Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg setzt sich seit mehr als 40 Jahren mit Japan auseinander - ein Gespräch über Hilflosigkeit, Undurchsichtigkeit und japanische Alltagskultur
Wien - Japan, sagt Adolf Muschg, ist ein komplexes Land, das sich dem Außenstehenden, auch wenn er es zu verstehen glaubt, immer wieder entzieht. Und es ist ein Land, das privat (Muschg ist mit einer Japanerin verheiratet, sein Sohn lebt seit 1993 als freier Journalist in Tokio) wie auch literarisch für den Autor wichtig ist. Seit einem mehrjährigen Aufenthalt als Universitätslektor in Tokio hat sich Muschg in zahlreichen Romanen und Essays mit Japan und dessen Verhältnis zum Westen auseinandergesetzt. Muschg, der einmal schrieb, in der Literatur - wie im Leben - ginge es primär darum, die richtigen Fragen zu stellen, merkt gleich zu Beginn des Gesprächs an, dass er Fragen zur privaten Situation seiner Familie nicht beantwortet.
Standard: Was beeindruckt Sie besonders an Japan?
Muschg: Was ich an Japan immer bewundert habe: die wundersame Mischung von Gelassenheit und Diskretion, eine Art Alltagsfrömmigkeit, die mit unserem Verständnis von Religion nichts zu tun hat; sie braucht auch nicht viele Worte. Die japanische Kultur kann man schamhaft und pflichtbewusst nennen; das Wichtigste wird nicht gesagt. Dahinter steht eine bestimmte Haltung, ein obligatorischer Takt. Man will das Gegenüber nicht mit eigenen Problemen beschweren. Anderseits gibt es in Japan einen pfleglichen Umgang mit den naheliegenden Dingen, mit Blumen, Steinen bis zum Essgeschirr, der nicht nur auf Ordnung hält, sondern ihnen auch ihre eigene Schönheit abgewinnt. Kultur ist, wie Religion, nichts für den Sonntag, sondern sie zeigt sich im Alltag, am meisten im Umgang miteinander.
Standard: In Fernsehbildern frappiert die Gelassenheit der japanischen Bevölkerung. Ist das Contenance oder eben Lebenshaltung?
Muschg: Es lässt sich nicht unterscheiden, weil japanische Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen, in der diese Haltung selbstverständlich ist. Drill gibt es auch, aber im Grunde wirkt die ältere Generation nicht durch Belehrung, noch weniger durch Strafe, sondern durch das gelebte Vorbild. Westliche Konstruktionen der Pädagogik greifen da nicht; auch spricht man über sich selbst ungern und über die eigenen Gefühle nur ausnahmsweise. Man verlässt sich darauf, dass der Partner die Zeichen lesen kann. Das funktioniert nur in einer eher geschlossenen, immer noch insularen Kultur. Im Verkehr mit der westlichen erweckt sie den Eindruck der Undurchsichtigkeit.
Standard: Es geht darum, das Bild gegen außen zu wahren?
Muschg: Japan kennt seine natürlichen Grenzen vielleicht besser als wir; es hat mehr als 250 Jahre versucht, sie gegen die Geschichte dicht zu machen und erlebt, dass es auch damit an eine Grenze stößt. Das Gesetz der Natur hat über ihre Geschöpfe Vergänglichkeit verhängt, also auch für jeden Menschen den persönlichen Tod; dieser Tatsache mit Gelassenheit, ja mit Leichtigkeit und Würde zu begegnen gehört zu den merkwürdigsten Errungenschaften der japanischen Kultur. Sie kennt eine Ästhetik des Todes wie keine andere. Und sie hat daran gearbeitet, dass das Gefühl der Pflicht größer bleibt als das der Todesangst.
Standard: Kernenergie gilt in Japan trotz Hiroshima als wichtige Technologie.
Muschg: Das Trauma Hiroshima - schamhaft behandelt - sitzt tief in der japanischen Nachkriegsgeneration. Es hat gewissermaßen die eigene Kriegsschuld mit einem exemplarischen Opfer versiegelt, wie man Tschernobyl unter Beton begraben hat. Die Atomenergie in eine Kraft des Friedens, des wirtschaftlichen Gedeihens zu verwandeln gehörte darum zu den großen Nachkriegsleistungen Japans, real und symbolisch. Sollte sie jetzt durch Fukushima annulliert werden, wäre das viel mehr als eine technische oder wirtschaftliche Katastrophe.
Standard: Spielt diese psychologische Dimension auch bei uns mit?
Muschg: Psychologie in Ehren, vor allem drängt sich eine reale Revision unseres Umgangs mit der Atomkraft auf, der sich ja auch, endlich bis in die Regierungsetagen, abzuzeichnen beginnt: Man kann nur hoffen, dass das Menetekel den Verantwortlichen nachhaltig genug in die Knochen gefahren ist. Man kann nicht sicherer mit Atomkraft umgehen als die Japaner - das heißt, man kann gar nicht mit ihr umgehen. Aber die Japaner zahlen einen schrecklichen Preis für diese Einsicht. Es ist kein Trost, dass sie es gefasster tun als jedes andere Volk dieser Welt. Die Nachricht - auch wenn sie noch so schonend kommuniziert wird - lautet: In Fukushima ist das Unvorstellbare eingetreten, und die Welt muss danach handeln. Sie ist in diesem März 2011 eine andere geworden - die Katastrophe hat sie zur Kenntlichkeit entstellt.
Standard: Wie soll man mit der Hilflosigkeit umgehen?
Muschg: Wenn Fukushima etwas Gutes haben sollte, dann die Hoffnung, dass es unsere Hilflosigkeit nicht nur aufgedeckt hat, sondern zu ihrer Anerkennung verpflichtet. Um mit unseren Grenzen leben zu können, müssen wir sie endlich ernst nehmen. In religiöser Sprache heißt das Metanoia, was man nicht als Buße übersetzen muss: Es bedeutet Sinneswandlung, Umkehr. Das ist die Voraussetzung für ein gutes Leben, an dem auch ein würdiger Tod hängt. Man kann sich vor den Japanern nur verneigen, die ihn gefunden haben, wahrhaftig ohne ihn zu suchen. Der Beweis, ob er irgendeinen vernünftigen Sinn hatte, steht bei uns. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 3. 2011)
Adolf Muschg, geboren 1934, ist Autor und Literaturwissenschafter. Von
1970 bis 1999 war er Professor für deutsche Sprache an der ETH Zürich,
von 2003 bis 2006 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Muschg
hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Sein Werk
wurde u. a. mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet.