"Das Wichtigste wird nicht gesagt"

15. März 2011, 18:09
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    foto: apa/dpa / martin ruetschi

    In der Literatur wie im Leben die richtigen Fragen stellen: Adolf Muschg.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg setzt sich seit mehr als 40 Jahren mit Japan auseinander - ein Gespräch über Hilflosigkeit, Undurchsichtigkeit und japanische Alltagskultur

Wien - Japan, sagt Adolf Muschg, ist ein komplexes Land, das sich dem Außenstehenden, auch wenn er es zu verstehen glaubt, immer wieder entzieht. Und es ist ein Land, das privat (Muschg ist mit einer Japanerin verheiratet, sein Sohn lebt seit 1993 als freier Journalist in Tokio) wie auch literarisch für den Autor wichtig ist. Seit einem mehrjährigen Aufenthalt als Universitätslektor in Tokio hat sich Muschg in zahlreichen Romanen und Essays mit Japan und dessen Verhältnis zum Westen auseinandergesetzt. Muschg, der einmal schrieb, in der Literatur - wie im Leben - ginge es primär darum, die richtigen Fragen zu stellen, merkt gleich zu Beginn des Gesprächs an, dass er Fragen zur privaten Situation seiner Familie nicht beantwortet.

Standard: Was beeindruckt Sie besonders an Japan?

Muschg: Was ich an Japan immer bewundert habe: die wundersame Mischung von Gelassenheit und Diskretion, eine Art Alltagsfrömmigkeit, die mit unserem Verständnis von Religion nichts zu tun hat; sie braucht auch nicht viele Worte. Die japanische Kultur kann man schamhaft und pflichtbewusst nennen; das Wichtigste wird nicht gesagt. Dahinter steht eine bestimmte Haltung, ein obligatorischer Takt. Man will das Gegenüber nicht mit eigenen Problemen beschweren. Anderseits gibt es in Japan einen pfleglichen Umgang mit den naheliegenden Dingen, mit Blumen, Steinen bis zum Essgeschirr, der nicht nur auf Ordnung hält, sondern ihnen auch ihre eigene Schönheit abgewinnt. Kultur ist, wie Religion, nichts für den Sonntag, sondern sie zeigt sich im Alltag, am meisten im Umgang miteinander.

Standard: In Fernsehbildern frappiert die Gelassenheit der japanischen Bevölkerung. Ist das Contenance oder eben Lebenshaltung?

Muschg: Es lässt sich nicht unterscheiden, weil japanische Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen, in der diese Haltung selbstverständlich ist. Drill gibt es auch, aber im Grunde wirkt die ältere Generation nicht durch Belehrung, noch weniger durch Strafe, sondern durch das gelebte Vorbild. Westliche Konstruktionen der Pädagogik greifen da nicht; auch spricht man über sich selbst ungern und über die eigenen Gefühle nur ausnahmsweise. Man verlässt sich darauf, dass der Partner die Zeichen lesen kann. Das funktioniert nur in einer eher geschlossenen, immer noch insularen Kultur. Im Verkehr mit der westlichen erweckt sie den Eindruck der Undurchsichtigkeit.

Standard: Es geht darum, das Bild gegen außen zu wahren?

Muschg: Japan kennt seine natürlichen Grenzen vielleicht besser als wir; es hat mehr als 250 Jahre versucht, sie gegen die Geschichte dicht zu machen und erlebt, dass es auch damit an eine Grenze stößt. Das Gesetz der Natur hat über ihre Geschöpfe Vergänglichkeit verhängt, also auch für jeden Menschen den persönlichen Tod; dieser Tatsache mit Gelassenheit, ja mit Leichtigkeit und Würde zu begegnen gehört zu den merkwürdigsten Errungenschaften der japanischen Kultur. Sie kennt eine Ästhetik des Todes wie keine andere. Und sie hat daran gearbeitet, dass das Gefühl der Pflicht größer bleibt als das der Todesangst.

Standard: Kernenergie gilt in Japan trotz Hiroshima als wichtige Technologie.

Muschg: Das Trauma Hiroshima - schamhaft behandelt - sitzt tief in der japanischen Nachkriegsgeneration. Es hat gewissermaßen die eigene Kriegsschuld mit einem exemplarischen Opfer versiegelt, wie man Tschernobyl unter Beton begraben hat. Die Atomenergie in eine Kraft des Friedens, des wirtschaftlichen Gedeihens zu verwandeln gehörte darum zu den großen Nachkriegsleistungen Japans, real und symbolisch. Sollte sie jetzt durch Fukushima annulliert werden, wäre das viel mehr als eine technische oder wirtschaftliche Katastrophe.

Standard: Spielt diese psychologische Dimension auch bei uns mit?

Muschg: Psychologie in Ehren, vor allem drängt sich eine reale Revision unseres Umgangs mit der Atomkraft auf, der sich ja auch, endlich bis in die Regierungsetagen, abzuzeichnen beginnt: Man kann nur hoffen, dass das Menetekel den Verantwortlichen nachhaltig genug in die Knochen gefahren ist. Man kann nicht sicherer mit Atomkraft umgehen als die Japaner - das heißt, man kann gar nicht mit ihr umgehen. Aber die Japaner zahlen einen schrecklichen Preis für diese Einsicht. Es ist kein Trost, dass sie es gefasster tun als jedes andere Volk dieser Welt. Die Nachricht - auch wenn sie noch so schonend kommuniziert wird - lautet: In Fukushima ist das Unvorstellbare eingetreten, und die Welt muss danach handeln. Sie ist in diesem März 2011 eine andere geworden - die Katastrophe hat sie zur Kenntlichkeit entstellt.

Standard: Wie soll man mit der Hilflosigkeit umgehen?

Muschg: Wenn Fukushima etwas Gutes haben sollte, dann die Hoffnung, dass es unsere Hilflosigkeit nicht nur aufgedeckt hat, sondern zu ihrer Anerkennung verpflichtet. Um mit unseren Grenzen leben zu können, müssen wir sie endlich ernst nehmen. In religiöser Sprache heißt das Metanoia, was man nicht als Buße übersetzen muss: Es bedeutet Sinneswandlung, Umkehr. Das ist die Voraussetzung für ein gutes Leben, an dem auch ein würdiger Tod hängt. Man kann sich vor den Japanern nur verneigen, die ihn gefunden haben, wahrhaftig ohne ihn zu suchen. Der Beweis, ob er irgendeinen vernünftigen Sinn hatte, steht bei uns. (Stefan Gmünder/DER STANDARD, Printausgabe, 16. 3. 2011)


Adolf Muschg, geboren 1934, ist Autor und Literaturwissenschafter. Von 1970 bis 1999 war er Professor für deutsche Sprache an der ETH Zürich, von 2003 bis 2006 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Muschg hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Essays veröffentlicht. Sein Werk wurde u. a. mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 201
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e.kronberg
00
16.3.2011, 18:23
Ein Volk dem Hochachtung gebührt.

Vielleicht nehmen sie, die Japaner, sich nicht so wichtig, sehen sie mehr als wir, erkennen sie dass das Leben nur vorrübergehend und in der Gesamtheit des Universums unbedeutend ist?

Bei dieser kargen Einstellung zu sich selbst, der Demut dem Leben gegenüber kann ein würdevolles Sterben erwartet werden.

Nearly Perfect
00
16.3.2011, 22:04
"Demut dem Leben gegenüber"

Aha, deshalb lassen sie es sich wahrscheinlich auch gefallen, daß AKWs gebaut sowie betreiben werden.

Seltsame Demut dem Leben gegenüber - sieht für mich eher nach Todessehnsucht aus.

Entfesselter Prometheus
10
16.3.2011, 17:49
Sehe gesamthaft keine großen Unterschiede

Alle Zivilisationsmenschen auf dieser Welt sind dressierte Pawlowsche Hunde, die über jedes Stöckchen springen das man ihnen hinhält. Das ist der Sinn der Medien, die totale Konditionierung als ergebener Arbeitssklave der Matrix.

Die Unterschiede sind marginal, im Gegensatz zu Menschen ohne Fernsehen und Dauerberieselung, wie beispielsweise Indianer am Amazonas

Thyristor
03
16.3.2011, 22:43

Die Lösung besteht allerdings nicht darin, eine verklärte Vergangenheit gegen eine als unzureichend empfundene Gegenwart auszuspielen.

Zu jenen heimelig imaginierten Amazonasufern führt kein Weg mehr zurück.

Der vierte Lemming von links hinten
00
16.3.2011, 17:47
Mir geht bei dieser ganzen Tragödie

immer wieder der sitzende Junge durch den Kopf, der vollkommen gefasst vor den Trümmern gesessen ist und ruhig darüber berichtet hat, dass er soeben seine ganze Familie und alle seine Freunde verloren hat.
Entweder schweres Trauma, oder eine Selbstbeherrschung, von der ich nicht weiß, ob ich ihn dafür bewundern, oder bemitleiden soll.

Glücklicher Mensch
01
16.3.2011, 18:44
Ob dies tatsächlich mit "vollkommen gefasst"

oder mit "Selbstbeherrschung" bezeichnet werden kann, erscheint mir höchst zweifelhaft.

Auch kann ich die Menschen in Japan weder bewundern noch bemitleiden
(Mitleid ist aus meiner Sicht kontaproduktiv, da wie das Wort schon sagt mit gelitten wird, was einer Leidvermehrung gleich kommt)
bedauern hingegen kann ich sie schon.

Vor allem aber kann ich Ihnen viel viel Glück wünschen, daß nicht noch schlimmeres passiert.

Trash-Flegel
01
16.3.2011, 17:20
Wazn
02
16.3.2011, 17:18
ausgepreßt wie Legehennen

arbeiten die Japaner, (->Karoshi - Arbeiten bis zum Tod), dafür gibt es nur Minipensionen und unglaublich viele Obdachlose unter den Pensionisten, wohlgemerkt: die zig Jahre gerackert haben.

Muschg verklärt geradezu diese Form des Puritanismus.
Alles zurück also? Nicht mehr südliche Lebensfreude, Lockerheit und Genuß als Ideal?

Thyristor
12
16.3.2011, 17:27

Bei diversen gelieferten "Genüssen" der Konsumentengesellschaft bleibt einem allerdings der Bissen im Halse stecken. Kotzen geht aber nicht, weil permanent nachgestopft wird.

Und werden muss, denn sonst schlüge einem gleich die entsetzliche, selbstreferentielle Leere der Veranstaltung auf den Magen.

schmeck.mein.smegma
22
16.3.2011, 16:23
"den anderen nicht belästigen" in europa werden wir tag täglich belästigt!

nichts interessiert, was nicht das eigene selbst interessiert. alles was nicht das eigene selbst begeistert ist schlecht (hansi hinterseer) und muss am besten verboten werden (rauchen) oder zumindest erschwert werden (große autos).

auf den weg in eine verbotsgesellschaft in der alles geregelt und dadurch meist verboten wird was auch nur einer kleinen gruppe zuwiderläuft.

vorschub geleistet durch die opferverehrung der letzten 2000 jahre die transformiert ist weg vom opfergott hin zu unzähligen opfern als real existierenden menschen.

die christliche ethik, die heute jedem menschen abverlangt wird, war füher so nur im klösterlichem leben zu finden. die protestanten haben die klöster abgeschafft und alle menschen zu mönchen gemacht!

x aeins
04
16.3.2011, 17:05

meinst du, du schaust gern Hinterseer, rauchst, fährst grosse Autos, hast aber ein schlechtes Gewissen dabei?
dann bist du ja schon am richtigen Weg, müsstest ihn nur noch durch bissl intellektuellen input unterstützen, um den Unsinn dran auch zu verstehen

peter schmidt
 
00
17.3.2011, 16:10
und dann einfach noch einen schritt weiter

um zu verstehen, dass es aber auch sein Recht ist Unsinn zu treiben.

Karl Kuketz
13
16.3.2011, 16:56
"nichts interessiert, was nicht das eigene selbst interessiert."

gute Selbstbeschreibung von dir, unterstrichen durch deine selbstsüchtigen Auslassungen danach.

Anton J. Helmreich
04
16.3.2011, 16:21

schön gesprochen - auf realistisch übersetzt:

der japaner steckt voller scham - das schlimmste für ihn ist, sein gesicht zu verlieren - das passiert in erster linie durch das zeigen von gefühlen
im klartext - sie haben die gleichen gefühle wie wir alle - sie sin nur nicht in der lage diese zu zeigen

das hat hier positive auswirkungen - keine panik (zumindest nicht zeigen) - aber was machts für einen unterschied ...

grundsätzlich ist in japan - nicht zuletzt dadurch die selbstmordrate sehr hoch

ob das wünschenswert ist sei dahingestellt

.::add fuel to the fire::.
00
16.3.2011, 16:35
die selbstmordrate

ist in salzburg land am allerhöchsten in ganz europa

niewieder nett
 
00
16.3.2011, 18:05

quelle?
ich dachte nämlich es wäre oö so die gegend bezirk grieskirchen.

.::add fuel to the fire::.
00
16.3.2011, 18:16
schmeck.mein.smegma
01
16.3.2011, 16:31

und in finnland nicht zuletzt wegen der gesamtschule?

oder liegt es einmal am licht und das anderemal an gesellschaftlicher legitimation und einen anderen ehrbegriff, unterschiedlicher auffassung von leistungsgedanken, vereinsamung durch großstädte und wegbrechen von familienstrukturen, etc?

interessant auch, dass borderline stark zunimmt und gleichzeitig im öffentlichen raum rollen, konventionen, rituale, etc wegfallen und überall authentizität verlangt wird, das präsentieren des selbst, das borderliner angeblich so schmerzhaft vermissen (oder nur in rudimentärer form zu haben scheinen).

Wahnsinn der Obsoleszenz
71
16.3.2011, 15:43
Wuzikapuzi

aber so a liaba Kasperla aber auch....

Pfff bitte in Anbetracht der Lage kann man
auf solche Beiträge verzichten.

das jüngste Gerücht
30
16.3.2011, 15:37
Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg setzt sich seit mehr als 40 Jahren mit Japan auseinander

Ich würde mich angesichts der derzeitigen Lag in Japan ehr mit denen zusammensetzen wollen.

.::add fuel to the fire::.
13
16.3.2011, 15:25
mein respekt an die japanischen leute

bei uns in europa herrscht grössere panik als in japan selbst

Glücklicher Mensch
00
16.3.2011, 21:05
Die bedauernswerten Menschen in Japan

stehen unter Schock und sind traumatisiert;
in dem Zustand gibt es keine Panik mehr.

.::add fuel to the fire::.
00
17.3.2011, 12:28
und unter was steht österreich und europa ??

Anton J. Helmreich
20
16.3.2011, 16:15

sie meinen also die sterben würdevoll ?

.::add fuel to the fire::.
01
16.3.2011, 16:24
nein eben nicht

ich glaube das mehr leute sterben wenn eine massen panic ausbricht

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