.3.2011, 16:32
Wir wären gut beraten vor unserer eigenen Haustüre....

...zu kehren, als auf andere zu zeigen. Denn unsere politische Usancen sind nicht mehr zu "überbieten".

Sixtus Jetzein
00
16.3.2011, 15:34
Was bitte ist ein 'Warhol'scher Ameisenhaufen'?

E_Rybin
65
16.3.2011, 15:12
Ein treffender Artikel...

ich und andere posten seit Tagen gegen die Pseudobetroffenheit der Österreicher die einzig gegen Atomkraft polemisieren anstatt auch nur einen Funken Mitgefühl für die 100000en aufzubringen, die im Tsunami alles verloren haben...

Dutzende Rotstricherl sind da selbstverständlich, persönliche Beschimpfungen und Bedrohungen kommen meist auch noch dazu

und das beste, diese militanten Kernkraftgegner halten sich moralisch für sooo überlegen, dabei gehts ihnen nur drum, dass ihr Sushi nicht verstrahlt ist (überspitzt ausgedrückt)

Mensch0815
02
16.3.2011, 19:59

So ein Blödsinn. Jeder und jede haben Mitgefühl mit den Japanern. Und viele haben auch eine Wut im Bauch, nämlich auf die, die um die Risiken Bescheid wußten, reagieren konnten und es nicht taten! Und die Spiegelbilder derselbigen auch im eigenen Land sehen. Basta! Sie sollten mal darüber nachdenken, warum es schwer möglich ist, Schuldige zu benennen und dafür zur Verantwortung zu ziehen, ohne dafür von den "Systemerhaltern" abgestraft zu werden. Aber dazu gehört aber neben rhetorischer Moral auch Mumm!

jodaflo
 
00
16.3.2011, 22:15
jeder kennt die risiken!

Sixtus Jetzein
21
16.3.2011, 16:47
Seit wann ist posten aus der geschlossenen Anstalt erlaubt?

jürgen schmid
22
16.3.2011, 16:10
aha

das klingt ja sehr betroffen. ihre message ist nur eine andere, das unterscheidet sie aber nicht von den fanatischen akw-gegern, sie geifern nur aus dem anderen eck. übrigens sie essns sushi gern verstrahlt?

Quatremère
00
16.3.2011, 22:50
sushi

könnts ihr endlich mal aufhören von verstrahlten sushi zu reden? kein einziges in österreich verkauftes sushi wird in japan hergestellt. das nervt, echt.

jürgen schmid
00
17.3.2011, 12:04
habe nicht gewusst

dass Sushi ein urösterreichisches Nationalgericht ist und nur hier gegessen wird. habe da schon eher an die Japaner gedacht!

pox vobiscum
52
16.3.2011, 13:32

Dieser Betroffenheits-Sermon nervt.

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