Tokio in der ersten Nacht nach dem Beben, das Bangen um die Familie, die immer noch in Japan festsitzt
Die erste Nacht bricht herein nach dem Beben: Alle U-Bahnen der Metropole haben den Betrieb eingestellt. Das präzise Uhrwerk Tokio hat aufgehört zu ticken. Yukika Kudo ist im Stadtteil Odaiba - den man aus dem Filmen "Bladerunner" und "Babel" - kennt, dort wo sich das futuristische Tokio abspielt. Sie wird sechs Stunden in Stöckelschuhen durch die Kälte wandern, um zu unserem Haus in Shibuya zu gelangen. Das Kind ist im Stadtteil Shinagawa - also weit entfernt. Das Handynetz ist zusammengebrochen. Es besteht kein Kontakt und es ist auch keiner herzustellen. Wir wissen nicht was vor sich geht. Die Hochhäuser wanken nach wie vor wie nackte Bäume im Wind. Yukika ist eine von Hunderttausenden, die den nach Hause Weg zu Fuß antreten.
Nun darf man sich das nicht so vorstellen, als lebte man im dritten Wiener Bezirk und wollte in den 18. Bezirk, den man als Ortskundiger auch ohne Navigation leicht findet. Tokio ist riesig, rund 30 Millionen Menschen leben in der Megametropole und in dieser Nacht wandern sie in Massen stillschweigend im Dunklen durch die Stadt, ständig nach dem Weg fragend.
Ich habe die Katastrophe um wenige Stunden "verpasst". Von Wien aus versuche ich, meine Frau und unser Kind aufzuspüren und auf den Flughafen zu kriegen. Die Familie hat sich geteilt. Mutter und Schwester gehen in den Süden, um sich vor der Atomstrahlung zu schützen. Yukika und Kazuto warten nun seit 47 Stunden auf dem Flughafen Narita, der sich 70 km außerhalb von Tokio befindet, auf den Abflug. Der Flughafenbetrieb wird, ob der heftigen Nachbeben, immer wieder eingestellt ...
Ich nenne Japan seit 20 Jahren meine Heimat. Wenn man dort lebt, ist man Erdbeben gewöhnt, sie werden zum Alltäglichen, auch die, die einem Teller und Bücher von Tisch und Wänden reißen. Ich hatte nie vor ihnen Angst - immer fürchtete ich mich allein vor den Atomkraftwerken, die zweifelsohne bei einem sehr groben Erdbeben betroffen sein mussten. Dies war auch mein erster Gedanke, als ich von dem Megabeben in Tohoku (Nordjapan) erfuhr. Trotz der beiden Atombomben in Hiroshima und Nagasaki ist es den Verantwortlichen gelungen, die Menschen einer derartigen Gehirnwäsche zu unterziehen, dass sie die 55 Atomkraftwerke, die sich auf den vier Hauptinseln befinden, nicht wirklich als Bedrohung empfinden. Dazu kommt, dass der Glaube an die Unfehlbarkeit der Technologie sehr ausgeprägt ist. 'Worst case scenarios' werden ausgeblendet.
Nun, darin sind Japaner anderen Völkern sicher gleich. Wenn man den Menschen lange genug vormacht, dass nichts passieren kann, die Rufe der Warner als Hysterie abtut und im Kanon erstickt, wie soll sich dann Opposition regen? Ich tue mir sehr schwer, Negatives über Japan zu schreiben, weil ich dem Land unendlich viel verdanke, es unendlich liebe. Jedoch als Europäer - der ich wohl immer bleiben werde - kann ich nur betonen, dass Informationspolitik und Demokratieverständnis in Nippon noch zweifelhafter sind als im Westen. In China mag es, was das Internet betrifft, eine Firewall geben, aber die Menschen wissen, wenn sie wollen, sehr genau, wie diese zu umgehen ist. In Japan herrscht Meinungsfreiheit, doch die Informationen sind derart gefiltert, dass an eine objektive Meinungsbildung nicht zu denken ist. Es wird in Schulen nicht gelehrt sich kritisch mit der Welt auseinanderzusetzen. Dies ist zweifellos Japans größtes Manko.
Der Vater Yukikas, Prof. Hideoki Kudo, war einer der Anführer der japanischen Studentenrevolution in den 1970ern, die von allen weltweit die blutigste war, was, wie vieles aus Fernost, nie ins Bewusstsein der Menschen im Westen trat. Alle, die diese Revolution ausfochten, wurden von der "Firma Japan" mit einem lebenslangen Studier- und Arbeitsverbot belegt. Hideoki Kudo gründete eine Privatuniversität, die sich mit alternativen Energieformen beschäftigte. Unter anderem entwickelte er einen Motor, der Wasser verbrennt, und damit Energie erzeugt. Bis heute beschäftigt uns seine Arbeit - er starb 1993 - , weil wir nach wie vor versuchen, seine bahnbrechende Erfindung einem nutzvollen Gebrauch zuzuführen.
Man könnte einen Roman schreiben über all das, was wir mit dem Ding schon erlebt haben - von arabischen Prinzen, die den Motor für viel Geld kaufen und einmotten wollten, bis zu einer Russin, die im Auftrag des KGB die Blackbox zu stehlen versuchte, könnte ich berichten, ohne jemals in den Bereich der Fiktion abzudriften.
In unserem Spielfilm 'AUN - der Anfang und das Ende aller Dinge", der beim diesjährigen Internationalen Filmfestival Rotterdam seine Premiere feierte, haben wir versucht, Prof. Kudo ein Denkmal zu setzen und seine Erfindung in metaphorischer Form in den Vordergrund zu rücken. Unter den gegebenen Umständen erhält dieser Film nun traurige Aktualität, denn der Wissenschafter war immer lautstark gegen die Atomkraft aufgetreten, auf die das Archipel trotz schlimmster Erfahrungen massiv gesetzt hatte, um im Tanz der Nationen der Ersten Welt mithalten zu können.
In "AUN" sind es zwei Wissenschafter, die redlich versuchen eine neue, bessere Welt zu schaffen. Beide scheitern und das Ergebnis ist noch trauriger als das, was uns täglich an Nachrichten aus Japan erreicht...
AUN (A-gyo und Un-gyo) sind die beiden Tempelwächter vor shintoistischen Schreinen in Japan. A steht für Ausatmen, der letzte Atemzug bevor man stirbt und UN steht für das erste Einatmen nach der Geburt - der Anfang und das Ende aller Dinge. Shinto ist die animistische Urreligion Nippons, bevor der Buddhismus im 6. Jahrhundert nach Japan kam. Millionen von Naturgöttern, die täglich mehr werden, wandern von Schrein zu Schrein - von Baum zu Baum. Im Film AUN sagt der Wissenschafter Sekai (=die Erde): "Alles was der Mensch schafft, ist Natur. An Selbstzerstörung zu glauben, ist eine Hybris. Selbst wenn es uns gelänge, die Erde zu zerstören, welch winziger Punkt im Universum die Erde gewesen sein wird." Das klingt fatalistisch und erinnert mich an das teuflische kleine Wörtchen "Shoganai". Dieses bedeutet "sich in sein Schicksal fügen", d. h. man setzt dir ein Hochhaus vor die Tür, du beanstandest es nicht, sondern denkst Shoganai. Der Arzt teilt dir mit, dass du nur noch wenige Wochen zu leben hast, du denkst Shoganai.
Dieses Einstellung zum Leben ist ein Schlüssel zur vermeintlichen Ruhe der Menschen in Japan, im Angesicht der Katastrophe. So zu denken schützt, auf einem Archipel, der 4,5 mal so groß wie Österreich ist, rund 130 Millionen Menschen beherbergt und seit Menschengedenken unter den Launen der Natur leidet. Das Individuum ist keinem höheren Wesen verpflichtet, keinem abstrakten Gott, sondern der Gemeinschaft, dem Gemeinwohl. Die Gesellschaft ist Gott. Und das ist es auch, was dem Volk im Lande der aufgehenden Sonne die Kraft geben wird, mit den apokalyptischen Zuständen umzugehen, und zweifelsohne seine größte Stärke. (Edgar Honetschläger/DER STANDARD, Printausgabe, 15. März 2011)
Zur Person
Edgar Honetschläger, Jg.1963, ist bildender Künstler (Documenta-X-Teilnahme 1997) und Filmemacher ("Milk"). Er lebt seit 1991 vorwiegend in Tokio. Sein neuester Spielfilm, "AUN", gedreht in Japan, wird am 5. Mai im Wiener Gartenbaukino Premiere feiern.