Tsunami in Japan

Der schwere Abschied

Yascha Mounk, 15. März 2011, 09:59

Solange es AKWs gibt, müssen wir mit der Gefahr eines Super-GAUs leben. Ein sofortiger Atomausstieg wäre trotzdem falsch

Fukushima, Reaktor 1. Fukushima, Reaktor 3. Tokai. Onagawa. Japans Nuklearmeiler stehen am Rande der Katastrophe. Noch immer ist nicht sicher, dass sich ein Super-GAU verhindern lässt.

Japan, diesem so hoch entwickelten und effizienten Land, bleibt nur bibbern und hoffen. Denn eine Katastrophe in Fukushima oder in Tokai oder auch in Onagawa hätte noch nie da gewesene Folgen. Japan ist dreißigmal dichter besiedelt als die Gegend um Tschernobyl. Was passiert, falls ein großer Teil des Landes für Jahrzehnte verstrahlt wird? Und was, falls Tokio unbewohnbar wird?

Die Antworten auf diese Fragen werden wir hoffentlich nie erfahren. Eines ist seit diesem Wochenende trotzdem klar: die Legitimität der Kernkraft ist dahin. Auf lange Dauer lassen sich die apokalyptischen Risiken, die von Atommeilern ausgehen, einfach nicht verantworten.

Unknown Unknowns

Die Katastrophe in Tschernobyl konnten wir noch auf den Kommunismus schieben. Bei uns, in hoch entwickelten Demokratien, würde so etwas schon nicht passieren, redeten wir uns fromm ein.

Dieser Zweckoptimismus war aber verlogen. Natürlich lässt sich die Gefahr des Atoms durch raffinierte Sicherheitssysteme und strikte Vorschriften verkleinern. Ein Restrisiko bleibt trotzdem bestehen.

Warum dem so ist, erklärt uns ausgerechnet ein guter Freund der Atomindustrie: Donald Rumsfeld. In Bezug auf den Terrorismus behauptete er einst, dass wir uns gegen known unknowns - also gegen Gefahren, die wir im Voraus kennen - recht gut wappnen können. Es gibt aber auch unknown unknowns: Gefahren, die wir nicht einmal erahnen können. Gegen diese kann uns weder die neueste Technologie noch der beste politische Wille zureichend schützen.

Deshalb lässt sich ein weiterer Super-GAU selbst dann nicht ausschließen, falls die Nuklearindustrie die richtigen Schlüsse aus dem Tsunami zieht. Irgendwo werden irgendwann die unknown unknowns so zusammenspielen, dass der Schlimmstfall eintritt. Vielleicht weit weg. Vielleicht in, oder nahe, Deutschland.

Für unseren Strom bezahlen wir also nicht nur mit teuren Euros, sondern auch mit der Teilnahme an einer Art Russischem Roulette. Wir wissen, dass sich früher oder später ein furchtbarer Unfall ereignen wird. Warum machen wir trotzdem gute Miene zum bösen Spiel? Weil wir alle hoffen, dass der Todesschuss jemand anders treffen möge.

Ein sofortiger Atomausstieg wäre unmoralisch

Nein, die Gefahren der Kernkraft sind nicht mehr zu leugnen. Aber ein sofortiger Atomausstieg wäre trotzdem falsch. Diese Meinung mag zynisch klingen: Wie kann man in einer so wichtigen Frage den Eigennutz über die Moral stellen? Sie ist aber nicht zynisch, denn der sofortige Atomausstieg wäre nicht nur unpraktisch: Er wäre auch unmoralisch.

In Deutschland beziehen wir etwa ein Viertel unseres Stroms aus Kernkraftwerken. Bei unseren Nachbarn in Frankreich sind es sogar um die drei Viertel. Was würde passieren, wenn wir diese Stromquellen einfach abdrehen?

Auf kurze Sicht gäbe es zwei mögliche Folgen. Entweder müssten wir noch viel stärker als jetzt schon auf Öl und Gas setzen. Dann würden wir aber die Erderwärmung noch schneller anheizen - und auch auf Diktatoren, von Putin bis hin zu Gaddafi, wären wir dann noch hoffnungsloser angewiesen.

Oder wir müssten unseren Energiekonsum drastisch drosseln. Dies würde aber eine wirtschaftliche Katastrophe bedeuten - und leider treffen Wirtschaftskrisen, wie wir in den vergangenen Jahren weltweit erlebt haben, die Ärmsten am härtesten.

Ein sofortiger Atomausstieg ist also eine Scheinlösung. Er lindert eine Gefahrenquelle - verschlimmert aber gleichzeitig andere, genauso ernste Risiken.

Wie man sich bettet, so liegt man

Auf lange Sicht ist die richtige Antwort auf die (Beinahe-)Katastrophe in Japan recht klar. Zum einen muss die Laufzeitverlängerung für marode Atommeiler gekappt werden. Zum anderen muss die gesamte Weltgemeinschaft massiv in erneuerbare Energien investieren. Wenn Angela Merkel das Thema Atomkraft aus der triumphierenden Hand von Grünen und SPD reißen will, muss sie hier eine Vorreiterrolle spielen.

Auf kurze Sicht allerdings gibt es schlicht kaum etwas, was wir tun können. Über Jahrzehnte hinweg hat unsere Klimapolitik uns von Öldespoten und Atommeilern abhängig gemacht. Tja: Wie man sich bettet, so liegt man. Auf absehbare Zeit werden wir von Öldespoten und Atommeilern abhängig bleiben. Daran ändert selbst der japanische Tsunami nichts. (derStandard.at, 15.3.2011)

Autor

Yascha Mounk, The European, studierte in Cambridge Geschichte, ist Herausgeber des von ihm mitbegründeten Magazins "The Utopian"

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Posting 1 bis 25 von 65
1 2
Heavyweather
00
16.3.2011, 15:54

Es kann ja nicht so schwierig sein ein paar Millionen Euro in die Hand zu nehmen und bestehende Technologien ein zu kaufen bzw. sich an deren Entwicklung und Ausbau zu beteiligen.

Nur zwei Beispiele.
Das italienische Kitegen.
http://www.facebook.com/pages/Kit... 3033232738

und, mit österreichischer Beteiligung, Crystalsol.

sociovation
00
16.3.2011, 08:54
Die Beibehaltung der gegenwärtigen

Energie- und Wirtschaftspolitik trifft ebenso die Ärmsten.
So what?

Erindjah
01
16.3.2011, 10:26
Es gibt noch eine dritte Möglichkeit.

Ein neues Wirtschaftssystem, auf Kooperation und nicht Konkurrenz aufgebaut. Siehe Christian Felbers Bücher!!!

Sepp Maier
03
16.3.2011, 08:13

Jede (anlassbezogene) Panikreaktion ist unangebracht.

Man kann aber (spätestens jetzt und bis zum nächsten Mal) erkennen, dass der Nutzen offenbar in keinem Verhältnis zu dem damit verbundenen Risiko steht.

Ich wünsche mir eine starke Lobby für alternative, weniger risikoreiche Energiequellen, die denjenigen der Erdöl- und Atomlobby die Stirn bieten kann.

max1210
01
16.3.2011, 08:11

Was nutzt mir eine tolle Wirtschaft, außer daß wegen permanenten Steigerungen schön langsam alle mit Burnout ausfallen, und die Lebensqualität permament sinkt. Verzichten wir mal auf Wirtschaftssteigerungen, geben wir uns mit etwas weniger zufrieden, machen unser Leben sicherer uns steigen aus der Atomkraft weltweit komplett aus, und in demokratischen Ländern muß der Ausstieg durchsetzbar sein, ich denke nicht daß es jetzt noch viele gibt die pro Atom sind.

.MS.
03
16.3.2011, 07:53
Als ginge es darum irgend etwas übers Knie zu brechen

Es kann sofort begonnen werden konsequent in erneuerbare Energien zu investieren (Österreich ist da hinter Deutschland). Die AKW sollten dann nach Risiko gereiht vom Netz gehen. Gleich anschließend die auf fossilen Brennstoffen basierenden Kraftwerke.
Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wenn wir heute nicht anfangen stehen wir morgen blöd da.

smile file
01
16.3.2011, 07:27
....

für jede verbrauchte Kilowattstunde kassiert der Betreiber,- und die Gewinne gehen an die Aktionäre. Also warum sollte Energieverbrauch reduziert werden, wenn es doch ein gutes Geschäft ist. Es gibt sicher schon umsetzbare Konzepte ganze Häuser mit Energie autark zu versorgen, bloss liegen die in den Laden der Energiekonzerne...
Alles bloss Scheinfechterei!

checkmate
11
16.3.2011, 05:44

So ungern man das hier auch hören mag:

Die Masse der Atomkraftgegner ist teilschuld daran, das es immer noch die alten Reaktoren z.B. in Deutschland gibt. Jeder Neubau eines AKW wird massiv verdammt (selbst wenn dabei ein alter Meiler vom Netz genommen wäre), auch wenn jedem klar sein müßte, das das ein enormer Sicherheitsgewinn wäre. Aber man muss ja eine Technologie grundsätzlich verdammen.
Seit Jahrzehnten!! predigen dieselben Leute "Man muss eben Energie einsparen" + AE. Nur wächst in denselben Jahrzenhten der Energiemarkt um 3% jährlich, statt Atommeilern errichtet man eben Kohlekraftwerke und fürs gute Gewissen pflazt man sich eben eine PV-Anlage aufs Dach. Die installierte AE deckt gerade mal den Zuwachs von 3%.
Man wird sich ents

max1210
01
16.3.2011, 08:17

Auch ein neues AKW ist nicht 100,00% sicher, und somit darf es, bei den Schäden die es im Falle einer Katastrophe verursachen kann, nicht laufen. Die einzig richtige Lösung ist so schnell wie irgend möglich aus der Atomkraft raus, dann gibts auch keine Diskussionen in manchen dubiosen Ländern wozu mit Uran geforscht wird, denn dann gibts keine Forschung mehr mit diesem Material.

Die kritische Stimme
03
16.3.2011, 07:42
So ungern...

Wäre die Masse der Atomgegner wirklich erfolgreich, hätten wir bereits einen Anteil an erneuerbaren Energien von mindestens 25 %.

Nicht die Masse der Atomgegner ist schuld, sondern macht- und geldgeile Menschen, die Unverantwortliches durchdrücken. Dazu kommt noch, dass nahezu alle AKWs, auch neue, dieselbe Doppel-Sicherheitslücke aufweisen, die jetzt zum Ausfall in Fukushima geführt hat. Es war nämlich nicht das Erdbeben schuld, sondern der Tsuami hat einen schweren Sicherheitsmangel "ausgenützt", den auch ein militärischer Angreifer nutzen kann.

Und den "Berechnungen" glaubt jetzt sowieso keiner mehr. Alle statistischen 30 Mill. Jahre ein Super-GAU? Komisch, wir haben gerade Nr. 4, 5, 6 und 7. In nur 50 Jahren.

momodeluxe
02
16.3.2011, 07:29

die akw-gegner sind wahrscheinlich auch schuld dran, daß die akw's überhaupt gebaut wurden.

verleih nix
00
16.3.2011, 09:41

sicher. sie konsumieren ja auch strom oder?

Bluesman25
 
01
16.3.2011, 05:32
pest oder cholera?

steht man wirklich vor dieser wahl?
ich denke nein.
jede wirtschaftskrise, jede abhängigkeit von den putins und gaddafis dieser welt ist mir weitaus lieber als ein supergau in einem dieser russischen überalterten schrottmeiler die österreich geradezu umzingeln! ein über jahrzehnte verstrahltes und unbewohnbares mitteleuropa hätte unvorstellbare und apokalyptische dimensionen.

byron sully
02
16.3.2011, 01:15

daß ein sofortiger atomausstieg im eigentlichen sinne des begriffs (also sofortige abschaltung aller akw's) nicht geht, ist klar. was aber unbedingt sein sollte, ist ein sofortiger beginn eines atomausstiegs. mit ausnahme von vielleicht frankreich (wo es etwas schwieriger ist) sollte er dann in allen europäischen ländern in maximal zehn jahren finalisiert sein.

pox vobiscum
00
16.3.2011, 09:25

Ungefähr das denke ich mir auch. Und es bleibt noch immer genug Müll übrig, der eine halbe Ewigkeit einer Sonderbehandlung bedarf.

Ihworsned
01
16.3.2011, 00:46

achja: den sogenannten "energiebedarf" gibt es einfach nicht! das wird uns doch nur eingeredet. wenn das angebot an energie etwas zurückgeht, wird der bedarf halt auch kleiner werden, das ist die logische folge, kein mensch muss soviel energie verbrauchen wie wir es heute tun, wir tun es, weil wir es können. können wir es nicht mehr, bricht die welt auch nicht zusammen

Ihworsned
02
16.3.2011, 00:42

unmoralisch wäre es, wenn weiterhin an diesem selbstzerstörerischen konzept der atomenergie festgehalten wird! es gibt keine rechtfertigung für das ausmaß solcher katastrophen, und es liegt doch wohl auf der hand dass es verdammt nochmal *****egal ist, ob der energiebedarf nicht zu 100% gedeckt werden kann, wenn man die atomkraftwerke abschaltet. wir werden sicherlich nicht in der steinzeit landen nur weil wir weniger energie zu verfügung haben. dann läuft der ***** lcd fernsehapparat halt nicht 10 stunden pro tag - big deal! wenn die kleinen weniger fernsehen werden sie wenigstens nicht so fett und verbrauchen weniger energie weil sie nicht so bypass-ops in ihrem leben benötigen. hat alles seine positiven seiten, umdenken ist angesagt.

Christoph Karl Steininger
01
15.3.2011, 23:57
Unknown unknowns verwandelt sich in inevitable inevitabilities!

Wenn man so viele Fehler macht wie die Erbauer und betreiber der AKWs in Japan, dann sind Unfälle vorprogrammiert.
Wo anders als in Japan hätten Tsunamis stattfinden sollen? Und dort baut man ein AKW am Strand?

Diese Art von Gehirnerweichung wird nur im Iran überboten! Busheer liegt genau auf einem Erdebengebiet! Wunderbar!

Die Sicherheitsparameter eines Kernkraftwerks sind sehr eng. Erdbeben sind da schwer einzukalkulieren. Kein Fehler darf passieren!
Bei menschlichem Werk ist das undenkbar!

Wolfgang Ullram
10
15.3.2011, 23:11
ich warte

schon ganz dringend auf einen gastkommentar vom schüssel wolfi, der ja gut bezahlt lobbyist der deutschen e-wirtschaft macht.

wwwtom
01
15.3.2011, 23:08
Richtig wir machen weiter bis es uns trifft, dann können wir immer noch Aussteigen!

Wieso fahren wir nicht regelmäßig wie manche freie (Ex-)Politiker betrunkten mit 200 Sachen durch das Land? Es wäre doch immer wieder praktisch und wir könnten ja dazu noch berechtigt darauf hoffen, dass es ander vor uns erwischt? Wenn es alle machen dürfen könnten wir das auch noch als ein allgemein akezpiertes Risiko sehen! So viel Logik wie die Atomdisskussion auslöst sehe ich selten!

Wolfgang Ullram
01
15.3.2011, 23:08
sind sie akademiker?

so klingts jedenfalls

Solange es AKWs gibt, müssen wir mit der Gefahr eines Super-GAUs leben. Ein sofortiger Atomausstieg wäre trotzdem falsch.

na dann gehens mal mit gutem beispiel voraus und ziehen sie als nachbar neben einen reaktor wie krsko
und diese liga

ach nein, das wollens nicht?

warum sollen es andere wollen?

hunderte km von einem reaktor kann man leicht dafür sein.

ihr artikel ist genauso wie der eines nicht auto besitzers, der pro parkpickerl ist.

wenns einen nicht trifft, kann man leicht goschert sein.

King of Cowards
03
15.3.2011, 21:58

Dieser Artikel zeigt sehr deutlich, wo der Denkfehler in unserer Gesellschaft liegt: Es gibt Leute, die glauben, dass der elektrische Strom vom Baum kommt.

Vielleicht sollten wir unser Bewußtsein ändern und Strom nicht als Selbstverständigkeit ansehen und uns Gedanken über unserem Stromverbrauch machen.
Hat jemand zum Beispiel schon mal eine Nachtaufnahme von Tokio gesehen? Die Stadt ist ein einzgies Lichtermeer.

/ .
01
15.3.2011, 23:06

"Selbstverständigkeit ansehen und uns Gedanken über unserem Stromverbrauch machen. "
interessante wie auch seit jahren bekannte überlegung.
in der tat wird zb. hardware im computer sektor (sehr großer stromfresser - gesamtbetrachtet - wird meist unterschätzt) immer stromverbrauch entlastender.
Eines von vielen Beispielen dessen Entwicklung aber viel zu langsam fortschreitet.
Würde man einen BRUCHTEIL der kosten dieser Kraftwerke alleine für Stromsparende technologien einsetzen - könnte man sich vermutlich jene Kraftwerke einsparen.

Mary Nosch
04
15.3.2011, 21:54
Schönes Beispiel

wie Jahrzehnte an Gehirnwäsche der Energiekonzerne tiefe Furchen im Denkapparat hinterlassen. Die Energiewende ist komplex, aber beherrschbar und leistbar. Atomkraft ist viel komplexer, um nicht zu sagen kompliziert, unbeherrschbar und im Vergleich zu erneuerbarem Strom, selbst aus Photovoltaik, viel zu teuer. Gar nicht zu reden von der strahlenden Erbschaft, die sie UNSEREN Kindern beschert.

pox vobiscum
04
15.3.2011, 19:54

Heiße Luft. Den sofortigen Ausstieg als "unmoralisch" zu bezeichnen, toppt es noch einmal. Der "sofortige" Ausstieg ist praktisch unmöglich. Aber dass schleunigst vermehrt in Richtung erneuerbare Energien investiert, ausgebaut und geforscht werden muss, ist ein alter Hut, auch Uran geht wie Erdöl irgendwann zur Neige.

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