Mit den Russen Gaspreise fixieren

3. November 2016, 19:42
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Das Studium "Europäische Energiewirtschaft" verbindet Technik mit Wirtschaft, Theorie mit Praxis - Ein Semester im Ausland ist verpflichtend

Wenn Russland die Gaspreise erhöht, stöhnt halb Europa auf. Ein Grund mehr, Energie vermehrt durch die Kraft von Sonne, Wasser und Wind zu erzeugen. Wie Photovoltaik-Anlagen aufgebaut sind und wie Windräder funktionieren, das lernen die Studierenden des Studiengangs "Europäische Energiewirtschaft" an der Fachhochschule Kufstein in Tirol.

Und nicht nur das: Die jungen Leute sollen zu Generalisten im Energiebereich ausgebildet werden. Know-How über Energien und Energietechnik machen im Bachelor-Studiengang nur rund ein Drittel des Curriculums aus, auch Betriebswirtschaft, Praxiserfahrung durch Projektarbeit und internationale sowie soziale Kompetenz stehen auf dem Stundenplan. Wer fertig ist, sollte also mit den Russen über Gaspreise verhandeln oder an alternativen Projekten zur Energiegewinnung mitwirken können. "Wir schlagen eine breite Brücke und decken ein weites Spektrum ab, das von Ressourcenkunde bis Energiehandel reicht", erklärt Studiengangsleiter Wolfgang Berger.

HTL als gute Basis

Trotz des relativ hohen betriebswirtschaftlichen Anteils ist das Studium bis zu einem gewissen Grad technisch ausgerichtet: Physik, Elektrotechnik, Netztechnik. Ein traditionell männliches Terrain? "Der Anteil von Mädchen wechselt von Jahr zu Jahr, wenn er bei einem Viertel liegt, ist das schon das Maximum", sagt Berger. Bisher würden sich eben vermehrt Burschen bewerben, viele davon mit HTL-Abschluss. "Wer aus der Schulzeit nicht den technischen Hintergrund mitbringt, hat einen Startnachteil", informiert der Studiengangsleiter.

Verpflichtendes Auslandssemester

Im fünften Semester wird es noch internationaler: Die Studenten verbringen ein verpflichtendes Semester im Ausland. Sie können aus einer der rund 150 Partner-Hochschulen, von Argentinien über Indien bis zu den USA wählen. "Dabei geht es nicht um Strick- oder Kochkurse – die Studierenden müssen ganz bestimmte Vorlesungen besuchen", hebt Berger hervor. Es soll ja schließlich auch im Ausland ernsthaft studiert werden. "Wenn sie zurückkommen, erkennen wir einen deutlichen Unterschied. Man merkt, dass ein Reifeprozess erfolgt ist."

Die 23-jährige Kristin W. aus Rosenheim in Bayern verbrachte ihr Auslandssemester in Portugal. Sie hat besonders vom Erlernen einer weiteren Fremdsprache und der neuen, kulturellen Erfahrung profitiert. Stefan U. zog es etwas weiter weg: Er studierte ein Semester lang in Mexiko: "Hier konnte ich meine bereits an der FH erworbenen Spanisch-Kenntnisse enorm verbessern, was mir im Berufsalltag bereits mehrmals weitergeholfen hat", so der 24-jährige Südtiroler.

Praktikum als Jobeinstieg

Im sechsten Semester steht ein mindestens zehnwöchiges Berufspraktikum am Programm. Häufig wird dort der Grundstein für die berufliche Zukunft gelegt, nicht selten können die Studenten später im selben Unternehmen anfangen. So auch die beiden Absolventen, die als Analysten in Beratungsunternehmen arbeiten. "Meine täglichen Aufgaben bestehen unter anderem darin, Marktprognosen für die zukünftige Entwicklung der Energiewirtschaft zu erstellen sowie Statistiken über den historischen und derzeitigen Energiemarkt auszuwerten", so Kristin.

Als weitere Jobmöglichkeiten nennt Studiengangsleiter Berger große deutsche Ingenieurgesellschaften oder Stromversorger. Weitere potenzielle Arbeitgeber sind Energiespar-Institute, Energieagenturen, energieintensive Industriebetriebe, die Öffentliche Hand sowie Forschungseinrichtungen.

Einblick in die Praxis

Das Masterstudium ist berufsbegleitend, im Vordergrund stehen neben der Energiewirtschaft
betriebswirtschaftliche Themen sowie Management und Führung. Es unterrichten vor allem Lektoren, die in der Industrie Führungspositionen innehaben. "Die Studierenden stehen ja selbst schon bis zu zehn Jahre im Berufsleben, da bringt es wenig einen Lektor einzusetzen, der gerade selbst promoviert hat", erläutert Berger. Es gehe darum, aus dem "Nähkästchen der Praxis" zu plaudern und zu erzählen, wie es in den jeweiligen Unternehmen zugehe. Die Absolventen sollen später unter anderem in Beratungsunternehmen, als Energieeinkäufer in Industriebetrieben, als Researcher und Analysten in Banken oder in Regulierungsbehörden unterkommen. (Maria Kapeller, derStandard.at)

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