STANDARD-Reportage

"Es ist Zeit, dass die Tibeter erwachsen werden"

Christine Möllhoff aus Dharamsala, 14. März 2011, 17:00
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    Mönche gehören in Dharamsala zum Straßenbild. Das Bild des Dalai Lama hängt in jedem Haus. Doch Seine Heiligkeit hat das Volk schockiert: Die Tibeter sollen Ende der Woche einen Regierungschef wählen.

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    Ven Bagdro: "Ein Weckruf an Tibeter"

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Während sich andere Herrscher an die Macht klammern, will der Dalai Lama sie loswerden und seinem Volk die Demokratie aufzwingen - Doch die Tibeter wollen den Gottkönig einfach nicht gehen lassen

Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es im Saal, als Pena Tsering das in rotgoldene Seide gewickelte Schreiben auspackt. Ehrfürchtig fasst er es mit den Fingerspitzen an. Aus dem Fenster sieht man die schneebedeckten Gipfel der Himalayas, der Himmel an diesem Frühlingsmontag ist strahlend blau. "Dieser Brief wird Historie werden", sagt Tsering - es klingt düster. Er trägt die sieben Seiten Wort für Wort vor, das ist sein Job. Der 44-jährige in der grauen Robe ist Sprecher des tibetischen Exilparlaments im indischen Dharamsala. Mit ernsten, fast versteinerten Mienen hören die 43 Abgeordneten zu.

Das Schreiben stammt von Seiner Heiligkeit höchstpersönlich: Tenzin Gyatso, dem 14. Dalai Lama. Es läutet das Ende einer Ära ein. Beinahe 400 Jahre haben die Gottkönige der Tibeter die weltliche und religiöse Macht auf sich vereint. Damit will der Dalai Lama nun brechen. Spirituelles Oberhaupt bleibt er auf Lebenszeit - ein Gott kann nicht abdanken. Aber nach 60 Jahren will er seine politische Macht an einen gewählten Regierungschef abgeben.

Schon oft hat er davon geredet. "Aber nun meint er es ernst", sagt Tsering. Gerade zehn Tage, bis zum 25. März, hat er dem Parlament Zeit gegeben. Bis dahin wolle er von "aller formeller Autorität komplett befreit sein", schreibt er. Niemand spricht es aus, aber es geht auch um seinen Tod. Er will die Tibeter in die Demokratie führen, solange er es noch kann.

Es ist eine Art Jasmin-Revolution von oben. Doch sein Volk will ihn nicht gehen lassen. Seit Tagen werde das Parlament mit Briefen und E-Mails überschwemmt, dass der Tenzin Gyatso bleiben möge, sagt Tsering. Er atmet tief durch, dann platzt es auch aus ihm heraus. "Wenn Sie mich persönlich fragen - es ist nicht die richtige Zeit für ihn zurückzutreten."

"Ein drastischer Schritt"

Aus dem Mund eines Tibeters sind solche Worte geradezu unerhört. Sie zeigen, wie aufgewühlt, wie schockiert die Menschen sind. Nie haben sie die Weisheit des Dalai Lama angezweifelt, nie Kritik an ihm geäußert. Doch nun rumort es. Es sei nicht auszuschließen, dass ihm das Parlament die Gefolgschaft verweigere - oder einen Volksentscheid einberufe, sagt Tsering. "Es ist ein solch drastischer Schritt. Wir müssen unsere Gefühle ausdrücken können."

Tsering ist sich der historischen Ironie sehr wohl bewusst. Überall auf der Welt klammern sich Despoten an die Macht, kämpfen Menschen verzweifelt für Demokratie. "Nur bei uns ist es das Gegenteil", sagt er und lacht laut.

Schlitzohrig, wie Seine Heiligkeit ist, hat er die Bombe nun platzen lassen: Am 20. März wählen die Exil-Tibeter einen neuen Regierungschef. Drei Kandidaten treten an. Alle drei sind gebildet, auslandserfahren, keiner ist ein Mönch. Einer von ihnen soll nun der politische Erbe des Dalai Lama werden.

Die Tibeter seien noch nicht reif für diesen Schritt, glaubt Tsering. Dem Dalai Lama stehen die Türen der Mächtigen offen, sein Wort hat Gewicht. "Kein anderer Tibeter kann das." Würde ein Barack Obama, eine Angela Merkel auch den gewählten Regierungschef der Exil-Tibeter empfangen? Der 44-Jährige schüttelt den Kopf. Bis heute hat kein Staat die Exilregierung anerkannt. Ohne den Dalai Lama drohe der tibetischen Sache ein Riesenrückschlag, sorgt er sich.

Durch die schmalen Gassen von Dharamsala mit ihren Souvenir-, Schmuck- und Klamottenständen schlendern Hippies in bunten Pluderhosen, Mönche in roten Kutten und westliche Sinnsucher. Bunte, tibetische Gebetsfahnen flattern im Wind. Doch die Stimmung ist gedrückt. In jedem Haus, in jedem Lokal lacht einem das Porträt des Dalai Lama entgegen. In den Büros fungiert Seine Heiligkeit sogar als Bildschirmschoner. Nun fühlen sich die Menschen wie verlassene Kinder, die plötzlich alleine zurecht kommen sollen.

Rund fünf Millionen Tibeter leben in China, 100.000 in Indien, weitere tausende verstreut über die Welt. Der Dalai Lama hat sie geeint, über alle Grenzen hinweg. Vor 52 Jahren ist er in Dharamsala gestrandet, nach einer abenteuerlichen Flucht über die Berge, damals nach dem gescheiterten Tibet-Aufstand gegen China. Der Mönch mit dem glucksenden Lachen machte den Buddhismus zur Weltmarke, stieg im Westen zum religiösen Rockstar auf. 76 Jahre alt wird er am 6. Juli. Natürlich wird er weiter durch die Welt touren, um für Tibet zu werben. Doch immer öfter wirkt er müde.

Der Dalai Lama sei "sehr klug", sagt Tsewang Rigzin. "Er bereitet uns auf die Zukunft vor." Rigzin ist 39 Jahre alt, er trägt Jeans und ein weißes Baseball-Cap. 18 Jahre hat er in Minnesota gelebt, hatte alles, wovon andere träumen: eine Familie, einen hochbezahlten Job, eine Green Card. Dennoch hat er keine Sekunde gezögert, alles hinzuschmeißen, als er 2007 Chef des Tibetischen Jugendkongresses wurde. Rigzin gehört zu jenen, die hinter dem Rückzug stehen. "Wir müssen lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen."

Ven Bagdro zieht unermüdlich durch die Cafés, verteilt Flugblätter und erzählt den Touristen von seiner Heimat. Über die Mönchskutte hat der 40-Jährige einen Pullover gegen die Kälte gestreift. Ihn hat die Entscheidung des Dalai Lama schockiert. Zu früh sei es, findet er wie so viele. Doch der Dalai Lama wäre nicht der Dalai Lama, wenn er das nicht bedacht hätte. Dazu sei er viel zu weise, glaubt Bagdro. Er werde das Volk an die Hand nehmen, bis es flügge sei. "Es war ein Weckruf an alle Tibeter. Es wird Zeit, dass wir erwachsen werden." (Christine Möllhoff aus Dharamsala, STANDARD-Printausgabe, 15.03.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 71
1 2
Barbarin
28
15.3.2011, 17:51
Einer...

...der wenigen Menschen auf diesem Planeten, der in der Öffentlichkeit steht und seine Last und Verantwortung mit Würde trägt!

Ich kenne im Moment, außer diesem Mann, kein einziges politisches Oberhaupt, dem die Bevölkerung nachweinen würde...das es sowas noch gibt!

Respekt und Danke für seine Message und damit übereinstimmenden Taten!

Jürgen Rembremerding
20
27.9.2011, 16:44
"Ich kenne im Moment, außer diesem Mann, kein einziges politisches Oberhaupt, dem die Bevölkerung nachweinen würde.."

Seinem Freund Roland Koch!

vi-de dot com
 
63
15.3.2011, 11:40
400 jahre?

tibet stand seit dem 12. jhdt. fast ständig unter fremdherrschaft, nicht erst seit 1951.

im weitesten sinne frei waren sie in der näheren vergangenheit nur zur zeit der chin bürgerkriege, obwohl auch zu jener zeit die chinesen anspruch auf das gebiet erhoben, sie haben es nur nicht eingefordert weil sie keine kraft hatten die forderung durchzusetzen.
(1907: vertrag von sankt petersburg)

wirklich frei war der staat tibet schon sehr lange nicht mehr.
wie auch immer: jede säkularisierung ist zu begrüssen, selbst wenn sie nur symbolisch ist.

readymate
12
16.3.2011, 11:09
Fremdherrschaft?

Welche chinesische Gesetzgebung hatte denn für Tibet Geltung?

Wann wurden die letzten Tribute an die "Fremdherren" abgeliefert?

Reden S' nicht so wikipediaschlau über eine Sache, von der Sie offensichtlich wenig verstehen!

.

Mirko Czentovic
114
15.3.2011, 11:14

Jö, so ein herziger Artikel. Ja, eine heile Welt gibt es noch, Shambala existiert! Last uns alle Tibeter sein, im Herzen! Oder wie war die Botschaft?

Sausewind
24
15.3.2011, 05:59
Weise Entscheidung

Der Dalai Lama ist ein kluger Mensch und baut weise für die Zukunft nach ihm vor.

Dank dieser weisen Entscheidung wird sein Nachfolger viel besser von den Tibetern und Politikern anderer Länder akzeptiert und respektiert werden.

Er tritt mit Würde ab und hat dank diesem Schachzug Zeit dem neuen Staatschef in dem politischen Amt zu unterstützen.

Thousand
52
15.3.2011, 10:11
völker wie kinder behandeln

das hat der mubarak auch gemacht

seltsame parallele

THE MGT.
313
15.3.2011, 02:40

"Götter" gibt es nicht im Buddhismus. Höchstens als irgendwelche Wesen auf anderen Ebenen des Seins, die aber selbst noch im Kreislauf der Wiedergeburten stehen und für uns Menschen einfach irrelevant sind.

Der Dalai Lama ist also weder "Gottkönig", noch "Gott, der nicht abdanken" kann. Ich werfe Fr. Möllhoff ja nicht ihre Ahnungslosigkeit diesbezüglich vor, aber es wäre schon fein, wenn auf solche reißerischen Begrifflichkeiten einfach verzichtet würde. Solche Oberflächlichkeit sollte Leuten wie Goldner vorbehalten bleiben, die leben davon u. man weiß ja, was einen erwartet wenn man ihre Texte liest.

Mirko Czentovic
24
15.3.2011, 11:17

Ab es gibt im tibetanisches Buddhismus jede Menge Dämonen, Geister und übernatürliche Wesen. Hat denn nicht seine Heiligkeit unlängst einen Dämonenkult verboten, der doch ein wenig überdrüber war?

Ingrid Goeschl1
13
16.3.2011, 11:22

Der Dämonenkult, von dem sich der Dalai Lama distanzierte (das werden Sie ihm ja hoffentlich nicht vorwerfen?), ist der Shugden-Kult.

Ironischerweise publizieren die Chinesen besonders intensiv die Proteste dieser "Shugden"-AnhängerInnen und werfen dem Dalai Lama "religiöse Unterdrückung" vor, bloß weil er sich davon distanziert (verbieten kann und will er ohnedies nichts).

Zum Inhaltlichen verweise ich auf das Posting von MGT (man kann die buddhistischen "nichtmenschlichen Wesen" nicht einfach unabhängig von der philosophischen Erklärung ihrer Symbolik als "Geister" übersetzen)

THE MGT.
13
15.3.2011, 12:22
Ja, klar.

Es gibt einen ganzen, um bei den so angewandten oft irreführenden Begriffen aus unserer westlichen Geistesgeschichte zu bleiben, "Pantheon" von solchen nichtmeschlichen Wesen. Ob sie "übernatürlich" sind sei dahingestellt. Sie sind, wenn man denn daran glaubt, Teil der Natur, die halt in diesem Glaubenssystem über das gewöhnlich Sichtbare, Materielle hinausgeht. Aber das ist eine andere Diskussion.

Hier ging es mir nur darum, dass es irreführend ist, wenn nichtwestliche Denk- od. Glaubenssysteme mit Begrifflichkeiten unserer Tradition belegt werden; v.a. wenn das so reißerisch und unbedacht geschieht. Ist ungefähr so, wie die Kommunion als Kannibalismus zu beschreiben, oder Maria als Muttergottheit (wobei *das* garnicht so falsch ist).

sljudanka
144
15.3.2011, 00:49
Der Dalai Lama hat die Tibeter geeint.

Steht hier im Artikel.
Der Artikel bleibt leider einen Beweis für diese Behauptung schuldig.

Es könnte stimmen oder auch nicht!

Fragt sich wer "die Tibeter" überhaupt sind.

Tibet ist grösser wie die gesamte EU, und der DAlai lebte ursprünglich in Lhasa - eine einigende Macht quer über diese Millionen qkm kann ich mir schwer vorstellen.

Die Tibeter lebten sehr primitiv, vor eintreffen der Han-Chinesen waren die Zustände eher despotisch, undemokratisch und sehr rückständig - eben ein Gottesstaat.

Fragt sich, warum bei uns dieser dalai Lama so verherrrlicht wird...
In Tibet selber ist sein Einfluss eher gering, auch weil er seinem ursprungsland wohl nicht viel anzubieten hätte.

Dass Tibet jemals frei und selbstbestimmt sein könnte, ist u

Timagoras
 
02
15.3.2011, 21:21
"Dass Tibet jemals frei und selbstbestimmt sein könnte, ist u"

.
und warum ist das "u"?

ps:
Sie haben vergessen, die Tibeter als "augenausstechende mördermönche" zu bezeichnen!

Stalo Ramón
60
15.3.2011, 23:38

Warum wäre es falsch die Lama-Herrschaft als augensausstechende Mördermönche zu bezeichnen? Über das Augenausstechen wüsste ich zwar nichts, aber ich habe schon über das Hautabziehen zu dieser Zeit gelesen, also ist auch das vorstellbar. Tibet war eben noch im Mittelalter, und zwar so, wie wir es in seiner dunkelsten Auprägung kennen.

readymate
13
16.3.2011, 11:52
Wie wär's

das Publikum zur Abwechslung mal mit einem Schwank aus Ihrem eigenen Leben zu unterhalten, in der Art von: In meinem Hirn da scheppert es, ich bin ein Kind...!

.

Ingrid Goeschl1
12
16.3.2011, 11:24

"Ich habe schon gelesen", und deshalb stimmt es auch sicher, gell, denn was gedruckt wird stimmt immer....

Timagoras
 
14
16.3.2011, 09:11
" Über das Augenausstechen wüsste ich zwar nichts, aber ich habe schon über das Hautabziehen zu dieser Zeit gelesen"

.
stimmt: es muss natürlich heißen
"Tibeter sind augenausstechende und hautabziehende mördermönche, denen erst vom chinesischen regime zivilisation, friede, freiheit und wohlstand gebracht wurde, und die ohne diese 'obhut' wieder in ihre schrecklichen sitten zurückfallen würden".

hab ich das jetzt so richtig gesagt?

Ziemlich leichter Stessa
02
27.4.2011, 11:50

Haha! Ich musste jetzt lachen - wollte bei Ihrem obigen Posting schon die Standard-Hautabziehaussage einfordern, doch kaum scrolle ich ein Stück runter, bringt Ihr Widerpart besagte Aussage. Gottseidank, ich will ja hier nicht unbefriedigt den Thread verlassen müssen...

notanaddict
01
15.3.2011, 15:46

"Tibet ist größer wie die gesamte EU"?

Auch Briefträger brauchen Liebe..
00
11.9.2011, 07:50

als

notanaddict
00
11.9.2011, 13:23

War zitiert. Hab allerdings den ss/ß-Fehler eigenmächtig ausgebessert.

readymate
114
15.3.2011, 08:43
Na,

Sie haben ja eine Ahnung, wie "demokratisch" es heute in Tibet zugeht!

Dass die Chinesen den Tibetern den Besitz von Dalai Lama Fotos unter Strafandrohungen verbieten kommt natürlich daher, dass der Dalai Lama in Tibet vollkommen unpopulär ist!

.

Stalo Ramón
30
15.3.2011, 23:34

Was hat das mit populär oder unpopulär zu tun. Bei uns ist es auch (zum Glück) verboten Hitlerbilder hängen zu haben. Damit ist Hitler noch lange nicht populär! Beide sind als Symbole alter dem jeweiligem Sytem feindlichem und brutaler Regime verboten.

PS: Ich will jetzt damit nicht den Dalai Lama mit Hitler gleichsetzen, sondern nur die Gesetze und die Aussage über Popularität in Verbindung bringen.

Ingrid Goeschl1
03
16.3.2011, 11:25

Bei uns würden sich aber auch nicht 99 % der Bevölkerung Hitlerbilder ins Wohnzimmer stellen.

readymate
22
16.3.2011, 11:15
Was

Sie in Verbindung bringen wollen oder nicht, ist anbetrachts Ihres saudummen Vergleiches unerheblich!

Sie haben offensichtlich keinen Dunst davon, welche Bedeutung der Dalai Lama für das Tibetische Volk hat, enthalten Sie sich also besser ihrer inferioren Kommentare!

.

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